Donnerstag, 9. November 2017

Autoreninterview zur Buch Berlin Teil 3

Noch zwei Wochen und irgendwie habe ich das Gefühl längst nicht alles, eigentlich noch gar nichts so richtig vorbereitet zu haben. Dabei stimmt das nicht.
Wir waren fleißig, haben bereits für euch gebastelt, ein paar, hoffentlich coole und besondere Ideen und Einiges für den Stand vorbereitet.
Nur mit meinen eigenen Büchern ... aber davon erzähle ich euch in den nächsten Tagen mehr.

Heute geht es schließlich nicht um mich, sondern um meine Kollegin Mia Grieg. Wir kennen uns schon eine ganze Weile. Noch bevor ich selbst den Mut hatte, mit der ersten Geschichte anzufangen, habe ich ihre Fanfiktions zu "Alles was zählt" gelesen. Hach, wie habe ich Roman und Deniz geliebt und natürlich auch die Ideen, die trully22 (ihr nick auf ff.de) dazu hatte. Kitschig und romantisch, einfach schön zu lesen. Es scheint schon so ewig zurückzuliegen. Ich kann mich auch gar nicht erinnern, wann ich die letzte Fanfiktion überhaupt gelesen habe. Irgendwann haben wir uns dann tatsächlich kennengelernt und uns angefreundet.
Mia hat sich für euch meinen Fragen gestellt und sie wirklich ausführlich beantwortet. Vielen Dank dafür!

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! 


Autoreninterview mit Mia Grieg
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1.Erzähl ein bisschen was über dich. Wo kommst du her? Seit wann schreibst du? Was für Hobbys hast du?Schreibst du hauptberuflich oder hast du einen „Brot-Job“?

Ich habe schon mein ganzes Leben in Berlin verbracht und kann mir nur wenige Orte auf der Welt vorstellen, wo ich leben könnte. So fühlte ich mich z.B. in London immer sehr wohl. Beim Besuch während der Olympischen Spiele 2012 habe ich mich endgültig in die Stadt verliebt. Leider komme ich nur zu selten hin und wer weiß, wie es nach dem Brexit wird.
Schreiben ist ein liebes Hobby geworden, das ich nun schon über zehn Jahre ausübe. Nebenbei habe ich noch einen Fulltimejob zum Broterwerb, den die meisten von euch sicher todlangweilig finden würden, ich mag ihn und möchte ihn bei allem Stress nicht missen. Zum Schreiben brachte mich im Grunde eine Daily Soap im Fernsehen. Seit „Alles was zählt“ im Fernsehen anlief, war ich begeisterter Anhänger und verfolge die Serie noch heute regelmäßig. Besonders angetan hatte es mir die Geschichte von Roman und Deniz, die lange brauchten, um wenigstens eine kurze Zeit glücklich sein zu dürfen. Mir passierte vieles zu langsam, ich suchte Gleichgesinnte zum Diskutieren und fand mich in einem Forum, in dem einige ihre eigenen Geschichten zum Fortgang der Serie schrieben. Irgendwann hatte ich auch eine Idee und begann sie aufzuschreiben. Veröffentlicht habe ich zunächst nur dort, irgendwann erfolgte der Umzug zu Fanfiktion. Nach einiger Zeit bin ich dann von den vorgegebenen Figuren zu freier Prosa gewechselt, aber Gay Romance war und ist der Bereich geblieben, in dem ich mich am liebsten bewege. Meine beiden Söhne sind zum Glück schon groß, so dass ich mir die wenige Zeit, die neben dem Beruf bleibt, recht gut einteilen kann. Neben dem Schreiben mag ich besonders Sport, aktiv und passiv. Ich habe Dauerkarten für die Fußball- und Handballbundesliga, gehe liebend gern ins Theater bzw. Musical (fragt bitte nicht, wie oft ich z.B. schon den Tanz der Vampire gesehen habe), lese, schaue fern und … Ihr könnt euch mein größtes Problem sicher denken. Zeit! Wenn es möglich wäre, Zeiteinheiten zu erwerben, ich würde sofort ein Abo einrichten. Dummerweise hat auch mein Tag nur 24 Stunden und die Meinung, dass man im fortschreitenden Alter weniger Schlaf braucht, kann ich leider nicht teilen.

2.Was hat dich dazu gebracht mit dem Schreiben anzufangen?

Den Anfang meiner Schreibkarriere habe ich oben schon erläutert. Als Jugendliche habe ich zwar einige Male versucht, eine Geschichte zu schreiben, sie jedoch nie beendet und mich lange Zeit als vollkommen fantasielos angesehen. (Zahlenfreak halt im echten Leben!)

3.Gibt es Kinder- oder Jugendbücher, die dich besonders geprägt haben und an die du heute noch gern denkst oder sie immer mal wieder liest?

Meine Kindheit liegt nun schon eine ganze Weile zurück. Ich war ein großer Enid Blyton – Fan, liebte Hanni und Nanni genauso wie Dolly oder die Abenteuer- und Fünf Freunde-Reihe. Später habe ich dann auch TKKG gelesen, bis ich die Krimis meines Vaters entdeckte und mich durch seinen Bücherschrank „fraß“.

4.Lässt du dich auch von anderen Autoren inspirieren?

Nicht bewusst, aber es passiert schon, dass bestimmte Szenen anderer Autoren eine Idee zu einer eigenen Geschichte voranbringen. Eher kommt es allerdings vor, dass ich beim Lesen anderer Bücher meine eigenen Unzulänglichkeiten umso deutlicher merke.

5.Welche Herangehensweise bevorzugst du bei deinen Geschichten?

Schrecklicherweise schreibe ich völlig ohne Konzept. Eine Idee kommt und wird aufgeschrieben, dann entwickelt sich daraus eine Geschichte oder auch nicht. Es gibt viele Anfänge auf meinem Rechner, die wahrscheinlich nie zu einem Ende geführt werden. Im Gegensatz zu anderen schreibe ich grundsätzlich chronologisch. Manchmal ist das ein schwieriges Unterfangen, wenn man etliche Szenen schon im Kopf hat, aber der Weg dorthin beschwerlich ist. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, Szenen separat zu schreiben und dann zu verbinden. 
 
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6.Woher bekommst du deine Ideen?

Das Leben schreibt doch die besten Geschichten. Leute, die man beobachtet, Filme, die man sieht, oder beim Lesen anderer Storys, überall kann man Ideen finden.

7.Hast du einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Person, die dir als Muse dienen?

Nein, höchstens meine innere Stimme. Oft liege ich abends im Bett und spinne in Gedanken meine Geschichten weiter.

8.
Gibt es etwas, dass dir beim Schreiben besonders schwer fällt?

Oh ja, leider. Definitiv Sexszenen *seufz* Egal wie oft ich mir die tollen Szenen anderer Autoren durchlese, meine Lieblinge Brian und Justin aus Queer as Folk beobachte oder andere „Lehrvideos“ anschaue, meine eigenen Szenen sind sicher nicht die besten aus meinen Büchern.

9.Kaffee, Tee, Schokolade, Musik, Ruhe … Was gehört für dich zum Schreiben dazu?

Seltsamerweise brauche ich meist eine gewisse Geräuschkulisse. Oft läuft nebenbei Radio oder Fernseher, selten nur Musik. Nur beim Überarbeiten und Fertigstellen von Dateien zum Hochladen brauche ich Ruhe.

10.Gehörst du auch zu denen, die immer und überall Block und Stift zur Hand haben, damit sie jede Idee sofort aufschreiben können?

Trotz meines biblischen Alters kann ich mich noch recht gut auf mein Gedächtnis verlassen. *kicher* Mein Motto ist immer, dass eine gute Idee immer wieder kommen wird. Sonst ist es nichts Wichtiges. Mein abendliches Einschlafritual hilft dabei, schwirrende Gedanken wieder einzufangen.

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11.Was verhagelt dir das Schreibvergnügen?

Meist sind es Dinge, die mit dem Schreiben selbst gar nichts zu tun haben. Stress im Büro laugt mich aus und macht meinen Kopf zu leer. Dann bekomme ich meist abends nichts Vernünftiges mehr zustande. Das ist frustrierend, aber ich habe im Laufe der Jahre gelernt, damit umzugehen. Schreiben ist Hobby und soll auch nichts anderes werden. Die Vorstellung, mit Schreiben mein Geld verdienen zu müssen, macht mir eher Angst. Da wäre die Blockade vorprogrammiert. Je weniger ich mich unter Druck setze, desto besser läuft es zumeist.

12.Denkst du beim Schreiben über Klischees nach?

Ich liebe Klischees. Meine These ist sowieso, dass jeder Mensch im gewissen Rahmen Klischees erfüllt, mal mehr mal weniger. Darüber nachdenken tue ich beim Schreiben kaum und ich hoffe, dass es mir gelingt, meine Charaktere lebensnah und liebenswert zu schildern, egal welche Macken sie haben.

13.Wenn du einen Charakter entwickelst, bekommt er bei dir eine reale Vorlage bzw. ein Gesicht? (ein Schauspieler, Musiker, irgendjemand, den du kennst oder ein Stockfoto)?

Gesichter habe ich eigentlich nie im Kopf beim Schreiben. Ich mag auch keine Geschichten, in denen dem Leser die eigene Fantasie komplett genommen wird. Jeder hat doch andere Vorlieben und das Tolle am Lesen ist doch, dass jeder die Möglichkeit hat, sich seinen eigenen Helden zu basteln. Natürlich habe auch ich meine eigenen Vorlieben, die sich dann in meinen Protagonisten wiederfinden. Das Gesamtbild soll sich aber bitte jeder selbst vorstellen. Jeder nach seinem Geschmack.

14.An welchem deiner eigenen Charaktere hängt dein Herz ganz besonders. Was macht ihn/sie so besonders für dich?

Das ist wirklich eine sehr schwere Frage. Sollte man seine Kinder nicht alle gleich lieb haben? Das Paar, das mir lange Zeit sicher am wichtigsten war, waren Daniel und Merten. Ich hoffe, dass ich es noch dieses Jahr schaffe, die Geschichte zu überarbeiten und zu veröffentlichen. Da die beiden Jungs mich aber über Jahre begleitet haben, wird das ein gutes Stück Arbeit. Marius und Oskar mit ihren Freunden, die mich über ein Jahr täglich begleitet haben, sind auch tief verwurzelt in meinem Herzen, Tom mit seiner Lebensfreude, Gregor, der um seine Beziehung kämpft, und … Ach ich kann mich nicht entscheiden und das ist auch gut so.

15.Passiert es dir, dass sich Charaktere auch schon einmal verselbstständigen und Dinge tun, die du so gar nicht geplant hattest?


Fast immer *kicher* Da ich nie einen fertigen Plot habe, entwickeln die Jungs meist ein Eigenleben und machen selten, was ich am Anfang mal für sie vorgesehen hatte. Schwierig ist es besonders, wenn das Paar, das ursprünglich geplant war, am Ende gar nicht zustandekommt, weil ein anderer sich dazwischen drängt. Auch das ist mir schon passiert. Da wurde der Lückenbüßer zum festen Partner. 

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16.Trifft dich Kritik? Wie gehst du damit um?

Niemand kann wohl sagen, dass Kritik an ihm völlig abprallt. Jeder mag Lob mehr als Kritik. Fundierte Kritik ist aber viel wichtiger und bringt einen weiter als überschwängliches Lob. Leider fällt es vielen schwer, gerade im Internet, ihre Kritik so zu äußern, dass der Empfänger direkt etwas damit anfangen kann. Deshalb liebte ich die Plattform Fanfiktion.de, die in früheren Zeiten einen lebhaften Austausch mit den Lesern ermöglichte. Das machte es dem Autor leichter zu verstehen, was bei den Lesern nicht richtig angekommen war. Ich versuche mich auf jeden Fall mit jeder Kritik auseinander zu setzen. Meist ist an jeder Meinung irgendetwas dran, und wenn es mir nur nicht gelungen ist, mich so auszudrücken, dass meine Leser mir folgen konnten. Spontane Antworten versuche ich zu vermeiden, nach einer Nacht sieht die Welt schon anders aus und viele Dinge werden beim erneuten Lesen auch deutlicher. Ich freue mich über jedes kritische Wort, das mir hilft, mich weiter zu entwickeln. Oft wünschte ich mir, dass die Leser die direkte Kommunikation mit mir suchten. Ich kann damit umgehen und beiße nicht!

17. Zum Schluss bin ich neugierig: Schreibst du an einem neuen Buch? Wenn ja, verrätst du uns den Arbeitstitel? Woher kam die Idee dazu? Hast du schon eine kleine Kostprobe (ein Satz oder einen Absatz) für uns?

Leider habe ich im Moment recht viele unvollendete Stücke auf meinem Rechner, mit denen ich manchmal ein Stück vorankomme, bevor es wieder stockt. Ich hoffe, dass es mir vor der Buchmesse Berlin noch gelingt, ein kleines Werk herauszubringen, das noch unter dem Arbeitstitel „Dissonanzen und Akkorde“ dem Ende entgegen fiebert. Es fehlt nur noch das Schlusskapitel, dann geht es in die Überarbeitungsrunden. Deswegen bin ich recht zuversichtlich.
Da ich davon aber schon einmal ein gutes Stück auf meiner Seite veröffentlicht habe, will ich hier lieber einen Absatz aus einem anderen Werk vorstellen. Gregor aus der „Licht“-Reihe bekommt einen neuen Kollegen an die Seite gestellt, dessen Geschichte in „Lichtermeer“ erzählt werden soll.

Als das Geräusch des Motors erstarb, war es still in der schmalen Straße. Sven parkte das Motorrad in einer engen Lücke zwischen zwei Autos. Von dem nächtlichen Treiben einer Großstadt war hier in der Siedlung nichts zu spüren. Spießig oder bürgerlich war wohl die beste Beschreibung. Hier fand er die Ruhe, die er gesucht hatte, auch wenn er die Entscheidung, sich gerade an diesem Ort niederzulassen, schon ein paar Mal bereut hatte. Vielleicht wäre es mitten im pulsierenden Leben der Stadt doch besser gewesen. Doch diese Gegend passte eher zu dem neuen Image, das er sich selbst nach seinem Umzug verpassen wollte.
Die Trostlosigkeit seines Seins wurde Sven erneut ins Bewusstsein gebrannt, als er die Tür seiner Wohnung hinter sich schloss. Die kahle Glühbirne, die als einzige Lichtquelle im Flur diente, zeugte davon, dass er noch nicht ganz an seinem neuen Lebensmittelpunkt angekommen war.
Berlin – das Ziel seiner Träume, der Ort, an dem er hoffte, seine beiden Leben miteinander kombinieren zu können. Nach außen der strahlende Held, der als Polizist auf der richtigen Seite stand, die die Bösen der Welt bekämpfte, doch innen der Feigling, der sich nicht traute, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Eine schlechte Erfahrung hatte ausgereicht, um ihn ganz tief zurück in den Schrank zu schicken. Nicht einmal in Gedanken gelang es ihm, das Wort „schwul“ auszusprechen. Dabei war ihm schon klar, dass er genau das war: schwul … schwul … schwul.
Mit einem Bier aus dem Kühlschrank ließ Sven sich auf die Couch fallen. Um den Hunger zu stillen, hatte er unterwegs schon einen Döner gegessen. Ein großer Vorteil der Stadt war, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit Fast Food bekommen konnte. Für sich allein zu kochen machte wenig Spaß und so beschränkten sich seine Vorräte zumeist auf Getränke, Müsli und Brot.
Der große Flachbildschirm, den er sich zum Einzug als Belohnung für seinen Mut, den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen, selbst geschenkt hatte, war das einzige Möbelstück, dem er bewusst einen festen Platz in seinem Wohnzimmer gegeben hatte. Umsäumt war der Fernsehtisch noch immer von Umzugskisten, die auch nach den sechs Wochen, die er nun schon hier wohnte, unausgepackt herumstanden. Wenn er nach langen Schichten nach Hause kam, fehlte ihm die Energie und an den letzten Wochenenden hatte er freiwillig Sonderschichten gemacht, um der Einsamkeit seiner vier Wände zu entfliehen. Die Arbeit machte ihm Spaß, auch wenn er sich langsam danach sehnte, fest einem Team zugeordnet zu werden und nicht nur als Springer zu fungieren.
Heute war ein wahrlich beschissener Tag gewesen, der schlimmste seines Lebens, obwohl er auch da schon einige Erfahrungen gemacht hatte, die er sich gern gespart hätte. Ein Routineeinsatz war für einige Kollegen zum Albtraum geworden. Auch wenn er selbst das Drama nur im Revier erlebt hatte, fühlte er doch mit den Beteiligten. Aus einer leblosen Person in einer verlassenen Lagerhalle war eine Schießerei mit zwei toten und zwei verletzten Polizisten geworden. Allein diese Tatsache führte dazu, dass dieser Fall auf der Prioritätenliste ganz nach oben rutschte. Die Aufregung war groß gewesen und die Solidarität unter den Kollegen riesig. Hier hatte sich einmal wieder gezeigt, dass er ein Außenseiter war, denn die anderen hatten sich mit ihren Partnern zusammengetan, um zu beraten, was zu tun sei, während er mittendrin und doch allein an seinem Schreibtisch gesessen hatte. Sein Kontakt zu den Kollegen war gut, aber eben nur kollegial und oberflächlich. Einen Freund hatte er bisher in dieser großen Stadt noch nicht gefunden.
Sven zappte sich durch die Programme, doch es gab nichts, was ihn interessierte. Vor lauter Verzweiflung blieb er bei einer alten Tatortfolge hängen. Die Münsteraner „Kollegen“ versprachen zumindest immer ein bisschen Humor. Den konnte er gerade wirklich gebrauchen.
Während seine Augen die flimmernden Bilder auf dem Fernseher betrachteten, sprangen seine Gedanken im Kopf wirr hin und her. Mal kreisten sie um die Arbeit und seine dortige Situation, mal zentrierten sie sich auf seine private Lage. Er musste unbedingt mal wieder unter Leute gehen. Die Auswahl an entsprechenden Etablissements war riesig, so würde es doch wohl auch für ihn einen Kerl geben, der seine körperlichen Bedürfnisse befriedigen konnte. Anonymer Sex war nicht das, wonach Sven sich sehnte, doch er hatte aufgegeben, auf mehr zu hoffen. In den letzten Wochen hatte er sich nur selbst befriedigt, doch das war auf die Dauer auch keine Lösung.
Sven schloss die Augen und nippte erneut an seinem Bier. Unwillkürlich war seine Hand in Bewegung geraten. Die Hose war geöffnet und seine Finger legten sich um sein schlaffes Glied. Das Bild, das vor seinem inneren Auge erschien, war seit Wochen dasselbe. Vielleicht hatte er doch zu schnell aufgegeben. Torben … der Gedanke an den Kerl, den er als One-Night-Stand aufgegabelt hatte und der dann zu einer heimlichen Affäre über mehrere Wochen geworden war, ließ ihn anschwellen. Der Versuch, Torbens Bild durch einen gesichtslosen Körper zu ersetzen, misslang. Während seine Hand sich mit sanftem Druck auf und ab bewegte und sein Herzschlag sich erhöhte bis der Puls raste, schauten ihn die fragenden Augen des Mannes an, der gern der Partner an seiner Seite sein wollte. Doch er war nicht bereit gewesen, noch einmal offen zu einem Mann zu stehen. Die schlechten Erfahrungen, die ihm seine erste Beziehung eingebracht hatte, hielten ihn zurück. Dabei war es in seiner Heimatstadt sowieso ein offenes Geheimnis, dass Sven Petersen eine Schwuchtel war. Seine Familie und Freunde wussten es, die Nachbarn, die Kollegen … eigentlich alle. Dennoch hegte er noch immer die Hoffnung, wieder in die Welt der Normalität eintauchen zu können, wenn er es nur lange genug versuchte.
Sein Traum wurde so real, dass er beinahe Torbens Lippen auf seiner Haut spürte. Für einen Augenblick verschwanden sämtliche schlechten Gedanken und sein Kopf wurde leer, während der Körper sich auf die Reise begab. Mit einem letzten Stoß seiner Lenden explodierte er und spürte den warmen Saft, der über seine Hand floss. Schwer atmend genoss er das Nachbeben des Orgasmus. Selbst Wichsen war besser, wenn der Partner im Geiste nicht anonym war.
Als er wieder auf dem Boden der Realität angekommen war, reinigte er sich notdürftig. Mit den Wellen der Lust war auch das leichte Gefühl weggeschwebt und die Gedanken und Erinnerungen zurückgekehrt. Nicht zum ersten Mal stellte er sich die Frage, ob die abrupte Flucht nach Berlin, bei der er alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte, nicht doch ein Fehler gewesen war. Wenn er nur einen Moment ehrlich zu sich selbst war, musste er zugeben, dass er Torben noch immer mehr vermisste als gut für ihn war.
„Meine Entscheidung war richtig, verdammt...“, zischte Sven leise vor sich hin. „Es wäre nie und nimmer gut gegangen mit uns. Wir passen überhaupt nicht zusammen.“
Der Abspann des Tatorts lief, ohne dass er auch nur den Hauch einer Erinnerung über die Handlung der Folge mitbekommen hatte. Entnervt kippte Sven den letzten Schluck seines Bieres in die Kehle. Er widerstand dem Drang nach noch mehr Alkohol und beschloss, ins Bett zu gehen.
So oft er sich schon auf den Weg machen wollte, um eine Einrichtung für sein Schlafzimmer zu kaufen, so oft hatte er das Vorhaben wieder verschoben. Die Matratze, die auf dem Boden lag, reichte zum Schlafen und der Garderobenständer und ein paar Regalbretter waren ausreichend, um seine spärlichen Klamotten aufzubewahren. Im Dunkeln tappte er durch den Raum, bis er die Nachttischlampe, die neben seiner Matratze auf dem Boden stand, anschalten konnte. Auf den Luxus einer Deckenbeleuchtung hatte er in diesem Raum ganz verzichtet. Die Trostlosigkeit seines Lebens spiegelte sich eben auch in seiner Wohnsituation wider.
„Mensch, Petersen! Du bist sechsundzwanzig und kein Greis, der das Leben schon hinter sich hat. Komm endlich in die Gänge und bekomme dein Leben wieder in den Griff!“ Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte Sven. Nun sprach er schon wiederholt mit sich selbst. So fing der Irrsinn an. Es wurde Zeit, dass sich etwas änderte.


Vielen Dank für die tollen Fragen, Karo! 
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Es war mir ein großes Vergnügen mit meinen Messemitstreitern zu plaudern. Wir sind schon ganz aufgeregt und freuen uns auf euch, auf eine schöne Zeit in Berlin und auf viele nette Gespräche. 
Wollt ihr auch ein Interview mit mir? Ich bin mir nicht sicher, aber falls ein Interesse daran besteht, dann hinterlasst einen Kommentar. Ansonsten werde ich demnächst ein bisschen über meine Bücher erzählen, von Plänen und Nichtplänen berichten und euch wie immer mit meinem chaotischen Schreiben beglücken. 

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