Freitag, 4. Dezember 2015

Schülerlesung zum Weltaidstag

Auch in diesem Jahr durfte ich wieder im Rahmen des Weltaidstages am Gymnasium in meinem Heimatort lesen. Bereits im letzten Jahr hatte ich viel Spaß daran.
Vermutlich reifte in mir auch deshalb in den letzten Monaten der Plot für das Buch "Die Arme ausbreiten und fliegen"
Diese Geschichte war für mich in verschiedenern Hinsicht eine Prämiere, denn Marvin ist nicht nur sehr jung, sondern auch dabei, seine Sexualität neu zu entdecken. Obendrein enthält sie so wenige explizite Sexszenen wie noch nie. Genau genommen nur eine und die ist auch nicht wirklich sehr ausführlich. Trotzdem hat das Schreiben viel Spaß gemacht und ich war entsprechend aufgeregt, als ich mit dem Buch bewaffnet das Schulgebäude betreten habe. Noch nie habe ich aus einem dermaßen neuen Buch gelesen. Ich war mir nicht einmal sicher, welche Stellen wirklich geeignet sind, aber ich hatte ja vier Versuche.
Die erste Lesung war somit mein Testlauf. Ich habe recht genau auf die Reaktionen der Schüler geachtet und danach tatsächlich ein paar Änderungen vorgenommen.
Ihr wisst ja, und ich kann es auch nicht oft genug erwähnen: Ich liebe es! Ich liebe Lesungen.
Vier an einem Tag waren jedoch eine echte Herausforderung, nicht nur was meine Stimme betraf.
Es war schon erstaunlich. Jede Lesung lief in eine andere Richtung. Natürlich nicht komplett anders. So viel gibt das Buch dann doch nicht her. In den Pausen ist mir jedoch immer wieder aufgefallen, dass gewisse Schwerpunkte von Lesung zu Lesung anders waren. Mal war es tatsächlich HIV ansich, mal war es das Interesse an meiner Person, an der Schriftstellerei oder an Fanfiktion. Mal wollten sie wissen, wie es für Marvin ausgeht und mal gab es einen kleineren Aufschrei, als ich es so nebenbei erzählt habe.
Am meisten erstaunt war ich von der letzten Runde. Dort bekam ich auch zum ersten Mal überhaupt die Frage gestellt, weshalb ich als Frau schwule Geschichten schreibe. Ich musste feststellen, dass ich darauf gar keine richtige jugendfreie Antwort hatte. Dabei habe ich die Frage schon so oft beantwortet, aber dieser junge Mann hat mich echt ins Schlingern gebracht. Letztendlich konnte ich aber doch eine passende Erklärung finden. Das war schon durchaus witzig.
Weniger witzig war die Tatsache, dass die meisten wirklich wenig über HIV wissen. Mal eben und ganz nebenbei gibt es einen kurzen Abriss in Biologie. Weil es zum Thema Immunsystem dazugehört. Der Rest wird anscheinend irgendwie vergessen oder es gibt all die Erklärungen über HIV und Aids im Zusammenhang mit den afrikansichen Ländern.
Versteht mich nicht falsch. Das ist auch wichtig und natürlich sind die Umstände, die Zustände und auch die fehlenden Medikamente ganz furchtbar, aber wenn man ehrlich ist, ist Afrika auch für einen erwachsenen Menschen weit weg. Wenn ich also sehe, dass dort so viele Kinder an HIV sterben, dann bedrückt mich das, dann macht mich das betroffen, aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass das nichts mit mir zu tun hat. Aber HIV passiert auch hier in Deutschland und es infizieren sich nach wie vor junge Menschen, weil sie nicht gut genug informiert sind. Natürlich kann man argumentieren, dass ja längst nicht jeder zur Risikogruppe gehört, aber als Jugendlicher, der dabei ist, seine Sexualität erst zu erkunden, macht man sich nicht viele Gedanken über Risikogruppen.
Ebenso erstaunlich war es, dass auch die anwesenden Lehrer zugegeben haben, dass sie absolut keine Ahnung davon haben, was ein Leben mit HIV heute bedeutet.
Es gab für mich Momente, da hatte ich das Gefühl, dass das Buch gar nicht mehr wichtig ist, sondern dass man wirklich nur über HIV reden sollte, aber ich hoffe, dass ich trotzdem eine gute Mischung hinbekommen habe.
Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht. Die Schüler waren toll, selbst die, die sehr schweigsam waren. Ich habe mich nicht eine Sekunde fehl am Platz gefühlt, auch wenn ich weiß, dass Liebe und Sex nicht gerade Themen sind, über die man in diesem Alter freizügig sprechen will.

Ich danke an dieser Stelle den Organisatoren, Lehrern und Schülern für diesen, für mich wunderbaren und eindrucksvollen Tag.


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