Mittwoch, 13. Juli 2016

Der dritte Kuss

Hier kommt auch schon der letzte Kuss. Die Zeit vergeht so unglaublich schnell und mein Urlaub ist fast vorbei.
Nach dem Begrüßung-und dem Hochzeitskuss kommt jetzt der Abschiedskuss.

Abschiedskuss

Ein letzter Kuss. Fest pressen sich seine Lippen auf meinen Mund. Ich spüre die unterdrückte Leidenschaft, die Sehnsucht... Bilder der letzten Nacht ploppen in meinem Kopf auf. Ich stöhne leise, kann nichts gegen den aufwallenden Schmerz in meiner Brust machen. Er schiebt mich sanft von sich, lächelt, aber seine Augen sehen mich traurig an. Wir atmen tief durch, dann werde ich erneut in eine Umarmung gezogen. Diesmal sind die Lippen viel weicher, die Zunge verspielter und doch ist das Gefühl nicht weniger intensiv. 

Atemlos schauen wir drei uns an. Ich kann nicht glauben, dass ich ein Teil dieser Männer sein durfte.
„Fahr vorsichtig“, sagt Vincent und zwinkert mir zu.
„Ruf an, wenn du angekommen bist“, fügt Theo hinzu.
„Ruf einfach immer an. Wir sind für dich da.“
„Mach ich“, erwidere ich mit trockener Kehle. Dabei wissen wir, dass es diese Telefonate nicht geben wird. Das hier ist das Ende. Vincent packt mich, hebt mein Kinn und zwingt mich, ihn anzusehen. 

„Ruf uns an“, raunt er mir mit eindringlicher Stimme zu. Sie sorgt augenblicklich für ein heftiges Kribbeln in meinem Bauch und erinnert mich an all die wunderbaren Dinge, die er mir mit genau dieser Tonlage ins Ohr geflüstert hat. Ich nicke. Der Druck hinter den Augen erhöht sich, aber ich werde nicht heulen. Es ist nur so unfassbar … unglaublich schmerzhaft. 

„Gruppenumarmung“, ruft Theo und wir umschlingen uns allesamt irgendwie, irgendwo … Ein Kuss zu dritt ist schwierig, aber mittlerweile bekommen wir es ganz gut hin. Sanft berühren wir die Mundwinkel der anderen, kosten voneinander, stöhnen unterdrückt. Ich will nicht, dass es jemals vorbei geht und doch reiße ich mich los. Es macht keinen Sinn, die Trennung noch länger hinauszuzögern. 

Ein letzter Blick in die zwei Augenpaare, die ich für den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen werde. Ich steige ins Auto, starte den Motor und lasse die Fensterscheibe herunter.
„Danke, dass ich bei euch sein durfte“, sage ich und grinse sie schief an.
„Jederzeit wieder“, erwidert Theo.
„Du hast immer einen Platz in unserem Bett“, bestätigt Vincent.
„Ihr seid … absolut umwerfend.“

Eine Antwort darauf warte ich nicht ab, sondern trete auf das Gaspedal. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Ich starre in den Rückspiegel, halte meinen Arm zum Gruß aus dem Fenster und fahre ein letztes Mal die holprige Straße entlang. 

Sie winken und ich kann mich kaum zusammenreißen. Hinter den nächsten Kurve ist es vorbei. Die Tränen laufen mir über das Gesicht. Ich verfluche mich dafür und wische sie hektisch weg. Nicht heulen … nicht nachdenken. Und trotzdem breiten sich die Bilder der vergangenen Wochen wie ein Teppich in meinem Gehirn aus, auf dem ich weich und wie auf Wolken entlang wandern kann.

Der Sommer meines Lebens … ein unglaubliches Hochgefühl macht sich in mir breit. Es verdrängt den Schmerz nicht, aber erfüllt mich mit der Gewissheit, dass ich etwas ganz Besonderes erleben durfte. Ich habe geliebt wie noch nie in meinem Leben, hatte den atemberaubendsten Sex, die wunderbarsten Gespräche und eine Nähe, wie ich sie noch nie gefühlt habe. 

Es gibt keinen Grund traurig zu sein, denn wie oft wird das Leben wohl eine solchen Moment bereithalten? Nichts ist für immer, aber dieser Sommer erscheint mir wie eine süße Ewigkeit, die ich für alle Zeit in meinem Herzen trage werde. 

Dabei wollte ich doch nur eine kurze Auszeit. Endlich hatte ich meinen Master in der Tasche. Der Arbeitsvertrag war ebenfalls unterschrieben, aber bis zum Beginn hatte ich noch etwas mehr als zwei Monate. Zuerst dachte ich daran, mir einen Sommerjob zu besorgen, aber dann habe ich mich spontan ins Auto gesetzt und bin losgefahren. Ich habe mir während des Studiums kaum eine Auszeit gegönnt. Das Geld musste ich selbst aufbringen und so habe ich mich zwischen meinem Aushilfsjob und dem Lernen quasi aufgerieben. Die Ferien habe ich stets genutzt, um mehr zu arbeiten oder mich durch unbezahlte Praktikas gequält. 

Diesen Sommer wollte ich zum ersten Mal ganz allein für mich nutzen. Keine Verpflichtung, kein Stress, einfach nur in den Tag hineinleben. Das finanzielle Bugdet dafür war nicht groß, aber ich brauche nicht viel zum leben. Rauf an die Küste, vielleicht Polen, Dänemark, vielleicht sogar rüber nach Schweden. Am Ende bin ich in einem kleinen Nest hängengeblieben, zusammen mit den heißesten Männern, die ich jemals kennengelernt habe. 

Eigentlich war es für mich nur ein kleines Experiment, als die beiden mich auf einen Dreier eingeladen haben. Ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen, obwohl es mir auf der anderen Seite nicht ganz geheuer war. Für gewöhnlich bin ich nicht der Kerl für One Night Stands... mit zwei Kerlen war das gleich noch eine Spur verwegener … noch dazu in einer Gegend, in der ich niemanden kannte und wo mich vermutlich auch niemand finden würde. Einen winzigen Moment habe ich mir sogar vorgestellt, dass die beiden mich problemlos umbringen könnten. Vor allem gegen Vincent hätte ich mich niemals wehren können. Der Kerl ist wie ein Baum, mit Muskel wie Stahl. In meinem Bauch beginnt es heiß zu kribbeln. Von ihm gefickt zu werden, war so unglaublich … 

Und Theo … der süße Theo, der anschmiegsam wie ein Kätzchen ist, aber durchaus auch seine Krallen ausfahren kann. Vielleicht ist er Vincent körperlich unterlegen, aber ansonsten lässt er sich von niemanden einschüchtern. 

Aus einer heißen Nacht wurde ein wunderbarer Morgen, ein entspanntes Frühstück, ein lustiger Tag und … acht Wochen, die unvergleichlich und absolut unauslöschlich sind. Noch nie habe ich mich so verstanden und angenommen gefühlt. Obwohl ich nicht daran geglaubt habe, dass Beziehungen zu dritt funktionieren, so muss ich doch einsehen, dass es absolut perfekt war. 

Trotzdem bin ich nun auf dem Weg in mein neues Leben. Ich will diesen Job, für den ich so lange und hart gearbeitet habe. Ich muss endlich richtig Geld verdienen, mir eine Zukunft aufbauen. Für zwei besondere Monate kann ich nicht mein ganzes Leben über den Haufen werfen. Einmal abgesehen davon, dass wir auch niemals darüber gesprochen haben. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde und haben die Zeit bis dahin genossen. Vielleicht sind die beiden sogar froh, dass sie jetzt wieder allein sind, auch wenn sie mir niemals das Gefühl gaben, das dritte Rad am Wagen zu sein. Ganz im Gegenteil, wir waren eine erstaunlich homogene Einheit. Die beiden haben mich ergänzt, mich vervollständigt.

„Blödsinn“, rufe ich laut und atme tief durch. „Das war nur ein kleines Abenteuer, das niemals den Alltag überstehen würde.“

Ich drehe das Radio lauter und hoffe so, die Stimmen in meinem Kopf zu übertönen. Ein paar Lieder singe ich mit und bringe die vielen Kilometer bis nach Hause schließlich hinter mich. 

Die erste Nacht allein in meinem Bett fühlt sich fremd an. Wie schnell man sich daran gewöhnen kann, immer einen anderen Körper in der Nähe zu haben, jemanden, der sich trotz der Hitze an einen kuschelt oder besitzergreifend mit Armen und Beinen umschlingt. Ein harter Schwanz, der sich mitten in der Nacht an meinem Hintern reibt und Müdigkeit in Erregung verwandelt. 

Die Arbeit sorgt dafür, dass ich keine Zeit zum Grübeln habe. Der Job ist hart und anstrengend und fordert mich auf der ganzen Linie. Es ist genau das, was ich immer machen wollte. Dazu habe ich ein paar Arbeitskollegen mit denen ich mich gut verstehe. Die Wochen vergehen, doch die Erinnerung an den Sommer verblasst nicht. Der Schmerz in meinem Herzen und das Gefühl, etwas wirklich wichtiges verloren zu haben, vergehen nicht. 

Wir haben ein oder zweimal telefoniert. Meist kurz und ohne, dass wir wussten, was wir uns sagen sollten. Es macht keinen Sinn, etwas aufrecht zu erhalten, das durch viele Kilometer getrennt ist, auch wenn die Sehnsucht mich manchmal um den Verstand bringt. Irgendwann muss dieses Gefühl doch vergehen. Ich versuche, jeglichen Gedanken an Vincent und Theo zu unterdrücken, aber in meinem Träumen sind sie so real, dass ich mir einbilde, sie neben mir zu spüren, ihren Atem auf meiner Haut fühle und schier verrückt werde, weil sie mich mit ihren Küssen um den Verstand bringen. 

Je heftiger der Schmerz wird, desto mehr stürze ich mich in die Arbeit. Ich mache mehr Überstunden, als nötig, stehe auch am Wochenende zur Verfügung und fordere so viel von mir, dass ich schließlich nur noch irgendwie funktioniere. 

Ich bereue den vergangenen Sommer, hasse das Gefühl, das einfach nicht vergehen will und kämpfe verbissen dagegen an. Der Herbst mit seinem grauen und regnerischen Wetter sorgt auch nicht dafür, dass sich mein Gemütszustand bessert. 

Eigentlich bin ich viel zu müde, um den Fernseher anzuschalten und auf die Pizza, die ich mir auf dem Weg von der Arbeit nach Hause mitgenommen habe, habe ich auch keinen Appetit mehr. Trotzdem setze ich mich aufs Sofa, betätige die Fernbedienung und fürchte mich vor dem Wochenende, an dem ich nichts zu tun haben werde. Keine Arbeit, keine Verabredungen … vielleicht sollte ich morgen spontan ins Kino gehen oder meine Eltern besuchen … Aufräumen wäre auch eine Option. 

Das Läuten an der Tür reißt mich aus den Gedanken. Ich gucke überrascht zur Uhr, lausche auf ein weiteres Geräusch, das auch prompt einsetzt. Langsam erhebe ich mich und gehe in den Flur. Kaum habe ich die Klinke heruntergedrückt, befinde ich mich an der gegenüberliegenden Wand wieder und werde stürmisch von zwei paar vertrauten Lippen begrüßt. 

„Scheiße, hab ich dich vermisst“, jammert Theo und presst sich dicht an mich.
„Keine Sekunde länger“, knurrt Vincents tiefer Bass.
„Ihr seid hier?“, frage ich unsinnigerweise und bin mir nicht sicher, ob es vielleicht nur ein irrer Traum ist.
„Ja“, erwidern sie gleichzeitig. Erneut werden ich mit Küssen überhäuft, jetzt gebe ich sie allerdings zurück. Wie ein Ertrinkender klammere ich mich an die beiden Männer. Wir taumeln ins Schlafzimmer, fallen aufs Bett und endlich fühle ich mich wieder vollständig.
„Bescheuerte Abschiedsküsse“, sagt Theo und sieht mich sehnsüchtig an.
„Ja“, flüstere ich erregt, ziehe ihn zu mir und dränge meine Zunge tief zwischen seine Lippen.
„Du gehörst zu uns“, stellt Vincent klar und plündert kurz darauf meinen Mund. 

Ich habe keine Ahnung, ob oder wie es funktioniert, aber ich will keine Sekunde länger ohne die beiden sein. Irgendwie werden wir das hinbekommen. Die Zuversicht erfüllt meinen Körper und plötzlich fällt der ganze Stress von mir ab. Ich lasse mich auf Vincent und Theo ein und weiß, dass ich mich niemals besser gefühlt habe, als in ihren Armen.



Kommentare:

  1. Schöne Geschichte...

    Laut Horoskop geht heute ein Wunsch für mich in Erfüllung...

    Ich wünsche mir diese Geschichte in Langform....

    Liebe Grüße

    SaSiVa

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    1. Dem schließe ich mich an!!
      Wundeschöne Geschichte.
      Und das in Langform wäre ein Traum. :)

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  2. Ein würdiger Abschluss für die "drei Küsse", aber ich kann mich dem allgemeinen Wunsch nur anschließen ... bitte mehr von ihnen.
    LG

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  3. oh gott soooooooo schön ... ;) seufzt ...
    lg Zwackl

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  4. Ja Karo,
    diese Geschichte hat mich wieder einmal umgehauen. Ich rechnete schon nicht mehr mit einem Happy End und hätte am liebsten geheult. Umso erfreuter war ich dann. Tolle Geschichte. Danke dafür.

    Alles Liebe
    Christina

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  5. In Langform, mit Happy End, und Epilog. Das wäre schön.
    LG Sonja

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  6. Eine schöne, runde Kurzgeschichte, die mich vollauf zufrieden zurück lässt.
    LG Allerleihrau

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  7. Eine schöne, runde Kurzgeschichte, die mich vollauf zufrieden zurück lässt.
    LG Allerleihrau

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  8. Eine schöne kleine Geschichte. Dankeschön!

    LG Piccolo

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  9. Liebe Karo,

    vielen Dank für die wunderschönen Kussgeschichten! Ansonsten kann ich mich den Wünschen hier nur anschließen ;-)

    LG Lilith


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  10. Eine wirklich tolle Aktion, die Kuss-Geschichten.
    Und es wäre tatsächlich grandios, wenn es die letzte Geschichte in Langform gäbe, dieser Ausschnitt war super schön und hat definitiv Lust auf mehr gemacht :)

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