Samstag, 17. Dezember 2016

Das 17.Türchen

Weiter geht es bei Schwaengelbells.com mit einer kleinen Geschichte.
Viel Spaß damit und .... pssst, schaut unbedingt morgen hier vorbei, der Chef von Schwaengelbells hat noch einen weiteren Gewinn (passend zur Geschichte) zur Verfügung gestellt.

Bevor es los geht verkünde ich hier noch die Gewinnerin der Tasse:

Kathrin
Herzlichen Glückwunsch!
bitte schick deine Adresse per email an kath74@gmx.de
*****

Der Zauber der Weihnachtskugel
Karo Stein

Stundenlang habe ich in der letzten Woche das Internet auf der Suche nach einem witzigen Geschenk durchwühlt. Alex, ein guter Freund und Kumpel, will eine Weihnachtswichtelfeier veranstalten und hat mich dazu eingeladen. Zuerst wollte ich absagen, aber er hat mich schließlich doch überredet. Ich steh nicht so auf diese ganzen Weihnachtsfeiern mit Freunden, Vereinen oder in irgendwelchen Clubs.
Zuhause mit der Familie mag ich es gern, aber diese Partys, die anscheinend jeder aus dem Boden stampfen muss und die am Ende nichts weiter als ein sinnloses Besäufnis sind, finde ich nicht besonders toll. Offenbar bin ich da wohl ein bisschen spießig und altmodisch, denn ich liebe diese besinnlichen Momente unter dem Weihnachtsbaum … Am liebsten mit einem Mann an meiner Seite, aber das wird wohl nur ein Traum bleiben.

Letztendlich habe ich zugesagt und mich auch sogleich auf die Suche nach einer passenden Idee begeben. Wenn schon eine Party, dann wollte ich wenigstens ein Geschenk haben, das ein bisschen verrückt und außergewöhnlich ist.

Schließlich habe ich es gefunden. Der Versand ging zügig. Jetzt halte ich den Karton in der Hand und bin mir nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war. Dabei war meine Intention beim Bestellen ziemlich klar. Ich habe gehofft, dass einer dieser homophoben Spießer, die ebenfalls zu Alex Freunden gehören, das hier auspacken muss. In Gedanken habe ich mir schon mehrmals das Gesicht von Lars, dem Oberspinner, vorgestellt. Der coole Typ, der jedes Mädchen aufreißt, aber in der Nähe eines schwulen Kerls in Panik gerät und dann den ganzen Abend einen schwulen Witz nach dem anderen reißt und ganz nebenbei ständig irgendwelche abwertenden Bemerkungen macht.

Oder Max, das verklemmte Arschloch. Er lächelt mir ins Gesicht, aber sobald ich ihm den Rücken zudrehe, tut er so, als wenn ich ihn dazu nötigen würde, sich mit mir zu unterhalten. Ich schüttle resigniert den Kopf und frage mich, weshalb ich mir diese beiden überhaupt antue. Irgendwie hat sich das so ergeben. Sie sind schon ewig mit Alex befreundet und ich bin im ersten Semester dazugekommen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich mir ein paar andere Freunde gesucht hätte, aber ich verstehe mich mit Alex wirklich gut. Das hat natürlich auch schon für einige Gerüchte gesorgt. Im Gegensatz zu mir ist er nicht schwul. Ehrlich gesagt spielt es für uns auch gar keine Rolle, weil wir einfach auf einer Wellenlänge schwimmen. Wir mögen die gleiche Musik, zocken die gleichen Spiele und haben sogar in den gleichen Fächern Probleme.

Erneut drehe ich die Verpackung in der Hand. In einer Stunde muss ich mich auf den Weg machen. Noch könnte ich Alex absagen. Dafür bräuchte ich allerdings eine wirklich gute Ausrede. Obendrein hätte ich echt ein schlechtes Gewissen, weil er schon seit Tagen von nichts anderem mehr spricht. Er hat alles genau geplant und sogar einen Weihnachtsmann engagiert, der die Geschenke an uns verteilt. Damit ist die Chance, dass ich einem dieser Idioten mein Geschenk unterschmuggeln kann, hinfällig.

Max und Lars sind allerdings längst nicht das einzige Problem. Mit den beiden Spinnern bin ich bisher immer irgendwie zurechtgekommen. Nein, meine Lust auf die Party ist mir eigentlich erst vor ein paar Stunden vergangen. Da hat Alex mich angerufen und ganz freudig mitgeteilt, dass sein Vater auch dabei sein wird. Fuck! Ich weiß es ist klischeehaft und bescheuert, aber ich habe mich tatsächlich in den Vater meines Kumpels verknallt. Keine kleine Schwärmerei für einen älteren Mann, sondern das volle Programm. Ein bescheuerter Blitzschlag, dazu eine ganze Horde Schmetterlinge, Bienen oder sonstiges geflügeltes Getier, die sich in meinem Bauch tummeln. Ich werde wie ein Teenager rot, wenn er mich anspricht, und mir fehlen die Worte, um ihm auch nur einigermaßen vernünftig zu antworten.

Am liebsten möchte ich mich irgendwo verkriechen, um ihn endlich aus meinem Kopf zu bekommen. Vielleicht sollte ich absagen und dann in einen Club gehen. Es wird sich mit Sicherheit ein Typ finden, der mit mir in den Darkroom verschwindet. Möglicherweise hilft schneller und anonymer Sex, um diesen Mann aus meinem Kopf zu bekommen. Ich seufze verzweifelt auf. Natürlich wird es nicht helfen, aber ich habe keine Ahnung, wie ich den Abend durchstehen soll, ohne mich total zu blamieren.
Zum Glück weiß Alex nichts davon und ich hoffe, mein Verhalten ist nicht so peinlich, dass er es demnächst von allein bemerkt.

Zu allem Überfluss ist Jens, so heißt Alex Vater, schwul. Das hat mir Alex erzählt, bevor ich den Mann überhaupt das erste Mal getroffen habe. Damals fand ich es eigentlich eher spannend, weil sie eben so eine besonderen Familienkonstellation haben. Die Eltern waren verdammt jung, als sie Alex bekommen haben. Kurz danach hat sich der Vater geoutet, aber sie haben sich trotzdem beide um den Sohn gekümmert. Mit 14 ist Alex zu seinem Vater gezogen, weil die Mutter für ein Jahr im Ausland arbeiten wollte. Wie gesagt, ich fand das alles interessant, bis dieser Mann vor mir stand und mir mit seinem Anblick die Füße unter dem Boden weggezogen hat. Jetzt wünschte ich wirklich, ich wüsste nicht so viel von ihm. Obendrein ist er Single und irgendwie … ja, also ganz theoretisch besteht die Chance …

Vermutlich bin ich ihm viel zu jung und obendrein ein Freund seines Sohnes. Das ist schon irgendwie abgefuckt … Aber trotzdem … Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich zu einem anderen Mann derart intensiv hingezogen gefühlt habe. Er hat eine echt tolle Figur und wahnsinnig blaue Augen. Ein sexy Mund, eingerahmt von einem Drei-Tage-Bart. Oh Mann, ich würde ihn wirklich gern mal küssen und … Ich presse die Augen fest zusammen und spüre, wie der Gedanke meine Fantasie anheizt. Mir wird heiß und da ist auch ein gewisser Druck in der Hose.
Ich sollte wirklich nicht in so einer Weise an ihn denken.
Abermals betrachte ich das Geschenk. Die Vorstellung, dass Jens es anstatt einer der anderen Jungs bekommt, treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Leider habe ich spontan auch keine alternative Idee, einmal abgesehen davon, Alex anzurufen und abzusagen.

Ein weiterer Blick auf die Uhr lässt mich ungehalten aufstöhnen. Ich muss eine Entscheidung treffen. Entweder sage ich Alex jetzt ab oder ich packe alles ein und mache mich auf den Weg. Ich könnte das Geschenk auch zufällig zu Hause vergessen, aber das wäre eine ganz dämliche Ausrede.
Clubbesuch oder Weihnachtsparty? Im Grunde kennt mein Herz längst die Antwort. Auch wenn der Verstand es für keine gute Idee hält, so weiß ich doch, dass ich zur Feier gehen werde. Schon allein, um ihn heimlich zu beobachten und mir ein paar neue Vorlagen zum Träumen und wichsen zu besorgen … Vielleicht kann ich sogar ein paar Fotos von ihm machen … Diese Chance werde ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen.

Davon abgesehen sind auch ein paar Leute da, die ich ganz gern mag.
Ich schneide das Papier zurecht und verpacke mit einem Grinsen das Geschenk.
„Schwaengelbell.com“, nuschle ich vor mich hin. So heißt der Internetshop, in dem ich eingekauft habe. Es gab so viele witzige und versaute Sachen dort, dass ich stundenlang damit beschäftigt war, alle möglichen Rubriken durchzuwühlen. Es ist schon erstaunlich, dass ich für mich nichts bestellt habe. Leider sieht es auf meinem Konto im Moment nicht wirklich rosig aus, sodass ich mir keine zusätzlichen und unnötigen Ausgaben leisten kann. Anderenfalls hätte ich in diesem Jahr meine kleine Wohnung mal so richtig festlich dekoriert. Die Rentiere waren einfach zu schön und die Kerzen in Penisform, der Türkranz und die vielen lustigen Weihnachtsbaumkugeln… Seufzend binde ich ein Band um die Kiste. Es ist eigentlich viel zu schade zum Verschenken. Vor allem, wenn wirklich einer dieser Idioten die Kiste aus dem Sack holt. Hoffentlich schmeißen sie sie nicht einfach weg.

Während ich mich auf den Weg mache, fängt es an zu schneien. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und beeile mich. Bis ich ankomme, bin ich durchnässt und ziemlich erfroren.
Vor dem Haus, in dem Alex wohnt, treffe ich Lars. Er begrüßt mich mit einem Brummen und verschwindet im Inneren der Wohnung, kaum dass Jens die Tür geöffnet hat. Ausgerechnet Jens muss mir jetzt gegenüberstehen, wo ich wie ein Schneemann aussehe. Trotz der Kälte wird mir kochend heiß. Mühsam murmle ich einen Gruß und komme mich so albern vor, dass ich am liebsten wieder umdrehen möchte.
„Das Geschenk kannst du dort in den Sack packen“, sagt er und lächelt mich dabei an. Ich nicke und entledige mich meines Mitbringsels mit einem leisen Seufzen.
„Gib mir mal deine Jacke, ich hänge sie im Bad auf. Sie ist ja ganz nass.“
Ehe ich mich versehe, steht Jens viel zu dicht hinter mir und zupft an meinem Ärmel. Mit zittrigen und eiskalten Fingern versuche ich den Reißverschluss zu öffnen, aber er verklemmt sich im Stoff. Ich zerre wie ein Blöder daran und befürchte schon, dass ich mir eine neue Jacke zulegen muss, als sich plötzlich seine Hände auf meine legen.

„Moment, lass mich das mal machen.“ Verdammt, er kniet sich vor mich. Das ist so furchtbar peinlich, dass ich am liebsten im Erdboden versinken möchte. Zu allem Überfluss regt sich mein Schwanz. Ich kann gar nicht hingucken. Dieses Bild werde ich doch nie wieder aus dem Kopf bekommen.
„Was ist denn hier los?“, ruft Alex feixend und kommt auf uns zu.
„Der Reißverschluss klemmt“, sagt Jens grinsend.
„Vielleicht sollte ich sie mir einfach über den Kopf ziehen“, murmle ich heiser und versuche Jens zu entkommen.
„Quatsch, ich habe es gleich“, erwidert dieser und zwinkert mir zu.
„Ihr wisst schon, wie das aussieht, oder?“, fragt Alex und krümmt sich vor Lachen.
„Idiot“, fluche ich und werfe ihm einen grimmigen Blick zu.
„Fertig“, ruft Jens in diesem Moment. Ich mache regelrecht einen Satz nach hinten, um seiner Nähe zu entkommen. Außerdem hoffe ich, dass er nicht doch noch bemerkt hat, dass ich hart geworden bin. Ich habe leider eine ziemlich enge Hose an.

Mit einem gemurmelten „Danke“ verziehe ich mich schließlich und geselle mich zu zwei Frauen, die ebenfalls zu meiner Lerngruppe gehören. Deshalb quatschen wir die meiste Zeit auch über unser Studium, über die Professoren und die Prüfungen, die bereits Ende Januar auf uns warten. Wir nehmen uns vor, die nächsten Wochen intensiver zu büffeln.
Eigentlich finde ich, dass Glühwein nur etwas für draußen ist, aber ich habe meinen Becher bereits zum dritten Mal nachgefüllt. Die Wirkung lässt sich nicht verleugnen. Mir ist nicht nur entsetzlich heiß, sondern auch ein bisschen schwindelig.

Immer wieder suche ich nach Jens. Wieso sieht er nur so verdammt sexy aus? Ich würde mich auf der Stelle von ihm vernaschen lassen. Allein der Gedanke bringt mein Herz zum Stolpern und ein heftiges Kribbeln erfasst meinen Schwanz. Allerdings bin ich mir sicher, dass ich keine Chance habe. Wie auch? Ich bin Alex Freund und er ist sein Vater … Heißt es nicht immer, dass wir für unsere Eltern niemals aufhören, Kinder zu sein? Noch heute kümmert sich meine Mutter um meine Klamotten, sobald ich zu Besuch komme. Sie kauft mir Unterhemden, damit sich meine Nieren nicht verkühlen. Dabei finde ich die Dinger so unsexy wie nichts auf der Welt. Natürlich will ich meinem Körper keinen unnötigen Schaden zufügen, aber ich trage sie trotzdem nicht. Vermutlich gehört die Sache mit dem Reißverschluss in die gleiche Kategorie. Die winzige erotische Stimmung habe ich mir nur eingebildet, weil Jens einfach nur den Jungen gesehen hat, der zu doof war, seine Jacke anständig zu öffnen. Sollte er meine Erektion bemerkt haben, dann hat er sich vermutlich nur über die Jugend amüsiert. Scheiße, das ist echt bescheuert.

Ich nehme meinen leeren Becher und gehe in die Küche, um das miese Gefühl mit mehr Glühwein zu vernichten.
„Gleich geht es los“, sagt Alex und klatscht freudig in die Hände. „Was ist denn in deinem Päckchen drin?“
„Das verrate ich nicht, aber es wäre so cool wenn einer deiner Arschlochfreunde es bekommen würde.“
„Nenn sie doch nicht so. Eigentlich sind Lars und Max total in Ordnung.“
„Wenn man von ihrer winzigen homophoben Ader absieht“, füge ich grinsend hinzu.
„Na ja, so sind sie halt, aber ich glaube, sie meinen es eher lustig.“
„Findet das dein Vater auch witzig oder sind sie zu ihm nicht so?“
„Hm, irgendwie sind sie da anders.“
„Wow, dann darf ich mich also besonders geehrt fühlen?“
„Mensch, Malte. Ärgere dich nicht über die beiden. Sie sind es echt nicht wert.“
„Es sind deine Freunde...“, gebe ich zu bedenken, aber Alex zuckt nur mit den Schultern.
„Ich komme gut mit ihnen zurecht, aber ich habe ihnen auch schon ziemlich oft gesagt, was ich von ihren bescheuerten Kommentaren und Witzen halte. Du weißt, dass ich auf deiner Seite stehe.“
„Sorry“, erwidere ich und bekomme tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Eigentlich will ich gar nicht, dass er sich für irgendeine Seite entscheiden muss. Immerhin haben die beiden mit mir ein Problem und das hat ja nichts mit Alex zu tun.

„Also verrätst du mir, was du gekauft hast?“
„Hast du schon mal von dem Internetshop Schwaengelbell.com gehört?“, frage ich grinsend.
„Nein“, erwidert er, aber irgendwie schaut er mich dabei so seltsam an. Vermutlich habe ich wirklich schon zu viel Alkohol getrunken. „Aber der Name klingt echt geil.“
„Die haben allerlei Weihnachtszeug und es ist ziemlich schwul und versaut und ...“
„Oh mein Gott. Was ist in dem Päckchen?“
„Eine rote Weihnachtkugel, auf der zwei Rentiere ficken.“
„Nicht dein Ernst“, brüllt Alex lachend. „Scheiße, welches war dein Päckchen? Ich will es haben.“
„Vielleicht hast du ja Glück“, behaupte ich und lache ebenfalls.
„Du kommst auf verrückte Ideen. Hast du noch mehr bei Schwaengelbells gekauft?“ Und schon wieder sieht er mich mit so einem seltsamen Blick an. Irritiert schüttle ich den Kopf.
„Ich musste mich echt zurückhalten, sonst hätte ich mir das eine oder andere Teil gekauft. Es gab auch so tolle Tassen ...“
„Du bist echt irre. Da bin ich ja gespannt, wer sie bekommt.“
„Ich hoffe noch immer auf Lars oder Max“, gebe ich grinsend zu.
„Das wäre aber eigentlich schade. Ich sollte sie vielleicht meinem Vater in die Hände spielen.“
Vor Schreck verschlucke ich mich und laufe puterrot an. Die Möglichkeit, dass Jens diese Kugel bekommt, versetzt mich in Panik. Zum Glück steht ja kein Name dabei oder irgendetwas anderes, was auf mich schließen lässt.

Etwas später geht die Bescherung los. Der Weihnachtsmann, den Alex organisiert hat, sitzt auf einem bequemen Sessel. Der Sack mit den Geschenken steht neben ihm. Wir haben uns alle um ihm herum drapiert. Seltsamerweise steht Jens dicht neben mir. Vermutlich ist es der Alkohol, der mein Hirn vernebelt, aber ich lehne mich möglichst unauffällig gegen ihn. Ein dezenter Parfümduft hüllt mich ein. Ich würde jetzt wirklich gern meine Nase gegen seinen Hals drücken. Immerhin lässt er sich mein aufdringliches Verhalten gefallen und ergreift nicht die Flucht.
Vielleicht ist es allerdings auch nur wieder so ein Vater-Ding. Er hat sicherlich längst bemerkt, dass ich nicht mehr ganz nüchtern bin und …

Meine Aufmerksamkeit wird auf den Weihnachtsmann gelenkt, der zuerst ein paar Frauen nach vorn ruft. Jede darf sich auf seinen Schoß setzen, während sie ihr Päckchen auspackt. Es kommen lustige bis alberne Sachen zum Vorschein. Weihnachtsdekorationen, Eulen in allen Variationen, Süßigkeiten …

Als Max an der Reihe ist, halte ich die Luft an. Leider greift er nach einem anderen Paket.
„Mist“, fluche ich enttäuscht vor mich hin.
„Alles in Ordnung?“, erkundigt sich Jens. Kommt es mir nur so vor oder ist sein Gesicht viel zu nah? Ich starre in seine Augen, was die Insekten in meinem Bauch aufscheucht und meinen Bauch zum Vibrieren bringt.
„Ich … ja, war nur ...“ stammle ich unsinnig vor mich hin, schüttle den Kopf und versuche mich wieder auf den Weihnachtsmann zu konzentrieren. Der kommentiert jedes Geschenk mit witzigen Sprüchen. Es wäre eigentlich eine echt lustige Aktion, wenn mich Jens Nähe nicht total von den Socken hauen würde … Apropos Socken, die hatte gerade Lars in seinem Päckchen. Rote Socken mit Rentiergesichtern … Fuck, die poppenden Tierchen gehen also an jemand anderen.
Entsetzt stelle ich fest, dass Jens auch noch nicht vorn war. Ebenso wie ich, aber mein Name wird in diesem Moment aufgerufen. Ich wanke ein wenig, schaffe es aber ohne Zwischenfall auf den Schoß des Weihnachtsmannes.

„Na, was darf es denn für dich sein?“, erkundigt er sich mit einem Schmunzeln.
„Ein Arschpfropf wäre bestimmt toll für ihn“, ruft Lars, der Idiot. Ich presse die Lippen fest zusammen. Der Weihnachtsmann scheint verwirrt zu sein, auch die anderen reagieren nicht darauf. Die seltsame Stille macht es noch schlimmer und peinlicher für mich.
„Vielleicht habe ich ja Glück“, nuschle ich und grinse verlegen. Ich schnappe wahllos nach einem kleinen Geschenk und fördere eine kitschige Nussknackerfigur zu Tage.
„Ein Nussknacker ist auch passend, oder Malte?“, ruft Lars erneut. Ich strecke ihm den Mittelfinger entgegen und verschwinde mit meinem Geschenk aus dem Raum.
Im Flur denke ich einen Moment darüber nach zu gehen. Es würde vermutlich gar nicht auffallen. Ich bleibe zögernd vor meinen Klamotten stehen, drehe mich dann jedoch um und steuere erneut die Küche an. Irgendwie interessiert es mich jetzt nicht mehr, wer die Kugel bekommt. Ich hätte sie für mich behalten sollen … Es wäre überhaupt besser gewesen, wenn ich mir diesen Besuch gespart hätte.

Lars erscheint nun ebenfalls in der Küche. Scheiße, der hat mich gerade noch gefehlt. Er geht zum Topf mit dem Glühwein und gießt eine Kelle voll in seine Tasse.
„Willst du auch noch?“, fragt er und deutet auf meinen Becher. Stirnrunzelnd verneine ich.
„Manchmal bin ich ein Idiot“, sagt er schließlich und stellt sich neben mich.
„Und?“, erkundige ich mich und hoffe, es klingt so genervt, wie ich mich fühle.
„Ist nichts Neues, oder?“ Er lacht leise und trinkt einen Schluck. „Ich hoffe, du weißt, dass es nicht persönlich ist.“
„Nicht persönlich?“, frage ich ungehalten. „Natürlich ist es das. Du machst Witze über meine Sexualität, dabei geht sie dich nichts an, solange wir nicht miteinander ficken.“
Lars verzieht das Gesicht, aber ich habe echt die Nase voll. „Es ist persönlich, weil du dich über etwas lustig machst, für das ich nichts kann. Glaubst du es macht Spaß, der schwule Kerl zu sein, bei dem jeder Hetero die Arschbacken zusammenkneift und auf Abstand geht? Ich verurteile dich auch nicht für die Frauen, mit denen du es treibst, und ehrlich, ich will gar nicht wissen, was ihr macht, aber ich habe gehört, dass es vielen Männern ebenfalls gefällt, wenn Frauen ihren Arsch hinhalten. Wo ist der Unterschied?“
Ich rede mich in Rage und der Glühwein in meinem Blut heizt mich noch zusätzlich an.
„Sorry, vermutlich hast du recht.“
„Fick dich“, antworte ich grimmig und gehe wütend an ihm vorbei.

Jetzt bin ich mir sicher, dass es besser ist zu gehen. Ich wühle mich durch den Stapel Jacken, als sich hinter mir jemand räuspert. Auf eine weitere dämliche Entschuldigung habe ich echt keinen Bock.
„Eine beeindruckende kleine Rede“, sagt eine Stimme hinter mir. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, zu wem sie gehört. Meine Knie werden automatisch weich. Ich zucke mit lediglich mit den Schultern und suche weiter nach meiner Jacke.

„Der Weihnachtsmann war echt nett zu mir. Er hat mir diese tolle Kugel geschenkt.“
Entsetzt fahre ich herum und beobachte mit vor Schreck geweiteten Augen, wie Jens die Kugel betrachtet. „Ich liebe Schwaengelbells, da habe ich schon einiges bestellt, aber das hier fehlt noch in meiner Sammlung.“
„Sammlung?“, murmle ich. Das Blut rauscht in meinen Ohren und das schwindlige Gefühl verstärkt sich augenblicklich. Jens kommt auf mich zu. Das Grinsen, das seinen Mundwinkel umspielt, erscheint mir irgendwie raubtierhaft. In diesem Moment habe ich nicht mehr das Gefühl, dass er mich wie ein Vater ansieht, sondern eher … Meine Fantasie spielt mich ganz bestimmt einen Streich. Ich bin ein Idiot, wenn ich aus diesem Grinsen irgendeine Hoffnung ableite.

„Willst du sie vielleicht mal sehen?“
„Weiß nicht“, antworte ich verwirrt. Er steht so dicht vor mir, dass ich wirklich nur den Kopf ein Stück heben muss, um seine Lippen zu berühren. Mir wird so flau im Bauch, dass ich Angst habe, mich zu übergeben.
„Ich könnte den Frühstückstisch mit dem geilen Rentiergeschirr decken...“
„Frühstück?“, wiederhole ich stotternd.
Jens lacht, stellt die Kiste mit der Kugel vorsichtig zur Seite und umfasst mein Gesicht mit seinen Händen. Er bringt mich dazu ihn anzusehen. Ich schlucke schwer. Mein Herz hämmert so hart in der Brust, dass es mir vermutlich die Rippen brechen wird. Panisch ziehe ich die Unterlippe zwischen meine Zähne. Das ist nur ein Traum... in Wirklichkeit stehe ich noch immer in der Küche und unterhalte mich mit Lars. Ein Abwehrmechanismus, um diesen Idioten zu ertragen. Es fühlt sich allerdings viel zu real an, als seine Lippen sanft über meinen Mund schmusen. Ich stöhne ungehalten auf und versuche zu begreifen, was hier passiert.

„Die ganze Zeit halte ich mich zurück, weil du der Freund meines Sohnes bist. Viel zu jung und … keine Ahnung, ich habe tausende Argumente, die mich zurückhalten. Und dann sagt Alex, dass ich mich nicht so anstellen soll. Du wärst total verknallt in mich und ich sollte endlich meinen Arsch bewegen, bevor dich ein anderer Kerl wegschnappt.“
„Was?“, quietsche ich wenig männlich.
„Hat er unrecht? Ich hoffe nicht, denn ich bin wirklich sehr interessiert.“
„Sehr interessiert?“, wiederhole ich und komme mir wie eine kaputte Schallplatte vor. „Seit wann und warum?“
„Seit ich dich das erste Mal gesehen habe. Es war, als würde mein Schädel explodieren. Ich habe wirklich versucht, dieses unfassbare Gefühl zu ignorieren … Wenn du die Sache nicht sofort unterbindest, könnte es sein, dass ich nie wieder aufhören kann.“

„Unterbinden? Ganz bestimmt nicht.“ Mit einem kleinen Aufschrei schlinge ich die Arme um seinen Hals und drücke mein Gesicht endlich gegen die warme Haut am Hals. Tief atme ich seinen wunderbaren Duft ein und fühle mich so unglaublich berauscht, dass ich noch immer den Eindruck habe, in einem Traum gefangen zu sein.
„Ein Weihnachtswunder“, ruft Alex hinter uns und klatscht in die Hände. Es ist mir peinlich, ihn anzusehen, also verkrieche ich mich regelrecht in Jens.
„Mach ihn nicht kaputt“, ermahnt er seinen Vater und mein Gesicht steht abermals in Flammen.
„Keine Sorge, ich passe gut auf ihn auf.“
„Perfekt“, erwidert Alex. Jetzt linse ich doch vorsichtig über Jens Schulter. Alex zwinkert mir zu und streckt einen Daumen in die Luft. Ist es wirklich so einfach?
„Also“, fragt Jens und schiebt mich ein Stück von sich weg. „Wie sieht es aus mit dem Frühstück?“
„Okay“, erwidere ich unsicher. „Wann soll ich morgen da sein?“
Jens sieht mich amüsiert an, dann kratzt er sich scheinbar verlegen am Kopf.
„Also ich dachte … ich dachte, wir hängen jetzt die Kugel gemeinsam an den Baum. Dann zünden wir ein paar Kerzen an und … und ...“
„Du willst, dass ich bei dir übernachte?“, frage ich atemlos.
„Keine Sorge, wir müssen nichts überstürzen oder so, obwohl mich deine kleine Ansprache in der Küche übers Ficken ziemlich angemacht hat … einfach ein bisschen kuscheln würde mir reichen. Ich habe gerade das stürmische Bedürfnis dich nicht mehr loszulassen.“
„Ich glaube, ich stecke in irgendeinem Traum fest. Woher weiß ich, dass das hier echt ist?“ Mir schwirrt der Kopf.

„Hilft das?“, fragt er, greift nach meinem Kinn und küsst mich zärtlich. Seufzend erwidere ich die Berührung und heiße seine Zunge in meinem Mund willkommen. Er schmeckt toll, ein bisschen nach Glühwein und Zimt. Vermutlich werde ich davon noch betrunkener, denn meine Beine tragen mich kaum noch und in meinem Kopf scheint sich nur noch angenehme Leere zu befinden.
Als wir uns atemlos lösen, sieht Jens mich fragend an. Zuerst begreife ich nicht, aber dann wackle ich gespielt nachdenklich mit dem Kopf.
„Ich schätze, ich brauche noch ein bisschen mehr davon.“






Kommentare:

  1. Ein süßes Weihnachtswunder.
    So jetzt geht es an den Endspurt, damit auch bei uns ein ruhiges und fröhliches Weihnachten einziehen kann.
    Ein schönes 4. Adventswochenende
    LG Anna

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  2. Guten morgen.
    Und zucker.
    Lg Sandra Fellmann

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  3. Guten Morgen zusammen
    Auch wieder eine Tolle Geschichte einfach süß
    Ein schönes 4. Adventswochende
    Lg Ines

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  4. Hallo zusammen,
    eine schöne Geschichte.
    Ein schönes Adventswochenende.
    Gruß
    Kathrin

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  5. Allen ein schönes 4. Adventswochenende.
    Eine wirklich süße Geschichte :)

    LG Selma

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  6. Guten Tag Karo,
    eine total schöne Geschichte zum 4. Advent.
    Dankeschön <3
    LG Angelika

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  7. Eine tolle Geschichte...bittebitte mehr von schwaenglebells :-
    Lg
    Martina

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  8. Eine sehr süße kleine Geschichte! Ich bin schon sehr auf das Bild vom morgigen Gewinn gespannt 😍

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  9. Guten Abend Karo!

    Juchu eine neue kleine Geschichte von Schwaengelbells^^ Ich gönne Malte und Jens ihr kleines Weihnachtswunder von Herzen.
    Du machst mich echt neugierig, was es morgen im Türchen geben wird. Vielleicht die Weihnachtsbaumkugel aus der heutigen Geschichte?

    LG Piccolo

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