Sonntag, 14. Februar 2016

Valentinstag

Ich wünsche euch allen einen schönen, fröhlichen, besinnlichen, gemütlichen, kuscheligen und liebevollen Valentinstag beziehungsweise Sonntag.
Vielleicht kann ich ihn euch zusätzlich mit einer kleiner Geschichte versüßen. Es hat nicht lange gedauert, bis das Gewinnerfoto mir eine kleine Idee zugeflüstert hat.
Viel Spaß beim Lesen und noch einmal einen ganz
Herzlichen Glückwunsch an die Gewinnerin.
Ich hoffe natürlich, dass ihr die Story gefallen wird.
Ein Dankeschön geht an dieser Stelle auch an Caro Sodar, die aus dem Bild ein Cover gestaltet hat, das auch die Tasse zieren wird.  




 Das Geheimnis der alten Bank
Karo Stein

Da bist du ja endlich.“ Erschrocken weiche ich zurück, als die Tür aufgerissen wird. Mein Finger schwebt noch immer über dem Klingelknopf, während mein Opa mich vorwurfsvoll ansieht. „Ich dachte schon, du kommst heute gar nicht mehr.“

Irritiert verharre ich einen Augenblick und sehe dann auf die Uhr. Ich bin kaum fünf Minuten zu spät, was nach dem, was ich heute schon erlebt habe, beinahe an ein Wunder grenzt. Das liegt weniger an der Frühschicht, die ich heute im Fitnessclub hatte, als an Linus, ein nerviger Typ, der einfach nicht begreift, dass ich kein Interesse an ihm habe. Hätte ich geahnt, dass er so anhänglich wird, hätte ich auf den Sex mit ihm verzichtet. Im Nachhinein kann ich mir nicht einmal erklären, weshalb ich überhaupt mit ihm mitgegangen bin. Er entspricht gar nicht meinem Beuteschema. Viel zu jung und zu schmal. Trotzdem hat er was, das mich angemacht hat und der Sex war ziemlich genial. Ich war allerdings nicht darauf vorbereitet, dass er auf meiner Arbeit auftaucht und sich plötzlich für Muskelaufbau interessiert. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es keinen Ort gibt, an dem er nicht irgendwann ebenfalls erscheint. Es würde mich nicht wundern, wenn er an der nächsten Ecke lehnt, die strohblonden Haare unter einer schwarzen Mütze versteckt, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und hektische rote Flecke im Gesicht... Ich schüttle den Kopf, um das Bild loszuwerden, das für ein südliches Kribbeln sorgt. Am liebsten wäre es mir, wenn ich den ganzen Kerl aus meinem Gedächtnis verbannen könnte.

Für einen Moment habe ich darüber nachgedacht, Opa heute abzusagen, aber dann habe ich mich doch ins Auto geschwungen und die knapp 60 Kilometer in einem Höllentempo absolviert. Der Geschwindigkeitsrausch hat die ungewollte Überdosis Linus absorbiert.
So spät bin ich doch gar nicht“, erwidere ich schließlich und versuche das alles hinter mir zu lassen und mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Es fällt mir zunehmend schwerer, die beiden Seiten in mir getrennt zu halten.

Opa schnauft, nimmt den Hut von der Garderobe und greift nach seinem Stock. Der Anblick ist immer wieder beeindruckend, denn mein Opa ist mit seinen knapp 1, 95 wirklich riesig. Weder sein Sohn noch ich haben es geschafft, ihn zu übertrumpfen. Meine Mutter, also seine Tochter, schon gar nicht. Sie hat ihre Gene eindeutig von Oma. Ich bin allerdings nur drei Zentimeter kleiner, sodass Opa und ich nahezu auf Augenhöhe sind.
Heute ist ein wichtiger Tag“, sagt Opa und scheint ganz in Gedanken. Ich habe keine Ahnung, wovon er redet und versuche mir das heutige Datum ins Gedächtnis zu rufen. Mir fällt jedoch nichts Besonderes ein, außer der Party am Abend, von der Opa natürlich nichts weiß.

Seit knapp einem halben Jahr drehen wir relativ regelmäßig zusammen eine Runde. Solange ist es schon wieder her, seit meine Oma gestorben ist. Am Anfang wollte ich Opa nur ein bisschen ablenken. Mittlerweile sind unsere Spaziergänge so etwas wie eine Konstante in meinem Leben. Dafür nehme ich auch den Weg in Kauf und lege meinen Arbeitsplan im Fitnessstudio so, dass ich Zeit habe.

Was ist denn los, Opa?“, frage ich, als er mit zügigen Schritten über den Hof geht. Der Stock ist heute mehr ein schmückendes Beiwerk als wirklich nötig. Es gibt auch Tage, da ist es anders. Dann fällt unsere Runde recht kurz aus und mir wird bewusst, dass das Alter an niemanden spurlos vorbeigeht. Opa wird in diesem Jahr siebzig. Grundsätzlich ist er noch voller Elan und beeindruckend kräftig, aber hin und wieder kommt er mir furchtbar gebrechlich und alt vor.
Komm, mein Junge. Ich will dir eine ganz besondere Stelle zeigen.“
Das ist so dringend, dass ich nicht einmal meine Eltern begrüßen kann?“, erkundige ich mich amüsiert.
Sie sind vorhin einkaufen gefahren, aber sie bringen Kuchen zum Kaffee mit.“
Gespannt folge ich ihm, auch wenn ich bezweifle, dass es in dieser Gegend einen Ort gibt, den ich nicht kenne. Schließlich bin ich hier aufgewachsen. Wir haben alle zusammen auf dem Hof gelebt. Meine Eltern, Onkel und Tante mit meiner Cousine und natürlich die Großeltern. Meine Cousine und mich hat es nach der Schule von hier weggezogen. Sie arbeitet in einem Krankenhaus, hat längst eine eigene Familie. Ich studiere schon seit einer Ewigkeit, habe bereits zweimal die Richtung gewechselt und lebe von dem, was ich als Trainer verdiene. Diesmal habe ich jedoch das richtige Fach gefunden und stehe kurz vor dem Abschluss.

Was macht das Studium?“, fragt er prompt und biegt nach links. Wir gehen in Richtung Dorfmitte.
Geht so“, erwidere ich grinsend. Jeder Spaziergang beginnt mit dieser Frage und meiner lapidaren Antwort darauf. Ich weiß auch schon, was Opa als nächstes sagt. Innerlich zähle ich bis drei und beobachte ihn, wie er stehen bleibt, den Kopf schüttelt und mit dem Stock auf mich zeigt.
Ihr jungen Leute wisst einfach nicht, was ihr wollt.“
Da hast du vermutlich absolut recht.“

Opa lacht und geht zügig weiter. Ich frage mich erneut, welchen Grund es für dieses Tempo gibt und lasse meinen Blick über die Hauptstraße schweifen. Seit ich vor neun Jahren weggegangen bin, hat sich einiges verändert. Der Ort kämpft, wie viele andere Dörfer auch, gegen das Aussterben. Wir jungen Leute gehen weg und kommen nicht wieder zurück. All das, was einen Ort am Leben erhält, verschwindet nach und nach. Der Bäcker und die Fleischerei sind die einzigen Geschäfte, die es noch gibt. Viele Häuser stehen bereits leer. Manchmal frage ich mich, wie es mit unserem Hof weitergehen wird. Der Landwirtschaft haben wir schon längst den Rücken gekehrt. Sowohl meine Eltern als auch Onkel und Tante haben Jobs in der Stadt. Sie bewirtschaften nur noch den Garten und pflanzen an, was sie selbst zum Leben brauchen und was man mehr oder weniger nebenbei bewältigen kann. Das ändert aber nichts daran, dass das Grundstück riesig ist, von den Wohnhäusern und Stallgebäuden ganz zu schweigen. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder zurückzukommen. Ich mag das Leben in der Stadt. Die Anonymität und die Möglichkeiten, die ich auf dem Land niemals hatte oder haben werde. Es gibt diesen wichtigen Punkt in meinem Leben, von denen meine Eltern und der Rest der Familie keine Ahnung haben. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, daran etwas zu ändern, obwohl ich im Grunde zu alt bin, um nicht zu mir zu stehen. Das ist es eigentlich auch nicht. Ich komme gut damit klar wer ich bin, habe nicht das Gefühl, dass mir etwas im Leben fehlt. Ist es nötig der Familie jeden winzigen Aspekt mitzuteilen? Meine Sexualität geht niemanden etwas an, schließlich gibt es so viel mehr, was mich ausmacht. Jedenfalls hoffe ich das.

Das Wetter ist perfekt für unseren Ausflug“, ruft Opa, bleibt stehen und sieht mich ungeduldig an. Offensichtlich bin ich, während ich meinen Gedanken nachhing, langsamer geworden. Ich überwinde die Distanz zwischen uns zügig, sehe kurz zum wolkenlosen und strahlend blauen Himmel hinauf und nicke bestätigend.
Wo wollen wir denn hin?“, frage ich, während Opa an der nächsten Kreuzung nach links abbiegt und in Richtung Friedhof geht. Ich runzle die Stirn und überlege, ob das wirklich unser Ziel ist. Dabei geht er jeden Tag zu Omas Grab. Die beiden waren 52 Jahre verheiratet. Eine Zahl, die für mich absolut unvorstellbar ist. Vermutlich werde ich mein Leben lang allein bleiben. An so etwas wie Liebe glaube ich nicht, dafür ist mir meine Freiheit zu wichtig. Obendrein müsste ich den Schrank, in dem ich es mir so bequem gemacht habe, verlassen. Unwillkürlich schiebt sich das Bild von Linus in meinem Kopf, wie er sich neben mir nach dem Sex auf dem Laken gerekelt hat. Die blasse Haut, auf der ich mit meinen Bartstoppeln deutliche Spuren hinterlassen hatte. Die erstaunlich berauschend wirkende Mischung aus Schamhaftigkeit und Laszivität, aus Neugier und Zurückhaltung hat sich aus irgendeinem unerklärlichen Grund in meinem Kopf festgesetzt. Leider nicht nur dort, denn auch mein Schwanz zuckt jedes Mal begeistert, wenn ich ihn sehe und der kleine, bisher vollkommen normal wirkende Muskel in meiner Brust gerät ebenfalls aus dem Takt. Das ist nervig und absurd. 
 
Hin und wieder grüßt Opa jemanden, manchmal müssen wir stehen bleiben, um ein paar Worte zu wechseln. Obwohl Opa immer gern ein Schwätzchen hält, scheint er heute keine Ruhe dafür zu haben. Erneut frage ich mich, wohin er will und was es dort so wichtiges gibt, dass er dermaßen aufgewühlt ist. Besorgt beobachte ich ihn, wie er ein Gespräch abwürgt und eilig in Richtung Wald verschwindet.Ich folge ihm gedankenversunken.
Opa und ich hatten lange Zeit kein wirklich gutes Verhältnis. Als Kind habe ich mich vor ihm gefürchtet. Er war der mit Abstand größte Mann in der Familie und überragte vermutlich die meisten Nachbarn und Dorfbewohner. Obendrein war er verdammt streng und unnachgiebig. Als ich noch klein war, hat er den Familienbetrieb noch geführt. Sein Wort war Gesetz und niemand wagte es, sich gegen ihn aufzulehnen. Opa hat die Entscheidungen getroffen und erschien mir dabei immer so grimmig. Er verlangte Respekt und Gehorsam. Erst mit dem Entschluss, sich zurückzuziehen und meinem Onkel und meiner Mutter die Entscheidungen zu überlassen, hat er sich verändert. Vielleicht war er froh, die schwere Last nicht mehr tragen zu müssen, auf jeden Fall kam er mir weniger herrisch vor.

Ich war ein rebellischer Teenager, konnte mit den Veränderungen meines Körpers und dem Gefühl, anders als meine Freunde zu sein, nicht umgehen. Die Tatsache, dass Mädchen mich nicht so angemacht haben, wie der Anblick eines nackten Mannes, hat mich aggressiv gemacht. Opa war der einzige, der mich zur Raison bringen konnte. Er hat zusammen mit mir einen Raum freigeräumt, einen Boxsack gekauft und mir beigebracht, wie ich mich daran abreagieren kann. Es war, als wollte er mich durch diese Zeit lenken, als könnte er mich irgendwie verstehen. Wir haben nie viel geredet, aber Opa hat mich trainiert, mir beigebracht, meinen Körper zu formen und mein Selbstbewusstsein zu stärken.
Mein Opa war als junger Mann ein regionaler Boxchampion. Damals war ein Kampf noch eine Art Volksfest. Der ganze Ort war auf den Beinen, um Opa zu unterstützen. Das war lange vor meiner Zeit, aber Oma hat immer stolz davon erzählt und einige Bilder gezeigt. In einer Vitrine stehen ein paar Pokale und einen dieser Gürtel hat er auch. Ich weiß nicht, ob er gehofft hat, dass ich in seine Fußstapfen trete. Ich wollte nur Muskeln aufbauen, stärker werden und die inneren Dämonen bekämpfen. Sport ist auch heute der wichtigste Antriebsmotor in meinem Leben. Wenn ich trainiere, dann kann ich mich spüren, bin vollkommen eins mit mir und vergesse alles um mich herum. Außer Linus beobachtet mich dabei...

Den Friedhof haben wir ohne anzuhalten passiert. Es macht mich traurig, wenn ich all die Grabsteine sehe und daran denke, dass auf einem von ihnen Omas Name steht. Noch immer kann ich es nicht richtig begreifen, aber damit bin ich nicht allein. Daher bewundere ich meinen Opa, der mit einem erstaunlichen Selbstverständnis mit dem Tod umgeht. Vielleicht sieht man die Dinge im Alter anders, vielleicht wird einem irgendwann bewusst, dass der Tod ein unabänderlicher Teil des Lebens ist.

Der steile Anstieg sorgt dafür, dass Opa das Tempo drosselt und auch seinen Stock mehr zu Hilfe nimmt.
Bist du sicher, dass du den Berg hinauf willst?“, erkundige ich mich und spüre, wie auch mein Blut in Wallung gerät.
Natürlich“, sagt er schlicht und geht unaufhaltsam weiter.
Das ist heute aber sehr seltsam mit dir“, behaupte ich grinsend, obwohl sich ein flaues Gefühl in meinem Bauch breit macht.
Vermutlich wird es sogar noch seltsamer, mein Junge“, erwidert er, bleibt stehen und holt tief Luft. Der Blick, mit dem er mich dabei mustert, verstärkt das Bauchgefühl. „Sehr viel seltsamer, aber ich denke, es ist an der Zeit.“ Er macht eine Pause und sieht mich nachdenklich an. „Zeit für uns beide.“
Ich verstehe kein Wort.“ Lachend versuche ich die Emotionen zu verdrängen, die seine Worte in mir ausgelöst haben.
Das wirst du. Hab noch ein bisschen Geduld. Es ist nicht mehr weit.“

Als wir nach einer ganzen Weile oben angekommen sind und der Weg endlich wieder eben verläuft, schnaufen wir beide. Mein exzessives Leben macht sich bemerkbar. Auch wenn ich relativ viel an den Geräten Gewichte stemme, schlafe ich zu wenig, trinke zu viel und bin zu oft auf der Suche nach Befriedigung. Anonym und stets ohne Verpflichtungen, kein Frühstück, kein Telefonnummern, keine Chatnachrichten. Und kein Linus, der sich immer wieder in meine Gedanken drängt und dafür sorgt, dass ich mir Fragen stelle, die ich niemals in Betracht ziehen wollte.

Ich liebe es hier“, sagt Opa nachdenklich. Ich schaue mich um und kann ihm nur zustimmen. Die großen Bäume, der wunderbare Duft nach Waldboden, nach Wiesen und Blumen. Als Kind habe ich die meiste Zeit mit meinen Freunden im Wald verbracht. Es gab so viel zu entdecken. Wir haben uns Hütten gebaut, sind auf Bäume geklettert oder haben einfach nur auf der Wiese gelegen und die Wolken beobachtet.
Es ist wirklich schön hier“, gebe ich schließlich zu und verspüre eine ungewöhnliche Melancholie. Ich weiß nicht, was heute anders im Gegensatz zu unseren anderen Spaziergängen ist, aber ich kann regelrecht spüren, dass etwas in der Luft liegt. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es etwas Gutes ist und das lässt mich besorgt meinen Opa beobachten.

Dein Leben ist so hektisch. Dein Studium, der Fitnessclub und all die Partys, auf denen du dich herumtreibst. Du solltest dir viel mehr Zeit für die Natur nehmen. Alles ist so schnelllebig geworden. Der Alltag besteht nur noch aus Stress. Immer erreichbar sein, immer in Kontakt mit anderen Menschen. Dabei verliert man schnell das Maß und überfordert sich und den eigenen Körper.“
War das nicht früher auch so?“, erkundige ich mich. „Du hast doch auch dein ganzes Leben lang hart gearbeitet und hattest viel Stress.“
Natürlich“, erwidert Opa lachend. Er geht weiter. „Ich musste die Familie ernähren, alles in Schuss halten, das Erbe meines Vater und Großvaters tragen. Es war anstrengend, aber doch anders als heute, wo in jeder Minute so viele Eindrücke und Informationen auf den Menschen einprasseln.“
Die Zeiten ändern sich“, sage ich, denn ich weiß nicht, was ich sonst darauf antworten soll. Obendrein finde ich Gespräche dieser Art nicht besonders interessant. Dieses Früher war alles besser ist etwas, was jede Generation von sich behauptet. Vermutlich sogar die, die im Krieg aufgewachsen sind. Die Jahre verändern die Sicht auf die eigene Vergangenheit.
Ja, die Zeiten haben sich geändert.“ Opa lacht, dann hält er inne und seufzt so schwer, dass ich mich besorgt neben ihn stelle.
Alles in Ordnung?“

Er antwortet nicht, hält den Blick starr nach vorn gerichtet. Ich folge ihm mit den Augen, aber da ist nichts, was meine Aufmerksamkeit erweckt. Ein großer alter Baum und eine Bank, die als solche kaum noch zu erkennen ist. Opa legt eine Hand auf meinen Arm. Ich spüre, wie sie zittert. Langsam gehen wir weiter, wobei ich meinen Opa aus dem Augenwinkel betrachte. Er hat die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Die Muskeln in den Wangen zucken nervös, während er die ganze Zeit die Bank fixiert.
Als wir direkt davor stehen, lässt er mich los, umrundet das altersschwache Holz, streicht mit den Finger über die gesplitterten Fasern und setzt sich vorsichtig darauf.
Das ist keine gute Idee“, sage ich und überwinde die kleine Distanz, bereit ihn aufzufangen, falls die Bank unter ihm nachgibt.
Rede keinen Unsinn“, herrscht er mich an und klopft neben sich. „Die hält uns beide locker aus.“
Vorsichtig lasse ich mich neben ihm nieder, stütze mein Gewicht allerdings auf die Oberschenkel. Ich hoffe, er will hier nicht allzu lange bleiben.
Müssen wir unbedingt hier eine Pause machen? Es gibt doch bestimmt auch noch irgendwo eine andere Bank, die ein bisschen stabiler ist.“
Nein, hier sind wir genau richtig. Das ist der Platz, an dem ein alter Mann seinem Enkel ein Geheimnis verraten wird.“
Erstaunt sehe ich meinen Opa an und kann nicht verhindern, dass meine Augenbrauen bis zum Haaransatz wandern. Er grinst mich breit an und legt einen Arm auf meine Schulter.
Es ist noch genauso schön wie früher. Obwohl ich nichts gegen Veränderungen habe, so finde ich es doch gut, dass es auch Dinge gibt, die Bestand haben. Wie der Baum und diese Bank.“
Ich gehe mal nicht davon aus, dass sie schon immer so marode war.“
Nein“, erwidert er und lacht erneut. „Sie war perfekt, absolut perfekt.“
Davon ist nicht mehr viel zu erkennen“, gebe ich zu und bringe meinen Opa zu seufzen.
Mag sein, aber in meiner Erinnerung wird sie immer so bleiben, wie an dem Tag, als wir sie hier gebaut haben.“
Wir?“, frage ich neugierig.
Hans und ich“, sagt Opa schlicht und streicht erneut über das Holz zwischen uns. Dann springt er auf, geht in die Hocke und mustert eine Strebe intensiv. „Hier irgendwo haben wir unsere Initialen eingeritzt. Guck nur, Simon, man kann sie noch ganz schwach erkennen.“
Ich knie mich neben ihn und fokussiere die Stelle, auf die mein Opa zeigt. Mit viel Fantasie kann ich dort ein K für Karl entdecken. Von dem H ist noch weniger übrig, allerdings … ich stocke, kneife die Augen zusammen und halte die Luft an.
Ist das ein Herz?“, frage ich unsicher und das flaue Gefühl in meinem Bauch verdichtet sich zu einem unangenehmen Kloß.

Ja“, erwidert Opa und setzt sich wieder auf die Bank. Sein Blick schweift über die Landschaft, während ich ihn mit offenem Mund anstarre.
Ich war siebzehn, als Hans mit einer Gruppe Wanderarbeiter zu uns auf den Hof kamen“, sagt er schließlich, ohne mich anzusehen. „Es gab immer viel Arbeit, die wir kaum allein bewältigen konnten. Die Wanderarbeiter waren gern gesehen. Sie wollten meist nur wenig Lohn, waren mit anständigen Mahlzeiten und einem Schlafplatz zufrieden.“
Opa macht eine Pause, sieht dabei kurz zu mir hinüber und seufzt erneut.

In diesem Jahr war alles anders für mich. Schon bevor die Arbeiter auf den Hof kamen. Ich spürte, dass da etwas in mir war, was nicht richtig sein konnte. Natürlich gab es niemanden, mit dem ich darüber reden konnte und ich hätte es nicht einmal mit Worten beschreiben können. Es war eine seltsame Unruhe, ein Kribbeln, das mich in den Nächten verfolgte, mir furchtbare Träume bescherte und mir das Gefühl gab, ich würde den Verstand verlieren. Nach außen versuchte ich natürlich so normal wie immer zu sein. Ich hatte auch nur wenig Zeit darüber nachzudenken, denn es gab schließlich sehr viel zu tun.. Ganz zu schweigen davon, dass dein Urgroßvater darauf drängte, dass es allmählich Zeit für eine Hochzeit wurde.“
War es Oma, die du heiraten solltest?“
Sie war scharf auf mich“, erwidert er lachend. „So sagt man das doch heutzutage, oder?“
Glucksend stimme ich zu und weiß nicht, wie ich Opas Aussage mit meiner Erinnerung an eine stille und zurückhaltende Frau in Einklang bringen soll.
Wir sind ein paar Mal ausgegangen und ich mochte sie wirklich sehr. Sie war hübsch und fröhlich und wusste, dass einige meiner Freunde mich um sie beneideten. Es war alles in bester Ordnung, solange ich dieses seltsame Kribbeln unter Kontrolle hatte. Es brach jedoch aus mir heraus, als die Wanderarbeiter kamen und mit ihnen Hans.“ Opa schließt die Augen, während ich aufgeregt mit den Beinen zu wippen beginne. „Er war der schönste Mann, den ich je gesehen habe. Es war, als würde mein Herz explodieren und ein anderes Körperteil spielte ebenfalls vollkommen verrückt.“
Opa?“, frage ich fassungslos und kann nicht glauben, was er mir in diesem Moment offenbart.
Schon gut, Simon, lass es mich zu Ende erzählen.Ich hatte keine Ahnung, was es war, kannte nicht einmal den Namen für dieses alles überstimmende Gefühl in mir. Ich wusste nur eines: Dieser Mann war so schön, dass ich nachts von ihm träumte, dass ich in seiner Nähe arbeiten wollte, doch wenn er mich ansah, wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Ich habe ihn heimlich beobachtet, aber wenn er auf mich zukam, bin ich kopflos geflohen. Einmal wäre ich beinahe in den Brunnen gefallen. Ich war vollkommen verwirrt und das hat mich wütend gemacht.“

Die Worte schaffen es kaum in mein Gehirn. Ich begreife es nicht und weiß doch genau, worüber wir hier sprechen.
Es war Hans, der den ersten Schritt gemacht hat. Mein Vater hat uns zusammen aufs Feld geschickt. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was für eine Arbeit er uns aufgetragen hat, denn alles in meinem Kopf summte, die Beine zitterten und mein Herz raste, dass ich Angst hatte, jeden Moment umzufallen.“ Opa lacht und reibt sich über die Augen. „Vermutlich ist es einzig seiner Besonnenheit zuzuschreiben, dass ich mich nicht verletzt habe. Seine Nähe hat mich so aggressiv gemacht. Als er mich am Arm packte, bin ich ausgerastet. Ich habe mich auf ihn gestürzt, aber dabei nicht bedacht, dass er, obwohl ich einen halben Kopf größer war, deutlich stärker war. Er hat mich auf den Boden gedrückt. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Wir haben uns schwer atmend angesehen und dann … und dann hat er sich vorgebeugt und mich geküsst.“
Ich schließe die Augen und kann ein lautes Keuchen kaum verhindern.
Es war … der beste Kuss in meinem ganzen Leben und ich habe ihn von einem Mann bekommen.“

Die Stille zwischen uns ist unheimlich. Ich versuche die Worte zu begreifen und gleichzeitig möchte ich sie aus meinem Kopf verbannen. Plötzlich höre ich den Gesang der Vögel überdeutlich, nehme das Rauschen der Blätter ganz besonders intensiv wahr … und es ist, als würde hinter jedem Geräusch nur eine Botschaft lauern: Er ist wie du.... du bist wie er...
Aber du hast doch Oma geheiratet“, nuschle ich. Die Worte wollen kaum meinen Mund verlassen.
Natürlich“, sagt er lachend. „Ein Jahr später habe ich sie vor den Traualtar geführt.“
Warum?“
Ach Junge, es waren die sechziger Jahre. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir los war, aber es gab immer wieder Gerüchte von Männern, die verhaftet wurden, weil sie unsagbare Dinge getan hätten. Manchmal hörte ich die Leute darüber reden... die 175-iger wurden sie genannt. Es spielte keine Rolle, ob die Verdächtigungen zu recht bestanden, das Leben war verpfuscht.“
Der Schwulenparagraph“, sage ich betroffen.
Genau der... und ich … ich wollte … ich war doch überhaupt nicht schwul. Niemand wollte so etwas freiwillig sein und diese grässlichen Dinge würde ich auch niemals tun.“
Grässliche Dinge?“, frage ich und schaffe es kaum, meinen Opa anzusehen.
Du weißt schon, all die Sachen, die zwei Männer miteinander tun können.“
Mein Gesicht wird heiß und erneut schiebt sich die Frequenz mit Linus in mein Gedächtnis. Wir tun diese grässlichen Dinge, die mein Opa vermutlich meint. Ich habe sie auch schon mit vielen anderen Kerlen getan...

Opa“, sage ich leise und versuche meinen Kopf freizubekommen. „Warum....?“
Warte noch“, erwidert er nachdenklich. „Gib mir noch ein bisschen Zeit.“
Okay“, murmle ich und konzentriere mich erneut auf die Natur.
Ich habe diese kurze Zeit niemals vergessen, sie tief in meinem Herzen bewahrt. Es waren nur ein paar Wochen... aber sie haben sich für alle Zeit in mein Gedächtnis gebrannt. Zum ersten Mal verschwand dieses unangenehme Gefühl in mir und ich konnte mich selbst spüren. Es war, als wäre ich aus einem Gefängnis ausgebrochen.“
Und dieser Hans? Ging es ihm ebenso? Hättet ihr nicht zusammen...?“
Wo denkst du denn hin? Nein, wir wussten beide, dass es niemals mehr sein würde, als ein paar gestohlene Momente. Er hat diese Bank gebaut und wir haben hier gesessen, uns geküsst und ...“
Und?“, frage ich mit angehaltenem Atem.
Nichts von dem, was du vielleicht erwartest. Wir haben uns einfach nur festgehalten. Es war schön, sich in den Arm zu nehmen, die Nähe des anderen zu spüren, seine Haut zu riechen. Manchmal glaube ich, ich kann den Duft noch immer wahrnehmen.“
Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll, Opa. Ich meine, ich hätte mit allem gerechnet, aber dass du … also …“
Schwul sein könntest?“, vervollständigt er meinen Satz schmunzelnd. „Ja, damit war wohl nicht zu rechnen.“
Wie hast du es all die Jahre ausgehalten?“
Ich musste es nicht aushalten, Simon. Ich habe mein Leben genauso gelebt, wie ich es wollte und bereue keinen einzigen Tag davon. Deine Oma war das Beste, was mir passieren konnte. Als ich ihr das Eheversprechen gab wusste ich, dass ich alles dafür tun werde, um sie glücklich zu machen. Ich hoffe, es ist mir gelungen.“
Bestimmt“, murmle ich.
Wir hatten ein gutes Leben. Als sie mir Peter und dann deine Mutter geschenkt hat, war ich außer mir vor Freude. Es war so ein Glück, die Kinder aufwachsen zu sehen. Aber ich gebe zu, dass es Momente gab, in denen mich die Erinnerung einholte, in denen ich mich gefragt habe, was wohl aus Hans geworden ist. Besonders schlimm wurde es, als Aids ausgebrochen ist. Die Schwulenseuche, an der so viele Menschen starben und vor der alle Panik hatten. Ich sah das furchtbare Elend im Fernsehen und war so dankbar, neben deiner Oma zu sitzen und nicht dort zu sein.“
Hast du nicht aber trotzdem dir und allen anderen etwas vorgemacht?“
Ich glaube nicht, denn ich war nicht unglücklich und bin es auch heute nicht. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann erinnere ich mich an viele wunderbare Momente mit meiner Familie und es ist nur ein winziger, kostbarer Augenblick, in dem ich diese Seite in mir entdeckt habe und so stürmisch lieben durfte. Deine Oma und ich haben uns anders geliebt. Sanft und gleichmäßig, tief miteinander verbunden.“
Hast du ihr jemals davon erzählt?“
Weshalb hätte ich das tun sollen? Es gab doch im Grunde nichts zu erzählen. Ich habe sie niemals betrogen. Sie war mein Leben.“
Warum erzählst du mir das?“
Als ich deine Mutter im Krankenhaus besucht habe und sie mir dieses wunderschöne und winzige Baby in den Arm gelegt hat, da konnte ich es fühlen. Ich weiß, dass es unlogisch und verrückt klingt, aber ich habe dich angesehen und wusste, dass du wie ich bist.“
Was?“ Entsetzt springe auf und starre ihn an.
Bist du nicht zu alt, um es zu leugnen? Glaubst du, ich weiß nicht, wie dein Leben in der Stadt aussieht?“
Aber... ich … verstehe nicht“, stottere ich. Opa greift nach meiner Hand und zieht mich zurück, neben sich auf die Bank.
Ich habe dich beobachtet, so viel von mir in dir entdeckt. Ich konnte die Unruhe in dir spüren, als du gemerkt hast, dass du dich von deinen Freunden unterscheidest. Ich habe versucht dich zu lenken, dir einen Ventil zu geben.“
War das Boxen für dich auch ein Ventil?“
Ich habe damit angefangen, als Hans weiterzog. Am Anfang dachte ich, ich würde den Schmerz in meiner Brust niemals überwinden, aber dann habe ich ihn in Stärke umgewandelt. Ich habe trainiert wie verrückt und es hat mir geholfen, die Dinge zu verstehen und mich auf das zu konzentrieren, das ich beherrschen konnte.“
Du glaubst also, dass ich … dass ich wie du bin?“, frage ich leise. Mein Mund ist vollkommen trocken und das Herz hämmert so laut, dass ich mir sicher bin, Opa kann es hören.
Ich weiß es genau“, behauptet er und stupst mit seiner Schulter gegen meine. „Du bist zum Studium gegangen und kamst ganz verändert zurück. Da wusste ich, dass du auf deine innere Stimme gehört hast. Der Sport war gut für dich, aber das Ausleben deiner Bedürfnisse hat aus dir einen wunderbaren jungen Mann gemacht. Eigentlich warte ich seit einigen Jahren darauf, dass du dich deiner Familie öffnest. Es macht mir Sorgen, dass du dich bisher nicht dazu entschlossen hast.“
Das ist ein Scherz, oder?“, erkundige ich mich aufgebracht. „Du bist siebzig und hast es niemandem erzählt.“
Die Zeiten waren doch vollkommen anders. Heute gibt es so viele Männer, die offen zueinander stehen. Der unsägliche Paragraph ist verschwunden. Männer können heiraten … sich auf der Straße zeigen, diese lustigen und schrillen Paraden veranstalten. Deine Oma hat immer geschimpft, wenn es einen Bericht darüber im Fernsehen gab, aber ich fand es großartig. Manchmal habe ich sogar davon geträumt, einmal dabei zu sein.“
Du meinst den Christopher Street Day?“, erkundige ich mich und starre Opa entgeistert an.
Ich stelle es mir großartig vor.“
Irgendwie weiß ich überhaupt nicht, was ich sagen soll. Mein Opa steht auf Männer und will zum CSD und … Ehrlich, wie soll ich denn damit umgehen? Willst du dich jetzt outen und mich damit in die Enge drängen?“ Ein merkwürdiges Wutgefühl steigt in mir auf. Ich kicke einen Kiefernzapfen mit dem Fuß weg und versuche, die innere Unruhe in den Griff zu bekommen.
Was für einen Sinn würde es machen, die Familie zu verwirren? Am Ende denken sie noch, ich wäre nicht mehr zurechnungsfähig. Ich will dich zu nichts zwingen, aber ich will, dass du weißt, dass ich zu dir stehe. Ich bin ein alter Mann. Was ich bisher möglicherweise versäumt habe, werde ich jetzt auch nicht mehr aufholen. Mir reichen meine Erinnerungen und, na ja, in meiner Fantasie tun wir all die Dinge, die wir uns nicht getraut haben. Für alles andere ist es doch längst zu spät. Aber du bist noch jung und du solltest …“ Opa holt tief Luft und sieht mich an. Seine Augen schwimmen in Tränen, während er mich anlächelt: „Sollte dir jemals ein Mann begegnen, der dieses unglaubliche Feuer in deinem Inneren entzündet, dann halte ihn fest.“

Darauf fällt mir überhaupt nichts ein. Das schüchterne Lächeln von Linus verdränge ich, stütze meine Ellenbogen auf den Knien ab und lege mein Kinn in die Hände. Ich starre auf den Waldboden, betrachte die braunen Blätter und das Gras, entdecke eine winzige Blume mit weißen Blütenblättern. Ich scharre mit den Füßen und kann einfach keinen klaren Gedanken fassen. Aller schwirrt durcheinander.

Ich habe die meiste Zeit einen großen Bogen um diese Bank gemacht. Nur manchmal, wenn mich rastlose Sehnsucht überfallen hat, dann bin ich hergekommen, um meinen Kopf frei zu bekommen oder Entscheidungen zu treffen.“
Jetzt bist du mit mir hier“, erwidere ich und sehe zu meinem Opa hinüber. Er ist immer noch der große, starke Mann … seine Offenbarung ändert nichts daran, wie ich ihn sehe, aber es ist, als hätte sich das Band zwischen uns verstärkt. Vielleicht hat er Recht und da gab es schon immer eine Verbindung. Als Kind habe ich sie nicht wahrgenommen, aber später … Manchmal frage ich mich, was wohl aus mir geworden wäre, wenn Opa sich nicht um ich gekümmert hätte. Natürlich haben sich meine Eltern auch bemüht, aber am Ende war er es, der mir am meisten geholfen hat.
Ich bin schwul“, sage ich schließlich. „Und du hast Recht. Ich lebe es aus... Manchmal vermutlich sogar ein bisschen zu exzessiv.“
Dann hoffe ich, dass du immer vorsichtig bist.“
Das bin ich“, erwidere ich glucksend. „Es ist ein bisschen seltsam, findest du nicht?“
Opa nickt und steht auf.
Ich denke auch, wir haben genug darüber geredet. Es wird Zeit für den Rückweg. Deine Mutter hat sicherlich schon den Kaffeetisch gedeckt.“
Ich erhebe mich ebenfalls und betrachte die Bank nachdenklich. „Vielleicht sollten wir sie erneuern“, schlage ich vor. Er antwortet nicht, dafür fegt eine Windböe durch den Baum. Ein dunkelrotes Blatt fällt herunter und landet auf der Sitzfläche. Opa seufzt schwer und stützt sich auf den Stock.
Als wir uns das letzte Mal hier getroffen haben, fingen die Blätter auch an sich zu verfärben. Hans hat ein kleines Notizbuch aus der Hosentasche gezogen und eins davon hineingelegt. Vorher hat er es gegen meine Lippen gepresst.“ Diesmal lege ich meinen Arm um Opas Schultern und drücke ihn sanft an mich. Sein Körper bebt und er wendet den Blick von mir ab. Mein Herz schlägt hart in der Brust. Schmerzhaft wird mir bewusst, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, dieses Erlebnis all die Jahre zu bewahren. Langsam entfernen wir uns von dem Ort und seinem unglaublichen Geheimnis.

Hast du jemals versucht Hans zu finden?“
Nein. Weshalb hätte ich das tun sollen? Mein Leben war ausgefüllt und großartig. Ich habe alles, was sich ein Mann wünschen kann: Eine wunderbare Frau, gesunde Kinder, großartige Enkel. Ich habe ein gutes Leben mit deiner Oma gehabt und möchte keine einzige Sekunde davon missen.“
Vielleicht wäre dein Leben mit Hans auch wunderbar gewesen“, werfe ich ein und schüttle über mich selbst den Kopf. Opa beginnt laut zu lachen. Seine Stimme schallt durch den Wald und bringt einige Vögel dazu, aufgeregt davonzufliegen.
Ich glaube, zu der Zeit hätte es mehr Mut erfordert, als ich jemals besessen habe. Dein Uropa hätte mich vom Hof gejagt. Du bist in eine Zeit geboren, wo sicherlich alles noch längst nicht perfekt ist, es aber viel mehr Menschen gibt, die es akzeptieren und respektieren. Es mag sein, dass dir meine Entscheidung falsch vorkommt, aber für mich war sie richtig und ist es immer noch.“
Davon abgesehen, hätte es mich ja niemals gegeben.“
Dein Leben hätte ich auf gar keinen Fall verpassen wollen.“

Den Rest des Weges gehen wir schweigend nebeneinander her. Noch immer erscheint mir das Geständnis meines Opas unbegreiflich und seltsam irreal.
Tatsächlich erwarten meine Eltern uns bereits zum Kaffee. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, nicht wirklich anwesend zu sein. Die Gespräche prallen an mir ab, die meisten meiner Antworten erscheinen mir mechanisch und fremd. Manchmal spüre ich den musternden Blick meiner Mutter auf mir ruhen. Ich erwidere ihn mit einem Lächeln, entschuldige mich später damit, dass ich eine anstrengende Woche hatte und kann es gar nicht erwarten, endlich im Auto zu sitzen. Die Fahrt nach Hause dauert länger, denn ich habe Mühe mich zu konzentrieren. Vor ein paar Stunden brauchte ich den Geschwindigkeitsrausch, um meine angespannten Nerven zu beruhigen. Jetzt krieche ich über die Autobahn, weil hunderte Fragen mein Gehirn außer Gefecht setzen.

In meiner Wohnung angekommen, gehe ich als erstes ins Bad, reiße mir die Klamotten vom Körper und gönne mir eine heiße Dusche. Ich verteile das dunkelblaue Gel mit meinem Lieblingsduft auf der Haut und fahre mit den Händen darüber, bis mich ein heller Schaum einhüllt. Es ist vermutlich eine ähnliche Muskelstruktur, wie die meines Opas. Bilder aus meiner Jugend ploppen auf. Opa und ich mit nackten Oberkörpern vor dem Boxsack. Ich habe die definierte Brust bewundert und wollte auch solche Proportionen haben. Damals war ich einfach nur lang und dünn. Es gab kein Gleichgewicht und ich hatte lange das Gefühl, gar nicht für diesen Körper gemacht zu sein. Mein Opa war jedoch geduldig, hat mir jeden Fortschritt vor Augen geführt, mich vorangetrieben, gelobt, aber auch gebremst, wenn ich mit dem Kopf durch die Wand wollte. Schon damals trug er sein Geheimnis mit sich herum und hat von meinem gewusst. Hat er deshalb so verständnisvoll reagiert, als er die Zeitschriften mit den halbnackten Kerlen entdeckte? Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken, hatte furchtbare Angst davor, dass er schnurstracks zu meinen Eltern rennt … Opa hat jedoch nur gegrinst und mir geraten, ein besseres Versteck dafür zu suchen. Damals konnte ich seine Worte nicht begreifen, aber jetzt ergeben sie einen Sinn. Ich weiß nicht, ob er es von Anfang an erkennen konnte, aber zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall. Im Grunde hat er mich immer gelenkt, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Nicht nur in sportlicher Hinsicht. Es war auch Opa, der mich darin unterstützt hat, studieren zu gehen. Er war auf meiner Seite, als ich nach zwei Semestern das Fach gewechselt habe. Selbst als ich einen weiteren Wechsel in Betracht gezogen habe, hat er mich dazu gedrängt, eine Entscheidung zu treffen. Meine Eltern waren damals außer sich und wollten mich nicht länger unterstützen. Wir haben uns furchtbar gestritten, aber Opa hat die Wogen geglättet. Er hat mir gesagt, dass ich auf mein Herz hören soll, es auch langsam Zeit wird, mich selbst zu finden. Ich dachte, er würde es nur auf die Studienfachwahl beziehen. Vermutlich wollte er schon damals, dass ich mich zu dem bekenne, was ich bin.
Eine Weile bleibe ich unbeweglich unter dem Wasserstrahl stehen. Ich schließe die Augen, spüre eine unglaubliche Energie in mir.

Opa Karl ist schwul“, sage ich leise, wiederhole es noch einmal lauter und lausche dem Klang der Worte. Sie besitzen eine eigenartige Dynamik, die mich letztendlich aus der engen Kabine treibt. Beim Abtrocknen betrachte ich mich im Spiegel und grinse schief. Ich stütze mich auf dem Waschbeckenrand ab, schiebe meinen Kopf so dicht an das reflektierende Glas heran, dass meine Nase dagegen stößt. Meine Augen sind schlicht blau. Die Wimpern dunkel und lang... Ich versuche in mich hineinzusehen, starre so lange, bis mein Blick verschwimmt und mir schwindelig wird. Nach einem großen Schluck kalten Wassers geht es mir besser. Ich style mich, gehe ins Schlafzimmer, ziehe meine Lieblingsjeans und ein enges Shirt an. Ich mag es, wenn der Stoff mein Sixpack betont und sich die knappen Ärmel um die Bizepse spannen.

Es ist die Geburtstagsparty eines Kumpels. Die Flasche Wodka habe ich schon vor ein paar Tagen besorgt. Auf der Fahrt nach Hause habe ich überlegt abzusagen, aber jetzt freue ich mich. Den Abend allein vor dem Fernseher zu verbringen kommt nicht in Frage. Zur Not kann ich später immer noch durch die Clubs ziehen und mich mit irgendeinem Kerl vergnügen. Dass sich dabei ausgerechnet Linus´ Gesicht in mein Gedächtnis schiebt, bringt mich zum Knurren.

Als ich auf der Party ankomme, sind schon ziemlich viele Leute da. Überall stehen oder sitzen kleine Grüppchen zusammen. Laute Musik erfüllt die Wohnung. Es riecht dezent nach Gras und Alkohol. Ich geselle mich zu ein paar Freunden, habe in Sekundenschnelle einen Plastikbecher mit einem Whisky-Cola-Gemisch in der Hand. Noch immer kann ich nichts dagegen machen, dass meine Gedanken abdriften, ich die Gespräche kaum mitbekomme und trotzdem hoffe, dass ich an den richtigen Stellen lache.
Dann schiebt er sich in mein Sichtfeld: Linus. Wie immer die Strickmütze auf dem Kopf. Blonde Strähnen hängen ihm so tief im Gesicht, dass sie die Augen verdecken. Der Hoodi ist riesig, ebenso wie die Jeans, die beinahe in den Knien hängt. Vermutlich hält sie nur, weil er die Hände in den Taschen hat.

Dein Verehrer“, sagt Jan grinsend und deutet auf Linus, der in diesem Moment zu uns hinüberblickt. Ich verdrehe genervt die Augen. Offenbar habe ich ihm damit ein Zeichen gegeben, sich in Bewegung zu setzen, denn er kommt direkt auf uns zu.
Da hast du dir ja echt eine Klette eingefangen“, raunt mir Jan zu. Ich nicke seufzend, kann jedoch meinen Blick nicht von Linus lassen.
Hallo Simon“, sagt Linus und lächelt mich an.
Linus“, erwidere ich grummelnd. „Was treibt dich denn hier her?“
Ich … bin mit einer Freundin hier. Sie ist die Cousine des Geburtstagskindes.“
Zufälle gibt es...“ Ich grinse, proste ihm zu und drehe mich demonstrativ weg. Jan lacht neben mir, stößt seinen Becher gegen meinen und wir trinken einen Schluck auf das Wohl des Gastgebers.
Simon, ich...“ Linus´ Hand, die plötzlich auf meinem Arm liegt, sorgt für ein Prickeln auf der Haut.
Was willst du noch?“, frage ich grob. Sofort lässt er mich los und die Schultern hängen.
Ich wollte nur sagen, dass ich es kapiert habe und dich in Zukunft nicht mehr nerven werde. Tut mir echt leid.“ Ohne auf meine Antwort zu warten geht er. Ich starre ihm hinterher, während mein Herz aus dem Takt gerät. Eigentlich ist das doch genau die Ansage, auf die ich seit einer gefühlten Ewigkeit warte. Wieso bin ich nicht erleichtert und froh, die kleine Nervensäge los zu sein?

Ich trinke den Becher leer, mache mir eine neue Mischung und versuche mich auf die Stimmung einzulassen. Was für ein verrückter Tag und es gibt niemanden, dem ich davon erzählen kann. Niemanden, mit dem ich auch nur annähernd verbunden fühle. Natürlich sind hier einige Freunde, mit den meisten Typen war ich schon im Bett, mit manchen sogar gleichzeitig... Trotzdem sehe ich mich immer wieder suchend nach Linus um. Es ist bescheuert, denn ich habe doch genau das bekommen, was ich wollte. Ich betrachte den Mann, der so gar nichts von dem ist, was ich bevorzuge und der es aus irgendeinem Grund schafft, dass ich ständig über ihn nachdenke. Heute noch mehr als sonst. Es ist eine echte Verschwendung, dass er sich unter dem Berg Klamotten versteckt, denn eigentlich hat er das gar nicht nötig. Sein Körper ist perfekt … Scheiße, was mache ich denn hier? Noch ehe ich weiter darüber nachdenke, gehe ich auf Linus zu. Er bemerkt mich erst, als ich vor ihm anhalte.

Simon?“
Ich finde es gut, dass du mich nicht mehr nerven willst“, sage ich grinsend und schiebe mich so dicht vor ihn, dass er mir nicht ausweichen kann. Linus hebt den Kopf. Schade, dass ich so wenig von seinen Augen sehen kann. Impulsiv schiebe ich die Haare zur Seite. Er reißt die Augen auf, mustert mich unsicher.
Vielleicht sollte ich dich von nun an ein bisschen nerven.“
Aber...“, nuschelt er, verstummt und presst die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Das gefällt mir auch nicht, denn sie sind so schön voll und dunkelrot, perfekt zum Küssen. Eine Weile betrachte ich ihn. Opas Worte drängen sich in mein Gedächtnis. Ich weiß nicht, ob Linus der schönste Mann ist. Ich habe schon so viele gesehen. Wohldefinierte, nahezu perfekte Körper. Ich habe sie berührt, den Duft eingeatmet, von ihnen gekostet. Ich hatte harten, versauten, unbändigen und drogenlastigen Sex. Nichts von dem verbindet mich mit Linus. Das ist es vermutlich auch, weshalb ich ihn nicht ignorieren kann und warum sein Statement mir nicht gefallen hat.
Und dann lächelt er mich zaghaft an und setzt mich damit tatsächlich in Brand. Linus schlingt seine Arme um meinen Hals und kichert leise. Ich hebe ihn ein Stück an und presse seinen Körper gegen die Wand. Er schlingt die Beine um meine Hüften. Der Blick, den er mir unter seinen langen Ponyfransen zuwirft, bringt mich um den Verstand. Er schreit nach Schlafzimmer, nach Bett, nach … nach mehr. Für einen Augenblick halte ich inne, lausche auf die Stimme in mir und begreife nicht, dass es sich so verdammt richtig anfühlt. Sehnsüchtig suche ich nach seinen Lippen, schmuse sanft darüber und fahre mit der Zunge die Konturen nach. Linus seufzt leise, öffnet den Mund für mich und küsst mich stürmisch. Irgendwann rutschen seine Beine an mir hinunter, wir lösen uns voneinander und sehen uns atemlos an. Ich ziehe ihm die Mütze vom Kopf, was ihn dazu bringt, sich verlegen über die Haare zu streichen.

Okay“, sage ich, mehr zu mir selbst, als zu ihm. Linus´ fragenden Blick beantworte ich mit einem Grinsen. „Du hast mich“, behaupte ich schlicht.
Das weiß ich doch schon längst“, meint er selbstbewusst. Ich schüttle den Kopf und küsse ihn dann erneut. Er schmeckt süß und verheißungsvoll, sodass es in meinem Bauch zu kribbeln beginnt und mein Schwanz sich regt. Linus lässt mich fühlen, dass es ihm ähnlich ergeht. Ich schnappe nach seiner Hand und ziehe ihn aus dem Raum.
Lass dich nicht von dem Wicht einfangen“, ruft mir Jan hinterher.
Zu spät“, antworte ich und zucke mit den Schultern. Linus grummelt und macht eine rüde Geste. Lachend fange ich ihn ein und verlasse mit ihm die Wohnung. Wir gehen zu Fuß zu mir. Ein seltsames Schweigen umgibt uns. Linus´ Hände sind längst wieder in den Hosentaschen verschwunden, ebenso wie die Strickmütze seinen Kopf bedeckt. Hin und wieder betrachte ich ihn vor der Seite, frage mich, was er von mir erwartet und ob er einen Ahnung davon hat, wie es mit uns weitergeht. Ich bin in dieser Hinsicht vollkommen ratlos, begreife kaum, dass wir hier wirklich nebeneinander gehen.

Als ich die Haustür aufschließen will, legt er seine Hand auf meine.
Kannst du mir mehr als einen Fick geben?“, erkundigt er sich befangen.
Willst du Vergünstigungen im Fitnessclub?“, frage ich ausweichend. Krampfhaft versuche ich zu grinsen, obwohl mir der Arsch auf Grundeis geht.
Ich will dich“, sagt er schlicht. „Exklusiv und mit allem Drum und Dran.“
Das ist ziemlich viel“, nuschle ich unbehaglich. Ich schließe die Augen, bin mir nicht sicher, ob ich hier gerade einen riesigen Fehler begehe. Vielleicht trübt Opas Offenbarung meine Sinne. Es wäre sicherlich besser, eine Nacht darüber zu schlafen und die seltsamen Emotionen zur Ruhe kommen zu lassen.

Es ist das, was ich brauche... und ich glaube, du benötigst es auch.“
Ich schaue ihn an und frage mich, wie er so selbstbewusst und gleichzeitig so scheu sein kann. Woher will er wissen, was richtig für mich ist?
Ich … weiß nicht, ob ich … Linus, ich habe keine Ahnung, ob ich das kann“, gebe ich ehrlich zu und warte darauf, dass er sich umdreht und verschwindet.
Wie wäre es mit einem Versuch?“
Du bist ziemlich hartnäckig“, sage ich erleichtert, schließe endlich auf und schiebe ihn in den Flur.
Hast du nicht gesagt, dass du mich ab jetzt nerven willst?“, fragt er und grinst mich verschmitzt an.
Damit meinte ich wohl, dass es dich nerven wird, wenn ich immer wieder zurückschrecke, Zweifel an unserem Zusammensein habe, dich nicht mit zu meiner Familie nehmen will, weil ich nämlich nicht geoutet bin...“
Und was ist hiermit?“ Seine Hand landet auf meiner Brust. Er streichelt über die Stelle, unter der mein Herz wie verrückt zu hämmern beginnt.
Das ist etwas, womit ich mich ebenfalls nicht auskenne.“
Linus seufzt. Ich habe den Eindruck, dass ihm allmählich bewusst wird, wie wenig es sich für ihn lohnt. Da draußen laufen ganz andere Kerle herum. Männer wie er, die sich nach Beziehungen und Zweisamkeit sehnen.
Wie sieht es mit Ehrlichkeit aus?“ Er sieht mich herausfordernd an, zieht das Strickteil vom Kopf und glättet seine wild abstehenden Haare.
Das kann ich, jedenfalls meistens.“
Warum bist du dann nicht geoutet?“
Es ist keine Frage der Ehrlichkeit, sondern weil es bisher nicht nötig war. Ich liebe meine Familie, aber ich...“
Okay“, sagt er und haucht mir einen Kuss auf die Lippen. „Ich erwarte nicht, dass du mich morgen deinen Eltern vorstellst, aber wenn du … irgendwann weißt, was dir das hier bedeutet...“

Ich schlinge meine Arme um ihn und vertiefe den Kuss. Es fühlt sich so neu und besonders und gleichzeitig so vertraut an, dass ich ihn noch ein bisschen fester an mich drücke. Linus keucht und öffnet die Augen. Ein helles Braun nimmt mich gefangen. Stolpernd bringe ich uns ins Schlafzimmer. Einen Moment zögere ich, ehe ich Linus zu Fall bringe und mich über ihn schiebe.
Seine Finger streichen über meine Oberarme, meine Brust und weiter nach unten, bis sie den Saum des Shirts greifen und es nach oben ziehen.
Deine Muskeln sind toll“, nuschelt er und sieht mich dabei so ehrfürchtig an, dass ich lachen muss.
Was ist mit meinem Schwanz?“, erkundige ich mich prustend.
Der ist auch toll“, sagt er glucksend und schiebt eine Hand unter den Bund meiner Jeans. Ich rolle mich auf den Rücken und nehme ihn mit, sodass er auf mir liegt. Seine Haare bilden einen Schleier, unter dem er mich mit seinen großen Augen fassungslos ansieht. Ich schiebe sie zur Seite, hebe den Kopf und fange seine Lippen ein. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon jemals so gern geküsst habe.
Der Vorteil seiner viel zu weiten Klamotten ist, dass ich genügend Platz habe, um mein Hände in seine Hose zu schieben und den kleinen und perfekt runden Hintern zu massieren.

Bist du immer aktiv?“, fragt er plötzlich und wird im selben Moment feuerrot.
Willst du mich etwa toppen?“, erkundige ich mich belustigt. Linus scheint in Flammen aufzugehen. Der Brand springt auf mich über, setzt sich in meinem Bauch fest und entzündet sämtliche Nervenbahnen. Damit gibt es wohl keine Frage mehr, ob er der Mann ist, der ein Feuer in meinem Inneren entfacht.
Ich bin für alles, was sich gut anfühlt und Spaß macht“, antworte ich schließlich und lasse einen Finger zwischen seinen festen Backen verschwinden.
Das ist wohl der Moment, wo wir uns einig sind, dass wir genug geredet haben. Blitzschnell verlieren wir die Klamotten, rollen über das Bett, rangeln um die Vorherrschaft und erkunden uns mit einer erstaunlichen Geduld. Manchmal halte ich inne, betrachte den wunderschönen Mann, kann nicht fassen, dass er viel mehr als meinen Schwanz erregt. Wir verschlingen uns, schmusen, packen hart zu, erobern und entdecken. Noch nie war ich so fasziniert davon, jemanden um den Verstand zu bringen und dabei den eigenen zu verlieren.
Der Rausch reißt uns mit. Es bedarf keiner Entscheidung, denn wir bringen es mit der Hand zu Ende, fliegen gemeinsam und sehen uns dabei in die Augen. Ich hauche ihm einen Kuss auf die Stirn, atme tief den wunderbaren Duft seiner Haare ein, während sich eine bittersüße Ahnung in mir ausbreitet: Linus könnte mein Hans sein.

Ein halbes Jahr später weiß ich, dass er viel mehr als das ist. Linus ist mein Mann, noch nicht offiziell, aber doch mit gemeinsamen Ringen und einem eingeritzten Herz mit unseren Initialien in einer Bank, die am schönsten Platz der Welt steht. Wir haben sie gemeinsam mit Opa neu aufgebaut. Natürlich sind sein Herz und die Erinnerung an Hans noch vorhanden. Ich habe Linus die Geschichte erzählt. Er hat danach herzerweichend geweint und gleichzeitig wütend auf die Gesellschaft geschimpft.
Es war mein Opa, der mir den Weg nach Hause geebnet hat. Gemeinsam mit Linus hat er mich dazu gebracht, den Schrank zu verlassen und mich meiner Familie zu stellen. Es war gar nicht spektakulär. Meine Eltern waren zuerst distanziert gefasst, aber als sie Linus kennenlernten regelrecht begeistert. Offensichtlich hat er etwas Magisches an sich, dem nicht nur ich mich schlecht entziehen kann. Was mich am meisten verwunderte war die Tatsache, dass sich niemand daran störte, wie sehr sich mein Opa gefreut hat. Ich weiß nicht, aber manchmal glaube ich, dass meine Mutter etwas ahnt.
Opa hat Recht. Es ist nicht nötig darüber zu reden, weil seine Entscheidung damals dafür gesorgt hat, dass wir so eine großartige Familie werden konnten. Ich begreife, dass er keine Zweifel zulässt und all die schönen Erinnerungen an Oma und ihr gemeinsames Leben wachhält. Allerdings bin ich verdammt froh, dass ich mich anders entscheiden kann.
Sollte ich jemals heiraten, dann wird es dieser verrückte blonde Mann sein, der gerade mit Opa eine Regenbogenfahne schwingt und fröhlich im Takt der Musik wippt.
Wir feiern zusammen seinen ersten Christopher Street Day und sind schon den ganzen Tag auf den Beinen. Linus hat alles organisiert. Mein Opa wohnt bereits seit einer Woche bei mir. Wir waren zu einer Buchlesung, haben an einem Diskussionsforum teilgenommen und gestern Abend hat er uns sogar zu einer Party geschleppt. Obwohl man in der Community immer behauptet, dass alte Männer abgelehnt werden, war mein Opa irgendwie der heimliche Star des Abends. Wenn wir ihn morgen nach Hause fahren, hat er so viel schwules Leben live erfahren, wie noch nie.
Die bunte Parade zieht an uns vorbei, aber ich habe kaum einen Blick dafür. Meinen Opa zu beobachten, das Blitzen in seinen Augen und das glückliche Strahlen zu sehen, erfüllt mich mit unglaublichem Stolz.
Happy Pride“, schallt uns entgegen. Noch nie waren diese Worte so sehr mit Leben gefüllt, wie in diesem Augenblick.

ENDE

Kommentare:

  1. Danke für diese wunderbare Geschichte und schönen Valentinstag.
    LG Sonja

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  2. *hachmach * was für eine schöne und doch zum nachdenken anregende geschichte. vielen dank karo, ich wünsche allen einen schönen sonntag :)

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  3. Wunderbar geschrieben ... eine perfekte Mischung aus rührend, witzig und charmant. Vielen Dank dafür.

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  4. Guten Abend Karo,

    Dankeschön für diese tolle Geschichte. Wie schon zu Weihnachten hast du Alt und Jung zusammengebracht und etwas neues erschaffen.

    Ich wünsche dir noch einen schönen restlichen Valentinstag.

    LG Piccolo

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  5. Eine wunderbare Geschichte. Sie hat mich regelrecht zu Tränen gerührt. Danke dafür <3
    Einen schönen Valentinsabend wünsche ich dir.
    LG Bri

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  6. Danke für die schöne Geschichte
    Einen schönen Valentinsabend noch
    LG Heike

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  7. Vielen Dank für die wunderschöne und zu Herz gehende Geschichte.

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  8. Noch pünktlich zum Valentinstag geschafft und was soll ich sagen? Wo Karo drauf steht ist auch Karo drin ... Ja, ich denke das passt sehr gut. Du hast mich wieder einmal tief berührt, zum nachdenken angeregt und Charaktere aus dem Hut gezaubert die man lieben muss ... besonders Opa Karl und Linus. Danke für die wundervolle Geschichte und ich hoffe du hattest einen tollen Valentinstag.
    LG

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  9. Vielen lieben Dank für die wunderschöne Geschichte! Ich liege gerade heulend im Bett, weil ich es so klasse finde, das Karl auf den CSD gegangen ist und sogar auf eine schwule Party konnte, aber auch ein bisschen aus Trauer um Hans und eine Liebe, die nicht wachsen durfte...

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  10. Ach wie schön ... Für Simon, für Linus und für Opa Karl und natürlich für uns, weil wir es lesen durften :-9

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  11. Eine wunderbare Geschichte, mit so viel Gefühl.
    LG verity

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  12. Eine romantische und bewegende Geschichte zu einem stimmungsvollen Bild. Herzlichen Dank!
    Liebe Grüße

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  13. Liebe Karo,
    vielen lieben Dank für diese wundervolle Story <3 Eine Geschichte die mir gerade heute sehr zu Herzen geht und innerlich wärmt wo es vorher kühl war.
    Danke <3
    LG, Tirsi FLauschiBauchi

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  14. Danke für die schöne Geschichte.
    LG Angelika

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  15. Sehr schöne Geschichte. :)
    Danke dafür.

    LG Sabrina

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