Freitag, 5. Juni 2015

Ehe (nicht) für Alle oder was ist nur mit diesen Frauen los?

Vor ein paar Tagen machte die Saarländische Ministerpräsidentin ein paar Bemerkungen, die an Dummheit, Frechheit und Menschenverachtung kaum zu überbieten waren.
So etwas macht mich wütend, aber es bringt mich auch zum Nachdenken. Ich habe mir das Bild dieser Frau eine ganze Weile angesehen und dachte... Mensch, eine Politikerin mit Doppelnamen... Karriere und Kinder und allem Drum und Dran... Wie kann man als Frau eigentlich vergessen, welchen steinigen Weg die Frauen in den Generationen vor uns gehen mussten, um das alles zu ermöglichen?
Es ist doch noch gar nicht lange her, da haben wir Frauen uns ebenfalls am Rand der Gesellschaft befunden. Vermutlich rechtlich gar nicht weit entfernt von den Homosexuellen.
Welche Aufgabe war uns denn zugeteilt in einer Welt, die ausschließlich von Männern beherrscht wurde? Genau, heiraten, Kinder kriegen, Klappe halten...
Es waren die mutige Frauen der Frauenbewegungen, die dafür gekämpft haben, dass wir heute so leben können, wie wir es tun.
Es ist noch keine 100 Jahre her, dass wir ein Wahlrecht haben. In der Schweiz haben Frauen erst seit 1971 ein Stimmrecht.
Der Kampf gegen die Gesellschaft, gegen die Männer, oftmals auch gegen die eigenen Männer... Ich kann mir das heute wirklich nur schwer vorstellen.
Oder die Pille. Seit den 1960-igern gibt es die Pille als Verhütungsmittel. Es dauerte jedoch noch viele Jahre bis die Frauen mit ihrer Hilfe die Selbstbestimmung über ihren Körper erlangten. Am Anfang musste der Ehemann der Benutzung zustimmen und erst später konnten sie selbst darüber entscheiden ob und wann sie Kinder bekommen wollten. Könnt ihr euch den Aufschrei der Männerwelt vorstellen?
"Mein Bauch gehört mir".... Das Recht selbst über eine Abtreibung entscheiden zu können. Wie wird sich das wohl für die Frauen angefühlt haben, als sie diesen Kampf gewonnen haben? Wie viel Leid, Erniedrigungen und Beschimpfungen mussten sie wohl über sich ergehen lassen, damit wir Frauen heute so selbstgefällig damit umgehen können?
Schaut euch nur um, in wie vielen Ländern Frauen heute noch darum kämpfen müssen, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen und nicht mit einer Heirat, sich dem Mann unterordnen zu müssen.
Es waren tapfere und mutige Frauen, die diesen Weg für uns gegangen sind und auch heute noch gehen. Vielleicht gingen manchen Aktionen zu weit, vielleicht preschten einige Frauen zu weit nach vorn, aber genau das hat doch dazu beigetragen, dass die Gesellschaft nicht mehr darüber hinwegsehen konnte. Dass die Männer sich nicht länger hinter ihren althergebrachten Gesetzen und Wertenormen verstecken konnten.
Jede Gesellschaft muss sich entwickeln, braucht Veränderung, um erblühen zu können. Der Fortschritt ist wichtig, damit wir unseren Kindern neue Wege zeigen und Grenzen in unseren Köpfen verschwinden lassen können.
Wir Frauen haben einen so großen Kampf hinter uns... Es ist doch auch noch nicht lange her, da war eine Frau in der Politik ein Witz und wurde allenfalls milde belächelt. Heute regieren sie Länder, treffen Entscheidungen, die die Welt beeinflussen.
Wir wehren uns dagegen den Namen des Mannes anzunehmen (was erst seit 1978 möglich ist), um unsere Eigenständigkeit zu beweisen... Tolle Doppelnamen... je länger, umso besser...
Wir haben es geschafft, gleichberechtigt leben zu können, selbst zu definieren, wie unser Leben unsere Ehe und unser soziales Umfeld aussieht. Auch wenn ich jetzt sicherlich einen Aufschrei höre, weil noch längst nicht alles erreicht ist. Es gibt immer noch viel zu wenige Frauen an den Spitzen der Unternehmen. Ich will auch gar nicht behaupten, dass alles perfekt ist, aber wir haben doch ganz viel selbst in der Hand. Wir können entscheiden, welchen Beruf wir lernen wollen, ob wir ihn ausüben und wie hoch wir auf der Karriereleiter steigen. Wir können uns auch bewusst dagegen entscheiden und ebenso stolz einen Haushalt führen und Kinder groß ziehen. Die Möglichkeiten sind da, die rechtlichen Grundlagen geschaffen...
Und weil wir in den meisten Teilen angekommen sind, vergessen wir auf einmal unsere Geschichte? Was würden wohl die Sufragetten sagen, wenn sie heute so selbstgefällige Frauen sehen, wie diese Ministerpräsidentin? Oder all die Frauen, die für ihren Mut ihr Leben gelassen haben, wie Helene Lange oder Clara Zetkin?
Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich mich abgrundtief schäme. Wir Frauen haben für die Gleichberechtigung gekämpft und nun machen wir uns lustig über andere Menschen, die dasselbe für sich fordern? Wir gönnen ihnen nicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Sich ebenso in dieser Gesellschaft willkommen zu fühlen?
Wenn sich zwei Menschen lieben und heiraten möchten, dann sollen sie das tun. Wenn der Staat eine Ehe für schützenswert hält, dann sollte dieser Schutz für jeden gelten, der ihn für sich beanspruchen möchte und zwar mit allen Rechten und Pflichten.
Familie ist doch das, was wir daraus machen und längst nicht mehr das, was es vor 50 oder 100 Jahren war. Ich begreife die Angst nicht, denn ich finde Veränderungen spannend. Und diese ist doch längst überfällig, weil sie doch grundsätzlich nichts an unserem Leben ändern wird. Weshalb sollte ich mir den Kopf darüber zerbrechen, wenn zwei Männer heiraten wollen (außer ich bin eingeladen und muss ein Geschenk besorgen *lach*). Weshalb sollte das auf mein Leben Auswirkungen haben? Weshalb sollte es schlimm sein, wenn sie ein Kind adoptieren und großziehen wollen? Ist die Vorstellung, dass eine neue, weltoffene Generation heranwächst, nicht toll? Mir würde es jedenfalls gefallen. Ich will meine eigenen Vorurteile nicht an meine Kinder weitergeben, nein, ich will meine Mauern einreißen, will offen und neugierig bleiben und auch mich und meine Ehe hinterfragen.
Ich weiß, dass meine Art zu leben keine Geschenk ist, sondern von anderen Frauen hart erarbeitet wurde.
Also bitte, liebe Ministerpräsidentin des Saarlandes und alle Frauen, die im Fernsehen und sonstwo in der Öffentlichkeit ihre veralterten Meinungen zum besten geben, denkt doch bitte mal daran, dass es nicht euer Verdienst ist, dass ihr dort steht wo ihr heute eben seid.
Vielleicht wird es euch dann doch noch bewusst, wie schön es ist, wenn wir diese Welt neu gestalten, sie bunt anmalen und gemeinsam unter dem Regenbogen tanzen...




Kommentare:

  1. Hi Karo,
    das hast du schön gesagt - und wesentlich diplomatischer ausgedrückt, als es mir über die Lippen käme, was vermutlich von Vorteil ist ;-)
    Nur eine kleine Korrektur:
    Die Pille war anfangs kein Mittel zur Selbstbestimmung, sondern ein weiteres Mittel zur Fremdkontrolle. Denn sie wurde ausschließlich verheirateten Frauen verschrieben und nur, wenn sie die Erlaubnis ihres Ehemannes hatte. Von der Einführung der Pille bis zu dem Punkt, an dem jede Frau unabhängig von ihrem Familienstand selbst entscheiden durfte, sie zu nehmen, sind viele, sehr viele Jahre vergangen.

    Liebe Grüße
    Mieko

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und für die Anmerkung hinsichtlich der Pille. Da war ich wohl ein wenig schnell, aber letztendlich zeigt es ja auch, wie steinig der Weg war. ich werde das gleich mal noch ändern
      lg
      Karo

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