Donnerstag, 24. Dezember 2015

Adventskalender 2015

Das letzte Türchen ... Heiligabend
Ich wünsche allen ein frohes, besinnliches, lustiges, erholsames und glückliches Weihnachtsfest. Egal, ob mit Freunden, Familie oder allein... 

Ich hoffe, ihr verbringt die Tage genau so, wie ihr es als richtig empfindet.

Caro Sodar, France Carol, Sissi Kaipurgay, Mia Grieg und ich bedanken uns recht herzlich für euer Interesse. Es war uns eine Freude und mir ein ganz besonderes Vergnügen mit den anderen Autoren diese kleine Idee zu verwirklichen.

Deshalb haben wir uns ein ganz besonderes Geschenk für euch ausgedacht.
Hinter dem 24. Türchen verbirgt sich ein Kalender, den es in dieser Art nur einmal gibt
(okay, gelogen, wir Autoren konnten natürlich auch nicht widerstehen) :

 

Wie immer hüpft jeder in den Lostopf, der einen kleinen Kommentar hier hinterlässt. Da die Weihnachtstage jedoch für den einen oder anderen recht stressig sind, habt ihr diesmal ein bisschen mehr Zeit, denn ich gebe den Gewinner erst am Sonntag, 27.12.2015 bekannt.
Viel Glück!

Und hier gibt es die letzte Zusammenfassung:
Türchen 1 bis 8 hier entlang
Türchen 9 bis 15 hier entlang

16. Dezember Das sechzehnte Türchen
17.Dezember Das siebzehnte Türchen
18. Dezember Das achtzehnte Türchen
19.Dezember Das neunzehnte Türchen
20. Dezember Das zwanzigste Türchen
21.Dezember  Das einundzwanzigste Türchen
22. Dezember Das zweiundzwanzigste Türchen
23. Dezember Das dreiundzwanzigste Türchen
24. Dezember: hier! 

Und nun wünsche ich euch viel Vergnügen mit dem letzten Teil meiner Weihnachtsgeschichte.






5. Ein ganz besonderes Fest

Die nächsten Tage fühlte sich Lars tatsächlich in einer Art Seifenblase gefangen. Vermutlich hatte er in seinem ganzen Leben noch nie so viel Zeit im Bett verbracht, so viel geredet, entdeckt, erforscht und gelacht. Sein Hintern bestätigte die Annahme, seine Lippen waren geschwollen und in seinem Kopf herrschte eine angenehme Leere. Gleichzeitig zog ein warmes, kribbliges Gefühl durch seinen Körper, das Herz quoll regelrecht über und sein Schwanz … nein, an den dachte er lieber nicht, denn allein Enis´Name schien ihn in Bereitschaft zu versetzen. 
Überhaupt war es keine gute Idee, all diese Gedanken und Bilder zuzulassen, während er in dem kleinen Bistro schräg gegenüber seines Büros saß, um auf Jack zu warten, mit dem er zum Mittag verabredet war. Wie immer kam Jack zu spät. Seufzend sah er auf die Uhr. Auf seinem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit und einiges davon musste unbedingt noch in diesem Jahr erledigt werden. 

Am liebsten aber wollte er sofort zu Enis und in diese wohlige Behaglichkeit, die sie sich in den vergangenen Wochen geschaffen hatten. Noch immer traute Lars sich nicht darüber nachzudenken wie die Zukunft aussah … was das neue Jahr vielleicht bringen würde … welche Hürden sie meistern müssten. Gemeinsam oder vielleicht sogar allein. Der Gedanke sorgte für ein furchtbar unangenehmes Gefühl in seinem Bauch. 
Er würde alles dafür tun, damit sie zusammen sein konnten, solange es Enis auch wollte. 
Dieser Mann erstaunte ihn immer wieder. Er war nicht nur unglaublich wissbegierig und lernbereit, er war auch überaus zärtlich, voller Lebensfreude und Energie. Enis hatte so viel Leid gesehen, so viele Entbehrungen am eigenen Körper erfahren und trotzdem betrachtete er voller Zuversicht die Welt und seine eigene Zukunft. Er schaffte es, dass auch Lars ein Stück bewusster lebte. Allein die unbändige Freude wenn sie Hand in Hand spazieren gingen, wenn sie im Park stehen blieben und sich küssten … es war auch für Lars ein kleines Wunder. Bisher erschienen ihm diese Dinge weniger wichtig, aber nun erfüllten sie sein Herz mit echter Freude und Begeisterung. 

Sie waren gemeinsam über den Weihnachtsmarkt geschlendert, hatten Zuckerwatte und gebrannte Mandeln genascht und darüber geredet, welche Bedeutung das Weihnachtsfest in Deutschland hat. Er erinnerte sich daran, wie er versucht hatte, Enis zu erklären, weshalb das christliche Fest auch von so vielen nichtreligösen Menschen gefeiert wurde. Es fiel ihm nicht leicht, zu begründen wie es dazu kam, dass sich weltliche und christliche Bräuche vermischt hatten und im Grunde beinahe jeder in Deutschland Weihnachten feierte, egal welche Weltanschauung er hatte. Lars kam dabei ins Stottern, während Enis sich über ihn zu amüsieren schien. Sie hatten stundenlang darüber philosophiert und jetzt konnte er es kaum erwarten, mit Enis und seinen Freunden diesen besonderen Abend zu verbringen. 
Die restlichen Weihnachtstage würden sie es sich gemütlich machen... Es gab schließlich noch so viel zu entdecken. Ein kleines Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit als er daran dachte, wie Enis versuchte ihm zu erklären, dass er ihn auch in sich fühlen wollte. Die Feiertage boten dafür doch eine ausgezeichnete Gelegenheit … dafür und für ganz viel Kuscheln und ...
„Hunger.“ Jack ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen.
„Na endlich“, erwiderte er und schüttelte grinsend den Kopf. „Was für eine freundliche Begrüßung.“
„Mir war gar nicht bewusst, dass du darauf Wert legst.“ Jack lachte, gab dem Kellner ein Zeichen und bestellte für sie beide das Essen. 

Aus den Lautsprechern erklangen die typischen Weihnachtslieder und auf dem Tisch stand ein kleines Gesteck aus Tannenzweigen und goldenen Kugeln. Lars nahm das alles nur halbherzig wahr. Selbst die Musik störte ihn nicht, obwohl er in den letzten Jahren zu dieser Zeit bereits ziemlich genervt war. Das leidige „Last Christmas“ erklang und es erschien ihm, als würde er es zum ersten Mal hören. Er summte sogar leise mit, was sein Gegenüber ein Grummeln entlockte.
„Was gibt es denn morgen Schönes zu essen?“ Jacks Frage riss ihn aus den Gedanken. Verwirrt sah er seinen besten Freund an.
„Morgen?“, erkundigte er sich, legte die Stirn in Falten und versuchte nicht zu grinsen.
„Witzig, Lars“, erwiderte Jack. Die eindringlichen Blick sorgten dafür, dass es in seinem Bauch zu kribbeln begann. „Morgen ist Heiligabend. Wir kommen alle. Das hast du doch hoffentlich nicht vergessen?“
Mühevoll schüttelte er den Kopf und versuchte Panik in seinen Blick zu legen. Offensichtlich gelang es ihm, denn Jack keuchte entsetzt und riss die Augen weit auf.
„Das ist ein Scherz, oder? Wurdest du in den letzten Tagen von Außerirdischen entführt?“
„Nein von Enis“, murmelte er und spürte, wie Hitze seine Wangen färbte. Offensichtlich hatte Jack ihn verstanden, denn er starrte ihn einen Moment lang an, bevor er lauthals zu lachen begann.
„Es ist natürlich großartig, dass es dir endlich mal jemand so richtig besorgt, aber sag mir bitte, dass du mich verarschst.“ Das Lachen verebbte und ein eindringlicher Blick sorgte dafür, dass er unsicher auf seinem Stuhl herumrutschte. Dann konnte er jedoch nicht länger an sich halten und ein glucksendes Geräusch entfloh seiner Kehle. Lars hatte das Gefühl regelrecht zu platzen und gleichzeitig machte sich eine unbändige Freude in ihm breit.
„Reingelegt“, sagte er prustend und schüttelte den Kopf. „Glaubst du etwa ich würde unser Fest vergessen. Diesmal wird es ganz besonders.“ Erwartungsvoll sah er Jack an und wackelte sogar ein wenig albern mit den Augenbrauen.
„Wieso?“
„Weil Enis kocht. Es gibt jede Menge syrisches Essen. Er ist schon seit Tagen mit den Vorbereitungen beschäftigt.“
„Echt? Das ist ja großartig. Jetzt kann ich gar nicht mehr abwarten.“
„Ich auch nicht. Er ist … er macht das ...“ Er erinnerte sich daran, wie er krampfhaft nach einem neuen Rezept gesucht hatte, während Enis immer wieder bekräftigte, dass er gut kochen könne. Noch immer begriff Lars nicht, weshalb er so lange gebraucht hatte, bis er verstand, was der andere Mann ihm sagen wollte. Er konnte nicht nur kochen, er würde es auch gern für alle machen. Kaum hatte er zugestimmt, begann Enis auch schon ein Menü zusammenzustellen und anschließend alle Zutaten aufzuschreiben. Lars ließ sich nur zu gern von dessen Begeisterung anstecken.
„Erde an Lars … In welcher himmlischen Sphäre befindest du dich? Dein Lächeln ist echt nicht auszuhalten.“
„Ich liebe ihn“, sagte er gedankenverloren und das Herz begann in seiner Brust wie verrückt zu schlagen.
„Das ist nicht zu übersehen.“ Jack lachte erneut. „Ich freue mich für dich. Das ist echt das Beste, was dir passieren konnte und ich habe es bewirkt.“
„Bilde dir nur nichts darauf ein. So groß ist dein Anteil nun auch wieder nicht.“
„Doch, aber eigentlich ist es auch egal. Enis passt so gut zu dir. Er hat dich schon in diesen wenigen Tagen irgendwie positiv verändert. Du strahlst ja regelrecht mit all diesen Lichterketten und Weihnachtskitsch um die Wette. Wenn ich mich nicht so für dich freuen würde, fände ich es glatt ekelhaft. “
„Du spinnst“, erwiderte Lars, obwohl er wusste, dass sein bester Freund recht hatte. Schon lange hatte er sich nicht mehr so wohl und vollkommen gefühlt. Es war so viel mehr, als er es mit Worten ausdrücken konnte, so viel mehr, als er je zu erzählen wagen würde. Selbst in seinen Gedanken erschien es ihm kitschig und viel zu romantisch.
„Ich hoffe nur, dass es keine Probleme gibt mit seinem Asylverfahren. Er ist ja doppelt schutzbedürftig, aber Homosexualität wird nicht immer als Grund angesehen.“
„Ich will darüber gar nicht nachdenken“, sagte er leise und spürte, wie sich sein Herz krampfhaft zusammenzog. Bisher hatten sie dieses Thema irgendwie vermieden, weil sie die innere Sicherheit, dass Enis bleiben würde, nicht mit Zweifeln zerstören wollten. Sein Freund und Liebhaber war voller Zukunftspläne. Schon einige Male hatte er ihn dabei beobachtet, wie er mit seinen Eltern telefonierte. Auch wenn Lars kein Wort verstand, so sah er doch deutlich, wie glücklich Enis war und davon träumte, seine Eltern bald nach Deutschland in Sicherheit zu bringen.
Noch immer verstand er die ganzen Zusammenhänge nicht genau. Für jemanden, dessen gesamtes Leben in so ausgerichteten Bahnen verlief, der zwar über Politik schimpfte, aber die Freiheit, die der Staat ihm bot, gern annahm war es schwer zu begreifen, dass es für Enis nichts davon gab. Chaos und Terror, Menschenleben die nichts bedeuteten und deshalb in einem aussichtslosen Krieg verheizt wurden. All die jungen Männer, deren Zukunft besiegelt war, wenn sie nicht versuchten, das Heimatland zu verlassen. Und gleichzeitig das Gefühl seine Heimat zu verraten. Jedes Mal, wenn Enis über Syrien sprach, konnte Lars die Liebe und Trauer genau erkennen.
Enis war in Sicherheit und das war alles was im Moment zählte. Egal wie egoistisch dieser Gedanke auch sein möge. Zum ersten Mal war es ihm ein inniges Bedürfnis diesen Egoismus auszuleben.

„Ich muss los“, sagte er nach einer Weile, in der sie schweigend das Essen genossen hatten. Er sah auf die Uhr und fragte sich wie die Zeit nur so schnell davon fliegen konnte. Es gab schließlich noch so viel zu tun. Nicht nur im Büro, sondern auch zu Hause. Er konnte Enis nicht die ganze Arbeit allein überlassen. Lars drückte Jack einen Kuss auf die Wange, schlüpfte in seine Jacke und machte sich auf den Weg nach draußen.
„Ich bezahle dann mal dein Essen“, rief der andere ihm lachend hinterher.
„Wir sehen uns morgen“, antwortete Lars, ohne auf die Bemerkung einzugehen. Beim nächsten Treffen würde er bezahlen. So lief es doch immer zwischen ihnen.
Die Arbeit machte keinen Spaß. Eine Tatsache, die er sich vermutlich zum ersten Mal eingestand. Der Nachmittag verging schleppend und immer wieder verlor er sich in Gedanken, die sich allesamt um Enis drehten. 

Irgendwann hatte er so viel geschafft, dass er einigermaßen zufrieden den Weg nach Hause antrat. Eine verrückte Vorfreude machte sich ihn breit. Nicht nur, weil er gleich den geliebten Mann in die Arme schließen konnte, sondern auch, weil sie heute Abend noch zusammen den Weihnachtsbaum schmücken würden. Auch wenn es deutlich später war, als er gehofft hatte, dafür würde seine Kraft heute noch reichen. Die Kugeln aus dem Schrank zu holen und sie an den Baum zu hängen, das war immer ein ganz besonderer Moment. Zum ersten Mal würde er dabei nicht allein sein. In den letzten Tagen hatte er viel mit Enis über Weihnachten geredet. Es war gar nicht so leicht, ein Fest, dass für ihn immer selbstverständlich war, zu erklären. Für ihn war das alles losgelöst von der Religion. Das Fest hatte eine ganz eigene Bedeutung bekommen. Es war Familie und Liebe … auch wenn seine Freunde die Familie ersetzten.
Enis dagegen haderte sehr damit seinen Glauben und das, was zwischen ihnen war, in Einklang zu bringen. So sehr er offensichtlich die Freiheit genoss, seine Gefühle und Bedürfnisse auszuleben, so sehr zweifelte er manchmal auch. Nicht an der Religion, sondern an sich. Das machte Lars wütend, denn er wollte nicht, dass Enis in ihrer Liebe etwas Schlechtes oder Falsches sah. Sie war schon jetzt so viel größer, als alles, was er bisher erlebt hatte. Daran durfte einfach nichts verkehrt sein.

Sich einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer zu stellen, fand Enis amüsant. Sie suchten ihn zusammen aus und hatten eine Menge Spaß dabei. Jetzt war er gespannt, was sein Geliebter sagen würde, wenn sie gemeinsam den Baum schmücken würden. Lars mochte es bunt. Er hatte viele verschiedenen Kugeln und Ornamente. Teilweise waren sie recht alt, manche kitschig. Von seinen Freunden hatte er im letzten Jahr Kugeln geschenkt bekommen, die eher in die Kategorie versaut gehörten. Sie hatten die Dinger in einem Internetshop bestellt, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnern konnte. Allerdings würden sie ganz bestimmt nicht den Weg an seinen Baum finden. Dafür war er dann doch zu traditionell. Es sollte schön und glitzernd sein. Von seiner Uroma waren auch noch filigrane Ornamente dabei. Diese hütete er wie einen Schatz, denn sie erinnerten ihn an all die wunderschönen Weihnachtsfeste.
Als er die Tür aufschloss war es, als würde er zurück in diese besondere Seifenblase kehren, in der es nur Enis und ihn gab … und Miky, der deutlich zeigte, dass er sich in Sachen Streicheleinheiten und Verwöhnen auf gar keinen Fall verdrängen lassen würde. Deshalb verwunderte es ihn auch nicht, als er die beiden einträchtig im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen sah. Enis sah fern und Miky lag auf dessen Schoß.
Ein freudiger Blick traf ihn, als er bemerkt wurde. Allerdings konnte er sich darauf nicht konzentrieren, denn etwas anderes zog seinen Blick an. Er keuchte, kam näher und war sich sicher, dass mit seinen Augen irgendetwas nicht in Ordnung war. Das konnte einfach nicht sein, oder doch?
„Was?“, entfuhr es ihm entsetzt. Er konnte die Augen nicht abwenden und spürte gleichzeitig, dass Enis ihn musterte.
„Gut so?“, fragte dieser, stand auf und schlang die Arme um seinen Hals. „Ich dachte, ich mache den Baum für dich, weil du so viel auf Arbeit bist.“
„Das ist ...“ Lars suchte nach Worten, aber sein Kopf war immer noch damit beschäftigt, das Bild, das sich ihm bot, zu verarbeiten.
„Ich dachte, du hast auch so … so leuchtende Kugeln. Glänzend... Heißt das Wort so?“
„Was?“, fragte er erneut und spürte, wie es in seiner Kehle zu kitzeln begann. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder, aber der Anblick veränderte sich nicht. Stattdessen entfuhr ihm ein leises Kichern. „Was hast du gemacht?“
„Ich … Ist es nicht richtig? Lars?“ Unsicherheit lag in Enis´Stimme.
Er schüttelte den Kopf, nickte gleichzeitig und konnte sich ein Lachen nicht länger verkneifen. Den besorgten Blick von Enis verscheuchte er mit einem feuchten Kuss, dann zog er ihn näher zu dem Baum.
„Ich glaube es nicht“, sagte er laut lachend. „Dieser Baum wird in die Geschichte eingehen.“
Er legte seine Hände um Enis Gesicht und sah ihm tief in die Augen. „In diesem Jahr wird alles anders sein. Mulitkulti bekommt eine weitere Definition… Essen aus deiner Heimat, Weihnachtslieder und Geschenke unter einem Weihnachtsbaum, der mit Ostereiern geschmückt ist.“
„Ostereier?“ Enis sah ihn fragend an.
„Genau, die Plastikdinger kommen eigentlich im Frühjahr an Birkenzweige. Damit feiern wir die Auferstehung, nicht die Geburt.“
„Oh“, war alles, was er als Antwort bekam. Erneut betrachtete er den Baum, der einen seltsamen Charme ausstrahlte. Lars war sich nicht sicher, ob es nur daran lag, weil Enis ihn so dekoriert hatte, oder ob …
„Wir machen alles anders.“ Enis riss sich von ihm los und wollte ein hellblaues Ei von einem der Zweige nehmen.
„Nein. Er bleibt genau so. Das ist in diesem Jahr unser Baum. Du hast ihn geschmückt und wir werden das ganz bestimmt nicht ändern.“
„Aber ich wusste nicht“, unterbrach Enis ihn und senkte traurig den Kopf. Mit wenigen Schritten überwand er die Distanz zwischen ihnen und umarmte den wunderbaren Mann. Er seufzte und versank in dem tiefen Schwarz seiner Augen. Die Lippen fanden ganz von allein zueinander und erneut hatte er das Gefühl, dass die Welt stehen blieb, sobald sie sich berührten. Zärtlich umspielten sich ihre Zungen, sehnsüchtig pressten sie ihren Unterleib gegeneinander, spürten die beginnende Härte. Lust strömte durch jede Zelle und versetzte sie in einen Rausch. Enis´Finger krabbelten unter sein Hemd und verursachten eine Gänsehaut, als sie die Wirbelsäule nach oben fuhren. Lars wurde mit sanfter Gewalt nach hinten geschoben. Stöhnend fielen sie auf das Sofa. Miky sprang beleidigt auf und lief aus dem Zimmer.
Heiße Schauer prickelten auf der Haut, als Enis sich vor ihn kniete und sich an seiner Hose zu schaffen machte. Nur mit Mühe hielt er die Finger fest, die sich gerade in seine Pants schmuggelten. Er zog seinen Liebhaber nach oben und küsste ihn erneut.
„Es tut mir leid“, flüsterte Enis. „Ich mach wieder gut.“
„Da gibt es nichts gutzumachen. Der Baum ist perfekt.“
„Du bist ein Lügner.“ Enis drehte den Kopf und seufzte tief. „Ich habe mich gewundert, weil die … die Eier anders aussahen, als im Supermarkt. Ich wollte doch nur, dass du nicht so viel Arbeit hast und deine Freunde stolz sind. Jetzt werden sie lachen.“
„Unsinn. Sie werden ebenso begeistert sein, wie ich.“
„Du hast gelacht“, wandte Enis ein und knabberte auf seiner Unterlippe.
„Stimmt, aber nur weil ich...“ Lars fehlten die Worte. Erneut betrachtete er den seltsamen Baum, aber er wusste, dass er nichts daran ändern würde. Es war ihr erstes Weihnachtsfest... und alles war möglich. Erneut fing Lars zu lachen an. Diesmal lag es nicht an den Ostereiern, sondern an seinen eigenen Gedanken. Es war unverkennbar, dass Enis ihn verändert hatte.
Er schloss die Arme fester um seinen Freund, wollte mehr von ihm spüren und schon bald lagen sie nackt auf dem Sofa. Der Schein der bunten Lichter am Baum spiegelte sich in Enis Augen wider, als sie sich langsam und zärtlich liebten. Er spürte ihn mit jeder Zelle, ließ sich in die Bewegungen fallen und genoss es, vollkommen ausgefüllt zu sein. Ihr lautes Stöhnen hallte von den Wänden wider, als der Orgasmus sie nahezu zeitgleich überrollte.
Mit letzter Kraft schleppten sie sich ins Bett und kuschelten sich dicht aneinander.
„Kann ich dir morgen beim Kochen helfen?“, erkundigte er sich gähnend.
„Ja. Hast du Sorge, dass ich es auch falsch mache? Ich kann kochen, wirklich Lars, ich bin guter Koch.“
„Daran habe ich keinen Zweifel.“ Er küsste Enis Stirn. „Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch.“
„Sag es in deiner Sprache.“
Es waren nicht allein die fremden Worte, sondern der Blick und die heisere Stimme, mit der Enis sprach, die dafür sorgten, dass sein Herz schneller schlug. 

Auch am nächsten Tag veränderten sie den Baum nicht. Einzig die Kugeln seiner Uroma Lydia gesellten sich zu den Ostereiern. Miky war wie in jedem Jahr nur mäßig an dem Baum interessiert. Schon oft hatte Lars Geschichten darüber gehört, dass andere Katzenbesitzer gar keinen oder nur einen sehr kleinen Baum aufstellen konnten. Vermutlich war Miky zu faul oder zu alt oder eine Mischung aus beidem. Solange er seine Streicheleinheiten, sein Futter und die entsprechenden Leckerlis bekam, interessierte ihn das grüne Ding im Wohnzimmer herzlich wenig. Natürlich begrüßte Lars diesen Umstand.
Sie dekorierten die Wohnung, bereiteten das Essen zu und deckten den Tisch. Der Tag verging wie im Flug und doch gönnten sie sich immer wieder eine Auszeit, um sich zu küssen, zu fühlen oder sich einfach nur in den Arm zu nehmen.
Jack war der erste, der an der Tür klingelte. Gemeinsam gingen sie in den Flur, um zu öffnen. Die Begrüßung fiel überschwänglich aus, aber der Gesichtsausdruck, als Jack den Baum erblickte, war unbezahlbar. Seine Mundwinkel zuckten, aber er bemühte sich nicht zu lachen. Lars vermutete, dass es ihn schier zerreißen musste, aber es gefiel ihm, seinen Freund ein wenig leiden zu sehen.
„Der beste Baum aller Zeiten“, brachte dieser qualvoll hervor, ließ sich auf einen der Stühle fallen und starrte sie fragend an.
„Finden wir auch.“ Mehr erwiderte er nicht.
Die anderen Freunde reagierten ähnlich und alle hielten tapfer durch, bis Lars die Geschichte schließlich beim Essen erzählte. Sie amüsierten sich, aber jeder bestätigte Enis, dass der Baum ganz besonders perfekt war. Die Reaktion seiner Freunde machte Lars stolz.
Die Stimmung war gelöst und wunderbar. Sie redeten, genossen das leckere Essen und tranken Punsch dazu. Immer wieder spürte er Enis´Blicke und einige Male machte er seine Besitzansprüche deutlich, auch wenn es keinen Grund dafür gab. Lars war an niemand anderen interessiert, aber es gefiel ihm, dass Enis so deutlich zu ihrer Verbindung stand.
Wer hätte gedacht, dass die Welt sich in so wenigen Tagen verändern würde, dass eine kleine spontane Idee am Ende solche Auswirkungen auf sein Leben haben würde? Er hielt sich für einen Mann, der eine gewisse Ordnung brauchte, Nun hatte sich alles miteinander vermischt und doch schien es auf eine besondere Art und Weise zu passen.

Epilog

In der Kindheit war es das Größte für Lars, wenn sich zu den Weihnachtstagen die ganze Familie traf. Das Gefühl hatte sich in all den Jahren nicht verändert. Einzig der Begriff Familie hatte sich ein wenig gewandelt.
Lars betrachtete den Weihnachtsbaum, hörte die Freunde am Tisch fröhlich reden. Die Runde war mittlerweile so groß, dass er und Enis im Herbst einen neuen Tisch gekauft hatten. Dort ließen sich noch zwei Platten einbauen, sodass die knapp zwanzig Leute einigermaßen bequem sitzen konnten. Er blickte in die Runde und dieses Kribbeln, das ihn auch in der Kindheit begleitet hatte, war wieder da. Hier saß seine Familie. Die Leute, die ihm unheimlich viel bedeuteten und die dafür sorgten, dass er glücklich war. Natürlich hatte der Mann rechts neben ihm den größten Anteil daran. Ein Leben ohne Enis konnte er sich gar nicht mehr vorstellen. Ihre Liebe war in den letzten Jahren stetig gewachsen. Selbst die gierige Lust aufeinander hatte sich nicht verändert. Das Entdecken und Erforschen war in ein anderes Level gewechselt. Sie wussten beide ziemlich genau, wie sie sich um den Verstand bringen konnten. Enis´Hände auf seiner Haut waren vertraut, aber gerade das machte es aus. Er brauchte seinen Partner, wollte das Gefühl von Nähe und Geborgenheit nicht vermissen. Sie hatten beide eine lange Reise hinter sich und nun waren sie angekommen.
Im Baum hingen Ostereier einvernehmlich mit den bunten und glitzernden Weihnachtskugeln. Am Tisch saßen Syrer, Deutsche und polnische Freunde. Es gab Speisen aus allen Ländern. Lars bereitete seit zwei Jahren Mohnklösse zu. Er fand, sie waren längst nicht so gut, wie die seiner Uroma Lydia, aber die Freunde liebten sie und das allein zählte.
Gesungen wurde auch … Syrische und polnische Lieder … manchmal auch Weihnachtslieder. Geschichten über die Flucht waren längst Geschichten über die nationalen Unterschiede gewichen. Sie lachten oft darüber, wie verwirrend manche Dinge waren. Natürlich gehörte auch die Ostereierüberraschung in jedem Jahr dazu. Auch Lars war im Laufe der Zeit in einige Fettnäpfchen getreten, die Enis ihm immer wieder gern vor Augen führte. Gemeinsam darüber zu lachen, war befreiend, denn es zeigte, dass Vorurteile nur auf einem Weg abgebaut werden können: Durch Neugier und Reden. Beides wurde an diesem Tisch nicht nur zu Weihnachten praktiziert.
Sie feierten alle Feste mit Inbrunst … vermischten die Traditionen und Religionen, denn am Ende zählte doch nur das Leben und die Liebe. Das war es, was Lars auch in diesem Moment überdeutlich spürte. Er war so lebendig wie noch nie und das verdankte er der Liebe von Enis.
„Auf die Weihnachtsträume“, rief er und erhob sein Glas.

ENDE


Kommentare:

  1. ...so schön! Mir gefällt deine Geschichte sehr!
    Fröhliche Weihnachten und ein schönes Fest. Liebe Grüße Bia

    AntwortenLöschen
  2. Alle eure Geschichten - so verschieden - und trotzdem alle so toll. Frohe Weihnachten. LG Steffi Rudloff

    AntwortenLöschen
  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  4. Ein tolles Ende. Alle eure Geschichten waren wie immer super. Frohe Weihnachten und einen Gutsch rutsch ins neue Jahr !

    AntwortenLöschen
  5. moin :) eine wirkliche schöne geschichte mit einer bunten glücklichen ente :) so soll sein ! schöne weihnachtstage euch allen \o/

    AntwortenLöschen
  6. hallo karo

    eine tolle Geschichte die nicht passender sein könnte

    danke dafür

    ich wünsch die frohe weihnachten

    lg tina

    AntwortenLöschen
  7. Vielen Dank für deine tolle Geschichte 🎅🏼
    Frohe Weihnachten 😂
    LG Bea

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Karo,

    Wow. Danke für diese wunderbare Geschichte! Mir hat sie sehr gut gefallen!

    Ich hoffe echt das es nächstes Jahr wieder einen Adventskalender geben wird, bei dem du dabei sein wirst. Du und einer deiner wunderbaren Geschichten. Diese hier, hat mir das Herz erwärmt. Danke dafür.

    Über den Kalender würde ich mich sehr freuen. Ich heiße Constanze Schmidt und bei FF.de kennst du mich unter dem Namen Ciela. Ehemals Ciela Phantomhive ;)

    Ich wünsche dir uns deinen Lieben ein gesegnetes Weihnachtsfest und eine tolle Zeit.

    Liebste Grüße, Conny

    AntwortenLöschen
  9. Hallo Karo!

    Ostereier am Weihnachtsbaum? Ja warum eigentlich nicht? Ich dachte ja erst an die versauten Kugeln... Da hätten die Freunde sicher auch Spaß dran gehabt, aber Ostereier sind echt der Hammer!

    Ich wünsche dir und deinen Liebsten frohe und besinnliche Feiertage!

    LG Brigitte

    AntwortenLöschen
  10. Danke für diese tolle Story....ganz frohe Weihnachten...lg manuela

    AntwortenLöschen
  11. Hallo Karo,

    die Geschichte war wunderschön - sie hat mich sehr berührt.

    Frohe Weihnachten,
    Juliane

    AntwortenLöschen
  12. Liebe Karo, Hachja darf erstmal nicht fehlen ... schöne Geschichte. Ich wünsche Dir und deinen Männern ein schönes Weihnachtsfest. Vielen Dank auch an alle anderen für den tollen Adventskalender.
    LG Kerstin

    AntwortenLöschen
  13. Was für eine schöne Geschichte mit einem tollen Ende, vielen Dank dafür.

    Danke auch an die anderen Autoren des Adventskalenders, es waren durchweg tolle Geschichten, bunt und vielfältig.

    Euch allen frohe Weihnachten!

    LG Karin

    AntwortenLöschen
  14. Hallo Karo,

    ich wünsche dir und seiner Familie schöne Weihnachten.

    Dankeschön für den tollen Kalender und die Geschichten. Enis und Lars haben ein echt schönes Happy End bekommen.

    LG Piccolo

    AntwortenLöschen
  15. So schöne Geschichte wünsche auch allen ein besinnliches Weihnachtsfest. Liebe Grüße Ines Heindl-Beck

    AntwortenLöschen
  16. Vielen Dank für diese wunderschöne, zeitgemäße Geschichte. Es ist Weihnachten und ich hoffe, dass wirklich viele Menschen daran denken, dass wir eine Welt sind und es egal ist, welche Hautfarbe oder Religion wir haben, sondern nur dass wir Menschen sind.
    Auch alle anderen Geschichten des Adventskalenders waren einmalig. Naja, bei diesen Autoren kein Wunder. :)
    Vielen, vielen Dank für die Verschönerung der Zeit "Warten aufs Christkind".
    GGLG und ein friedvolles Weihnachten
    Eure Sylvia
    (sg080888)

    AntwortenLöschen
  17. Vielen Dank an euch alle für diesen tollen Adventskalender. Ihr habt mir die Adventszeit wirklich mit euren Geschichten versüßt.
    Schöne Weihnachten und einen guten Rutsch ins Jahr 2016.
    LG Sabine

    AntwortenLöschen
  18. Ich schmelze dahin. ...
    mit ein wenig Pipi in den Augen!
    Einfach perfekt! ♥♥♥♥♥♥

    AntwortenLöschen
  19. Eine sehr schöne Geschichte... wie immer von dir.
    Ebenfalls haben mir die Geschichten der anderen Autoren auch seeeehr gut gefallen. Ihr habt's einfach drauf ;)

    Und die Idee mit dem Kalender ist der Hammer.

    Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch

    AntwortenLöschen
  20. Eine wunderschöne Geschichte, deren Fortgang ich jedes mal entgegengefiebert habe. Dieses Ende ist absolut passend für die beiden ... Danke dafür. Aber auch allen anderen ein fettes Dankeschön, denn euer Aventskalender hat sicher nicht nur mir den Dezember versüßt. Frohe Weihnachten und besinnliche Tage wünsche ich euch.
    LG Bianca Becker

    AntwortenLöschen
  21. Liebe Karo, eine wunderschöne Geschichte. Ich wünsche dir und deinen Lieben schöne Weihnachten.
    LG Kathrin (Lesekatze74 )

    AntwortenLöschen
  22. Liebe Karo, eine wunderschöne Geschichte. Ich wünsche dir und deinen Lieben schöne Weihnachten.
    LG Kathrin (Lesekatze74 )

    AntwortenLöschen
  23. Hallo Karo,
    da hast du eine wundervolle Geschichte geschrieben. Gerne hätte ich noch mehr gelesen.
    Ich wünsch dir ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2016.
    LG Manuela Furtmeier

    AntwortenLöschen
  24. Eine wunderbare Geschichte. Sie passt so gut in unsere momentane gesellschaftliche Situation. Sie stimmt nachdenklich und macht weitsichtiger und verständnisvoller. Und dass zum Fest der Liebe eine solche gefühlvolle Geschichte gut passt, brauche ich ja nicht zu erwähnen.
    Ein frohes und besinnliches Fest wünsche ich dir. Genieße die Tage im Kreise deiner Lieben.
    LG Bri

    AntwortenLöschen
  25. Liebe Karo,

    Vielen Dank für deine wundervolle Geschichte und diesen tollen Adventskalender.

    Liebe Grüße, besinnliches Weihnachtstage und einen guten Rutsch und weichen Plumps ins Neue Jahr 2016.

    SaSiVa (ff.de)

    AntwortenLöschen
  26. Die Geschichte war perfekt, einfach traumhaft schön :). Vielen Dank für dieses tolle Weihnachtsgeschenk! Meine abschließenden Highlights: Die Ostereier und der Kater der "respektvoll" den Raum verlässt wenn es zur Sache geht ;).

    Liebe Grüße, frohe Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

    Pummeluff von BookRix

    AntwortenLöschen
  27. Danke an alle Autorinnen für diese wunderschönen Geschichten.
    Ich wünsche euch allen schöne Feiertage und ein gutes und erfolgreiches Neues Jahr!
    Liebe Grüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  28. Liebe Karo,

    euer Adventskalender war wieder ganz toll, herzlichen Dank an Dich und alle Autorinnen.
    Ich wünsche allen noch geruhsame Weihnachtstage und für das neue Jahr alles erdenklich Gute!

    Liebe Grüße
    Petra

    AntwortenLöschen
  29. Liebe Karo,
    erst einmal schöne ruhige Weihnachtstage und danke, dass du uns an deiner Geschichte um Lars und Enis teilhaben ließest.

    LG Kerstin

    AntwortenLöschen
  30. Ihr Lieben!

    ich möchte mich ganz herzlich für diesen tollen adventkalender bedanken!!!!!!!!
    alle geschichten haben mir berührt und mir die wartezeit aufs christkind versüßt!!!
    Danke für diese tolle idee!!!

    Ich wünsche euch allen nur das beste für 2016!!!

    lg Monika

    AntwortenLöschen