Mittwoch, 27. April 2016

Bloggeburtstag Tag 3

Heute ist Mittwoch. Vielleicht erinnert sich jemand noch an meine Mittwochsaktion.
Eine Weile ist es schon her, als ich jeden Mittwoch Zuckerwatte in Form einer kleinen Geschichte gepostet habe.
Ein paar von diesen OneShots gibt es noch, aus einigen haben ich mein erstes Buch in Eigenregie gemacht, die "Liebesschlösser".
Darüber hinaus gibt es noch eine stattliche Anzahl an Geschichten, die ich zurückgezogen habe, weil ich mir nicht sicher war, ob sie den Richtlinien entsprochen haben. Da ging es nämlich  ziemlich deutlich zur Sache und blogger hat ja in dieser Hinsicht einige Male die Regeln verschärft.
Ich habe jedoch schon eine kleine Idee, was mit der einen oder anderen Geschichte passieren könnte.

Die Zuckerwatte am Mittwoch hat viel Spaß gemacht, obwohl ich am Ende doch ein paar Schwierigkeiten hatte, die Geschichten pünktlich fertig zu bekommen. Manche Idee blieb unvollendet und bei anderen war die Idee viel zu groß für einen kurzen Einblick.

Am meisten habe ich mich mit einem passenden Bild herumgequält. Ich erinnere mich noch genau daran. Ich hatte keine Ahnung von Bildlizenzen oder wie ich ein ansprechendes Design hinbekommen sollte. Ehrlich gesagt, kannte ich auch niemanden, der sich damit auskennt.
Ich weiß, das Bild war nicht besonders ... schön *lach*, aber es hat seinen Zweck erfüllt.
Natürlich lasse ich es heute noch einmal aufleben und hoffe, ihr habt Spaß an dieser kleinen Mittwochsgeschichte.


Ich war doch bestimmt betrunken, als ich zugestimmt habe.“

Nein, ganz nüchtern.“

Das kann gar nicht sein. Du hast mir irgendwas ins Essen gemischt.“

Oh nein, mein Lieber. Das hier ist schon lange überfällig.“

Du meinst, ich wollte mich schon immer bis auf die Knochen blamieren? Reicht es nicht, dass es in meinem Leben gerade total beschissen läuft?“

Wessen Schuld ist das denn? Dir fehlt einfach ein bisschen Feuer und Schminke und Glitzer.“

Kathrin lächelt mich im Spiegel an, greift nach einer pinkfarbenen Federboa und wirft sie über meine Schulter.


Mit einem panischen Lächeln betrachte ich mich und kann nicht glauben, dass ich wirklich hier sitze, eine unglaubliche Menge Make up im Gesicht habe, Lidschatten bis unter den Augenbrauen und künstliche Wimpern, die nicht nur elend lang sind, sondern auch noch kleine Glitzersteine haben. Mein Mund ist knallrot und ich sehe … ich erkenne mich überhaupt nicht wieder. Ich schaue aus wie eine billige Kopie einer noch billigeren Kopie einer Dragqueen …


Das ist bescheuert“, nuschle ich frustriert und strecke mir selbst die Zunge heraus. Ein bisschen ist diese Geste auch für Kathrin, die jedoch allenfalls grinst. Sie hat mir schließlich den Mist hier eingebrockt. Sie ist schuld daran, dass ich aufgetakelt wie eine Bordsteinschwalbe in diesem kleinen Hinterzimmer sitze und gleich den größten Unfug meines Lebens verzapfe, anstatt zu Hause auf dem Sofa zu liegen und einen meiner Liebesromane zu lesen.


Du musst endlich wieder raus“, hallt die Erinnerung an unser Gespräch vor ein paar Tagen in meinen Ohren. „Es macht keinen Sinn, sich ewig zu verstecken und nur die Liebesgeschichten in Büchern zu genießen.“


Komm schon, das wird toll. Du kannst das.“

Ich drehe mich in Kathrins Richtung und sehe sie wütend an. „Denkst du wirklich, nur weil ich schwul bin, habe ich auch automatisch den Drang, so herumzulaufen und mich vollkommen zum Affen zu machen?“

Nein“, sagt sie ruhig, kommt zu mir und setzt sich auf meinen Schoß. „Du kannst das, weil du es schon immer konntest. Es liegt dir im Blut. Du hast dieses besondere Talent und eine Ausstrahlung, von der die meisten Menschen nur träumen können, und du verschwendest es einfach. Ich verstehe nicht, weshalb du dich so dermaßen zurückgezogen hast. Du warst eine Rampensau und hast es geliebt. Ich dachte, du wirst bestimmt ein großer Star werden.“

Oh bitte, das ist drei Jahre her“, erwidere ich genervt. „Damals war ich allenfalls naiv. Irgendwann sollte man auch mal erwachsen werden.“

Das sind wir doch, aber du hast dabei gleich ein paar Jahrzehnte übersprungen. Mein Opa hat ja mehr Elan als du. Schau dich doch an: Du siehst absolut fantastisch aus.“

Fantastisch“, grunze ich, schiebe sie zur Seite und werfe erneut einen Blick in den Spiegel. „Du bist nicht zurechnungsfähig.“

Es ist doch egal, was ich sage, du glaubst mir eh kein Wort. Zeit, dich mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Dein Auftritt beginnt in zehn Minuten.“

Bitte, Kathrin, du bist doch meine beste Freundin und wenn dir irgendetwas an mir liegt ...“ Ich klimpere mit den furchtbar langen Wimpern, was sie zum Lachen bringt.


Vielleicht ist das hier nicht, was du brauchst“, sagt sie nachdenklich und ich würde mir vor Glück am liebsten die verdammte Perücke vom Kopf reißen. „Aber du wirst jetzt da rausgehen und dieses eine Lied durchstehen. Wenn es so scheiße läuft, wie du glaubst, dann werde ich dich für alle Zeiten auf deinem Sofa sitzen lassen und dich auch noch mit jedem Schmachtschinken versorgen, den ich auftreiben kann.“

Versprochen?“, erkundige ich mich misstrauisch. Ich kenne diese Frau. Sie ist nicht nur meine Seelenverwandte, sondern auch ein durchtriebenes Miststück. „Keine gekreuzten Finger auf dem Rücken oder sonstige Falltüren, durch die du dich deiner Verantwortung entziehen kannst?“

Nein, Thomas. Ganz ohne Hintergedanken, wenn das hier schief läuft, dann höre ich auf, mich einzumischen und akzeptiere, dass du den Rest deines Lebens als Mönch verbringen möchtest … also im übertragenen Sinn natürlich.“ Sie grinst mich schief an.

Okaayy....“ Ich ziehe die Buchstaben ein bisschen affektiert in die Länge, denn so richtig kann ich nicht daran glauben, dass das hier wirklich ihr letzter Versuch sein soll.

Du hast noch fünf Minuten. Ich gehe schon mal nach vorn und kündige dich an.“


Ehe ich darauf antworten kann, verschwindet sie und eine erdrückende Stille hüllt mich ein. Mein Herz beginnt zu rasen und die Nervosität, die ich bisher mit schlechter Laune unter Kontrolle gehalten habe, bricht jetzt mit voller Wucht heraus.


Kathrin hat dieses Café vor drei Wochen eröffnet und sich damit einen Traum erfüllt. Als sie mir das heruntergekommene Gebäude zum ersten Mal gezeigt hat, dachte ich, sie hätte den Verstand verloren. Allerdings wusste ich schon damals, dass nichts und niemand sie davon abhalten konnte. Sie ist eine starke Persönlichkeit und hat diese besondere Art, andere Menschen charmant zu manipulieren. Anders ist es auch nicht zu erklären, weshalb ich hier sitze und in ein Gesicht starre, das mir vollkommen fremd erscheint.


Sie hat natürlich recht. Es gab eine Zeit, da habe ich es geliebt. Nicht nur das Gefühl, eine andere Person zu sein, in eine fremde Rolle zu schlüpfen, Dinge zu sagen oder zu tun, die ich mich unter normalen Umständen nicht getraut hätte. Ich hatte Spaß und für einen winzigen Augenblick war ich mir sogar sicher, dass es ewig so sein würde. Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich würde Hamburg oder Berlin oder eine andere Weltstadt im Sturm erobern, würde mich irgendwann in die Reihe der berühmten Dragqueens einreihen, vielleicht sie sogar anführen.

Der Aufprall auf dem Boden der Realität war hart, schmutzig und schmerzhaft. Seitdem habe ich mir geschworen, nie wieder ein Kleid anzuziehen.


Eigentlich hätten bei mir schon alle Alarmglocken schrillen sollen, als Kathrin ihr Café „Divine“ genannt hat. Dazu ihr Konzept mit der Kleinkunstbühne für jedermann und das im schwulsten Bezirk der Stadt. Ich hätte weglaufen sollen, anstatt sie zu unterstützen. Ich hätte nicht mit einem „Vielleicht“ auf ihre Frage antworten sollen, ob ich dort oben auch irgendwann mal stehen werde. Das war so idiotisch, wo mir doch hätte klar sein müssen, dass sie mich darauf festnageln würde. Ein „Vielleicht“ gibt es in ihrem Wortschatz doch überhaupt nicht.


Seufzend erhebe ich mich. Auch wenn Kathrin mich für eine Couchpotato hält, bin ich zumindest nicht aus der Form geraten. Das Kleid schmiegt sich eng an meinen Körper. Die Pailletten schillern in sämtlichen Lilatönen und die Schuhe haben einen zehn Zentimeter Pfennigabsatz, auf dem ich es kaum bis zur Tür schaffe.


Blöde Kuh“, murmle ich grinsend und gehe hinaus in den kleinen Flur, der direkt auf die Bühne führt. Leider habe ich nach wenigen Schritten wieder den festen Gang, den ich früher hatte. Ich spüre, wie sich meine Haltung verändert, wie das Adrenalin durch meinen Körper rauscht und die furchtbare Erinnerung verdrängt. Mein Hals ist ganz trocken, der Kopf leer und eine unbestimmte Vorfreude macht sich in mir breit. Genau so hat es sich vor jedem Auftritt angefühlt. Ich wünsche mir, dass das Flattern in meinem Bauch verschwindet und kann doch nichts dagegen machen.


Als die ersten Töne erklingen, verharre ich einen Moment geschockt. Ich habe Kathrin die Auswahl des Liedes überlassen. Ein weiterer Fehler, wie ich jetzt feststellen darf. Natürlich kenne ich das Lied, jeder kennt es … und es ist … ich habe seit Jahren den Song wie die Pest gemieden. Ich wollte nicht, dass er mich an diesen einen Abend erinnert. Drei verdammte Jahre … zu kurz, um wirklich zu vergessen.


Mein Instinkt rät mir mich umzudrehen, die Schuhe von den Füßen zu reißen und so schnell es geht von hier zu verschwinden. Leider gibt es da wohl so etwas wie unsichtbare Fäden, die mich nach vorn treiben, eine winzige Stimme, die mir einredet, dass es Zeit wird, die finsteren Gedanken zu verdrängen und eine weitere, die mir sagt, dass es nach diesem Lied endgültig vorbei sein wird. Allerdings auf eine bessere Art … Kathrin hat es schließlich versprochen.


Ohne Mikrophon singe ich die ersten Worte, trete auf die Bühne und versuche das Publikum auszublenden. Die Rampensau kriecht aus einer Ecke meines Körpers, als ich das Mikro ergreife und breitet sich in mir aus. Möglicherweise ist es auch der Geist von Divine, der mich heimsucht und dafür sorgt, dass ich vollkommen in dem Lied aufgehe. Nur am Rande bekomme ich mit, dass das Publikum mitgeht. Erst jetzt wird mir bewusst, dass es erstaunlich voll ist und sogar einige Leute an den Seiten und vor den großen Schaufensterscheiben stehen. Es wird geklatscht und gejohlt. Ich werde in diesen Sog gezogen und fühle so eine unfassbare Freiheit, wie ich sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr wahrgenommen habe. 

Ehe ich mich versehe, beginnt ein weiteres Lied. Ich kann spüren, wie Kathrin hinter meinem Rücken grinst, aber in diesem Moment ist es mir egal. Ich singe und tanze … genieße den Rausch und spüre, wie ein unsagbares Glücksgefühl von mir Besitz ergreift. Das hält solange an, bis ich kurz vor Ende des Liedes nach rechts gehe und dort direkt in das Gesicht eines Mannes blicke, von dem ich gehofft hatte, ihn niemals wieder zu sehen. Ich erstarre regelrecht. Nur mit Mühe gelangen die letzten Töne aus meiner Kehle, bevor ich das Gefühl habe zu ersticken. Beherrscht weiche ich zurück. Sein Blick verfolgt mich, als ich hinter den Vorhang flüchte. Schlagartig ist das gute Gefühl verschwunden und Panik macht sich in mir breit. Die Bilder von damals fluten mein Gehirn und sorgen dafür, dass ich gegen die Wand taumle, nach unten rutsche und auf meinem Hintern lande. Das Kleid ist für so eine Aktion nicht vorgesehen und so gibt der Stoff ein grauenvolles Geräusch von sich, ehe ich genügend Platz habe, um die Beine dicht an den Körper zu ziehen. Verdammter Mist … Das kann einfach nicht sein. Nicht jetzt, hier und heute.


Thomas?“, höre ich eine Stimme, die ich nie wieder vernehmen wollte und die leider sofort wieder dieses unglaubliche Gefühl in mir heraufbeschwört.

Verschwinde“, brumme ich, ohne ihn anzusehen.

Nein“, sagt er leise und setzt sich neben mich. „Diesmal verschwinde ich nicht.“

Hör auf mit dem Scheiß, Marcel“, erwidere ich wütend, hebe den Kopf und sehe ihn an. Er ist immer noch so unglaublich schön. All die Gefühle schlagen über mir zusammen und sorgen dafür, dass es so eng in meiner Brust wird, dass ich vermutlich jeden Moment ersticken werde.

Du warst toll“, sagt er nach einer Weile, was mich dazu bringt, hysterisch aufzulachen.

Da bedanke ich mich auch ganz herzlich. Wer hätte gedacht, dass ich diese Worte jemals aus deinem Mund hören würde. Beim letzten Mal...“


Ehe ich weiterreden kann, legt er einen Finger auf meinen Mund.

Ich erinnere mich an das letzte Mal, Thom...“

Schweigend lege ich den Kopf nach hinten. Meine Lippen kribbeln und mir ist verdammt flau im Magen.

Dann gibt es doch nichts mehr zu sagen“, behaupte ich schließlich, ziehe mir die Schuhe von den Füßen und versuche halbwegs ansehnlich aufzustehen. Natürlich funktioniert es nicht, denn noch bevor ich sicher stehe, packt dieser Idiot meinen Arm und zieht mich zurück. Ich lande halb auf ihm und kann mich nur schwer abhalten, wütend auf ihn einzuprügeln.

Lass mich los“, brülle ich ungehalten und funkle ihn wütend an. Ich weiß, dass mein Blick nicht halb so böse wirkt, wie er sollte, denn da sind noch immer verdammte Glitzersteine auf den falschen und viel zu langen Wimpern.

Vermutlich klingt das jetzt ein bisschen seltsam, aber ich will dich nicht loslassen. Das wollte ich nie...“

Drei Jahre“, fahre ich ihn an. „Offensichtlich hattest du dieses Bedürfnis in den letzten Jahren nicht und an diesem beschissenen Tag auch nicht.“

Ich war geschockt ...“

Natürlich“, erwidere ich sarkastisch. „Wohl nicht halb so geschockt wie ich, als ich plötzlich mit den Fäusten deiner Freunde Bekanntschaft gemacht habe.“

Das wollte ich nicht“, sagt er leise und lässt mich endlich los.

Ich auch nicht.“ 

Mit letzter Kraft erhebe ich mich. Diesmal ist es mir egal, wie ich dabei aussehe. Ich sammle die Schuhe ein. Die Tür, hinter der sich meine Alltagssachen befinden, halte ich fest im Blick. Sie erscheint mir wie ein sicherer Anker, bevor ich meinen Verstand noch vollkommen verliere.

Du warst eben atemberaubend und das warst du damals auch. Ich habe es nur zu spät erkannt, weil ich ein egoistisches Arschloch war. Na ja, vielleicht bin ich es immer noch, denn sonst wäre ich hier nicht einfach so aufgetaucht … mit einer irrsinnigen Hoffnung im Schlepptau.“

Woher wusstest du, dass ich heute auftrete?“, erkundige ich mich und bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort darauf hören möchte.

Ich schätze, du weißt es. Wir haben uns zufällig vor ein paar Tagen getroffen und dann hat sie mich für heute eingeladen. Mehr hat sie nicht gesagt, aber ich hatte gehofft, dass ...“

Scheiße.“ Ich schlage hart mit einer Hand gegen das Türblatt, ehe ich mit der anderen die Klinke nach unten drücke und im Inneren verschwinde.


Ich kann nicht glauben, dass Kathrin davon wusste, dass Marcel hier auftauchen würde. Auch wenn ich ihr nicht erzählt habe, was genau passiert ist, so habe ich doch immer gedacht, dass sie auf meiner Seite stehen und mich niemals auf diese Weise hintergehen würde. Eilig zerre ich mir das kaputte Kleid vom Körper und schmeiße es mit all den anderen Sachen, die aus mir diese fremde Person machen, in den Mülleimer. Halbherzig entferne ich das Makeup und reiße die bescheuerten Wimpern herunter. Am Ende sitze ich einem unglücklichen Mann gegenüber, dem das eindringliche Licht des Spiegels noch deutlicher vor Augen führt, wie armselig sein Leben ist. 

Ein einziger Abend hat alles zerstört. Nein, ich habe es zugelassen, dass es zerstört wird. Ich hatte nicht den Mut, um aufzustehen, die Krone zu richten und weiterzumachen. Der körperliche Schmerz war schnell vorbei, aber dieser besondere Blick, als Marcel mich auf der Bühne erkannt hat, der verfolgt mich noch heute in manchen Nächten. Dabei war ich so verliebt, dachte wirklich, wir würden zusammengehören. Er war der erste Mann, derjenige, der mir all diese wunderbaren Dinge gezeigt hat. Ich habe mich Hals über Kopf verliebt und dachte, es würde ihm ebenso ergehen. Erst später wurde mir klar, dass es nicht so war. Natürlich nicht, denn er war nicht nur acht Jahre älter als ich. Er wusste auch genau, was er vom Leben erwartete und jemand wie ich gehörte eindeutig nicht dazu. Hätte sich mir damals schon diese Erkenntnis offenbart, wäre mir dieser ganze Scheiß erspart geblieben. Leider hat es seitdem auch kein anderer Mann in mein Herz geschafft, weil er es aus irgendeinem bescheuerten Grund niemals freigegeben hat. Es gibt nur noch einen Zustand, in dem ich Herzschmerz ertrage, und das ist lesend.


Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich den Raum verlasse und mich auf den Weg nach draußen mache. Kathrin möchte ich heute nicht mehr begegnen. Im Moment bin ich so sauer auf sie, dass ich ihren Anblick nicht ertragen könnte.


Der April zeigt sich von seiner stürmischen Seite. Die Sonne scheint zwar, aber der Wind ist bitterkalt. Ich ziehe die Schultern hoch und entferne mich zügig von dem Ort, der all meine Wunden wieder aufgerissen hat.


Glaubst du an zweite Chancen?“, erkundigt sich eine atemlose Stimme neben mir.

Nein“, erwidere ich, ohne zur Seite zu schauen.

Bis vor ein paar Tagen hätte ich das auch gesagt, aber jetzt … Ich glaube, wir sollten sie uns gewähren, Thomas.“

Vergiss es“, behaupte ich grummelnd. Mein verräterisches Herz ist leider angetan von dem Vorschlag und beginnt wild in meiner Brust zu schlagen.

Das kann ich nicht. Ich habe es all die Jahre versucht, aber es hat irgendwie nicht geklappt.“

Dann versuch es weiter. Es liegen sicherlich noch ein paar Jahre vor dir.“

Erneut greift Marcel nach meinem Arm und dreht mich zu sich. Unsere Blicke treffen sich und ein Schauer rinnt mir über den Körper. Das dunkle Braun hat mich von der ersten Sekunde fasziniert. Es scheint beinahe magisch zu leuchten, obwohl ich mir jetzt einbilde, eine Spur Traurigkeit darin zu sehen. Ein paar Fältchen umspielen seine Augen und an den Schläfen gibt es graue Stellen. Das alles wirkt verdammt sexy und …

Ich will nicht so weitermachen. Jetzt nicht mehr.“ Er lächelt mich an und ich habe Mühe, das grimmige Gefühl in mir aufrechtzuerhalten.

Sein Gesicht ist viel zu nah. Ich kann seinen warmen Atem auf meiner Haut spüren. Schwer schluckend weiche ich zurück und schüttle halbherzig den Kopf.

Das geht einfach nicht“, flüstere ich und laufe los. „Das geht nicht“, brülle ich und biege um die nächste Kurve. Nach einigen Metern bremse ich abrupt, drehe mich um und renne zurück. Marcel befindet immer noch an der gleichen Stelle. Ich bleibe dicht vor ihm stehen. „Das geht nicht“, sage ich und kann ein Schluchzen nicht verhindern.

Marcel umarmt mich fest und zieht mich dicht an seinen Körper.

Doch, Thom... es muss einfach funktionieren. Ich werde dir jeden Tag beweisen, dass wir diese zweite Chance verdient haben.“


                                                                    ***

Du warst absolut großartig“, ruft Kathrin und haucht mir einen Kuss auf die Wange. Ich lächle sie divenhaft an, was sie dazu bringt, die Augen zu verdrehen. Grinsend mache ich mich auf den Weg in die Garderobe. Ich konnte ihr kaum eine Woche lang lang böse sein. Im Grunde hatte sie es auch nicht verdient, denn sie hat dafür gesorgt, dass ich seit zwei Monaten so glücklich bin, wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Vermutlich habe ich dieses Level vorher noch nie erreicht und das macht mir manchmal ein bisschen Angst.


Als ich den Raum betrete, fällt mein Blick zuerst auf den Strauß roter Rosen, der beinahe den ganzen Spiegel verdeckt, dann entdecke ich Marcel, der auf dem Sessel in der Ecke sitzt. Noch immer fällt es mir schwer, ihm in diesem Aufzug entgegenzutreten, dabei ist er längst derjenige, der bei jedem Auftritt in der ersten Reihe sitzt und mir laut zujubelt. Er sucht Kleider mit mir aus, geht Schuhe kaufen und bringt mir kitschigen, glitzernden Schmuck mit. Mein Herz glaubt ihm schon längst, dass er mich liebt, nur der Verstand kann seine Einwände noch nicht ganz zurückstecken. Ich weiß, dass Marcel mit den Leuten von damals nicht mehr befreundet ist. Ich glaube ihm auch, dass er nichts mit dem zu tun hatte, was passiert ist.


Hübsche Rosen“, sage ich und vergrabe mein Gesicht in der roten Blütenpracht. Ihr Duft ist leider kaum wahrnehmbar.

Für meine Queen“, sagt er lasziv und streckt die Hände nach mir aus. Ich ergreife sie und lasse mich auf seinen Schoß ziehen. Zum Glück ist das Kleid einigermaßen geeignet, denn es hat mehrere lange Schlitze, die für eine gewisse Beinfreiheit sorgen.

Mit all der Schminke und dem Lippenstift traue ich mich nicht, ihm einen Kuss zu stehlen, obwohl seine Lippen so unverschämt verführerisch sind. Auf der Bühne fühlt sich die Verkleidung großartig an, aber jetzt bin ich gehemmt.


Komm schon her“, raunt Marcel mir zu, legt eine Hand in meinen Nacken und drückt meinen Kopf nach unten. Unsere Lippen berühren sich und ich seufze leise auf. Ich bin so wahnsinnig verliebt in ihn. In meinem Bauch wird es ganz heiß und mein Schwanz versucht schmerzhaft anzuschwellen… Stöhnend befreie ich mich von Marcel und lächle in gequält an.

Was denn? Fehlt es dir etwa an Disziplin? So ein kleiner Kuss ...“

Witzig“, brumme ich und greife zwischen seine Beine. „Ich bin offensichtlich nicht allein.“ Ich sehe ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und reibe über die deutliche Beule in seiner Hose. Marcel stöhnt und drängt sich meiner Hand entgegen.

Du hast recht“, nuschelt er atemlos. Seine Hände fahren meine Beine entlang. Leider werde ich die etwas peinliche und extrem enge Miederhose auf diese Weise nicht los.

Ich muss mich umziehen“, sage ich schließlich und schiebe seine Finger energisch weg. Tief durchatmend beginne ich mich zurück zu verwandeln. Marcel sieht mir dabei zu. Hin und wieder schaue ich ihn an, suche in seinem Gesicht nach Anzeichen von Ekel oder Abscheu, aber alles, was ich entdecke, ist Stolz und Liebe.


Als ich in die Jeans schlüpfe, steht Marcel auf und kommt zu mir. Er zieht eine Rose aus dem Strauß und fährt mit der Blüte über mein Gesicht.

Ich liebe dich“, flüstert er und lächelt mich an.

Nicht so sehr, wie ich dich“, erwidere ich glücklich.
Ende


Kommentare:

  1. Hach, wie wunderschön. *seufz*
    Danke für diese kleine Geschichte.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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  2. Das nenne ich mal ein kleines Highlight zum Bergfest. Danke dafür und ähm ... hab ich mal erwähnt, dass ich ein Fan von Zuckerwatte bin ;)

    LG Bianca

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  3. Zucker pur - immer her damit. Das geht schließlich nicht auf die Hüften "lach".

    LG verity

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  4. Vielen Dank Karo, für diese wunderschöne Geschichte.

    Alles Liebe
    Christina

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  5. Woooaaaaaaaaaaahhhh so süß so schön Glitzrig , Fluffig und süß

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  6. Eine schöne Geschichte, danke dafür :)
    LG Bri

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