Samstag, 10. Dezember 2016

Das zehnte Türchen

Ich habe ja angekündigt, dass es ein bunt gemischter Kalender wird.
Deshalb gibt es heute mal einen kleinen Textschnipsel aus einem meiner Bücher.
Ich bin immer wieder ganz besonders von männlichen Bauchtänzern fasziniert. Mittlerweile verfolge ich einige wirklich großartige Tänzer auf youtube. Sie regen meine Fantasie immer unheimlich an.
Als ich vor einige Wochen auf der Aidsgala der Aidshilfe Goslar war, gehörte zum Programm ebenfalls ein Bauchtänzer, diesmal allerdings als solcher nicht sofort zu erkennen, so toll geschminkt und mit langen Haaren. Einen Moment war ich auch tatsächlich voller Zweifel, aber irgendwie verstärkte sich der Eindruck, dass sich hinter der hübschen Tänzerin ein junger Mann verbirgt immer mehr. Ich könnte nicht einmal genau sagen, woran es lag ... vermutlich bin ich wohl ein bisschen sensibilisiert für Männer. Er/sie hat jedenfalls ganz wunderbar getanzt und ich war gleich ganz verloren in einer neuen Geschichte über einen Bauchtänzer. Allerdings stecke ich gerade in so vielen Geschichten, dass ich sie erst einmal weit nach hinten verdrängt habe.
Auf meiner Festplatte befindet sich auch noch ein Anfang einer Bauchtanzgeschichte. Da sprang mich das Plotbunny aus einem Video an. Ich hoffe, ich bekomme die Geschichte im nächsten Jahr fertig.
Bauchtänzer ... meine heftige Leidenschaft und deshalb gibt es heute einen kleinen Ausschnitt aus
Bauch-(Traum-)Tänzer:
„Medhi, hast du...“ Holger stürmt zur Tür herein und bleibt wie angewurzelt stehen. Seine Augen werden riesengroß und er mustert mich von oben bis unten.

„Wow!“, ruft er und kommt näher. „Du siehst ja verdammt heiß in dem Teil aus.“

„Danke“, murmle ich und fühle mich seltsam nackt unter seinem Blick.

„Echt, du siehst so fremd und geheimnisvoll aus. Ein vollkommen anderer Mann, Wahnsinn!“ Meine Wangen beginnen zu glühen. Zum Glück sieht man das dank meiner dunklen Hautfarbe nicht so deutlich. Nervös zupfe ich an dem hellblauen Kostüm herum und betrachte mich im Spiegel. Holger hat Recht. Ich erkenne mich selbst kaum wieder, obwohl ich schon einige Male in dem Aufzug getanzt habe. An den Fransen hängen einige Münzen, die bei jeder Bewegung diese leise klimpernden Geräusche machen. Ich mag die Farbe, denn sie erinnert mich an Holgers Augen. Allerdings zeigt das Kostüm mehr Haut als mir lieb ist und Holgers Blicke bestätigen das überdeutlich. Ob er mich wollen würde, wenn er wüsste, dass ich nicht hetero bin?

„Bist du aufgeregt?“, fragt Holger und grinst mich im Spiegel an.

„Ich glaube, ich schaffe das nicht“, gebe ich mit zittriger Stimme zu.

„Klar, schaffst du das. Wo tretet ihr eigentlich auf?“

Ich nenne ihm den Namen des Clubs und Holger sieht mich irritiert an Seine Augenbrauen ziehen sich fragend zusammen. „Du weiß, was das für ein Club ist, oder?“

Ich zucke mit den Schultern, denn ich kenne weder den Club, noch weiß ich, wie ich dorthin kommen soll.

„Mensch Medhi, manchmal bist du echt ein Träumer. Du trittst heute vor einem Haufen schwuler Kerle auf und wenn du nicht aufpasst, werden sie dich mit Haut und Haaren auffressen“, stellt er lachend fest, allerdings bilde ich mir ein, eine gewissen Besorgnis aus seiner Stimme herauszuhören. Er fährt sich mit einer Hand durch die Haare und setzt sich auf mein Bett. Ich lasse mich neben ihn fallen und hoffe, dass ich mich eventuell verhört habe, oder es ist gar nicht derselbe Club.

„Vielleicht ist es ein anderer Club“, murmle ich mich mit schwacher Stimme und kenne die Antwort, noch ehe es Holger ausspricht.

„Nein.“

„Ganz sicher?“

„Ja, ganz sicher.“

„Dann...“

„Was? Willst du etwa kneifen? Deine Chance nicht nutzen, nur weil dich vielleicht ein paar Männer anglotzen? Bisher hast du doch auch keine Probleme mit mir und diesem Kadir gehabt, oder hast du das nur gespielt?“, fährt er mich an und sorgt dafür, dass sich mein Verstand endgültig in Luft auflöst.

„Was?“, hauche ich entsetzt. „Ich habe kein Problem, jedenfalls nicht wegen der Männer, die stören mich nicht. Ehrlich, ich … also ich weiß, ich hätte dir das schon längst sagen sollen, wollte ich auch, das musst du mir echt glauben, aber ich ... ich kann das Wort nicht aussprechen. Keine Ahnung, wieso, es ist… also ich glaube, die Buchstaben explodieren bei jedem Versuch in meinem Mund und dann … na ja, dann ist die Chance wieder weg und du … oder überhaupt und ich will ja, aber da gibt es so viele Dinge … meine Eltern und mein Onkel und … klar, wir sind nicht irgendwie so streng gläubig, also keine von diesen ultrastrengen Muslimen, aber die Familie und der Stolz und die Ehre und ich will … Verstehst du?“ Ich halte die Luft an, denn Holger sagt kein Wort. Stattdessen starrt er mich mit unergründlichem Blick an und das Blau seiner Augen ist ganz dunkel geworden.

„Ich habe kein Wort verstanden“, brummt er nach einer Ewigkeit. Zischend entlasse ich die Luft aus meinen Lungen, denn ich habe das Gefühl, gleich an Sauerstoffmangel zu sterben. Wieso hat er mich denn nicht verstanden? Die Panik und ein seltsam kribbliges Gefühl bringen mich dazu, vom Bett aufzuspringen. Nervös gehe ich ein paar Schritte auf und ab. Die Münzen klirren dabei leise und sorgen dafür, dass ich ruhiger werde. Es gibt kein Zurück und eigentlich …

„Ich bin auch schwul“, sage ich schlicht und hoffe, dass meine Stimme einigermaßen fest dabei klingt.

„Du bist was?“

„Schwul“, wiederhole ich und beginne zu grinsen. Keine Explosion, obwohl ich es nun schon zum zweiten Mal gesagt habe. „Ich bin schwul.“ Beim dritten Mal stellt sich sogar so etwas wie ein Hochgefühl ein.

„Du bist schwul?“, fragt Holger und guckt mich mit großen Augen an.

„Hm“, gluckse ich und fühle mich auf einmal seltsam leicht.

„Seit wann?“ Unglauben schwingt in seiner Stimme mit. Was soll ich denn jetzt machen? Erwartet er etwa einen Beweis?

„Schon immer, vermutlich“, murmle ich und setze mich nun doch wieder neben ihn. „Bin wohl so etwas wie ein Spätzünder.“

„Spätzünder?“, knurrt Holger und schüttelt den Kopf. „Ein Spätzünder, der sich in diesem Outfit den Löwen zum Fraß vorwirft.“

„Na ja, ich will ja nicht … also glaube ich jedenfalls. Das ist doch nur ein Auftritt und danach fahre ich nach Hause und alles ist wie immer.“

„Es ist schon eine ganze Weile nicht mehr wie immer. Das Tanzen hat dich verändert.“

„Aber...“

„Nein, lass mich ausreden. Es ist eine positive Verwandlung. Du bist selbstbewusster, weniger schreckhaft. Du gehst sogar irgendwie anders. Ich mag die Veränderung und jetzt hast du dich auch noch geoutet. Das Tanzen tut dir gut und ich hoffe, du kannst auch den Rest bald richtig genießen.“

Seine Worte beruhigen mich nicht wirklich, ganz im Gegenteil. Sie wühlen mich auf, verursachen ein merkwürdiges Ziehen in meinem Herzen.

„Etwa so wie du?“, erkundige ich mich leise und bekomme nur ein schiefes Grinsen hin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort hören möchte und wünschte, ich könnte die Frage zurückziehen.

„Wenn es dir gefällt, warum nicht? Es gibt viel zu entdecken, also lass es dir nicht noch länger entgehen.“

„Ich bin nicht so“, murmle ich und fühle, wie sich Enttäuschung in mir breit macht. Ganz tief in meinem Inneren hatte ich auf eine andere Reaktion gehofft, obwohl das hier doch genau zu Holger passt. Er hat nie eine Andeutung in meine Richtung gemacht. Wir sind Freunde, mehr nicht.

„Das kann man vorher nie wissen, aber jetzt solltest du dich beeilen, sonst kommst du noch zu spät. Soll ich dich fahren?“, lenkt er meine Gedanken wieder auf den Auftritt und sofort stellt sich das Magengrummeln wieder ein.

„Damit ich auch wirklich hingehe?“, frage ich und zwinge mich zu einem Lachen. Holger grinst nur, steht auf und verlässt mein Zimmer.

Ich ziehe mich um, verstaue das Kostüm vorsichtig in meiner Tasche und sitze wenige Minuten später neben Holger im Auto.

Wir fahren schweigend durch die Nacht. Das nervöse Gefühl hat mich erneut fest im Griff. Mein erster Auftritt! In Gedanken gehe ich die Schritte durch, höre die Musik in meinem Kopf und sehe Kadir neben mir. Er tanzt perfekt und ich bin doch nur ein blutiger Anfänger. Wieso nur habe ich mich zu diesem Auftritt überreden lassen?

Zwei Tänze haben wir in den letzten Wochen geübt. Das Trommelsolo gefällt mir besonders gut, auch wenn es schwer ist, mit den Bewegungen genau den Takt zu treffen. Ich schaffe es immer noch nicht, ohne dabei zu zählen und wenn ich zähle, dann sieht mein Gesicht so angestrengt aus und ich vergesse zu lächeln. Nur Kadir und ich werden am Anfang auf der Bühne sein. Anja und die anderen Frauen der Tanzgruppe kommen erst später dazu und den zweiten Tanz machen wir dann alle gemeinsam. Zwischen den anderen fühle ich mich wohler, da stehe ich nicht ganz so stark im Mittelpunkt.

Mein Herz schlägt mir bis zu Hals und darüber hinaus. Es wummert vom Kopf bis zum kleinen Zeh und ich bin mir sicher, wenn es noch schneller schlägt, dann explodiere ich einfach.

Ich bekomme gar nicht mit, wohin Holger fährt. Erst als das Auto plötzlich anhält, sehe ich mich erstaunt um. Die Gegend erscheint mir vollkommen fremd. Sind wir überhaupt noch in der Stadt? Es wirkt unheimlich und finster und heruntergekommen. Eine blinkende Leuchtreklame zieht meinen Blick an. Es scheint ein altes Fabrikgebäude zu sein, in dem sich der Club befindet. Laserstrahlen malen über ihn Bilder in den dunklen, sternenklaren Himmel.

„Wir sind da“, teilt Holger lapidar mit und schaltet den Motor aus.

„Hm“ Ich kann mich nicht rühren, alle Muskeln sind angespannt und vermutlich bin ich sogar irgendwie am Sitz festgewachsen.

„Willst du nicht aussteigen?“, erkundigt sich Holger grinsend.

„Nein“, flüstere ich und kämpfe gegen die Panik, die allmählich von jeder Zelle Besitz ergreift.

„Nicht schon wieder“, grummelt er und löst seinen Gurt.

In diesem Moment sehe ich Anja auf der andere Straßenseite.

„Bin schon weg“, beschwöre ich ihn und steige schnell aus dem Auto aus.

„Viel Glück“, ruft mir Holger hinterher. „Beim nächsten Mal bin ich dabei!“
*****

Für den Fall, dass ihr die Geschichte noch nicht kennt und euch dieser kleine Ausschnitt neugierig gemacht hat, dann folgt diesem Link:

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  Und hier kommt der Gewinner des Magnetkalenders: 
B-Hoernchen 
Herzlichen Glückwunsch!

Kommentare:

  1. Hey, ich wollte doch endlich mal meinen SuB abbauen ... jetzt hab ich mir die Tänzer gerade wieder auf den Reader geladen 🙈 Ich bin dann mal lesen 😀

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  2. Moin,
    das ist wieder ein toller Ausschnitt.
    LG Sandra

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  3. Ich habe die Geschichte vor gefühlter Erwigkeit gelesen.... jetzt hole ich sie aus den Tiefen meines Readers wieder hervor. Danke für den tollen Ausschnitt. :-)

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  4. Hallo zusammen
    War wieder toll hab das Buch vor sehr langer Zeit gelesen und es war toll wieder mal was aus den tollen Storys zu hören
    Lg Ines

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