Mittwoch, 14. Februar 2018

Valentinstag

Es ist wirklich manchmal unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und wie rasant sich Pläne ändern können.
Meine Valentinstagsaktion hat bereits einige erstaunliche Projekte zum Vorschein gebracht. Neben den "normalen" kleinen Geschichten, ist schon ein Buch entstanden "Wenn es Liebe ist" und es gab eine kleine Reihe "Alles Liebe" (auch wenn da immer noch zwei Teile fehlen).
Ich bin immer wieder gespannt, was am Ende herauskommt und wohin sich eine Geschichte entwickelt.
Bisher ist es mir noch nicht passiert, dass sich eine Idee bereits beim Schreiben ungemein vergrößert hat. Ich konnte richtig spüren, wie die Geschichte immer größer wurde. Die Anzahl der Worte erhöhte sich stetig, sodass ich irgendwann zu dem Entschluss kam, nicht mehr auf eine Kurzgeschichte zu hoffen, sondern mich mit einer Novelle abzufinden, die knapp 20.000 Wörter haben wird.
Kleine Idee ... große Wirkung.
Ich habe leider das Ende noch nicht erreicht, auch wenn es mittlerweile in greifbarer Nähe ist. Dafür habe ich bereits ein wunderschönes Cover bekommen.
Heute möchte ich euch mit einer Leseprobe locken. In der nächsten Woche erscheint das Buch bei Amazon.
Ehrlich gesagt bin ich immer noch ein bisschen perplex, dass meine Muse sich dermaßen für diese Geschichte interessiert hat. Manchmal ist das Leben als Autor echt verrückt.

An dieser Stelle gibt es noch einmal die Eckdaten zur Geschichte:
Gewonnen hat Do Ro mit ihrem Wunsch nach einer "Liebesgeschichte zwischen zwei "sich gegenseitig nicht mögenden" oder Konkurrenten Zauberern, da ich derzeit sehr auf Magie stehe."
Tja, was soll ich sagen? Hier kommen die ersten fünf "zauberhaften" Kapitel.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Valentinstag oder einfach einen großartigen Mittwoch.


Das Vermächtnis des Großmeisters
 
1. 
Mit sechszehn passierte es Daniel zum ersten Mal. Sämtliche Eingeweide schienen sich zu einem festen Knoten zusammenzuziehen. Der Schmerz presste ihm die Luft aus den Lungen und Panik flutete seinen Körper. Dann spürte er eine Art Explosion in seinem Inneren. Ein grelles weißes Licht füllte seinen Kopf aus. Er versank in einer tiefen Schwärze und kam über der Kloschüssel hängend wieder zu sich.
Daniel hatte keine Ahnung, was mit ihm passiert war. Er fühlte sich elend und aufgeregt zugleich. Sein Herz pochte wie verrückt in der Brust, aber er konnte das Gefühl nicht greifen. In den nächsten Wochen geschah es immer wieder. Er war nicht fähig, sich darauf vorbereiten, noch seinen Körper kontrollieren. Für einen Moment dachte Daniel darüber nach, einen Arzt aufzusuchen, aber er wusste nicht, wie er die Symptome beschreiben sollte. Es klang selbst in den eigenen Ohren viel zu seltsam, um mit jemanden darüber zu sprechen.
Eine Mutter hatte er nicht mehr. Der Kontakt zu seinem Vater war schlecht. Sie wohnten zwar in der gleichen Wohnung, aber beide bemühten sich, möglichst wenig miteinander zu reden. Sie gingen sich aus dem Weg und Daniel wartete nur auf den Augenblick, wenn er endlich in eine eigene Wohnung ziehen konnte.
Nach dem siebzehnten Geburtstag begannen die Träume. Als Daniel nach dem ersten Traum aufwachte, lachte er, weil er noch nie so etwas seltsames geträumt hatte. Nach der dritten Nacht war er verwirrt. Nach einer Woche war er verzweifelt und dachte darüber nach, eine Weile auf Schlaf zu verzichten. Im Grunde passierte nichts aufregendes oder alptraumhaftes. Ganz im Gegenteil. Daniel fand sich jedes Mal in einem großen Wald wieder. Er lief einen Weg entlang und schwang mit einer Hand ein schmales Stück Holz in der Luft, worauf seltsame Dinge geschahen. Daniel konnte sich nicht erinnern, dass er sich als Kind jemals gewünscht hatte, wie Harry Potter zu sein. Jetzt fühlte er sich jedoch zu alt, um jede Nacht darüber zu fantasieren. Auf einen Brief von Hogwarts wartete er ebenfalls nicht. Eigentlich wollte Daniel cool und lässig wirken, aber seine Zauberträume und das explosionsartige Erbrechen machten aus ihm einen unsicheren und introvertierten jungen Mann.
In diesem Zeitraum fiel auch die Erkenntnis, dass er sich weit mehr zu Männern als zu Frauen hingezogen fühlte. Eine Weile versuchte er die Tatsache zu ignorieren und nicht weiter darüber nachzudenken. Seine Libido erwachte jedoch ebenso explosionsartig, wie die anderen seltsamen Dinge, die mit ihm geschahen, als er seine Ausbildung zum Rechtsanwaltsgehilfen begann und sich dort in den Juniorchef verknallte. Als der Mann den Raum betrat, groß, muskulös und von einer angsteinflößenden Aura umgeben, verschlug es Daniel den Atem. Bis heute ließ allein die Erinnerung daran ihn hart werden. Die Panik, sich nichts anmerken zu lassen, sorgte dafür, dass er noch stiller und zurückgezogener lebte.
Bereits vor seinem achtzehnten Lebensjahr zog Daniel in eine kleine Einraumwohnung. Er vermisste seinen Vater nicht sehr, nur manchmal fühlte er sich grundsätzlich ein wenig allein. Vor allem nach einem weiteren Anfall oder wenn der Traum ihn wiedergefangen hielt. Manchmal wünschte er sich, mit jemanden darüber reden zu können, aber er wusste nicht, wie er in Worte fassen sollte, was mit ihm passierte. Daniel konnte es sich selbst nicht erklären.
Besonders seltsam wurde es wenige Tage nach seiner Volljährigkeit. Daniel hatte sich nach der Arbeit ein neues Spiel für seine Konsole gekauft. Während er die Verpackung betrachtete und den Text auf der Rückseite las, ging er ins Wohnzimmer. Dabei passte er nicht auf und stieß sich den kleinen Zeh am hölzernen Tischbein. Der Schmerz schoß wie ein Blitz durch seinen Körper. Humpelnd und fluchend ließ er sich aufs Sofa fallen, schloss die Augen und atmete tief durch. In Gedanken verfluchte er den Tisch und wünschte sich, dass die Beine aus einem weichen Material bestehen würden. Als er die Augen kurz darauf öffnete, hatte der Tisch vier plüschige Beine. Verwirrt kniff Daniel die Augen zusammen und riss sie erstaunt auf. Er streckte den linken Arm aus, zögere einige Sekunden und befühlte das dunkle Fell, das die Beine seines Tisches umhüllte. Es war kuschelig und so dick, dass ein erneuter Zusammenprall mit Sicherheit nicht wieder schmerzhaft sein würde.
„Was soll das?“, fragte er leise und rutschte vom Sofa. Er betastete das Material eindringlich und stellte fest, dass es keineswegs ein Überzug war, sondern ...
„Da ist kein Holz mehr“, flüstere er ehrfürchtig. Das Herz begann heftig zu schlagen, während er sich hektisch umsah.
„Unmöglich“, nuschelte Daniel und vergrub die Finger erneut in dem weichen Fell.
Im nächsten Augenblick ließ ein heftiger Knall Daniel zusammenschrecken. Eine dicke Rauchwolke erfüllte sein Zimmer, sodass er zu husten begann. Panisch kauerte er sich zusammen und bedeckte schützend sein Gesicht mit den Händen. Was war heute nur los? Dabei wollte er doch nichts weiter, als sein neues Spiel auszuprobieren.
Der Rauch verzog sich und Daniel linsten zwischen seine Finger, um zu erkennen, ob die Gefahr, wie immer sie auch aussehen mochte, vorbei war. Ein fremder Mann stand in seinem Zimmer. Groß und unheilvoll thronte er über Daniels Gestalt.
„Wer sind Sie und wie kommen Sie in meine Wohnung?“, fragte Daniel und richtete sich ein Stück auf.
„Endlich hast du deine Magie zum Vorschein gebracht. Lass uns gehen.“ Die tiefe und sonore Stimme sorgte dafür, dass Daniel eine Gänsehaut bekam. Langsam stand er auf und betrachtete den Mann neugierig. Dunkles, beinahe schwarzes Haar, das bis über die Schultern reichte. Das Gesicht war kantig, blass und markant. Tiefschwarze Augen starrten Daniel an, sodass ihm ein weiterer Schauer über den Rücken lief. Der Fremde war mindestens fünfzehn Zentimeter größer und deutlich breiter als Daniel. Er trug einen schwarzen Umhang und sah aus wie ... wie ...
„Das kann nicht sein“, flüsterte Daniel mit rauer Stimme. „Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Thorstein. Ich habe den Auftrag, dich abzuholen. Die große Versammlung wartet bereits seit einigen Monaten auf dich.“
Es dauerte eine Weile, bis die Worte Daniels Gehirn erreichten, allerdings ergaben sie absolut keinen Sinn. Der Mann jedoch schien mit seiner Geduld am Ende.
„Aufbruch“, sagte er herrisch und schwang mit einer Hand einen Stab. In der nächsten Sekunde befand sich Daniel in einem Wald, der dem aus seinem Traum ähnelte.
„Was ist hier los?“, fragte er erneut und sah sich um. „Wo sind wir?“
„Im Wald“, bekam er zur Antwort. Am liebsten hätte Daniel laut gelacht. Das war absurd.
„Wie sind wir hierhergekommen?“
„Was für eine dumme Frage“, bekam er zur Antwort. Thorstein ging los. Daniel starrte ihm hinterher, unschlüssig ob er ihm folgen sollte. Jedoch hatte er weder eine Ahnung, wo er sich befand noch wie er wieder nach Hause kommen würde. Schließlich setzte er sich langsam in Bewegung. Der Fremde schien es eilig zu haben, denn rasch vergrößerte sich der Abstand zwischen ihnen.
„Warten Sie auf mich“, rief Daniel schließlich und begann zu laufen. Er wurde immer schneller, aber er konnte den Mann nicht einholen.
„Was soll der Scheiß?“, brüllte er atemlos, blieb stehen und versuchte gegen das Seitenstechen anzukämpfen.
„An deiner Kondition solltest du arbeiten“, hörte er die dunkle Stimme dicht neben sich. Thorstein starrte ihn reglos an. Daniel suchte nach einer passenden Antwort, aber sein Gehirn schien vollkommen leer zu sein. Stattdessen spürte er eine Regung weiter unten. In seinem Bauch begann es zu kribbeln und er wurde augenblicklich hart. Das konnte doch nur ein übler Scherz sein. Wieso reagierte er nur auf diese Art von Männern so heftig?
Als er aufsah, bemerkte er ein schmales Lächeln, das Thorsteins Mundwinkel umspielte. Hatte der Mann etwa seinen Zustand mitbekommen?
„Es ist nicht mehr weit“, sagte Thorstein monoton. „Wir sollten die heilige Halle vor Sonnenuntergang erreichen.“
„Und was machen wir dort?“, fragte Daniel keuchend. „Ich habe Durst.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, hielt er eine Flasche Wasser in den Händen. Er überlegte nicht lange, öffnete sie und trank gierig.
„Das klappt doch wunderbar.“ In Thorsteins Stimme klang unmissverständlich Hohn und Spott mit.
„Ich gehe keinen Schritt weiter, bevor ich weiß, was das hier alles soll? Wo bin ich und wer sind Sie und was ist die heilige Halle?“
„Wirklich?“, erkundigte sich Thorstein und schüttelte genervt den Kopf. „Du bist genauso kindisch, wie ich es erwartet habe. Keinerlei Glanz, keine besonderen Kennzeichen ...“ Jedes Wort traf Daniel wie ein Messerstich, ließ ihn erschaudern und machte ihn gleichzeitig wütend.
„Du kennst mich überhaupt nicht“, erwiderte er und versucht so herablassend wie möglich zu klingen. Er duzte ihn mit Absicht, denn er wollte nicht länger respektvoll sein, wenn der Mann dermaßen gemein zu ihm war.
„Das ist auch nicht nötig. Ein einziger Blick reicht vollkommen.“ Arrogant schwang Thorstein seinen Umhang und ging weiter. Ein Windstoß drängte den Stoff gegen dessen Rückseite. Daniels Blick blieb auf dem nahezu perfekt geformten Hintern kleben und abermals verspürte er ein Kribbeln, dass sich durch seinen Bauch zog und sein Herz dazu brachte, aus dem Takt zu geraten.
„Bescheuert“, schimpfte er vor sich hin und ging in einem langsamen Tempo hinter dem Mann her.

2. 
Es erschien Daniel wie eine Ewigkeit, als der Wald sich endlich lichtete und den Blick auf eine riesige Burg mit einem unglaublich hohen Turm freigab. Erstaunt blieb er stehen und betrachtete ehrfürchtig das Gemäuer.
„Wir sind da“, sagte Thorstein neben ihm. Daniel versuchte nicht zu ergründen, weshalb der Mann, der eben noch einige hundert Meter vor ihm ging, plötzlich neben ihn stand.
„Wahnsinn“, sagte er lediglich. Er spürte eine seltsame Nervosität in seinem Inneren aufsteigen. Ein Gefühl von Zuhause und Verbundenheit, das vollkommen unlogisch war. Aufgeregt rieb er über seine Arme und wagte schließlich einen Blick zur Seite.
„Die heilige Halle“, sagte Thorstein. „Die große Versammlung wartet auf uns.“
„Kannst du mir nicht erklären, was das alles zu bedeuten hat?“, erkundigte sich Daniel leise und sah den fremden Mann bittend an.
„Vor einem halben Jahr ist der Großmeister der Zauberer verstorben. Die Versammlung wurde einberufen, damit aus der Mitte aller Zauberer ein neuer Großmeister gewählt werden kann. Die ewige Flamme des Lichts und der Rabe der Finsternis werden jeden Zauberer prüfen und den Nachfolger bestimmen.“
„Ich bin kein Zauberer“, sagte Daniel. Thorsteins Worte klangen vollkommen sinnlos in seinen Ohren. Allmählich fragte er sich, ob vielleicht die Möglichkeit bestand, dass er in seinem Bett lag und sich das alles nur in seinem Kopf abspielte. War es nur ein weiterer Traum, der diesmal über alles Bisherige hinausging? Sollte es so sein, dann wollte er jetzt bitte augenblicklich erwachen.
Offensichtlich wollte Thorstein ihm keine weitere Erklärung geben, denn er hatte sich bereits einige Meter von Daniel entfernt. Unsicher sah er zuerst dem imposanten Mann hinterher, dessen Haare im Wind wehten, dann betrachtete er den Weg, den sie gekommen waren. Sollte er einfach zurückgehen? Vielleicht fand er auf diese Weise nach Hause oder erwachte aus dem Traum oder was auch immer das hier war.
Seufzend verharrte Daniel, legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Kronen der riesigen Bäume, die nun beinahe den gesamten Himmel verdeckten. Nur hin und wieder blitzte ein Stück Blau hervor.
„Unnütz und kindisch...“ Die Worte hallten in seinem Kopf wieder. Sein Vater hatte oftmals ganz ähnliche Bezeichnungen für ihn verwendet. Fluchend warf Daniel die Arme in die Luft und folgte Thorstein. Er wusste nicht, was es war, dass ihn vorantrieb, aber irgendetwas in seinem Inneren war neugierig. Außerdem gestand er sich ein, dass er sich für Thorstein interessierte. Die abweisende Art machte den Mann interessant und sorgte dafür, das sein Unterleib in Flammen stand. Natürlich rechnete sich Daniel keinerlei Chancen aus, aber träumen war schließlich erlaubt. Verwirrt stellte er fest, dass sein Interesse für den Juniorchef der Kanzlei schlagartig nachgelassen hatte. Wo war er hier nur hineingeraten? Daniel glaubte immer fester an einen Traum. Alles andere machte überhaupt keinen Sinn. Deshalb legte er an Tempo zu und schaffte es diesmal sogar, Thorstein einzuholen.
„Also gut“, sagte Daniel und sah grinsend zu dem Mann hinüber. Dieser schaute verbissen geradeaus und schien ihn nicht beachten zu wollen.
„Dann bist du also auch ein Zauberer?“
„Natürlich.“
„Und hoffst du, dass du der Auserwählte bist?“
„Die Flammen und der Rabe werden den richtigen Zauberer wählen.“
„Aber glaubst du, dass du es bist? Wie viele Zauberer werden denn in dieser Halle sein?“
„Die besten Fähigkeiten werden auserwählt.“
Daniel entging nicht, dass sich Thorsteins Stimmlage für einen winzigen Moment geändert hatte.
„Also willst du es sein, der in diesem Turm lebt und ... ähm, was machst du dann dort?“
„Ich sagte nicht ...“ Thorstein hielt inne. Daniel sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und konnte ein kurzes Auflachen nicht verkneifen.
„Oh, es ist eindeutig, dass du es sein willst. Vermutlich bereitest du dich schon dein ganzes Leben darauf vor. Im Gegensatz zu mir, der überhaupt keine Ahnung von all diesen Dingen hier hat.“ Die letzten Worte brüllte Daniel und presste dann verbissen die Lippen zusammen.
„Du bist ein Zauberer“, bekam er nach einigen Sekunden zur Antwort. Thorsteins Stimme klang wieder emotionslos, monoton und düster.
„Wir leben nicht im Harry Potter Land. Es gibt keine Zauberer. Und überhaupt, was macht ein oberster Zauberer überhaupt?“
„Ich kenne niemanden mit diesem Namen. Seit Anbeginn der Zeit gibt es Zauberer, aus deren Mitte der Großmeister erwählt wird. Er hütet das Wissen.“
„Und dann?“
„Er hütet das Wissen.“
„Aber, mehr nicht?“
„Was sollte er sonst noch tun?“ Daniel spürte Thorsteins Blick und erwiderte ihn prompt. Die dunklen Augen faszinierten ihn und sorgten für eine Gänsehaut.
„Es gibt doch bestimmt irgendein Geheimnis, dunkle Magie, die Bedrohung der Welt, ein bevorstehender Kampf zwischen Gut und Böse oder so etwas ...“
„Albernes Kindergeschwätz“, knurre Thorstein und beschleunigte die Schritte. „Nichts als albernes Geschwätz. Ein unnützer Bengel, Zeitverschwendung ...“
Zum Glück konnte Daniel irgendwann nicht mehr verstehen, was Thorstein sagte. Trotzdem tat es weh. Er wollte doch nur wissen, in was für eine merkwürdige Situation er hineingeraten war. Ging es letztendlich nicht immer darum, die Welt vor bösen Mächten zu schützen?
„Ich habe ja nicht einmal einen Zauberstab“, rief er dem eilig davon schwindenden Mann hinterher. „Ich kann überhaupt gar kein Zauberer sein.“
„Nur weil du dich albern und aufsässig benimmst“, bekam er zur Antwort. Die Stimme war ebenso emotionslos wie zuvor.
„Ich mache gar nichts“, erwiderte er und starrte den Mann, der nun stehengeblieben war und sich zu ihm umgedreht hatte, stur an. „Ich bin weder albern noch aufsässig. Alles, was ich möchte, ist eine plausible Erklärung dafür, weshalb ich eben noch in meinem Wohnzimmer war und jetzt plötzlich zu einem Zauberertreffen unterwegs bin.“
„Neugier gehört keineswegs zu den Tugenden.“
Daniel öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ihm fehlten die Worte, dafür breitete sich Wut wie glühendheiße Lava in seinem Inneren aus. Er konnte das Gefühl kaum bändigen und fühlte sich ohnmächtig. Das alles war einfach nicht real sein. Solche Dinge passierten nicht im echten Leben. Seine Fantasie spielte ihm mit Sicherheit einen Streich. Vielleicht war die Verletzung an seinem Zeh doch schlimmer, als gedacht und er lag in Wahrheit ohnmächtig auf dem Teppich. Würde ihn dort jemand finden? Sein Vater? Oh Gott, bis der sich anfing Sorgen zu machen, war er vermutlich längst von Würmern zerfressen. Panisch presste Daniel die Augen zusammen und versuchte irgendeinen Ausweg aus diesem Schlamassel zu finden.
„Hör auf damit“, durchdrang Thorsteins Stimme seine Gedanken. Verwirrt öffnete er die Augen. Eine dicke Wolke hing über dessen Kopf und Schneeflocken fielen unentwegt heraus. Thorstein wischte sie von seinem Umhang und warf Daniel herablassende Blicke zu.
„Das war ich?“, fragte er entsetzt. „Wie?“
„Es steckt in dir, dummer Junge.“
Erneut setzte er den Weg fort und abermals hatte Daniel den Eindruck, dass ihm nichts anders übrig blieb, als dem Mann zu folgen und zu schauen, was mit ihm passieren würde.
„Wenn der Großmeister gewählt wurde, gehen die anderen wieder nach Hause?“, fragte er hoffnungsvoll.
„Natürlich. Allerdings hast du deine Kräfte nicht besonders gut im Griff. Der neue Großmeister wird dir für eine gewisse Zeit einen Lehrer zur Seite stellen, damit du wenigstens die grundlegenden Dinge verstehst und keine Gefahr für die Zaubererwelt darstellst.“
Die Arroganz in der Stimme sorgte dafür, dass Daniel erneut von einer wütenden Welle überrollt wurde.
„Hauptsache du bist es nicht, denn dann lerne ich vermutlich niemals etwas“, flüsterte Daniel und beeilte sich, um mit Thorstein Schritt zu halten.

3. 
Der Weg zur Burg wurde beschwerlich. Nachdem sie den Wald verlassen hatten, mussten sie einen steilen Anstieg überwinden. Daniel schnaufte und keuchte, während Thorstein nahezu leichtfüßig die Distanz überwand. Vermutlich kannte er irgendeinen Zauber, der ihm den Weg erleichterte.
Endlich standen sie vor einem riesigen hölzernen Tor, das sich augenblicklich scheinbar von allein öffnete. Ehrfürchtig ging Daniel hindurch. Das Herz begann wie verrückt in seiner Brust zu schlagen. Die Hände zitterten und seine Knie schlotterten. Mühsam zwang er sich dazu, weiterzugehen.
Thorstein dagegen schritt eilig den Hof entlang. Offenbar kannte er sich hier aus. Diesmal gab sich Daniel Mühe, den Abstand zwischen ihnen so gering wie möglich zu halten. Er traute sich gar nicht, sich umzuschauen, hoffte jedoch, dass dafür später noch Zeit sein würde. Sie stiegen einige Stufen nach oben und gelangten abermals vor ein großes Tor. Rechts und links stand eine riesige steinerne Figur davor. Zwei Zauberer, die mit ihren Zauberstäben in die Ferne zeigten. Daniel fand, dass sie ziemlich düster dreinschauten. Instinktiv zog er die Schultern nach oben.
„Wir sind da“, sagte Thorstein. Seine Stimme klang erstaunlich ehrfürchtig, sodass Daniel noch unruhiger wurde. Er beobachtete wie Thorstein nach dem schweren Türklopfer griff und ihn gegen das Holz fallen ließ. Das darauffolgende Geräusch kam einem Donnerschlag gleich.
„War ich das vorhin mit dem Schnee wirklich?“, flüsterte er und sah Thorstein nervös an.
„Wer sonst?“, knurrte er.
„Und wie habe ich das gemacht?“, fragte Daniel neugierig.
„Was für eine Verschwendung“, bekam er zur Antwort, während sich zur selben Zeit das Tor öffnete. Daniel schluckte seinen Ärger hinunter und folgte Thorstein ins Innere des Gebäudes. Sie befanden sich augenblicklich in einer Halle, in deren Mitte ein mächtiges Feuer prasselte. Daneben hockte auf einem seltsam geformten Ast, der Daniel an einen überdimensionalen Blitz erinnerte, ein großer schwarzer Rabe. Er drehte den Kopf in Daniels Richtung, spannte die Flügel und flog direkt auf ihn zu. Daniel wollte zurückweichen, aber irgendeine seltsame Macht hielt ihn an Ort und Stelle. Der Rabe landete auf seiner Schulter.
„Oh mein Gott“, keuchte Daniel und traute sich kaum zu atmen, als er die Federn des Tieres an seiner Wange spürte.
„Wir haben auf dich gewartet“, krächzte der Rabe und musterte ihn seitlich mit einem schwarzen Auge. „Du hast dir viel Zeit gelassen für deine Ankunft.“
„Unnütze Zeitverschwendung“, knurrte Thorstein. Der Rabe stieß einen Laut aus, der an ein Lachen erinnerte und flog dann auf Thorsteins Schulter.
„Du weißt es längst besser, Thorstein.“ Noch ehe dieser antworten konnte, flog der Rabe zurück auf den Ast und putzte sich das Gefieder.
Erst jetzt bemerkte Daniel, dass sie sich nicht allein in der Halle befanden. Ringsherum saßen unzählige Männer und Frauen. Allesamt mit schwarzen Umhängen.
„Es gibt auch weibliche Zauberer“, erkundigte sich Daniel leise.
„Die Fähigkeit ist nicht an das biologische Geschlecht gebunden“, erwiderte Thorstein. Es verwunderte Daniel, dass er eine derart umfangreiche Antwort bekam und ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
„Ich habe keinen Umhang“, flüsterte er, während er Thorstein folgte, der offenbar wusste, wo sich ihr Plätze befanden.
Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust setzte er sich neben den Mann auf einen Stuhl. Obwohl er neugierig war, hielt er den Blick gesenkt. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Alles erschien so unheimlich, dass Daniel am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Einzig Thorsteins Gegenwart wirkte beruhigend, was schon beinahe grotesk war. Daniel grinste und sah vorsichtig zur Seite. Ausgerechnet dieser Mann, der aufrecht, als hätte er einen Stock im Rücken, neben ihm saß. Das Kinn in die Luft geregt, keinerlei Regung im Gesicht, während die Haare ihm in üppigen Wellen über die Schulter flossen. Am liebsten hätte Daniel die Hand ausgestreckt und hineingegriffen. Er fühlte erneut eine unbegreifliche Vertrautheit und Nähe. Daniel mochte das ernste Gesicht, die gerade Nase und die schmalen Lippen, die sich leider bisher nur einmal in einem Anflug von Lächeln gekräuselt hatten. Abermals spürte Daniel, wie eine seltsame Erregung seinen Körper flutete. Sie breitete sich wie ein heißer Feuerball aus, als würde er von innen strahlen, sogar ein bisschen glitzern. Verwirrt schüttelte Daniel den Kopf und versuchte sich von dem Gefühl zu befreien.
Zum Glück zog sich seine Aufmerksamkeit in diesem Moment auf die Geschehnisse vor ihm. Die Flamme erhob sich hoch in den Raum, der augenblicklich in ein leuchtendes Rot getaucht wurde. Der Rabe breitete die Flügel aus, hob ab und flog bis an die Spitze des Feuers. Dort begann er Kreise zu ziehen, sodass ein seltsamer Luftzug entstand.
„Es ist so weit“, erklang eine warme und sanfte Stimme. Daniel war sich nicht sicher, ob sie zu einem Mann oder einer Frau gehörte. Sie hatte jedoch eine erstaunlich beruhigende Wirkung. Fasziniert beobachtete er die Flamme und den Raben. Noch immer schlug sein Herz viel zu schnell in der Brust. Er spürte die Feuchtigkeit auf seinen Handflächen und rieb sich möglichst unauffällig gegen seine Hosenbeine.
„Die Zeit, einen neuen Großmeister zu wählen, ist gekommen“, sagte die Stimme melodisch. „Ihr Zauberer, schließt die Augen, lauscht auf die innere Stimme, vernehmt das Vermächtnis des Großmeisters.“
Daniel presste die Lider fest zusammen, aber er hatte keine Ahnung, worauf er achten sollte. Am liebsten hätte er laut geschimpft und allen Anwesenden gesagt, dass das alles hier ein riesiger Irrtum ist. Er war kein Zauberer und er hatte keine Ahnung, weshalb ausgerechnet er an diesem Ort war. Das, was er in sich spürte, war eine eigentümliche Furcht, aber auch Neugier und eine große Sehnsucht nach Liebe. Vermutlich entsprach nichts davon dem, was das Feuer beschwor.
Je länger er in sich hineinhörte, desto mehr verlor sich die Angst und irrsinnige Zuversicht breitete sich aus. Sein Herzschlag beruhigte sich und all das, was bis eben keinen Sinn ergab, löste sich in Luft auf. Erneut überfiel ihn die Gewissheit, dass er hier her gehörte. Er konnte die Wärme des Feuers, ebenso wie den sanften Wind des Raben auf seiner Haut spüren. Die Gedanken kreisten längst nicht mehr wild durch seinen Kopf. Im Gegenteil, er fühlte sich ruhig und besonnen wie noch nie in seinem Leben. Und dann hörte er sie ... die Stimme, von der das Feuer gesprochen hatte. Er spürte, wie sich die Krallen des Raben in seine Schulter bohrten, ihn sicher hielten und in die Luft zogen. Das Feuer schien ihn zu umhüllen und vollkommen auszufüllen. Tiefrot und leuchtend gelb. Daniel wagte nicht, die Augen zu öffnen, wusste nicht, ob er abermals träumte oder in der Luft schwebte, von einem Raben gehalten und vom Feuer verschlungen.

4. 
„Begrüßt den neuen Großmeister“, rief die Stimme und Applaus brandete auf. Jetzt hielt Daniel es nicht länger aus. Er riss die Augen auf und erstarrte. Sämtliche Zauberer waren von ihren Stühlen aufgesprungen und klatschten. Nur einer starrte ihn ungläubig an.
„Was?“, flüsterte er in Richtung Thorstein und hoffte, dass dieser ihn aus der Situation retten würde.
„Ihr habt den Falschen“, sagte er leise und deutete auf Thorstein, der grimmig den Kopf schüttelte.
„Nein, die Stimme war unverkennbar“, krächzte der Rabe. „Du bist der Auserwählte, der neue Hüter des Wissens. Zauberer Daniel, ab heute bist du der neue Großmeister.“
Der Rabe zog einen großen Kreis mit ihm, während der Applaus stärker wurde. Daniel betrachtete entsetzt die anderen Zauberer und versuchte, nicht daran zu denken, dass er einige Meter über ihren Köpfen in der Luft flog. Erleichtert landete er schließlich wieder auf dem Boden.
„Zauberer Thorstein“, rief die sanfte Stimme des Feuers. „Auch in dir hat die Stimme gesprochen. Wirst du deine Aufgabe annehmen?“
„Man kann wählen?“, fragte Daniel perplex. Hatte er etwa auch die Möglichkeit das Amt abzulehnen? Er würde nur zu gern jemand Anderes den Vortritt lassen.
„Natürlich werde ich mich meiner Aufgabe fügen“, sagte Thorstein monoton.
„Bitte Thorstein“, sagte Daniel und lief zu dem Mann, der ihn mit eiskaltem Blick anstarrte. „Du musst ihnen sagen, dass es ein Irrtum ist. Du hast doch selbst gesagt, dass da nichts in mir ist, keinerlei Glanz und all die Sachen. Bestimmt bist du der Großmeister und ...“
„Schweig“, unterbracht ihn Thorstein streng. „Du hast das ewige Feuer des Lichts und den Raben der Finsternis gehört. Deine Aufgabe ist es, das Wissen zu hüten, zu mehren und zu lernen. Meine Aufgabe ...“ Thorstein schwieg eine gefühlte Ewigkeit und sorgte dafür, dass es abermals verdammt eng in Daniels Brust wurde. „Meine Aufgabe ist es, dich zu unterrichten und an deiner Seite zu bleiben.“ In dem Satz lag so viel Abscheu, dass heftige Schauer über Daniels Rücken liefen.
„Vermutlich würdest du dich lieber vom Turm stürzen“, sagte er leise und atmete tief durch.
„Kindisches Geschwätz“, erwiderte Thorstein kalt.
Hektisch sah sich Daniel um und suchte nach einem Ausweg aus dem Dilemma. Die Halle hatte sich bereits deutlich geleert. Nur noch wenige Zauberer standen in kleinen Gruppen herum und unterhielten sich. Das Feuer loderte nur noch sanft in der riesigen Schale. Der Rabe saß wieder auf seinem Ast. Energisch ging Daniel auf ihn zu.
„Das muss ein Irrtum sein“, sagte er flehend. „Ich bin doch überhaupt kein Zauberer. Ich bin einfach nur Daniel und habe bis heute in einer Rechtsanwaltskanzlei gearbeitet.“ Das Bild des Juniorchefs erschien vor seinen inneren Augen. Er spürte den herablassenden Blick auf sich, als der Mann ihn einen Stapel Akten in die Hand drückte und zum Kopierer schickte. Das war die Welt, in der er lebte. Er wollte davon träumen, dass der Chef ihn eines Tages lobte und vielleicht sogar erkannte, dass Daniel mehr für ihn sein konnte. Er wollte geküsst werden, träumte davon, dass er hinter ihm den Kopierraum betrat und ihn dort gegen die Wand drückte und ...
„Denke nicht länger an dein altes Leben“, unterbrach die Stimme des Feuers ihn. „Du bist ein Zauberer. Seit deiner Geburt liegt die Bestimmung in dir. Das hier ist dein neues Zuhause und Thorstein wird der Mann an deiner Seite sein.“
„Lehrer“, knurrte dieser unwirsch. „Solange du mich brauchst, werde ich dein Lehrer sein. Sobald die Aufgabe jedoch erfüllt ist, werde ich zurück in meine Heimat gehen.“
„Auch dein Platz ist vorherbestimmt, Thorstein“, rief der Rabe krächzend.
„Und ich werde mich meiner Aufgabe angemessen widmen.“
Am liebsten hätte Daniel bei den Worten laut aufgelacht, aber er blieb stumm und hoffte, dass es doch noch einen Ausweg aus dieser Situation geben würde.
„Neben dem Wissen um die Zauberei ist die Liebe der größte Schatz dieser Halle. Ein Herz voller Liebe ...“
„Genug von dem Geschwätz“, unterbrach Thorstein die Flamme. Er drehte sich abrupt um und ging auf eine schmale steinerne Treppe zu.
„Ich kenne die Bedeutung, aber nichts davon trifft auf mich zu. Ich bin hier, um zu unterrichten. Daniel!“
Es schien Daniel, als würden sowohl die Flamme als auch der Rabe leise kichern.
„Geh zu ihm“, forderte die Flamme ihn auf. Daniel nickte und beeilte sich, den Abstand zu Thorstein zu verringern.
„Was machen wir jetzt?“, fragte er dicht hinter Thorstein, während sie eine schier unendliche Anzahl an Stufen nach oben stiegen.
„Deine Aufgabe ist es, zu lernen.“
„Ja, schon, aber muss ich damit sofort anfangen? Ich habe hunger und wir könnten uns doch zuerst ein wenig umsehen und ...“
Thorstein blieb abrupt stehen, sodass Daniel beinahe in ihn hineingelaufen wäre.
„Kindisches Verhalten und albernes Geplapper werde ich nicht dulden. Du weißt nichts, also wirst du deine Zeit darauf verwenden, zu lernen, zu üben und alles daran zu setzen, die Aufgabe, die dir obliegt, zu erfüllen.“
„Aber manchmal muss man auch essen und ...“
„Für deine Mahlzeiten wird gesorgt. Darum musst du dich nicht kümmern.“
„Und Pausen? Schlafen? Dieses riesige Gebäude erkunden?“
„Nichts davon ist von Belang. Halte dich an deine Aufgabe.“
„Ein Zauberstab? Bekomme ich wenigstens auch einen Zauberstab?“
Thorstein blieb stehen und drehte sich langsam um. Gespannt sah Daniel ihn an, auch wenn er instinktiv damit rechnete, dass ihm wieder nur kindisches Verhalten vorgeworfen wurde. Allmählich war er es leid, so behandelt zu werden, allerdings war Thorstein auch der Einzige hier, den er kannte. Wobei sich Daniel nicht einmal sicher war, ob überhaupt noch andere Menschen in dieser Burg lebten.
„Dein Zauberstab...“ Thorstein betonte jeden einzelnen Buchstaben, dann machte er eine dermaßen lange Pause, dass Daniel schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete.
„Dein Zauberstab befindet sich an deinem Arbeitsplatz.“ Er drehte sich um und ging weiter.
Genervt äffte Daniel Thorstein nach, überholte ihn dann und erreichte als erste den Treppenabsatz, der in einen langen Flur mündete.
  „Hier entlang“, sagte Thorstein und ging nach links. Grummelnd folgte Daniel ihm, bis sie vor einer doppelseitigen Tür stehen blieben. Mit Schwung öffnete Thorstein beide Flügel gleichzeitig. Der Anblick verschlug Daniel den Atem. Ein riesiger runder Raum lag vor ihm. Die Wände waren bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt. Eine Decke, die sich etliche Meter über ihnen zu einer gläsernen Kuppel verjüngte. Zwei bodentiefe Fenster sorgten für zusätzliches Licht. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Schreibtisch mit einem imposanten Sessel davor.
„Wahnsinn“, flüsterte Daniel beeindruckt.
„Das ist nur ein Teil der Bibliothek“, sagte Thorstein und schritt arrogant durch den Raum. „Dein Arbeitsplatz. Fangen wir ...“ Er zog seinen Zauberstab hervor, wedelte damit herum und eine Reihe von Büchern flogen aus den Regalen auf den Schreibtisch. Dabei hinterließen sie kleine Staubwolken in der Luft.
„Noch mehr Bücher und der Tisch bricht zusammen“, knurrte Daniel und ging auf die meterhohe Mauer zu, die Thorstein auf dem Tisch gestapelt hatte.
„Was soll das?“, erkundigte er sich und strich über einen Buchrücken. „Und wo ist mein Zauberstab?“
„Lies für den Anfang diese Bücher“, sagte Thorstein herablassend.
„Für den Anfang? Damit bin ich vermutlich Monate beschäftigt.“
„Du hast Zeit bis morgen.“
„Das ist ein Witz“, erwiderte er und schüttelte den Kopf. „Bis dahin habe ich nicht einen dieser dicken Wälzer gelesen.“
„Anstatt zu Jammern wie ein Kind, solltest du anfangen.“
Abermals drehte sich Thorstein zackig herum und verließ mit wehendem Umhang den Raum. Die Türen flogen krachend zu und Daniel war allein.
„Schade, dass ich nicht noch einen Blick auf seinen Hintern erhaschen konnte“, knurrte er und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Das hätte mich irgendwie motiviert.“

5. 
Eine Weile blieb Daniel unschlüssig im Raum stehen. Er entdeckte eine Leiter, die in einer Schiene über dem obersten Regal befestigt war. Offenbar gab es auch Zauberer, die die Bücher auf klassische Weise auswählten. Daniel ging auf die Leiter zu, ruckelte ein wenig daran, um ihre Festigkeit zu prüfen, stellte sich auf die unterste Sprosse, gab mit einem Bein schwung und rollte an den Büchern bis zum ersten Fenster entlang.
„Lustig“, sagte er glucksend, fuhr zurück, kletterte ein Stück höher und ließ sich noch einmal zum anderen Ende rollen. Dort beugte er sich zur Seite, um aus dem Fenster zu schauen. Erstaunt stellte er fest, dass er sich gar nicht in dem großen Turm befand, sondern offenbar in einem kleineren daneben. Den hatte er bei seiner Ankunft gar nicht gesehen. Der andere Turm war noch deutlich höher und mit einer offenen Kuppel.
„Da will ich unbedingt mal rauf“, sagte Daniel und fuhr wieder zurück. Diesmal stoppte er mitten auf dem Weg, zog ein Buch aus einem Regal und betrachtete es. Dicke goldene Buchstaben prangten auf dem Einband.
„Pflanzenkunde“, las er, blätterte gelangweilt darin herum und stellte es wieder zurück. Daniel stieg die Leiter hinunter, ging durch den Raum und ließ sich in den Sessel fallen. Das Polster war weich und gemütlich. Er betrachtete den Schreibtisch und erinnerte sich wieder an Thorsteins Worte, dass sein Zauberstab hier lag. Hoffentlich war er nicht unter all den Büchern begraben, möglicherweise sogar zerbrochen. In diesem Moment entdeckte Daniel jedoch einen hölzernen Stab, der wie ein zu lang geratener Bleistift aussah. Vorsichtig nahm er ihn in die Hand. Er spürte ein warmes Prickeln auf der Haut und mustere den Stab genauer. Dunkles Holz, das an einem Ende dicker war. Dort befanden sich auch winzige Verziehrungen. Daniel fuhr vorsichtig mit einem Finger darüber und schluckte schwer. Es erschien ihm, als wäre das gerade ein besonderer Augenblick. Sein Zauberstab, auch wenn er keine Ahnung hatte, was er damit anfangen sollte. Schließlich schwenkte er ihn einige Male herum, aber nichts geschah. Hoffentlich hatte Thorstein ihn nicht veralbert und das, was er für einen Zauberstab hielt, war in Wirklichkeit doch nur ein Bleistift. Immerhin konnte er keine Miene entdecken.
„Abrakadabra“, flüsterte er und wedelte noch einmal mit dem Stab. Er hielt für eine Sekunde den Atem an, dann brach er in schallendes Gelächter aus und hoffte inständig, dass ihn niemand beobachtete. Enttäuscht legte er den angeblichen Zauberstab wieder auf den Tisch, stand auf und ging auf das andere Fenster zu. Hier hatte er einen freien Blick über das Land. Der Wald erstreckte sich bis zum Horizont, wo die Sonne allmählich unterging und den Himmel glutrot färbte.
Daniels Magen begann zu knurren. Obendrein fühlte er sich müde und erschöpft. Zum Lernen hatte er keine Lust, dafür war er viel zu aufgewühlt. Er hatte das Gefühl an all den unbeantworteten Fragen zu ersticken.
Der Duft von gebratenem Fleisch und Kartoffeln drang in seine Nase. Erstaunt drehte er sich um und entdeckte auf dem Schreibtisch ein Tablett mit einem dampfenden Teller und einer Karaffe Wasser. Eilig ging er darauf zu. Mittlerweile grummelte sein Magen laut, sodass er instinktiv mit einer Hand darüber streichelte, um ihn zu beruhigen.
„Gott, riecht das gut“, nuschelte er, ließ sich in den riesigen Sessel fallen und zog das Tablett näher zu sich heran. Daniel beugte sich über den Teller und zog geräuschvoll die Luft ein. Die Geschmacksknospen schienen schon allein von dem wunderbaren Duft zu explodieren und das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
„Guten Appetit“, sagte er zu sich selbst und begann zu essen. Zuerst versuchte er die Mahlzeit zu genießen, aber er war so ausgehungert, dass er dem Bedürfnis alles in sich hineinzustopfen nicht widerstehen konnte.
„Lecker“, nuschelte er mit vollen Backen und verdrehte genüsslich die Augen.
Schließlich ließ er sich satt in den Sessel sinken, rieb sich über den Bauch und stöhnte leise. So voll hatte er sich schon seit einer Ewigkeit nicht gefühlt.
Nach dem Hunger kam die Müdigkeit. Daniel rutschte eine Weile hin und her, bis er eine bequeme Position gefunden hatte. Die Beine baumelten über der Lehne, die Arme hatte er vor der Brust verschränkt. Er gähnte herzhaft, ignorierte das Bedürfnis, aufs Klo zu gehen und dachte nicht über ungeputzte Zähne nach. Noch einmal zogen die Bilder des Tages an ihm vorbei. Er konnte noch immer nicht begreifen, was passiert war und lachte bei der Vorstellung, dass er ein Zauberer sein sollte. Inständig hoffte Daniel, dass er, sobald er wieder erwachte, Zuhause in seinem Bett liegen würde und all die Erlebnisse nur ein weiterer seltsamer Traum waren. Kurz bevor er einschlief, erschien Thorsteins Gesicht. Weshalb fühlte er sich nur von dem Mann angezogen? Dessen Unnahbarkeit forderte Daniel heraus und ließ sein Herz schneller schlagen. Vermutlich besaß er eine masochistische Ader, von der er bisher noch nichts geahnt hatte. Leise murmelte er den Namen, ehe er in einem tiefen und traumlosen Schlaf sank.
Mitten in der Nacht wachte er auf, weil er den Drang, nach einer Toilette zu suchen, nicht länger ignorieren konnte. Es war dunkel im Zimmer, nur der Mond warf ein fahles Licht. Stöhnend richtete sich Daniel auf. Obwohl der Sessel bequem aussah, war er zum Schlafen nicht besonders gut geeignet. Als er sich einige Schritte in Richtung Tür bewegte, gingen ringsherum Laternen an. Daniel war sich sicher, dass sie ihm vorher nicht aufgefallen waren, aber das war vermutlich auch so ein Zaubererding, wie das Essen, das plötzlich auf dem Tisch stand.
Als er die Tür öffnete, wurde auch der Flur von Laternen erleuchtet. Es schien, als wiesen sie ihm den Weg und da Daniel ohnehin nicht wusste, wohin er gehen sollte, folgte er dem Licht. Tatsächlich fand er auf diese Weise ein Badezimmer, das seinem Namen alle Ehre machte. Der Raum war beinahe so groß wie die Bibliothek. In der Mitte stand eine beeindruckende Wanne auf goldenen Füßen und mit einem goldenen Wasserhahn. Rechts an der Wand war eine Dusche montiert. Der Duschkopf war riesig. Daniel verspürte Lust, sie auszuprobieren. Seine Muskeln waren von der ungünstigen Schlafposition verspannt, sodass er sich nach heißem Wasser sehnte. Direkt daneben hingen eine Reihe flauschiger Bademäntel.
Die Toilette entdeckte er ebenfalls und benutzte sie augenblicklich. Danach zögerte er einen Moment, hin und hergerissen, ob er es einfach wagen durfte. Allerdings erinnerte er sich auch daran, dass er der Großmeister war und damit ... damit durfte er ja eigentlich alles benutzen, was sich in dieser Burg befand. Eilig schlüpfte Daniel aus seinen Klamotten und stellte sich in die monströse Dusche. Als die ersten warmen Wasserstrahlen seine Haut erreichten, seufzte Daniel zufrieden auf. Eine Weile blieb er einfach nur stehen und genoss die prickelnde Massage.
Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich. Es klang, als hätte jemand die Tür geöffnet. Instinktiv wollte Daniel sich umdrehen, aber dann verspürte er eine erstaunliche Gewissheit, dass dort hinter ihm nur ein Mann stehen konnte: Thorstein. Auch wenn Daniel nicht wusste, woher der Mut oder vielmehr die Verwegenheit kam, begann er sich ausführlich zu waschen. Er streckte die Muskeln, hielt das Gesicht in den Wasserstrahl und schüttelte den Kopf, sodass seine kurzen Haare wild nach allen Seiten abstanden. Das Duschgel verbreitete einen betörenden Duft nach Wiese und Sandelholz auf der Haut. Er drehte sich mit geschlossenen Augen, sodass Thorstein ihn nun von vorn sah. Genüsslich rieb er sich über die Brust, umspielte seine Nippel und ließ die schaumigen Hände tiefer gleiten. Daniel spürte Thorsteins Blicke so intensiv auf der Haut, dass er sich sicher war, der Mann würde jeden Moment zu ihm unter die Dusche kommen. Er versuchte ihn zu locken, rief in Gedanken seinen Namen, aber alles, was er vernahm, war das leise Schließen der Tür.
Daniel blinzelte, seufzte enttäuscht und schämte sich für sein zügelloses Verhalten. Gleichzeitig verfluchte er Thorstein dafür, dass er ihn einfach zurückgelassen hatte. Eilig befreite er sich von dem Schaum und trocknete sich ab. Er schlüpfte in einen der Bademäntel und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Er fühlte sich nicht besonders attraktiv, allenfalls durchschnittlich mit den dunkelblonden Haaren. Seine Augen waren ein Gemisch aus Blau und Grün mit hellbraunen Sprenkeln drin. Daniel legte den Kopf schief und musterte sich eindringlich. Nichts deutete daraufhin, dass er ein Zauberer war oder irgendwelche außergewöhnlichen Fähigkeiten besaß. Thorstein hatte vermutlich recht. An ihm war nichts Besonderes. Er war einfach nur ein schlaksiger Junge, weit entfernt davon ein echter Mann zu sein, schon gar nicht ein Großmeister in einer Welt, die nicht real war.
Er schüttelte energisch den Kopf, nahm seine Klamotten und verließ das Bad. In der Bibliothek stellte er sich abermals ans Fenster und schaute nach draußen. Ein schmaler heller Streifen deutete den beginnenden Morgen an. Der Wald unter ihm wirkte jedoch beinahe tiefschwarz, ebenso wie die Teile der Burg, die er von hier erkennen konnte. Gähnend legte Daniel die Stirn gegen die kühle Scheibe.
„Es ist verrückt“, flüsterte er und sah zu, wie das Fenster unter seinen Worten beschlug. „Verrückt“, wiederholte er grinsend. „Aber irgendwie auch aufregend.“ Ein Abenteuer, von dem er keine Ahnung hatte, wohin es ihn brachte oder wie es endete.
Schließlich machte er sich erneut auf dem Sessel bequem und schlief abermals ein.

Kommentare:

  1. Sehr schön.............freue mich schon aufs e-Book

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  2. Na hoffentlich wird es die Geschichte als TB geben. Ich bin jetzt schon verliebt ♥️

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  3. Wow!
    echt Wahnsinn was du aus dieser doch irgendwie verrückten Idee gezaubert hast ��
    Dafür das das nur die ersten 5 Kapitel sind, bin ich jetzt umso neugieriger wie es weiter geht. bisher gefällt es mir wirklich gut und ich bin gespannt auf mehr ;-)

    mal sehen ob ich mich jetzt überhaupt noch auf meine Arbeit konzentrieren kann :D

    LG Doro

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