Montag, 19. Dezember 2016

Das 19.Türchen

Die letzte Woche und damit auch die letzten Tage meines Adventskalenders. Ich hoffe, ihr habt noch immer Spaß hier auf meinem blog.
Heute habe ich einen letzten Textschnipsel für euch. Ein kleiner Ausschnitt aus einer weiteren weihnachtlichen Geschichte von mir. Ich glaube, diese Geschichte war so etwas wie eine Prämiere für mich, denn bis dahin hatte ich noch nie Fantasyelemente eingebaut und damit eine Art Märchen geschrieben.
Wer diese Story kennt, hat sicherlich erkannt, welches Disney-Märchen mich dabei inspiriert hat. Hier kommt ein kleiner Ausschnitt:

Von Mäusen und Prinzen
Karo Stein
 
Ich schäle mich aus meinen Klamotten. Am Ende bin ich gefühlte fünf Kilo leichter, aber selbst der Stapel Sachen bewahrt mich auf Dauer nicht davor, regelmäßig zu erfrieren. Ich sollte duschen, aber ich mag das widerliche Gefühl nicht, das das warme Wasser auf der Haut verursacht. Deshalb ziehe ich eine Jogginghose und ein Shirt an, wickle ich mich in eine Decke, lege mich aufs Sofa und schalte den Fernseher an. Es ist mir im Grunde egal, was ich mir ansehe. Alles, was mich irgendwie ablenkt, ist gut. Nur diese kitschigen Weihnachtsfilme kann ich nicht ertragen. Am Ende bleibe ich bei einer Tiersendung über Waldmäuse hängen. Die kleinen Nager sind niedlich anzusehen und bieten genügend Unterhaltung, um meinen Kopf frei zu bekommen. Vielleicht sollte ich mir auch ein paar Mäuse anschaffen...

Allmählich taue ich auf und eine angenehme Wärme flutet meinen Körper. Obendrein schlägt die Müdigkeit mit voller Härte zu. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt zum Duschen und danach flink ins Bett kuscheln, aber ich will diesen gemütlichen Platz nicht verlassen. Nur noch ein bisschen die Mäuschen beobachten und dann...

Irgendjemand zupft an meiner Decke. Etwas Warmes berührt mein Gesicht. Klein und… fremdartig, undefinierbar... Ich gebe ein Brummen von mir und versuche das Ding mit der Hand wegzuwischen.
„Aufwachen“, ruft eine seltsam hohe und quietschige Stimme direkt in mein Ohr. Erneut spüre ich eine Wärme auf meiner Haut, die nicht von mir kommt. Federleicht, aber energisch zupft jemand an meinem Ohrläppchen.
„Wach auf!“

Für einen Traum fühlt es sich zu real an. Vermutlich kommt die Stimme aus dem Fernseher und die Berührung stammt von der letzten Fliege, die noch nicht dem Winter zum Opfer gefallen ist. Trotzdem versuche ich die Augenlider zu öffnen. Sie sind viel zu schwer. Mein Körper protestiert und verlangt nach Schlaf, aber ich sollte froh darüber sein, dass mich der Fernseher geweckt hat, denn nun kann ich ins Bett gehen. Dort ist es auf jeden Fall bequemer.

„Nun mach schon.“ Erneut ist die Stimme viel zu dicht an meinem Ohr und auch die fremde Wärme lässt sich nicht mit einer Fliege oder einem seltsamen Traum in Verbindung bringen. Das ist real.
Ich reiße die Augen auf und rutsche gleichzeitig nach oben. Irgendetwas fällt von meiner Schulter. Es ist viel zu dunkel im Zimmer, sodass ich mich noch ein Stück weiter aufrichte und die kleine Lampe neben dem Sofa anschalte. Das Licht blendet mich einen Moment, dann scanne ich blinzelnd mit den Augen die Decke ab.

„Scheiße, kannst du nicht aufpassen?“, kommt es gedämpft aus den Falten der Decke. Etwas Rotes wird sichtbar, dann erscheint ein kleiner grauer Körper … und ich … ich reibe mir über die Augen, starre zum Fernseher und wieder zurück auf die Decke, halte die Luft an und fokussiere noch einmal das Wesen, das sich aufrappelt, das Mützchen zurecht rückt und die kleinen Arme in die Seiten stemmt. Es ist eindeutig eine Maus!

„Geht‘s noch?“, fährt es mich an und stapft über die Decke, als würde es eine Gebirge erklimmen. Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren, aber die Informationen lassen sich einfach nicht logisch verarbeiten. Im Ausschlussverfahren gehe ich alle Möglichkeiten durch: Ich bin nicht betrunken, denn ich habe den ganzen Tag nur Tee zu mir genommen. Pfefferminztee und ohne jeden Alkohol.

Ich habe auch keine illegalen Drogen genommen, außer irgendjemand hätte mir etwas in mein Essen getan.
Ich bin eindeutig wach und mein Verstand scheint auch zu funktionieren.
Der Fernseher läuft noch, aber die Sendung mit den Mäusen ist vorbei. Ich wage einen Blick auf die Uhr. Es ist kurz nach Mitternacht. Ich habe also höchstens eine Stunde geschlafen.
Die Maus krabbelt noch immer über die Decke. Sieht sie mich etwa wütend an?

„Du kannst froh sein, dass ich mir nichts gebrochen habe“, schimpft sie mit Fistelstimme und wackelt dabei mit den dünnen Ärmchen.
„Wer oder was bist du?“, frage ich und spüre, wie mein Herz schneller in der Brust zu schlagen beginnt.
„Siehst du das nicht? Bist du etwa blind?“ Sie kommt näher, rennt über meinen Arm nach oben bis zum Hals. „Ich bin eine Weihnachtsmaus“, raunt sie mir fiepend ins Ohr. Erschrocken rutsche ich vom Sofa runter und lande unsanft auf dem Boden.
„Du bist was?“ Ehe sie antwortet, rennt sie an meinem Arm wieder nach unten, baut sich vor mir auf, hebt das rote Mützchen in die Höhe und räuspert sich. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Karli, eine Nikomaus, im Moment in Abordnung als Weihnachtsmaus.“ Er verbeugt sich, während sich bei mir sämtliche Nackenhaare aufrichten. Ich rede mit einer Maus! Das kann doch nur ein Traum sein.
„Was willst du denn hier?“, erkundige ich mich und überlege, was ich anstellen kann, um mich selbst wach zubekommen.
„Was ist das denn für eine dumme Frage?“ Die Maus setzt sich auf die Hinterpfoten. Sie starrt mich an und wiegt das Köpfchen von rechts nach links, so als würde sie darauf warten, dass ich mir die Antwort selbst gebe. Tatsächlich beginne ich angestrengt nachzudenken.
„Das könnte eine Abwandlung von … hm, hältst du mich etwa für Ebenezer Scrooge?“
„Für wen?“
„Na, du weißt schon... die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Kommen etwa gleich drei Geister vorbei?“

Die Maus sieht mich verständnislos an.
„Dabei ist es das einzige, was unter diesen Umständen logisch erscheint. Ich meine, ich habe doch vorhin diese Mausreportage gesehen und seit Jahren bin ich ein Weihnachtsmuffel. Nur den Vorwurf mit dem Geizkragen, den lasse ich nicht gelten. Ich habe nun mal nicht besonders viel Geld und muss auch noch einen Kredit zurückzahlen und dann das Bafög und … Ich kann echt nichts spenden. Also wenn es das ist... kannst du die Geister echt wieder zurückpfeifen.“
„Bist du nicht ein bisschen groß, um an Geister zu glauben?“, bekomme ich zur Antwort. Sprachlos starre ich die Maus eine Weile an. Sie hält meinem Blick stand. Bildet sich da etwa ein Grinsen in dem kleinen grauen Gesicht? Auf jeden Fall zucken die Schnurrhaare verdächtig.

„Für sprechende Mäuse bin ich nicht zu groß?“ Die Maus kratzt sich am Kopf und rückt die rote Mütze danach grade.
„Hör zu, Cindy, wir haben nicht ewig Zeit...“
„Mein Name ist Sandy“, unterbreche ich sie murrend. Ich hasse es, wenn meine Freunde Cindy zu mir sagen, dabei habe ich doch nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem bekannten Comedystar. Ich bin weder dick noch mag ich rosa und besonders witzig bin ich auch nicht.
„Sandy?“, fragt die Maus verwundert und holt ein winziges Büchlein aus einer Tasche, die quer über seinem Bauch hängt, heraus. „Hier steht Cindy.“
Er kommt trippelnd näher. „Du bist nicht Cinderella?“

„Ich glaub, ich dreh durch. Ich muss aufwachen... unbedingt aufwachen.“ Ich springe hoch, die Maus stürzt erneut mit einem heiseren Schrei ab. Für einen Moment verharre ich, dann sehe ich aber Bewegung in der Decke und beginne im Wohnzimmer hin und her zu rennen.
„Hätte ich gewusst, dass du so gefährlich bist, hätte ich den Helm anstatt der roten Mütze aufgesetzt. Wie kannst du nur so unhöflich sein? Noch nie war jemand so unhöflich zu mir, ich bin schließlich Karli, die Weihnachtsmaus in Abordnung.“

Karli trippelt zu mir, huscht zwischen meinen Beinen hin und her und meckert vor sich hin. Irgendwann bleiben wir beide stehen. Ich gehe in die Hocke und reibe mir den Nacken.
„Also, Karli Weihnachtsmaus...“
„...in Abordnung.“
„Karli, Weihnachtsmaus in Abordnung, was willst du von mir?“
„Hm, das ist eine gute Frage“, erwidert er und holt noch einmal das winzige Buch hervor. „Hier steht Cindy, aber die Adresse ist richtig und … du bist ja auch ein Männchen. Das habe ich ganz furchtbar falsch geplant.“ Die Maus lässt sich nach hinten fallen und versteckt das Köpfchen zwischen den Vorderpfoten. „Dabei bin ich doch nur in Abordnung und es ist meine erste Aufgabe. Was habe ich denn da nur so falsch gemacht? Aber der Ball… du gehst doch morgen zum Ball?“, erkundigt sich Karli und blinzelt mich hoffnungsvoll an.

„Ball? Ich glaube nicht, nein...“, erwidere ich und Karli heult bitter auf.
„Nicht mal ein Ball? Aber was habe ich denn verkehrt gemacht?“ Er springt hoch, kreuzt die Arme auf dem Rücken und huscht hin und her. Ich beobachte ihn dabei und hoffe noch immer, dass ich demnächst aus diesem Traum erwache. Vermutlich habe ich in meinem ganzen Leben noch nie so lebendig und gleichzeitig so absurd geträumt.
„Du heißt nicht Cindy sondern Sandy...“, sinniert er.
„Stimmt.“
„Du bist auch kein Weibchen, sondern ein ziemlich großes Männchen.“
„Hm.“
„Du bist morgen nicht zu einem Ball eingeladen?“
„Also, na ja, wenn du mich so fragst... Als Ball würde ich es nicht bezeichnen... es ist...“
„Ja?“
„Morgen Abend gehe ich tanzen, nur eben nicht auf einem Ball oder so... Also nicht unbedingt märchenhaft, sondern eher...“ Ich verstumme, denn ich bin mir nicht sicher, ob so eine Maus versteht, wie es in dem Club zugeht.
„Und es ist wirklich kein Weihnachtsball?“
„Ähm...“ Ich laufe in die Küche und suche den Flyer, den mir gestern Matthias mit der Aufforderung, endlich mal wieder auszugehen, zugesteckt hat. Ich brauche eine Weile, bis sich die Buchstaben, die dort in Rot und Gold stehen, zu einem sinnvollen Wort zusammenfügen. Dann bleibt mir jedoch die Luft weg und ich lasse das Blatt fallen. Karli ist mir anscheinend in die Küche gefolgt und fängt das Papier auf.
„Na also!“, ruft er freudig und macht mit dem linken Arm eine Siegerpose. „Ich wusste es: Ein Weihnachtsball!“
„Und jetzt?“, frage ich und zupfe ihm vorsichtig das Blatt aus den Pfoten, bevor er sich die halbnackten Kerle mit den goldfarbenen Pants genauer ansehen kann.
Jetzt wird doch noch alles gut.“ 

 *****
Seit ihr neugierig, wie es weitergeht? Sucht ihr noch nach ein paar niedlichen und weihnachtlichen Mäusegeschichten? Dann empfehle ich euch diese Anthologie der HomoSchmuddelNudeln:


Mit dem Kauf tut ihr auch gleich noch Gutes, denn der Erlös dieser Anthologie geht an den Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz. 

*****
Und hier kommt die Gewinnerin der Weihnachtskugel:

Sabrina Schnuerer

Schwaengelbells.com und ich gratulieren herzlich!
bitte schick deine Adresse per email an kath74@gmx.de  
 

Kommentare:

  1. Guten morgen,

    diese kleine Geschichte habe ich bereits gelesen. Sie war ja sooo schön.

    LG Sandra

    AntwortenLöschen
  2. Das ist eine soooo süße Geschichte, ich lese sie immer wieder gerne.

    LG, Petra

    AntwortenLöschen