Samstag, 9. Juli 2016

Der zweite Kuss

Heute geht es weiter. Der nächste Kuss, diesmal zu einem ganz besonderen Anlass.

Hochzeitskuss

Wer hätte gedacht, dass ich jemals hier stehen würde? Ein alberner Brauch, eine Zeremonie, die vollkommen unnütz ist. Es gibt so viele wichtige Dinge im Leben, aber ich war mir immer sicher, dass das hier nicht dazugehört. Es ist keine Errungenschaft, die ich jemals für mich wollte. Ich wusste genau, wie mein Leben verlaufen soll, was ich erwarten kann und wohin der Weg mich führt. Ich habe alles geplant, bin immer den geraden Weg gegangen, kein Abzweig, kein Umweg. Alles war so logisch und vorherbestimmt. Ich wusste immer wer ich bin und was ich wollte. Heiraten oder … verpartnern gehört nicht dazu. CSD´s gehören nicht dazu. Statusmitteilungen auf Facebook ebenfalls nicht. Mein Job, mein Auto, mein nächster Fick... 

Ich streiche nervös durch die Haare und kann nicht glauben, dass ich hier vor diesem Rathaus stehe, umgeben von meiner Familie, von Freunden und schrillen Typen, die mit ihren hochhackigen Schuhen und Glitzerklamotten jeden Blick auf sich ziehen. 

Ich bin hier, nur er noch nicht. Wer hätte auch erwartet, dass er diese eine Mal pünktlich ist? Immerhin haben wir es seiner Unpünktlichkeit zu verdanken, dass wir uns überhaupt über den Weg gelaufen sind. Genau genommen, hat er mich im wahrsten Sinn des Wortes umgerannt, mich umgehauen und mit seiner ungestümen Art meine Welt auf den Kopf gestellt. Aus Geradlinigkeit wurde Chaos, aus zielgerichtet, ein Labyrinth … und aus Ficken Liebe. 

Nervös schaue ich auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Er macht es mal wieder spannend. Meine Mutter zupft an meinem Anzug. Karsten, mein bester Freund und Trauzeuge klopft mir auf die Schulter. Ich werfe ihm einen unsicheren Blick zu, den er mit einem breiten Grinsen erwidert. Das ist nicht beruhigend. 

„Er war doch noch nie pünktlich“, sagt er schließlich. „Es wäre besser gewesen, ihr hättet die Nacht zusammen verbracht.“
„Als wenn ich das nicht gewollt hätte“, knurre ich und starre die Straße entlang. „Er musste ja unbedingt einen auf Braut machen und zu Hause schlafen.“
„Deine süße Braut wird jeden Augenblick auftauchen“, sagt Karsten beschwichtigend. Ich werfe ihm einen grimmigen Blick zu, den er mit einem Lachen beantwortet.
Fünf Minuten. Die Standesbeamtin erscheint in der Tür und begrüßt uns. Fragend sieht sie mich an, aber Karsten erklärt ihr, dass mein zukünftiger Mann jeden Moment erscheinen wird. Ich habe keine Ahnung, woher er die Zuversicht nimmt. In meinem Kopf jammert eine kleine Stimme, dass er mich auch versetzen könnte, dass es gar nicht echt wahr und ich mich hier vollkommen zum Trottel mache. Ich schüttle den Kopf, aber der Gedanke lässt sich nicht vertreiben und sorgt dafür, dass ein erster Anflug von Panik mich gefangen nimmt. 

Die Gäste gehen nach drinnen. Karsten und ich bleiben vor der Tür.
„Können wir nicht einfach verschwinden bevor es peinlich wird?“, frage ich leise.
„Peinlich? Das ist doch mittlerweile ein Zustand, an den du dich mit deiner Nervensäge gewöhnt haben solltest.“
„Nenn ihn nicht so“, brummle ich.
„Wenn er nicht so wäre, gäbe es dieses ganze Theater nicht und du müsstest hier nicht mit so einer Leidensmiene herumstehen. Willst du ihn noch mal anrufen?“
„Die Mailbox springt sofort an. Ich kann ihn nicht erreichen, Karsten. Ich verstehe ...“ Weiter komme ich nicht, denn Andi kommt angestürmt. 

„Noch nicht zu spät“, ruft er atemlos. Die Worte hallen in meinem Kopf wider, aber ich kann ihn nur fassungslos ansehen.
„Gott, er ist verdammt heiß“, raunt Kasten mir zu. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass er so aussehen kann …“
„Ich auch nicht“, gebe ich überwältigt zu.
Schließlich steht Andi schwer keuchend vor mir. Er lächelt unsicher.
„Will ich wissen, was passiert ist?“, frage ich mit einer Mischung aus Wut und Erleichterung.
„Besser nicht“, sagt er und beginnt auf seiner Unterlippe zu kauen.
„Seid ihr bereit?“, fragt Karsten und schiebt uns, noch ehe wir antworten, ins Innere des Gebäudes. 

Die Standesbeamtin lächelt uns an.
„Ich bin froh, sie beide zu sehen“, sagt sie und schüttelt Andis Hand.
„Tut mir leid“, nuschelt er verlegen. Erstaunt sehe ich ihn an. Normalerweise strotzt er vor Selbstbewusstsein und lässt sich von niemanden ein schlechtes Gewissen einreden, nur weil er ein paar Minuten oder Stunden später erscheint. Wenn man mit Andi pünktlich sein will, muss man ihn schon persönlich unter Kontrolle halten. Bisher gelingt mir das ziemlich gut und es macht vor allem unglaublich viel Spaß. Deshalb hätte ich gleich daran denken sollen, dass es heute auch nicht anders sein wird. Auch wenn es das ist, was er sich mehr als alles andere gewünscht hat.

Karsten ist nun ebenfalls weg und wir beide stehen allein vor der Tür.
Wir sehen uns an. Dieser schuldbewusste Ausdruck in seinem Gesicht passt gar nicht zu Andi. So will ich ihn nicht sehen. Er soll vor Glück strahlen. Schließlich ist er es doch, der an diese Sache hier glaubt und ihr mehr Bedeutung zuschreibt, als sie in Wirklichkeit hat.
„Ich liebe dich“, sage ich schlicht und schiebe meine Hand in seine.
„Habe ich es versaut?“, fragt er schüchtern.
„Du? Wie könntest du jemals etwas versauen?“ Ich stelle mich direkt vor ihn, streichle mit der freien Hand seine Wange. „Komm schon, dein Auftritt, schnapp dir den heißen Kerl.“
Aus dem schmalen Lächeln wird ein süffisantes Grinsen. „Ich kriege ihn für immer.“
„Solange, wie unsere Ewigkeit währt.“
„Mein wunderbarer Optimist“, erwidert er kichernd.

Die Musik, die Andi ausgesucht hat, setzt ein, die Tür wird geöffnet und wir schreiten an den Gästen vorbei, bis ganz nach vorn. Im Grunde macht es mir nichts aus, im Mittelpunkt zu stehen. Ich habe kein Problem damit vor hunderten Menschen eine Rede zu halten oder mich geschickt in Szene zu setzen. Bei dieser Veranstaltung zittern jedoch meine Knie, der Hals ist staubtrocken, dafür werden meine Handflächen feucht. Ich sehe lächelnde Gesichter, aufmunterndes Zunicken und vermutlich auch Erleichterung darüber, dass Andi neben mir geht. 

Die Rede der Standesbeamtin bekomme ich kaum mit, aber ich höre meine Mutter hinter mir seufzen. Als wir uns erheben müssen, beginnt mein Herz erneut zu rasen. Ich kann nicht glauben, dass wir es durchziehen. Obwohl ich mir sicher bin, dass ich keinen Ton herausbekomme, ist meine Stimme erstaunlich fest. Dafür krächzt Andi so süß, dass ich ihn am liebsten auffressen möchte.

Mit zittrigen Finger streifen wir uns gegenseitig die Ringe über. Der obligatorische Hochzeitskuss … ich beuge mich vor, will meinem Mann einen schnellen Schmatz auf die Lippen drücken, aber er hat natürlich andere Pläne. Er packt mich am Kragen meiner Anzugjacke. Ein Raunen geht durch den Raum. Ehe ich mich versehe, küsst er mir die Seele aus dem Leib. Trotz der Anspannung kann ich nichts dagegen machen, dass ich augenblicklich hart werde. Seine Zunge streicht über meine Lippen, knurrend lasse ich sie ein, was er hemmungslos ausnutzt, um mich vor all den Leuten symbolisch um den Verstand zu ficken. Aus dem Raunen ist mittlerweile ein Johlen, begleitet von Pfiffen geworden. Schließlich löst sich Andi von mir. Seine Augen leuchten verheißungsvoll.
„Mein Mann“, flüstert er voller Stolz. Ich starre auf seine dunkel glänzenden Lippen und spüre, wie das Blut heiß durch meine Adern rauscht. 

„Dann fehlen nur noch die Unterschriften“, sagt die Standesbeamtin mit einem Räuspern und bittet uns neben sich. Es ist gar nicht so leicht, meinen Namen zu schreiben, wenn sich in meinem Kopf ein ganz anderer Film abspielt. Einer, den Andi mit diesem Kuss gestartet hat und der sich noch immer in meiner Hose manifestiert.
Zu sehen, wie er mit dem gleichen Nachnamen unterschreibt, macht es plötzlich so real. 
 
Hände schütteln, Umarmungen, Gequietsche, Reden, verrückte Geschenke, Musik, Spiele, Tortenschlacht … irgendwann weit nach Mitternacht wiegen Andi und ich uns im Takt eines langsamen Liedes. Er schmiegt sich dicht an mich. Ich genieße seine Wärme, den wunderbaren Duft und die Nähe.

„Fast geschafft“, sage ich leise und kann nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken.
„Jetzt kommt doch erst das Beste“, behauptet er und lächelt mich verschmitzt an. „Gleich kannst du mich aus diesem geilen Anzug auspacken und dann erfährst du auch, weshalb ich beinahe zu spät gekommen bin.“
„Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag“, erwidere ich, hebe sein Kinn und hauche einen Kuss auf seine Lippen. „Mindestens so sehr, wie ich mich auf unser gemeinsames Leben freue.“




Kommentare:

  1. Dankeschön für die zweite Geschichte. Auch sie hat mir sehr gut gefallen.

    LG Piccolo

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  2. Süß.😊
    Danke für diese kleine Geschichte.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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  3. Hach! Sooo süss!! ❤️❤️❤️❤️

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