Samstag, 14. Februar 2015

Valentinstag

Ursprünglich hatte ich das alles ein bisschen anders geplant, aber meine Pläne funktionieren nur in den seltensten Fällen und dieser ist offensichtlich keiner davon.
Das fing schon damit an, dass ich nach dem Urlaub und mit beiden Kindern zu Hause nicht so richtig in meinen Schreibrhythmus gekommen bin. Außerdem habe ich das Wort kurz wohl inzwischen komplett aus meinem Gedächtnis gestrichen. Ich kriege so hübsche 3000 Wörter Geschichten einfach nicht mehr hin.
Bei 8000 war ich guter Hoffnung und bei 11.000 Wörtern durfte ich endlich das Wort Ende setzen. Jetzt ist der Valentinstag fast vorbei, aber ich will zumindest diesen Plan gewissermaßen einhalten.
Es gibt nur eine erste grobe Korrektur, also verzeiht bitte Fehler und sprachliche Fehlgriffe.
Im Buch wird das dann alles hoffentlich ausgemerzt sein.
Viel Spaß mit der "kleinen" Geschichte!


Hier noch mal die vorgegebenen Wörter:
Julian, Mark, Tanja
Zeitreisen, Lebensretter, Kindergarten
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
„Wohin würdest du gehen, wenn du Zeitreisen könntest?“ Ich spüre Tanjas erwartungsvollen Blick auf mir und brauche einen Moment, ehe ich die Frage verstehe. Eigentlich stecke ich gerade mitten in einem Buch über Montessoripädagogik, denn in ein paar Wochen schreibe ich einen Test darüber.
„Sag schon, wohin würdest du reisen?“, drängelt sie und stupst gegen mein Bein. Ich schaue zum Fernseher, wo dieser kitschige Film mit dem Zeitreisenden läuft und zucke gelangweilt mit den Schultern.
„Ach komm schon, Julian. Gibt es echt nichts, was du noch mal sehen oder erleben möchtest?“
Tanja rutscht näher, lehnt sich gegen meine Schulter und sieht von unten zu mir hoch. „Würdest du mich auch in meiner Kindheit besuchen?“, sagt sie kichernd und in Anlehnung an den Film.
„Einmal abgesehen davon, dass das mehr als nur Unsinn ist, würde ich vermutlich die Frau vom Arbeitsamt noch mal besuchen und ihr recht geben, dass diese Ausbildung zum Erzieher der größte Mist ist, den ich jemals gemacht habe.“
„Wow, deine schlechte Laune ist echt nicht mehr zu ertragen“, schimpft Tanja und rutscht zurück auf ihre Seite der Couch. Sie verschränkt die Arme vor der Brust und starrt auf den Fernseher. Ich seufze schwer und widme mich wieder meinem Buch. Tanja hat recht. Ich bin schlecht gelaunt. Allerdings habe ich keine Ahnung, weshalb ich mich so fühle. Vermutlich liegt es am Stress und dieser aufwendigen Lernerei. Vielleicht auch an der Tatsache, dass ich einfach kein Land sehe und im Moment nicht weiß, wie es weitergehen soll.
„Ich dachte, du fühlst dich im Kindergarten wohl“, sagt sie leise, ohne mich anzusehen.
„Tue ich ja auch, aber ich hätte nicht gedacht, dass es... dass es so verdammt lange dauert. Wir hangeln uns von einem Praktikum zum nächsten und es scheint irgendwie kein Ende zu nehmen.“
„Das wusstest du doch von Anfang an. Deshalb musst du nicht so mies drauf sein.“ Sie klingt zurecht genervt.
„Vielleicht“, räume ich ein, denn auf einen Streit habe ich noch weniger Lust als auf diese sinnlose Unterhaltung. „Aber im Moment geht mir einfach alles auf die Nerven. Keine Ahnung warum.“
Ich reibe mir über den Nacken und massiere die angespannte Muskeln. Natürlich wusste ich, dass die Ausbildung lange dauert, dass es keine gute Bezahlung gibt und selbst nach dem Abschluss wird es finanziell nicht gerade rosig werden. Ich wollte diesen Beruf jedoch schon als Kind, nur meine Eltern hatten etwas anderes für mich im Sinn. Deshalb habe ich auch zuerst eine Ausbildung bei einer Krankenkasse gemacht. Ich habe es bis zum Schluss durchgezogen, konnte es jedoch kaum erwarten, von dort wegzukommen. Das war nicht meine Welt. Viel zu trocken, zu langweilig... Ich mag Kinder, habe schon als Jugendlicher bei Ferienfreizeiten als Betreuer gearbeitet. Ich wollte das hier, aber im Moment möchte ich alles hinschmeißen und abhauen. Dass ich keine Erklärung dafür finde, ist eigentlich das Schlimmste.
„Vielleicht weiß ich eine Möglichkeit, dich abzulenken...“
Neugierig sehe ich Tanja dabei zu wie sie näher rutscht, ihre langen, blonden Haare betörend nach hinten wirft und mir einen lasziven Blick aus halbgeschlossenen Augen zuwirft. Eine Hand krabbelt in mein Hosenbein und streichelt über meine Wade nach oben. Ich habe Mühe, still zu halten, denn das letzte worauf ich jetzt Lust habe, ist Sex. Als sie mit ihrem Arm nicht höher kommt, zieht sie ihn wieder heraus und streichelt auf dem Hosenstoff meinen Oberschenkel entlang. Mein erleichtertes Seufzen hält sie anscheinend für eine Bestätigung weiterzumachen. Es dauert nur einen Moment, bis sie meine Hose öffnet und nach meinem Schwanz greift. Ich bin nicht hart und ich habe Sorge dass ich nicht es werde.
Erneut sucht Tanja meinen Blick und ich erwidere ihn halbherzig. Sie hat schöne blaue Augen mit langen von Natur aus dunklen Wimpern. Ihr Gesicht ist puppenhaft und wirklich schön anzusehen. In meinem Herz sticht es seltsam. Wir sind seit vierzehn Monaten zusammen. Am Anfang war ich verdammt scharf auf sie. Ich dachte, Tanja wäre meine Traumfrau, aber so sehr ich mich auch bemühe, ich kann dieses Gefühl nicht mehr heraufbeschwören.
Ihr Gesicht ist dicht vor meinem. Ich kann den Atem auf meiner Haut spüren, rieche das Parfüm, das ich so mag und schließe die Augen, als sie mich küsst. Automatisch greife ich in ihr Haar. Ich liebe die wunderbaren blonden Locken, die dank des Shampoos nach süßen Früchten riechen. Ihre Lippen sind ebenso süß und verlockend. Der Kuss ist zart und abwartend. Ich weiß, dass es ihr schwer fällt die Initiative zu ergreifen. Oder nein, sie schafft es meist nicht, ihre Wünsche oder Bedürfnisse durchzusetzen. Schon oft hat sie angefangen mich zu verführen und dann abgewartet, bis ich weitermache.
Eigentlich fand ich es bisher niedlich, hat es doch in gewisser Weise meinen Beschützerinstinkt angesprochen. Jetzt geht es mir allerdings auf die Nerven und ich frage mich, was sie wohl macht, wenn ich nicht reagiere. Trotzdem ziehe ich sie näher heran, vertiefe den Kuss indem ich mit meiner Zunge in ihren Mund eindringe. Seufzend lässt sie es geschehen und reibt gleichzeitig mit einer Hand meinen Schwanz, der sich glücklicherweise doch zu regen beginnt.
Es hat sich schon längst eine erstaunliche Routine zwischen uns eingestellt. Ich habe nicht erwartet, dass es so schnell gehen würde. Wie schaffen es Paare, Jahrzehnte zusammen zu bleiben, ohne diese Langeweile zu spüren? Oder ist das nur eine Phase? Liegt es womöglich wirklich nur am Stress und es bedarf ein wenig Geduld? Ich habe keine Ahnung, aber ich vermisse das Prickeln auf der Haut, die Erregung, die durch die Adern fließt. Die Ungeduld, den anderen endlich zu spüren.
„Wollen wir lieber ins Bett gehen?“, fragt Tanja atemlos. Ihre Wangen glühen rot und die Lippen glänzen feucht. Eigentlich ist ihr Anblick atemberaubend und jeder Mann würde sie vermutlich sofort ins Bett zerren. Ich will nicht ins Bett... will nicht hören, dass es dort gemütlicher ist und natürlich auch so praktisch, denn wir können danach gleich einschlafen und müssen nicht noch mal aufstehen. Wir haben es uns schon jetzt in unserer Beziehung verdammt bequem gemacht.
Trotz des seltsamen Gefühls in meiner Brust nicke ich mechanisch. Tanja erhebt sich lächelnd und streckt mir ihre Hand entgegen. Beim Aufstehen rutscht meine Hose nach unten. Ich strample sie von den Füße und folge ihr ins Schlafzimmer. Tanja hat sogar die Wasserflasche vom Tisch mitgenommen und stellt sie vorsichtig auf dem Nachttisch ab. Dann setzt sie sich auf die Bettkante, streift die Klamotten ab, rutscht nach hinten und sieht mich erwartungsvoll an. Ich befreie mich ebenfalls von meinen restlichen Sachen und betrachte die nackte Schönheit vor mir eine ganze Weile nachdenklich. Ich weiß, was sie erwartet, kenne die Stellen, die sie auf Touren bringt. Natürlich bleibt nichts für ewig neu, aber es ist so viel mehr als das. Ich spüre es schon eine ganze Weile und sie vermutlich auch. Wir machen uns hier etwas vor, weil wir nicht mutig genug sind... Ich bin es in jedem Fall nicht, denn ich rutsche zwischen ihre gespreizten Beine und spule das bekannte Programm ab, das aus Küssen und Lecken besteht, bis ich irgendwann in sie eindringe. Es ist Sex, einfach nur Befriedigung. Natürlich fühlt es sich gut an. Ich mag die feuchte Enge, das leise Stöhnen. Ich mag sogar ihre Fingernägel, die über meinen Rücken kratzen und mich antreiben.
Ich erhöhe das Tempo, spüre das Ziehen in meinen Hoden und presse mich tief in sie. Wir kommen nahezu gleichzeitig. Ich verharre erschöpft und betrachte Tanja, die mit geschlossenen Augen unter mir liegt. Sanft beuge ich mich hinunter, hauche einen Kuss auf ihre Mundwinkel.
Der Sex zwischen uns war immer toll und trotzdem fehlt etwas. Es ist anders als früher. Ob sie es auch spürt? Am liebsten möchte ich verschwinden, denn es fühlt sich nicht richtig an. Gleichzeitig möchte ich sie einfach nur festhalten, habe Angst davor, etwas zu verlieren... sie zu verlieren. Ich lasse es zu, dass sie mich zu sich runterzieht und lehne meinen Kopf gegen ihre Schulter. Tanja duftet gut. Wir sind uns so vertraut. Zu vertraut? Es ist schön, von ihr gehalten zu werden. Will ich darauf wirklich verzichten?
Vielleicht haben wir doch noch eine Chance. Vielleicht müssen wir uns nur ein bisschen mehr anstrengen.
Nach einer Weile schiebt mich Tanja von sich. Ich rolle mich neben sie, halte die Augen fest geschossen und will die Empfindung, die ich eben noch so deutlich gespürt habe, nicht verlieren. Je mehr sich mein Körper jedoch beruhigt, desto weniger bleibt übrig. Am Ende ist es nur noch ein bitterer Beigeschmack, denn ich weiß, dass es ein sinnloser letzter Versuch war.
Krampfhaft versuche ich einzuschlafen, aber in meinem Kopf geht alles durcheinander. Auch Tanja scheint nicht zur Ruhe zu kommen. Sie wälzt sich von einer Seite zur anderen, bis sie sich aufsetzt und leise seufzt.
„Sollten wir vielleicht darüber reden?“, fragt sie ohne mich anzusehen. Ich erkenne die Angst in ihrer Stimme. Sie springt augenblicklich auf mich über und mein Herz beginnt heftig zu schlagen.
„Reden? War ich etwa nicht gut?“, erkundige ich mich mit einem Anflug von Ironie in der Stimme.
„Du bist doch immer gut“, erwidert Tanja ebenso ironisch. „Das macht es ja gerade so schwer.“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, dafür beginnt es in meinem Bauch heftig zu grummeln.
„Es ist schon spät“, murmle ich und ziehe sie zu mir. Sofort kuschelt sie sich an mich. Ich presse meine Nase in ihr Haar, atme den vertrauten Duft ein und schließe die Augen.
Nicht heute… nicht jetzt...
Immer wieder wache ich auf. Mache in meinen Träumen tatsächlich Zeitreisen und fühle mich dabei seltsam elend und allein. Ich will nicht allein sein. Es ist schön, jemanden an seiner Seite zu haben. Jemanden, den man liebt. Aber liebe ich Tanja noch? Liebt sie mich? Auf jeden Fall hat sie sich irgendwann von mir weggedreht und liegt nun auf ihrer Seite des Bettes. Der Abstand zwischen uns ist sinnbildlich für... für einfach alles.
Ich betrachte ihren Rücken eine Weile, aber das Gefühl nach Nähe will sich einfach nicht einstellen. Wir haben uns verloren und ich habe keine Ahnung, wie wir das ändern können. Will ich es überhaupt ändern? Ich meine, es funktioniert doch trotzdem gut zwischen uns. Wir müssen doch keine Entscheidung treffen, die alles verändert. Wir können doch so weitermachen wie bisher.
Brummend drehe ich mich auf die andere Seite. Das ist absoluter Schwachsinn. Es brodelt nicht erst seit in ein paar Tagen in mir. Ich weiß, woher die schlechte Laune kommt, was das Gefühl, auf der Stelle zu treten und etwas zu verpassen, bedeutet.
Der Wecker reißt mich aus meinen düsteren Gedanken und befreit mich von der Last, noch länger darüber zu grübeln. Tanja blinzelt mich verschlafen an und lächelt, bevor sie als erste im Bad verschwindet. Es gab Zeiten, da bin ich ihr gefolgt, da haben wir zusammen geduscht, gemeinsam Zähne geputzt... Jetzt verspüre ich kein Verlangen danach, starre stattdessen die Zimmerdecke an und frage mich, wie es weitergehen soll.
Irgendwann erhebe ich mich und gehe in die Küche, befülle die Kaffeemaschine und werfe die ersten Brotscheiben in den Toaster. Noch immer fühle ich mich unruhig, auch wenn die morgendliche Routine überwiegt.
Schweigend sitzen wir kurze Zeit später am Tisch. Die Stimmung ist angespannt. Wir vermeiden jeden Blick und halten uns an unseren Kaffeebechern fest. Ich suche vergebens nach einem unverfänglichen Thema, aber alles, was mir einfällt ist das Wetter. Grinsend schaue ich aus dem Fenster. Ein Stück wolkenverhangender Himmel, grau in grau, passt perfekt zu uns.
Eigentlich ist doch alles super. Wir arbeiten im gleichen Kindergarten, haben meistens den gleichen Schichtdienst, ähnliche Interessen, mögen Kinder und werden im nächsten Jahr mit der Ausbildung fertig. Vielleicht bekommen wir sogar einen Vertrag... Der Rest müsste sich doch auch irgendwie hinbiegen lassen...
„Julian“, unterbricht sie meinen inneren Versuch, unsere Beziehung schön zu reden. „Ich glaube, ich kann das nicht mehr.“
„Was heißt das?“, frage ich unruhig und bekomme Herzrasen und feuchte Hände. Tanja schüttelt den Kopf und seufzt theatralisch. Sie hebt den Kopf, sodass sich unsere Blicke treffen. Wir sehen uns lange an, aber da ist nichts... Ich kann den Zauber nicht heraufbeschwören und Tanja anscheinend auch nicht. In diesem Moment wird es mir unwiderruflich klar: Da ist keine Liebe mehr. Vielleicht ein Hauch Zuneigung, eine Prise Zusammengehörigkeit, aber keine Liebe. Tanja erhebt sich und beginnt stumm den Tisch abzuräumen. Ich beobachte sie dabei, unfähig mich zu bewegen. Die Gewissheit schmerzt und das Gefühl, etwas wichtiges für immer verloren zu haben, tut weh.
„Hör zu, das hat doch keinen Sinn mehr. Ich weiß nicht, was mit uns passiert ist, aber das hier tut uns beiden nicht gut. Wir quälen uns und ich will das nicht länger. Du ziehst mich mit deiner schlechten Laune runter und vermutlich bin ich der Grund dafür, dass du so mies drauf bist.“
„Quatsch... Ich bin einfach nur gestresst“, erwidere ich und die Steine in meinem Bauch verdichten sich, werden zu einem riesigen Brocken, der mir die Luft zum Atmen nimmt.
„Von mir aus kannst du dich selbst belügen, aber lüg mich nicht an!“ Sie lehnt sich gegen die Spüle und verschränkt die Arme vor der Brust. Habe ich gestern ihre Brüste überhaupt geküsst? Ich kann mich gar nicht mehr an den Sex erinnern, weiß nicht mehr wie ihre Haut schmeckt, wie sie duftet...
„Ich habe heute Nacht lange darüber nachgedacht und ich denke... also... ich... werde... Wir sollten uns trennen.“ Die Worten erscheinen mir wie Hammerschläge.
„Trennen? Liebst du mich etwa nicht mehr?“, frage ich tonlos. Es laut auszusprechen, macht es so verdammt real. Ich schäme mich dafür, ihre Liebe zu hinterfragen wo ich die eigene Antwort doch schon längst kenne.
„Jetzt tu nicht so überrascht. Ich mag dich... ich mag dich sehr, Julian. Und ich dachte, du wärst der Mann für den Rest meines Lebens. Mr. Right... aber sei doch bitte ehrlich und... mach es uns nicht so schwer. Wir beide brauchen zumindest eine Auszeit. Es funktioniert doch schon lange nicht mehr...“
„Aber... du kannst doch nicht einfach so aufgeben.“ Wieso klammere ich mich an etwas, das längst verdorrt auf dem Boden liegt? Eigentlich sollte ich Tanjas Vernunft und Besonnenheit bewundern, aber im Moment macht mich das alles einfach nur wütend und deprimiert.
„Ich ziehe heute Nachmittag erst einmal zu Dani. Meine Sachen hole ich ab, wenn ich eine Wohnung gefunden habe. Ich denke, das ist die beste Lösung.“
Sie haucht mir einen Kuss auf die Wange und nuschelt etwas, das wie Sorry klingt. Mir fehlen die Worte, stattdessen spüre ich, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln und habe Mühe sie zu unterdrücken. Meine Beine fühlen sich seltsam weich an und der Kopf ist schwer wie Blei. Schluss... sie beendet unsere Beziehung. Es ist keine Auszeit, denn wir beide wissen, dass es kein Zurück gibt. Auch wenn die Erkenntnis schmerzt, fühle ich mich auch ein bisschen erleichtert.
Die nächsten Tage verbringe ich in einem seltsamen Dämmerzustand. Ich weiß, dass die Entscheidung richtig ist und bin so furchtbar allein, dass ich es kaum aushalten kann. Tanja fehlt mir und immer öfter frage ich mich, ob wir nicht doch einen Fehler gemacht haben. Wenn ich sie im Kindergarten sehe, schmerzt mein Herz. Wir wahren Abstand, sind beide unglaublich höflich. Vielleicht wäre ein Streit besser gewesen, als die Gewissheit, dass wir anscheinend beide nichts mehr füreinander empfinden. Jedenfalls keine leidenschaftliche Liebe, denn sonst könnten wir doch nicht beide so besonnen sein.
Nach zwei Monaten hat Tanja all ihre Sachen aus der Wohnung geholt. Eigentlich sind die drei Zimmer für mich allein zu groß, aber die Miete ist günstig, sodass ich an meiner Situation erst einmal nichts ändere. Damit es nicht so unwohnlich ist, denn ein Großteil der Einrichtung gehört ihr, habe ich alles neu renoviert und mir ein paar Möbel gekauft. Jetzt habe ich eine Art Spielzimmer, in dem mein Schreibtisch und sämtliche Spielkonsolen stehen. Außerdem habe ich mir eine kleine Bar zusammengebaut. Ein echtes Männerzimmer, das ich auch schon mit ein paar Freunden eingeweiht habe. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich dabei dermaßen abgeschossen, dass ich am nächsten Morgen mit dem Kopf auf der Klobrille aufgewacht bin. Noch nie habe ich mich so elend und allein gefühlt, aber vielleicht habe ich genau das gebraucht, um endgültig über die Trennung hinweg zu kommen.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich so leiden würde. Dabei war es doch genau das, was ich die ganze wollte. Tanja und ich... wir gehören nicht zusammen. Wir hatten eine nur kurze und schöne gemeinsame Zeit.
Inzwischen sind vier Monate vergangen und die Erinnerung, dass Tanja und ich ein Paar waren, fühlt sich immer surrealer an. Auch wenn ich sie manchmal vermisse... wobei mir vielleicht auch nur Nähe und Sex fehlen, kommen wir gut miteinander zurecht. Das müssen wir auch, denn noch immer arbeiten wir in der gleichen Einrichtung.
Als sie vor drei Tagen von einem Kerl abgeholt wurde, hat sich das merkwürdig angefühlt. Es war keine Eifersucht, sondern Neid... Ja, ich war neidisch darauf, dass sie jemand neues hat und wirklich glücklich aussieht. Ich dagegen bin noch immer allein und da scheint auch niemand am Horizont auf mich zu warten. Ich will keinen One-Night-Stand, will niemanden aus der Disco abschleppen oder in einer Kneipe aufreißen. Ich bin ein Beziehungstyp, was für einen Mann vermutlich eher ungewöhnlich ist. Aber ich kann nichts dagegen machen, dass ich jemanden will, der zu mir gehört. Jemanden wie Tanja, nur... nur irgendwie anders, besser... Die Situation ist deprimierend und diese Stimmung nehme ich auch mit den Kindergarten. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren und mich auf die Kinder einzulassen.
„Wieso bist du immer so traurig?“, fragt Tim an einem verregneten Nachmittag. Er hat mich bereits zum dritten Mal beim Memory besiegt.
„Was?“
„Na, du guckst immer so traurig.“
„Ach Quatsch“, erwidere ich und grinse ihn schief an. „Außerdem, schau dir mal deinen Stapel an. Ich werde schon wieder verlieren, das macht mich echt traurig.“
Der Kleine lacht und ich bin froh, einigermaßen aus der Situation heraus zu sein.
„Du passt ja auch nicht auf. Dabei ist es wirklich babyleicht.“ Er deckt die nächsten zusammengehörenden Karten auf und entlockt mir meinen tiefen Seufzer.
„Du bist einfach zu gut für mich.“
„Das sagt mein Onkel Mark auch immer. Der verliert ständig gegen mich.“
„Dann sollte ich mich wohl mit deinem Onkel zusammentun, damit wir uns gegenseitig bedauern können“, antworte ich lachend und habe schon wieder kein Glück mit den Karten. Ich sollte mich wirklich besser auf das Spiel konzentrieren.
„Bist du denn schwul?“
„Was?“ Ich starre Tim erstaunt an.
„Onkel Mark ist schwul“, sagt er und deckt die letzten zwei Kartenpaare auf. „ Ich habe schon wieder gewonnen!“ Stolz reckt er sich und macht die klassische Siegerpose. Sie bringt mich zum Lachen, auch wenn der Schreck mir noch immer in den Knochen steckt.
„Weißt du überhaupt was schwul bedeutet?“, erkundigt sich der Kleine naseweis bei mir und sieht mich mit großen Augen an.
„Ich glaub schon.“
„Und?“
„Was und? Wieso ist das denn wichtig?“, versuche ich Tim auszuweichen. Allerdings kenne ich den kleinen Kerl schon eine Weile und weiß, dass er sich nicht mit halben Sachen zufrieden gibt.
„Meine Mama sagt, Onkel Mark braucht endlich einen Freund und da du genauso schlecht beim Memoryspielen bist, wie er...“
Wow, was für eine geniale Logik! Ich starre Tim an und habe alle Mühe mich zusammenzureißen.
„Ich weiß nicht. Wie soll ich denn mit ihm spielen, wenn wir beide immer verlieren?“
Tim stützt die Arme auf dem Tisch ab und beugt sich weit zu mir rüber. „Manchmal lasse ich ihn absichtlich gewinnen, damit er nicht so traurig ist“, raunt er mir zu.
„Oh...“, sage ich ebenso leise und nicke bedächtig mit dem Kopf. „Das ist eine gute Taktik, aber ich weiß nicht, ob das bei mir auch funktioniert.“
„Das weiß ich leider auch nicht.“ Er zuckt mit den Schultern. „Spielen wir noch mal?“
„Nur wenn du mich auch mal absichtlich gewinnen lässt.“
Der Kleine grinst mich frech an und schüttelt den Kopf.
In diesem Moment kommt Tanja in den Raum. Sie strahlt über das ganze Gesicht und ich frage mich, ob ich sie jemals so glücklich gemacht habe.
„Na, wer hat verloren?“, erkundigt sie sich und setzt sich neben mich auf einen der Ministühle.
„Julian“, antwortet Tim lachend. „Schon viermal“
„Rette mich“, bettle ich Tanja theatralisch an.
„Da hast du aber Glück“, sagt sie und zwinkert Tim zu. „Ich muss mir den Julian mal kurz ausborgen. Wir müssen noch ein paar Sachen für das Indianerfest morgen vorbereiten.“
„Was denn für Sachen?“, lässt Tim nicht natürlich nicht locker, aber Tanja legt verschwörerisch einen Finger auf den Mund.
„Das können wir doch noch nicht verraten. Großes Indianergeheimnis...“*
Tims Augen werden kugelrund. Aufgeregt packt er die Spielkarten zurück in den Karton. „Ich habe ein ganz tolles Kostüm“, raunt er uns verschwörerisch zu.
„Wir sind schon ganz gespannt darauf.“ Tanja zwinkert Tim zu und zieht mich hinter sich her.
„Wir müssen noch ein paar Medaillen basteln“, erklärt sie, während wir in den Bastelraum gehen. Sie legt mir eine Schere und einen Bastelkleber hin und breitet verschiedenen Papierbögen zwischen uns an.
„Basteln?“, sage ich stöhnend und setze mich an den Tisch.
Wir beginnen zu Schnippeln. Hin und wieder spüre ich ihren Blick auf mir. Es ist merkwürdig, aber nicht störend.
„Geht es dir gut?“, erkundigt sie sich leise.
„Klar, wieso auch nicht?“
„Na ja, die Prüfung hast du doch mit Bravur geschafft, eigentlich könntest du doch jetzt wieder entspannter sein.“
Ich sehe sie an und Wut macht sich in mir breit. Sie weiß genau, dass die Prüfung nichts mit meinem Gemütszustand zu tun hatten. Jedenfalls nicht so dermaßen nachhaltig. Es fällt mir schwer, ruhig zu bleiben, also presse ich die Lippen fest zusammen und brumme nur unbestimmt vor mich hin.
„Willst du nicht mal mit uns ausgehen?“
„Das ist ein Witz, oder? Ich soll mit dir und deinem neuen Macker weggehen?“ Stirnrunzelnd sehe ich sie an.
„Dani wäre auch dabei. Sie hat sich in letzter Zeit oft nach dir erkundigt.“
„Dani?“, frage ich irritiert.
„Genau. Sie scheint interessiert zu sein.“ Tanja grinst mich vielsagend an, aber ich schüttle nur den Kopf.
„Vergiss es. Dani und ich... das ist ...“ Ich kann nicht verhindern, dass allein der Gedanke eine Gänsehaut verursacht.
„Dir ist wirklich nicht zu helfen“, erwidert sie brummig und seufzt genervt.
„Wann habe ich denn darum gebeten, mir zu helfen“, antworte ich aufbrausend. „Ich will bestimmt nicht mit euch ausgehen.“
Scheiße, wieso rege ich mich so auf? Aber ich kann mich einfach nicht beherrschen. Wütend knülle ich das Papier in meiner Hand zusammen und werfe es im hohen Bogen in Richtung Mülleimer. Natürlich verfehle ich ihn um Haaresbreite und stoße einen unflätigen Fluch aus.
„Manchmal bist du echt ein Idiot.“ Tanja sagt nichts weiter zu meinem Ausbruch, aber den Rest der Zeit verbringen wir unangenehm schweigend.
Auch am Abend geht mir das Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß, dass ich überreagiert habe, aber ich fühle mich verdammt allein und der Neid frisst sich durch meine Eingeweide.
Der Wettergott hat am nächsten Tag ein Einsehen mit uns, denn die Sonne scheint und so kann das große Fest im Garten stattfinden. Cowboys und Indianer, wohin das Auge reicht. Natürlich sind auch wir Erzieher entsprechend verkleidet. Es ist laut, lustig und ich kann meine schlechte Laune nicht aufrechterhalten. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich seltsam gelöst und beinahe glücklich. Ich tobe mit den Kindern herum und leite sie durch verschiedene Spiele.
Tim und ein paar andere Jungs kommen mit Indianergebrüll auf mich zu. Sie packen mich an den Armen und zerren mich zu einem der Bäume.
„Du bist unser Gefangener“, rufen sie laut und drücken mich gegen den Stamm einer alten Linde.
„Hilfe“, brülle ich gespielt, natürlich vergebens.
„Julian kommt an den Marterpfahl“, singen sie und binden mich mit einem Springseil an den Baum. „Habt Gnade“, bitte ich und mache ein schmerzverzerrtes Gesicht.
„Keine Gnade, Männer“, ruft Tim. „Außer Julian liest uns eine spannende Geschichte vor.“
„Nö, will keine Geschichte hören“, meint ein andere Junge, dessen Name mir gerade nicht einfällt.
„Aber ich habe doch nichts gemacht“, behaupte ich und sehe die Jungs flehend an. „Ich bin doch nur ein armer Cowboy.“
In diesem Moment wird mit einer großen Trommel zum Mittagessen gerufen. Sofort lassen die Jungs von mir ab und ich... bleibe zurück.
„Tim“, rufe ich ihm noch hinterher, aber da ist er schon im Haus verschwunden. Großartig! Ich zerre an dem Seil, aber es gibt nicht nach. Die Jungs haben ganze Arbeit geleistet. Ich lege den Kopf gegen die harte Rinde und starre das grüne Blätterdach an, durch das nur wenig blau scheint. Das ist vermutlich mal wieder typisch für mich. Hoffentlich dauert es nicht lange, bis jemand mein Fehlen bemerkt und mich befreit.
Durch die Hintertür am Garten kommt ein Mann herein. Er geht zielstrebig auf das Gebäude zu, dann bemerkt er mich und stutzt. Er kommt grinsend näher.
„Ist das beabsichtigt“, fragt er glucksend.
„Ja, denn ich habe nicht aufgegessen und muss deshalb zur Strafe hier stehen“, brumme ich. „Ist die neue Philosophie der Einrichtung.“ Kaum habe ich die Worte ausgesprochen, bereue ich sie auch schon. Mein Gegenüber fängt jedoch zu lachen an und irgendetwas in seiner Stimme bringt mein Herz zum Stolpern.
„Funktioniert es denn?“, erkundigt er sich und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Ich bin der erste Proband“, behaupte ich und zerre erneut vorsichtig an dem Seil. „Das ist... also... Sie wissen schon, dass ich gerade verdammten Unsinn rede, oder?“, erkundige ich mich kleinlaut. Noch immer steht er einfach nur vor mir und sieht mich abwartend an.
„Ach, wirklich? Dabei wollte ich nachher meiner Schwester von den eigenartigen Methoden erzählen und...“
„Shit, nein... also, das war echt nur ein Scherz. Ich wurde einfach nur von einer Horde Jungs überwältigt und dann sind sie zum Essen nach drinnen...“
„Hm...“ macht er und wiegt bedächtig den Kopf hin und her. Dabei kommt er noch einen Schritt näher. „Soll ich mich darum vielleicht kümmern?“ Er stupst gegen das Seil. Ich nicke erleichtert und spüre ein seltsames Kribbeln auf meiner Haut, als er den Knoten löst.
„Danke... Sie haben mir quasi das Leben gerettet“, sage ich leise und reibe über meine Handgelenke. „Wen wollen sie denn abholen?“
„Tim, ich bin sein Onkel.“
„Onkel Mark?“, frage ich erstaunt.
„Genau der... Hat der Bengel etwa von mir erzählt?“ Er mustert mich amüsiert. In meinem Kopf geht alles durcheinander. Sein Blick macht mich nervös.
„Sie sind wohl auch nicht besonders gut beim Memory spielen“, sage ich und versuche möglich beiläufig zu klingen. Den Rest erzähle ich jedoch nicht.
„Ich hasse dieses Spiel und frage mich immer wieder, wann es endlich zu langweilig für Tim ist.“ Er beginnt erneut zu lachen. Ich stimme unsicher ein und kann meinen Blick nicht von ihm abwenden. Viel zu deutlich habe ich Tims Worte in Erinnerung und auch wenn es mir vollkommen absurd vorkommt, finde ich den Mann vor mir faszinierend.
„Okay, dann... gehe ich mal nach drinnen und sammle den kleinen Indianer ein“, sagt er nach einer Weile. Ich nicke und sehe ihm hinterher. Meine Beine wollen sich einfach nicht von der Stelle bewegen. Kurz bevor er die Eingangstür erreicht, laufe ich ihm doch hinterher.
„Moment...äh warten sie kurz“, rufe ich, auch wenn ich gar nicht weiß, was ich zu ihm sagen soll. Anscheinend geht es ihm ebenso, denn er sieht mich mit einer hochgezogende Augenbraue fragend an.
„Gibt es noch was?“
„Ähm... also... Ich wollte sie fragen, ob ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen kann. Sie haben mir schließlich das Leben gerettet und ich...“
„Ich bin wirklich kein Lebensretter. Von daher ist es sicherlich nicht nötig, dass...“
„Aber ich würde gern. Also, es muss ja auch kein Kaffee sein. Vielleicht könnten wir irgendwo ein Bier trinken oder...“
„Hören Sie, das ist wirklich nicht nötig. Es war nur ein Seil und ein Knoten, der nicht einmal besonders fest war. Vermutlich hätten Sie recht schnell selbst befreien können.“
Er grinst mich an und verschwindet im Haus. Ich spüre, wie meine Wangen vor Scham zu glühen beginnen und starre ihm durch die Glasscheibe in der Tür hinterher.
„Was war das denn?“, erklingt Tanjas Stimme aus einem der Fenster. Ich sehe sie fragend an und zucke mit den Schultern. Ich habe selbst keine Ahnung, was das gerade war, aber es hat sich für einen Moment erstaunlich gut angefühlt.
„Hast du gerade einen Mann angemacht?“
Verwirrt betrachte ich die Tür. Tanjas Worte hallen in meinem Kopf wider. Habe ich ihn angemacht?
Ich wollte doch nur...
„Weiß nicht, was du meinst“, erwidere ich brummend und reiße die Tür mich viel zu viel Schwung auf.
Kurze Zeit später stehen Tim und sein Onkel mir erneut gegenüber. Er schubst den Kleinen sanft in meine Richtung. Zögerlich kommt er auf mich und spielt verlegen mit der Feder in seiner Hand.
„Tut mir leid, Julian“, murmelt Tim. Ich hocke mich grinsend vor ihn.
„Schon in Ordnung. Ich wurde noch rechtzeitig gerettet, bevor ich elendig verhungert und verdurstet wäre.“
„Oh...“, ruft der Kleine und reißt die Augen entsetzt auf. „Das wollte ich wirklich nicht, aber die anderen haben ja auch mitgemacht....“ Ich will nicht, dass er anfängt zu weinen und strubble ihm versöhnlich durch die Haare.
„Alles gut. Ich hoffe, du hattest heute einen schönen Tag.“
„Ja, das war so cool.“
„Na dann... ich wünsche dir noch einen schönen Nachmittag.“ Ich erhebe mich und werfe Mark einen vorsichtigen Blick zu. Sofort spüre ich dieses flattrige Gefühl in meinem Bauch und Hitze steigt in mir auf. Schnell wende ich mich ab und gehe in Richtung Küche. Mit Sicherheit liegt es nur am Hunger, dass ich mich so seltsam fühle.
In den nächsten Tagen begegnen wir uns immer wieder. Mehr als einen flüchtigen Gruß bekomme ich nicht von Mark, aber trotzdem habe ich das Gefühl, ihn irgendwie kennenzulernen, ihm nahe zu sein. Ich höre Tim so genau zu wie noch nie, sauge jede Information über seinen Onkel auf. Beinahe komme ich mir wie ein Stalker vor und kann es trotzdem nicht ändern. Er verfolgt mich in meinen Träumen, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und schafft es sogar, dass ich mich schlecht fühle, nur weil Tim an einem Tag von seiner Mutter abgeholt wird. Es ist absurd, denn ich verstehe nicht, was mit mir passiert.
Tanja macht immer wieder spitze Bemerkungen, aber ich ignoriere sie, bin viel zu sehr damit beschäftigt, mit diesen seltsamen Empfindungen klar zu kommen.
Heute habe ich um vierzehn Uhr Feierabend. Die Sonne scheint und ich bin erstaunlich aufgedreht, weil Mark mich vorhin merkwürdig angesehen hat. Sein Blick ging so tief in mich hinein, dass ich mich regelrecht nackt gefühlt habe. Noch immer schlägt mein Herz unruhig, deshalb muss ich mich ein bisschen ablenken. Ich schlage den Weg ins Stadtzentrum ein. Auch wenn ein Einkaufsbummel nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, habe ich heute das Bedürfnis mich mit einer neuen Klamotte zu belohnen.
Es ist voll in der Stadt. Touristenströme wälzen sich durch die Straßen und der Marktplatz quillt beinahe über. Frustriert bleibe ich stehen und überlege, ob ich meine Entscheidung rückgängig machen soll. So dringend brauche ich nichts zum Anziehen. Außerdem ist es viel bequemer im Internet zu bestellen, als sich durch die Massen zu schieben.
Ich bleibe noch einen Moment unentschlossen stehen, überlege, ob ich wenigstens einen Kaffee trinke, damit ich nicht ganz umsonst unterwegs war, als ich meinen Namen höre.
Ich kenne die Stimme. Tim stürmt auf mich zu, packt mich an der Hand und zieht mich hinter sich her.
„Guck nur Onkel Mark, ich habe den Julian schon wieder eingefangen.“ Er lacht und auch Mark schmunzelt, als er mich ansieht.
„Hauptsache, du bindest mich nicht erneut fest“, erwidere ich nervös. Die Sache mit dem Baum ist mir echt peinlich.
„Hier ist ja gar kein Baum und ein Seil habe ich auch nicht“, sagt Tim und stemmt die Arme empört in die Hüfte.
„Ich könnte dir meinen Gürtel borgen und anstatt der Bäume geht bestimmt auch so ein Laternenpfahl“, sagt Mark und grinst mich breit an.
Die Vorstellung, dass ich mit einem Gürtel an einer Laterne festgebunden werde, treibt mir erneut die Röte ins Gesicht. Vor allem, als mein Blick instinktiv an seinem Schritt haften bleibt und eine prickelnde Erregung von mir Besitz nimmt. Ich wünschte, ich hätte einen coolen Spruch auf den Lippen, aber mein Kopf ist vollkommen leer.
„Das können wir doch nicht machen“, mischt sich Tim ein und stupst seinem Onkel gegen den Arm. „Du bist manchmal wirklich gemein, aber warte nur, nachher besiege ich dich und dann wirst du festgebunden.“
„Ähm... ich will wirklich nicht stören...“, murmle ich unbehaglich und drehe mich um, um zu verschwinden.
„Bevor wir noch beide am Marterpfahl landen. Wie wäre es mit einem Kaffee?“ Marks Frage lässt mich innehalten. Zögernd drehe ich mich zurück, während mein Gehirn auf Hochtouren arbeitet. Soll ich das Angebot annehmen? Tanjas Worte kommen mir wieder in den Sinn und ich frage mich, ob er es ist, der mich jetzt anmacht.
„Hier gibt es ganz tolles Eis“, sagt Tim und nickt eifrig.
„Ich weiß“, erwidere ich wenig eloquent.
„Also, wie wäre es, wenn du dich zu uns setzen würdest?“ Er hat einfach vom sie zum du gewechselt. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber irgendwie verstehe ich nicht, wieso er auf einmal weniger unnahbar ist.
Herumzustehen macht die Sache jedoch auch nicht besser und so nehme ich das Angebot an und setze mich zu den beiden.
„Sehr schön“, sagt Mark und trinkt einen Schluck aus seiner Tasse. Die Kellnerin kommt und ich bestelle mir ebenfalls einen Kaffee.Nach einem Eis ist mir nicht, obwohl ich eine Abkühlung sicherlich gut gebrauchen könnte. Verstohlen betrachte ich den Mann, der mich so seltsam berührt. Dunkle, kurze Haare, braune Augen und einen unglaublich schönen Mund. Ich starre die Lippen an und frage mich, wie sie sich wohl anfühlen. Genau in diesem Moment leckt er mit der Zunge darüber und in meinem Unterleib beginnt es heftig zu kribbeln.
Verschämt senke ich den Blick und suche kopflos nach einem unverfänglichen Gesprächsthema.
„Kann ich am Brunnen spielen?“, erkundigt sich Tim und klingt gelangweilt.
„Aber bleib da, wo ich dich sehen kann.“ Der Kleine springt sofort hoch und macht sich auf den Weg. Jetzt ist das Schweigen zwischen uns noch übermächtiger.
„Sie holen Tim in letzter Zeit recht häufig ab“, stelle ich sinnloser Weise fest.
„Können wir uns nicht duzen?“, fragt er und streckt mir grinsend die Hand entgegen. Ich nicke und ergreife sie. Gibt es wirklich so etwas wie Stromstöße? Wenn ja, dann ist soeben Strom zwischen uns geflossen. Mein Arm kribbelt und es fällt mir schwer, die Hand nicht zu schnell zurückzuziehen.
„Mark“, sagt er und sieht mich eindringlich an. Ich glaube, er ist ebenso erstaunt wie ich.
„Julian.“ Meine Stimme klingt brüchig, sodass ich mich räuspere und nach der Kaffeetasse greife.
„Um auf die Frage zurückzukommen. Ich war eine Weile im Ausland, bin erst vor drei Wochen zurückgekommen und gönne mir ein bisschen Urlaub, was der kleine Kerl natürlich schamlos ausnutzt.“
Er lacht und ich suche erneut nach einer passenden Antwort. Eigentlich habe ich mich immer für einigermaßen wortgewandt gehalten, aber im Moment gleicht mein Gehirn wohl eher einem Wackelpudding. Ich begreife nicht, was mit mir los ist.
„Seit wann arbeitest du im Kindergarten?“
„Ich bin jetzt knapp ein Jahr dort. Es ist das letzte Praktikum vor den Prüfungen.“
„Dann sind wir uns wirklich noch nicht begegnet. Ich habe mich schon gefragt, wie ich dich übersehen konnte.“ Mark hat seine Stimme bei den letzten Worten deutlich gesenkt, womit wohl eindeutig geklärt ist, dass er mit mir flirtet. Ich begreife nur nicht, warum ausgerechnet jetzt.
„Ähm, wie... meinst du das?“, erkundige ich mich trotzdem und mein Gesicht flammt erneut auf. Mark antwortet nicht darauf, aber der Blick, den er mir zuwirft macht mich nervös. Setzt er gerade eindeutige Zeichen? Und wenn ja, nimmt er etwa an, dass ich... dass... Natürlich! So läuft es doch immer. Kein schwuler Kerl lässt sich die Möglichkeit für einen schnelle Fick entgehen. Und ein Mann wir Mark schon gar nicht. Er ist verdammt heiß und ich bin mir sicher, dass er genau weiß, wie er bekommt, was er will.Vermutlich war es nur so etwas wie Anstand, was ihn im Kindergarten davon abgehalten hat, mich offensiv anzumachen. Ich presse enttäuscht die Augen zusammen und atme tief durch. Das ist nichts für mich, war es noch nie...
„Ich sollte besser gehen“, sage ich leise und sehe mich nach der Kellnerin um.
„Echt? Das ist schade.“ Der Tonfall und der Blick zeigen eindeutig, was er will, aber ich bin ganz bestimmt nicht die richtige Beute für ihn.
„Tut mir leid, aber dafür bin ich echt der Falsche.“ Meine Beine zittern, als ich mich erhebe, aber ich versuche wenigstens einigermaßen cool zu bleiben.
„Was meinst du?“ Selbst jetzt ist das Glitzern in seinen Augen deutlich zu erkennen. Ich schüttle enttäuscht den Kopf.
„Im Kindergarten hast du mich auflaufen lassen und jetzt...“
„Ich war am Anfang ein wenig überrumpelt, so offensiv angemacht zu werden. Aber du gefällst mir ziemlich gut.“ Er klingt überheblich und das tut verdammt weh.
„Ich habe dich nicht angemacht“, sage ich viel zu laut. Die Köpfe, die sich zu uns herumdrehen, erden mich ein wenig. Aber die Wut schlägt weiterhin Flammen in meinem Bauch. „Ich war einfach nur dankbar für deine Hilfe. Du jedoch...“
„Ja?“, unterbricht er mich. Ich glaube, er wird nun auch sauer, denn seine Augen verdunkeln sich. Er sieht mich abwartend an, aber ich schüttle nur den Kopf. Es ist wirklich an der Zeit, zu verschwinden.
„Ich bin nicht so...“, murmle ich erneut, stehe auf und wühle in meiner Hosentasche nach Kleingeld.
„Julian“, brummt er und hält mich am Arm fest. „Hier ist meine Telefonnummer. Vielleicht rufst du mich mal an und wir...“ Ich nehme das Kärtchen, das er mir entgegenhält und reiße mich von ihm los. „Den Kaffee bezahle ich“, sagt er schlicht. Für einen Moment will ich protestieren, dann bedanke ich mich jedoch und gehe. Die Karte halte ich fest in der Hand, obwohl ich mir nicht sicher, was ich damit anfange. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so verunsichert gefühlt habe. Es ist anders als bei Tanja, auch wenn ich sie manchmal vermisse. Ich hätte Mark wirklich gern kennengelernt, aber ich kann das nicht so... so unpersönlich und bedeutungslos. Jedenfalls scheint es von seiner Seite darauf hinauszulaufen und das verwirrt mich mehr, als ich mir eingestehen will.
Für mich sind Beziehungen mit Männern ebenso schwierig wie mit Frauen. Nein, sie sind vermutlich sogar noch komplizierter, denn die meisten Frauen haben eine ähnliche Vorstellung vom Zusammenleben wie ich. Ich will es verbindlich, brauche ein bisschen Zeit und Vertrauen. Natürlich mag ich Sex, aber die wenigen One Night Stands waren allesamt nicht besonders berauschend. Vielleicht bin ich kompliziert... zu romantisch, zu sehr auf Sicherheit bedacht. Ich will jemanden für mich, nur leider habe ich bisher niemanden gefunden. Wehmütig denke ich an Tanja. Auch wenn die Liebe viel zu schnell verflogen ist, war es doch ein gutes Gefühl. Na ja, am Ende irgendwie nicht mehr. Da war ich einfach nur noch genervt und unzufrieden. Liegt es vielleicht an mir? Habe ich zu hohe Erwartungen?
Zuhause schalte ich den Fernseher an und setze mich aufs Sofa. Die Visitenkarte drehe ich unschlüssig zwischen meinen Fingern. Bisher habe ich mich nicht einmal getraut, sie anzusehen. Leise lese ich seinen Namen und sofort beginnt es in meinem Bauch zu kribbeln. Er ist Unternehmensberater. Das ist ja irgendwie auch so etwas wie ein Lebensretter. Schade, dass er nicht mein Leben rettet. Offensichtlich drehe ich langsam durch.
Noch ehe ich begreife was ich mache, habe ich das Telefon in der Hand und tippe die Zahlen ein. Mein Herz klopft wild in der Brust, als das Freizeichen erklingt. Das erste Klingeln reißt mich allerdings aus der Trance und ich lege panisch auf. Ich benehme mich wie ein Idiot. Fassungslos starre ich vor mich hin, bis sich das Telefon bei mir bemerkbar macht. Ich erkenne die Nummer und zögere einen Augenblick. Es wäre jedoch albern, nicht ranzugehen und so nehme ich das Gespräch mit zittrigen Händen an.
„Julian?“, fragt Mark, noch ehe ich mich melde.
„Ja“, sage ich und versuche möglichst gleichgültig zu klingen.
„Ich habe es nicht so schnell ans Telefon geschafft.“ Ich höre den ironischen Unterton in seiner Stimme und bin froh, dass er nicht sieht, wie ich rot werde.
„Macht nichts, ich...“
„Es tut mir leid. Ich weiß nicht genau was vorhin falsch gelaufen ist, aber ich würde es gern noch einmal versuche.“
„Wirklich?“ Meine Stimme hat einen unnatürlich hohen Tonfall angenommen. Ich hoffe inbrünstig, dass er das durchs Telefon nicht mitbekommt.
„Wie wäre es mit Pizza?“
„Klingt gut.“
„Heute?“
„Ich weiß nicht...“
„Komm schon, ich kann bestimmt nicht schlafen, wenn du mir keine Chance gibst, es wieder gut zu machen.“
„Das wäre wohl nicht zu verantworten“, erwidere ich grinsend. Allmählich fühle ich mich besser und eine gewisse Hoffnung keimt in mir auf. Vermutlich ist sie vollkommen unbegründet, aber auf der anderen Seite, wenn es eben nur auf einen One Night Stand hinausläuft, dann kann ich zumindest ein wenig sexuellen Frust abbauen. Vielleicht vergeht dann auch dieses bescheuerte Gefühl in meiner Brust.
„Tim hat mich heute fünf Mal beim Memory besiegt. Ich finde, da sollte eine Mitleidspizza doch drin sein“, bettelt er, auch wenn ich genau weiß, dass er dabei grinst. Er hat mich schon längst überzeugt.
„Da hast du echt Glück. Mitleidpizza steht heute auf der Speisekarte...“ gleich neben dem Mitleidsfick... Die letzten Worte sage ich zum Glück nicht laut. Mark lacht leise und sorgt damit erneut für eine Gänsehaut. Wir verabreden uns für zwanzig Uhr. Als er auflegt, macht sich eine nervöse Vorfreude in mir breit. Ich gehe duschen und stehe anschließend Ewigkeiten vor dem Kleiderschrank. Eigentlich mache ich mir nur selten Gedanken um meine Klamotten, aber jetzt probiere ich schon das vierte Shirt an und fühle mich noch immer nicht passend angezogen. Mein Herz wummert unablässig schnell in der Brust, während ich versuche, mir einzureden, dass es nur ein Test ist und ich ihn hinterher endgültig aus meinem Kopf und den diversen anderen Organen, die er unerlaubt besetzt hat, bekomme.
Bis zur Pizzeria ist es nicht weit, trotzdem scheint der Weg kein Ende zu nehmen. Ich grübele die ganze Zeit darüber nach, wie ich mich verhalten soll. Worüber können wir reden? Will er überhaupt reden?
Ich sehe Mark schon von weitem. Sein Anblick macht mich nervös. Noch nie habe ich mich dermaßen zu einem Menschen hingezogen gefühlt, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht kenne. Das ist doch vollkommen verrückt. Noch ehe ich jedoch weiter darüber nachdenken kann, zieht er mich in seine Arme. Ich spüre seine Lippen auf meinem Mund und bin vollkommen erstarrt. Geht das nicht ein bisschen zu schnell? Erschrocken starre ich ihn an, aber Mark hat seine Augen geschlossen. Ich sollte ihn von mir stoßen, lege stattdessen meine Arme um seinen Hals. Als ich spüre, dass er sich zurückziehen will, erwidere ich endlich den Kuss. Er seufzt leise und drängt sich näher an mich. Ich bin vollkommen berauscht von dem Gefühl, das er in mir auslöst. In meinem Bauch brodelt eine unglaubliche Hitze. Es ist ein bisschen, als würde die Welt um mich herum versinken. Aber das kann ein Kuss doch niemals bewirken...
Unsicher schiebe ich Mark von mir und sehe ihn fragend an.
„Tut mir leid“, murmelt er und lächelt verlegen. „Ich kann seit Tagen an nichts anderes denken.“
Seine Worte geben mir Hoffnung. Ich berühre mit dem Daumen seine Lippe, streiche darüber und spüre, wie er mit der Zunge dagegenstupst.
„Reicht denn der eine?“, frage ich und halte den Atem an. Ich schaue ihn nervös an, bemerke das leichte Kopfschütteln und initiiere einen neuen Kuss. „Mir auch nicht“, nuschle ich gegen seinen Mund und genieße das zärtliche Spiel unserer Lippen.
„Sollten wir nicht langsam reingehen?“, erkundigt er sich und vertieft den Kuss, noch ehe ich antworte. Grinsend löse ich mich von ihm. Es fällt mir schwer einen klaren Kopf zu behalten, aber eigentlich will ich das auch gar nicht. Ich habe gar keine Chance, als das Risiko einzugehen.
„Wollen wir uns vielleicht nur eine Pizza zum Mitnehmen rausholen?“, frage ich leise. Meine eigenen Worte bringen mich zum Staunen, aber es fühlt sich richtig an. Ich will nicht in dieser vollen Pizzeria mit ihm sitzen. Ich will ihn berühren, küssen... vielleicht sogar mehr. Innerlich lache ich auf. Ist es wirklich so einfach, die eigenen Vorsätze über den Haufen zu werfen?
„Gute Idee“, sagt Mark, nimmt meine Hand und geht mit mir ins Innere der Gaststätte. Am Tresen lassen wir uns eine Speisekarte geben.
„Habe ich es mir doch gedacht“, sage ich ernst. „Mitleidspizza gibt es heute nicht.“
Grinsend beugt sich Mark zu mir und flüstert: „Ich nehm, was ich kriege.“ Sein Atem kitzelt auf meiner Haut, aber die Worte lassen mich unsanft auf der Erde landen. Wenn ich nur wüsste, wie das alles ohne Gefühl funktioniert. Am Ende werde ich wohl der Verlierer sein und trotzdem will ich nicht auf diesen Abend verzichten.
Wir geben unsere Bestellung auf, als Tanja plötzlich vor mir steht. Sie funkelt mich wütend an und zerrt mich am Arm ein Stück von Mark weg.
„Was soll das?“, frage ich sie erstaunt und befreie mich von ihrem Griff.
„Das könnte ich dich auch fragen. Ich habe euch da draußen gesehen.“ Sie stemmt die Arme in die Hüfte.
„Und? Ich habe dich auch schon mit deinem neuen Lover gesehen“ Ich verstehe den Ausbruch nicht, denn immerhin war sie es doch, die...
„Das ist ein Kerl“, faucht sie. Ich begreife noch immer nicht, was sie von mir will und vermutlich sieht sie das an meinem Blick auch.
„Bist du jetzt etwa schwul geworden? Wegen mir?“, präzisiert sie und bringt mich zum Lachen.
„Ich bin nicht schwul... ich bin...“
„Oh Gott, verleugnest du dich jetzt auch noch. Es ist doch ganz deutlich zu sehen, dass zwischen dir und Tims Onkel was läuft. Ich meine, das ist an sich schon grenzwertig, aber das du mich anlügst, ist doch wirklich nicht nötig.“ Sie wischt sie energisch eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Hör zu, Tanja, ich bin nicht schwul und ganz sicher stehe ich nicht wegen dir auf Männer. Ich bin bisexuell und zwar schon immer.“
„Aber... wieso hast du... Ich meine, wieso weiß ich denn nichts davon?“
„Hätte das irgendetwas geändert? Ich habe mich damals in dich verliebt und wir waren doch eine Zeitlang wirklich glücklich, oder nicht? Jetzt sind wir nicht mehr zusammen und zwar, weil wir es beide wollten. Es geht dich also nichts an, mit wem ich mich treffe. Ich mache dir da ja auch keine Vorschriften.“
Eine Weile starren wir uns an, dann schüttelt sie den Kopf und geht wortlos an mir vorbei. Ich sehe ihr hinterher und spüre erst jetzt, wie wütend sie mich gemacht hat. Tief durchatmend gehe ich zurück zu Mark, der mich seltsam mustert.
„Du bist bi?“, erkundigt er sich kühl. Ich bin noch viel zu aufregt, um antworten zu können, also nicke ich lediglich.
„Scheiße.“
„Wie bitte?“, erkundige ich mich wütend. Der Abend hat doch so gut angefangen, aber nun ist er versaut und Mark macht es gerade nicht besser.
„Nichts“, brummt er. Ein unerträgliches Schweigen breitet sich zwischen uns aus. Irgendwann seufzt er leise und reibt sich über die Augen. „Ich wollte Tim nicht glauben, als er gesagt hat, dass du mit Tanja zusammen warst. Ich dachte, er meint bestimmt nur, dass ihr... na ja, eben Freunde seid. Wie lange ward ihr denn ein Paar?“
„Eineinhalb Jahre“, antworte ich grummelnd.
„Wow, das ist... ziemlich lange.“
„Na und? Es ist eben genau das, was ich suche. Eine feste Partnerschaft, eine richtige Bindung. Ich steh nicht auf so einen schnellen Fick, wie du ihn dir anscheinend wünschst.“
„Du scheinst mich ja gut zu kennen“, erwidert er ebenso wütend.
„Ich weiß, wie es zwischen Männern läuft und du bist doch genau so...“
„Du hast keine Ahnung, was ich suche oder brauche, also behaupte nicht so einen Mist. Du bist doch derjenige, der allen etwas vormacht!“
„Wie bitte?“ Sprachlos starre ich ihn an. Es ist mir egal, dass wir in dieser Pizzeria stehen, dass uns fremde Leute hören können. Ich möchte schreien vor Wut und kann nichts dagegen machen, dass mein Herz sich schmerzhaft zusammenzieht.
„Für dich ist es doch einfach. Wenn du genug von einem Ausflug in die schwule Welt hast, kehrst du zu einem scheinbar normalen Leben zurück, suchst dir ein kleines Frauchen und spielst heile Welt...“
Ich reiße den Mund auf und schließe ihn wieder. Er ist nicht der erste, der mir diese dämlichen Argumente um die Ohren haut. Trotzdem tut es weh, sie ausgerechnet von Mark zu hören.
„Ich suche mir ebenso wie jeder andere nicht aus, in wen ich mich verliebe“, sage ich leise und gehe an ihm vorbei nach draußen.
Vielleicht liegt es doch an mir, dass keine Beziehung auf Dauer hält. Ich bin ein Freak, weil ich mich in Männer und Frauen verliebe und nichts dagegen machen kann. Dabei habe ich es versucht. Nachdem mich meine erste große Liebe verlassen hat, weil es ihm zu anstrengend war, darauf zu warten, dass ich ihn mit einer Frau betrüge, habe ich mir vorgenommen, mich tatsächlich nur noch in Frauen zu verlieben. Er hat mich dazu gebracht, zu glauben, dass es leichter für mich wäre. Obwohl ich ihm niemals einen Grund zur Eifersucht gegeben habe. Wenn ich liebe, dann mit allem, was ich habe, dann schlägt mein Herz genau für diesen einen Menschen. Natürlich hat es nicht funktioniert, denn ich habe mich gleich noch einmal unglücklich in einen Mann verliebt. Es war nicht so bedeutend, aber es tat trotzdem weh.
Tanja war wie ein Geschenk des Himmels, aber auch sie war nicht die Richtige. Vielleicht finde ich auch niemals so jemanden, weil... weil... Wütend wische über mein Gesicht und verfluche die verdammten Tränen, die ungefragt aus meinen Augen rinnen.
Zuhause werfe ich mich aufs Sofa und drücke die Fernbedienung des Fernsehers. Anscheinend habe ich eine falsche Taste betätitgt, denn der DVD-Player springt an und dieser verdammte Film mit den Zeitreisen beginnt. Anscheinend hat Tanja ihn hier vergessen. Es ist mir im Moment jedoch vollkommen egal. Ich starre auf den Bildschirm, ohne wirklich etwas zu sehen. Alles, was ich brauche ist Ablenkung. Obwohl ein Liebesfilm vermutlich nicht geeignet dafür ist.
Es klingelt an der Tür. Erschrocken sehe ich auf, rühre mich jedoch nicht. Heute will ich mit Sicherheit niemanden mehr sehen. Leider scheint sich der ungebetene Besucher nicht für meinen Gemütszustand zu interessieren. Es läutet mittlerweile Sturm. Ich überlege, ob ich mir ein Kissen auf die Ohren presse, gehe dann doch an die Tür und reiße sie grimmig auf. Das erste, was ich wahrnehme, ich eine Pizzaverpackung, von der ein unheimlich leckerer Duft ausgeht. Mit einem schwarzen Stift steht quer auf dem Karton Mitleidspizza wobei Mitleid durchgestrichen ist und Entschuldiguns- darunter steht. Der I-Punkt ist beinahe herzförmig und entlockt mir ein kleines Grinsen.
„Was willst du?“, frage ich trotzdem ungehalten.
„Pizza essen“, sagt Mark und kommt hinter dem Karton zum Vorschein.
Einen Augenblick lang zögere ich, dann gehe ich zur Seite und lasse ihn in die Wohnung. Vermutlich ist es ein Fehler, aber aus irgendeinem Grund will ich diesen Fehler machen. Schlimmer kann es ja eigentlich kaum noch werden.
Ich zeige ihm den Weg ins Wohnzimmer und hole aus der Küche zwei Bier.
„Was guckst du denn da für einen Film?“, erkundigt sich Mark glucksend.
„Der gehört Tanja. Sie hat ihn wohl vergessen.“ Noch ehe ich die Worte ausgesprochen habe spüre ich, wie sich die Stimmung abkühlt. Marks Lippen bilden einen schmalen Strich. Unschlüssig steht er vor dem Sofa, die Pizza noch immer in der Hand.
Seufzend fahre ich mir durch die Haare.
„Mark“, brumme ich, nehme die Fernbedienung in die Hand und schalte den Fernseher aus. „Das war nur ein Zufall. Ich finde den Film absolut scheiße. Ehrlich gesagt habe ich nicht einmal eine Ahnung, wieso der verdammte DVD Player auf einmal losgegangen ist. Ich hatte nämlich den Kopf voller wirrer Gedanken, die sich allesamt darum drehen, wieso ich mich vor anderen rechtfertigen muss.“
Ich stelle die Flaschen auf den Tisch, nehme Mark die Schachteln ab und drücke ihn nach hinten auf die Sitzfläche des Sofas.
„Irgendwie läuft das echt beschissen mit uns“, stellt er grummelnd fest, nimmt sich ein Stück Pizza und hält es mir vor den Mund. Stirnrunzelnd sehe ich ihn an, dann beiße ich ab.
„Du gehst einfach nicht raus aus meinem Kopf.“
„Du auch nicht aus meinem“, erwidere ich kauend.
„Aber ich weiß nicht, ob ich das kann...“
„Was denn genau?“, erkundige ich mich und die Wut macht sich erneut in meinem Bauch breit.
„Du weißt schon... am Ende habe ich gegen eine Frau doch gar keine Chance. Sie kann dir ein perfektes Leben bieten. Gerade in deinem Job könnte es doch Probleme geben.“
„Du begreifst es nicht, oder?“, sage ich seufzend. „Wieso willst du etwas aufgeben, was noch gar nicht angefangen hat? Verdammte Scheiße, langsam wünschte ich mir wirklich, dass Zeitreisen möglich wären, dann würde ich mich nicht von den Jungs fesseln lassen und hätte dich nicht kennengelernt.“ Ich rede Müll, aber ich fühle mich gerade so hilflos, denn ich habe keine Argumente, mit denen ich ihn überzeugen kann. Das ist auch der Grund, weshalb ich für gewöhnlich niemanden erzähle, dass ich bisexuell bin. Ich hasse die ganzen Vorurteile, das Gefühl, dass man nirgendwo dazugehört, weil man ja schließlich die Seiten ebenso problemlos wechseln kann, wie Socken.
„Zeitreisen würde ich auch gern.Vielleicht hätten wir uns dann schon früher kennengelernt.“
„Hätte das etwas geändert?“
„Keine Ahnung...“
Seine Antwort bringt mich zum Lachen und macht mich gleichzeitig traurig. Dieses Gespräch ist vollkommen sinnlos. Letztendlich wird sich seine Meinung nicht ändern und mein Herz hat schon jetzt einen verdammten Riss. Ich will ihn... ich will ihn so sehr. Woher kommt nur dieses Gefühl, dass er der Richtige für mich ist? Es soll verschwinden, am besten mit ihm zusammen.
„Kannst du bitte gehen?“, frage ich leise.
„Nein.“
„Scheiße“, murmle ich und schließe die Augen.
„Wie ist das eigentlich mit dem Sex?“, fragt Mark und nimmt sich das nächste Stück Pizza.
„Wie bitte?“
„Na ja, bist du immer Top, oder ist es gerade das, was dich bei Männern anmacht, dass du da unten liegen kannst.“
Zuerst will ich ihn anbrüllen, aber dann... sehe ich Mark an und er scheint die Frage wirklich ernst zu meinen. Er wirkt nicht abwertend, sondern... irgendwie interessiert und ich... weiß auch nicht. Verdammt, ich weiß überhaupt nichts.
„Also gut. Ich mag beides. Reicht das als Antwort?“
„Dann kann dir eine Frau doch aber nicht geben, was du brauchst... und wenn du an einen Kerl gerätst, der ausschließlich Top ist...“
„Bist du ausschließlich aktiv?“, unterbreche ich ihn.
„Nein, eigentlich nicht, aber...“
„Hör zu, ich vergleiche den Sex nicht. Wenn ich liebe, dann... dann liebe ich eben.“
„Du passt dich an, bis es nicht mehr reicht“, stellt er pragmatisch fest.
„Nein, ich gebe, was ich kann und ich hole mir, was ich brauche. So funktioniert es doch, oder nicht? Ziehst du bei jedem deiner Sexpartner immer das gleiche Programm durch? Wenn ich jetzt mit dir schlafen würde, komme ich dann in den Genuss dessen, was … keine Ahnung, etliche Männer vor mir auch schon erleben durften?“ Offensichtlich bringt ihn die Frage aus dem Konzept. Er sieht mich lange schweigend an, dann schüttelt er den Kopf.
„Es muss sich doch gut anfühlen, oder nicht? Ich kann mich vollkommen auf eine Frau einlassen, wenn ich sie liebe und das geht ebenso mit einem Mann. Jedenfalls glaube ich das, denn bisher habe ich nur Männer kennengelernt, die nach ein paar Nächten wieder verschwunden sind.“
„Eigentlich haben wir gar keine Chance, oder?“, flüstert Mark, rutscht näher, und legt eine Hand auf meine Wange. „All das, was du sagst, macht es mir irgendwie nur noch deutlicher. Ich will...“ Ehe er weiter reden kann, verschließe ich seinen Mund. Vielleicht kann ein Kuss ihn überzeugen. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und streichle seinen Nacken. Mark seufzt, leckt mit der Zunge über meinen Lippen. Ich lasse ihn eindringen und möchte, dass der Kuss niemals wieder endet. Seine Zunge bringt mich um den Verstand. Ich dränge mich dichter an ihn, bis er sich nach hinten fallen lässt und mich auf sich zieht.
„Du machst mich verrückt“, flüstert er und beißt sanft in meine Lippe.
„Du machst mir vor allem Angst... Bitte lass mich morgen nicht allein aufwachen.“
„Wer sagt denn, dass ich hier übernachten werde? Du willst eine richtige Beziehung und glaubst, dass Männer immer nur schnellen Sex wollen... Ich werde dich vom Gegenteil überzeugen.“
„Oh mein Gott“, murmle ich perplex, was Mark zum Lachen bringt.
„Ich denke, wir sollten erst mal ein oder zwei Dates hinter uns bringen, ehe wir die nächste Stufe erklimmen.“
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ Ich sehe ihn fragend an. Marks Augen sind ganz dunkel. Ich versinke darin und kann seinem raubtierartigen Blick nichts entgegensetzen. Er hat mich... und ich falle, weiß, dass ich mich schon längst nicht mehr schützen kann. Ich setze alles auf eine Karte und küsse ihn erneut. Sanft und zärtlich schmuse ich über seine Lippen, bitte um Einlass und stupse spielerisch gegen seine Zunge.
„Scheiße, nein...“, nuschelt er und dann gibt es kein Halten mehr. Wir vertiefen den Kuss, bis uns der Atem ausgeht. Marks Hände wandern unter mein Shirt, fahren die Wirbelsäule entlang und entzünden tausende Nervenenden. Ich bekomme eine Gänsehaut und werfe stöhnend den Kopf in den Nacken. Mark nutzt die Gelegenheit und beginnt an meinem Hals zu saugen. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so gefühlt habe. Es ist als, würde ich jeden Moment platzen, in tausend Teile zerspringen und unter seinen Händen verglühen. Wir reißen uns gegenseitig die Klamotten vom Leib, halten staunend inne, mustern uns ungläubig. Er ist so unglaublich schön. Neugierig erkunde ich jede Stelle seines Körpers und genieße Marks heftiges Stöhnen. Sanft umspiele ich mit der Zunge seine Eichel, koste den ersten Tropfen und lecke mit Druck die Länge entlang.
„Mehr...“, keucht Mark und ich lasse ihn verspielt meine Zähne spüren. Er knurrt und seufzt gleichzeitig, schiebt sein Becken nach oben und zeigt mir, was er will. Ich nehme ihn tief in den Mund, massiere die Hoden und fühle mich so seltsam gelöst. Alles erscheint so richtig, so gut, so perfekt. Die Wucht der Empfindungen macht mir Angst und doch weiß ich, dass es kein Zurück gibt. Ich habe keine Wahl...
Plötzlich zieht mich Mark nach oben und rollt sich über mich. Haut an Haut, alles verzehrende Hitze, unsere Schwänze, die hart aneinander gepresst werden. Seine Zunge erkundet meinen Mund, raubt mir die Sinne. Dann stoppt er, seine Hände umfassen mein Gesicht. Wir sehen uns an. Unsicherheit ist in seinem Blick, aber ich will sie nicht sehen, will nicht, dass er nachdenkt. Spürt er denn nicht, wie gut sich das alles anfühlt.
„Mach“, bettle ich, schlinge meine Beine um seinen Rücken und stoße mit dem Becken nach oben. „Lass mich dich spüren.“
Er mustert mich eine Unendlichkeit, dann schleicht sich ein Lächeln auf seine Lippen und die Welt scheint tatsächlich stehen zu bleiben.
Zum Glück hat er ein Kondom und Gleitgel dabei. Ich weiß nicht, wie wir sonst... aber ich kann auch nicht weiter darüber nachdenken, denn ein Finger dringt in mich ein und bringt mich zum Stöhnen.
Mark lässt sich unendlich viel Zeit und ich genieße es, auch wenn ich spüre, dass ich es nicht mehr lange durchhalte. Alle Nerven sind bis zum Reißen gespannt, mein Schwanz schmerzt regelrecht und trotzdem hört er nicht auf, mich mit seinen Fingern um den Verstand zu bringen.
„Ich bin längst bereit“, knurre ich und halte ihm das Gummi hin. Offensichtlich glaubt er mir, denn in Windeseile hat Mark sich das Kondom übergestreift und ich spüre seine Spitze an meinem Eingang.
Langsam und stetig füllt er mich aus. Ich halte mich an seinen Schultern fest, kämpfe gegen den Druck und lasse zu, dass sich der anfängliche Schmerz allmählich in Lust verwandelt. Pure männliche Kraft, Hitze, Schweiß... Wir stöhnen, seufzen, flüstern unverständliche Worte. Seine Art sich zu bewegen macht mich vollkommen willenlos. Ich lasse mich fallen, genieße, was Mark mir gibt, was er uns gibt. Unaufhaltsam kündigt sich der Orgasmus an, fährt kribbelnd die Wirbelsäule entlang, bringt meine Muskeln zum Vibrieren. Wir klammern uns aneinander. Ich habe Angst vor dem Aufprall und kann ihn doch nicht verhindern. Ich komme und Mark hält mich. Er ist überall, hüllt mich ein, bietet mir einen Kokon, eine weiche Landung. In diesem Moment erkenne ich, dass es auch für ihn so viel mehr bedeutet. Zuckend ergießt er sich und fordert den gleichen Halt von mir. Wir schweben in einer Seifenblase, sind Zeitreisende ohne auf die Zeit zu achten. Es gibt nur uns.
Mark öffnet die Augen, lächelt mich schwer atmend an. Wir wissen beide, dass das hier etwas Besonderes war.
***
„Weißt du noch, wie ich dich an den Baum gebunden habe?“ Tim grinst mich fies an, während er versucht aus seinen Buchstaben ein viel cooleres Wort zu legen, als mein viel zu leichtes Mama.
„Wie könnte er das jemals vergessen“, ruft Mark vom Flur. Er ist gerade nach Hause gekommen. Allein seine Stimme sorgt dafür, dass mein Herz ein klein wenig schneller schlägt. Nach fast drei Jahren fühlt es sich zwischen uns immer noch aufregend an. Ich bin so verliebt in diesen Mann, dass ich manchmal Panik bekomme, weil ich nicht weiß, wohin mit all diesen Empfindungen.
Mark kommt ins Wohnzimmer, haucht mir einen Kuss auf die Wange und begrüßt seinen Neffen mit irgendeiner unglaublich coolen Geste, die die beiden sich ausgedacht haben. Sie sind unzertrennlich, obwohl Tim auch ziemlich viel Zeit mit mir verbringt.
„Und verlierst du schon wieder?“, erkundigt sich Mark grinsend bei mir und strubbelt mir durch die Haare.
„Was soll ich denn mit diesen Buchstaben anfangen?“, erwidere ich murrend und zeige Mark die schlechte Ausbeute.
„Gegen mich hast du doch ohnehin keine Chance!“ Tim lacht und legt seine Buchstaben so an, dass er alle aufbraucht und somit die doppelte Punktzahl erhält. Grimmig gucke ich dabei zu, wie er mühsam die Zahlen zusammenaddiert und sie anschließend mit einem breiten Grinsen auf den Zettel schreibt.
Mark macht es sich auf dem Sofa bequem. Ich spüre seinen Blick auf mir, sehe ihn an und versinke in diesen Augen, die eine seltsam magische Anziehungskraft auf mich haben.
„Wann musst du zu Hause sein?“, erkundige ich mich brummig bei Tim, der siegessicher den Zwischenstand ermittelt. Er schaut auf die Uhr und bekommt große Augen.
„Ich muss los. Mama will nicht, dass ich im Dunkeln mit dem Fahrrad fahre. Dabei ist es doch nur so ein kurzer Weg.“
„Soll ich dich nach Hause bringen?“, frage ich vorsichtshalber, auch wenn es noch hell draußen ist.
„Nein, nein, ich fahre schnell los.“ Er springt auf, packt seinen Rucksack zusammen und rennt in den Flur, um in seine Schuhe zu schlüpfen.
„Vergiss deinen Helm nicht“, sage ich und ernte dafür einen genervten Blick. Helm ist nicht cool und Tim möchte das natürlich um jeden Preis sein. Trotzdem verbringt er viel Zeit mit uns und das macht mich wahnsinnig stolz. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass schwul bereits in der Grundschule das Schimpfwort Nummer eins ist. Auch wenn ich mich immer wieder frage, wieso die Lehrer nicht imstande sind, die Kinder aufzuklären, ihnen zu zeigen, wie bunt und vielfältig die Welt ist. Allerdings funktioniert es auch im Kindergarten kaum. Es gab einige Eltern, die ein Problem mit mir hatten, aber die Chefin hat sich hinter mich gestellt und die Kinder auch. Ich mag die Art, wie Kinder die Welt sehen. Sie sind noch so voller Zutrauen und Begeisterung, brechen komplizierte Dinge auf einfache Tatbestände herunter. Ich liebe diesen Job.
Mittlerweile arbeite ich nicht mehr mit Tanja zusammen, auch wenn wir uns hin und wieder auf einen Kaffee treffen. Ich habe nach meiner Ausbildung eine Stelle in einem Montessorikinderhaus bekommen und fühle mich dort unglaublich wohl.
„Bis zum Wochenende“, verabschiedet sich Tim und holt mich damit aus meinen Gedanken.
Kaum fällt die Tür ins Schloss, lande ich in Marks Armen und werde stürmisch geküsst. Lächelnd schmiege ich mich an ihn, genieße die Leidenschaft und seine besitzergreifende Art. Es hat eine bisschen gedauert, bis wir uns wirklich gefunden haben. Es gab Momente, da hatte ich Zweifel, ob es funktioniert, denn ich konnte deutlich spüren, dass Mark mir nicht vertraut. Jede Frau, mit der ich mich unterhalten habe, war eine potentielle Konkurrenz. Seine Eifersucht hat mich rasend gemacht. Aber am schlimmsten war das Gefühl, dass ich einfach nichts dagegen machen konnte, ich keine Möglichkeit sah, ihn davon zu überzeugen, dass ich ihn liebe. Nur ihn... Dass ich nichts anderes brauche, nichts vermisse, was er mir seiner Meinung nach nicht geben könnte. Ich weiß nicht, wie oft wir voneinander weggelaufen sind und doch nicht ohne den Anderen sein wollten.
Selbst nach all der Zeit hat er seine Zweifel noch längst nicht komplett begraben. Aber es ist anders, denn ich sehe Stolz in seinen Augen und Liebe und vor allem das Vertrauen, das ich so sehr brauche.
Wir gehören zusammen.
„Ich mach uns was zu essen“, raunt er mir zu, schnappt noch einmal nach meinen Lippen und verschwindet in der Küche.
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, um das Spiel zusammenzuräumen. Noch einmal überfliege ich die Worte und stutze...
Lebensretter und Zeitreisen steht dort, durch das R in der Mitte verbunden. Daneben liegen zwei schlichte goldene Ringe. Mein Herz setzt für einen Augenblick aus, dann poltert es hart gegen meinen Brustkorb. Mit zittrigen Fingern hebe ich die Ringe auf. Mir wird schwindelig und ich muss hart schlucken. Zwei Arme umschlingen meinen Bauch von hinten. Mark legt den Kopf auf meine Schulter. Sanft berühren seine Lippen mein Ohr. Ich halte die Luft an, bekomme eine Gänsehaut und erstarre regelrecht vor Aufregung.
„Heirate mich“, flüstert er. „Ich weiß, ich habe lange gebraucht, um an uns zu glauben, obwohl ich es bereits in dem Moment, als ich dich gerettet habe, spüren konnte. Aber eigentlich bist du mein Lebensretter, denn du hast mir gezeigt, wohin ich gehöre.“
„Ja“, krächze ich und bekomme kein weiteres Wort heraus. Nervös sehe ich zu, wie er mir den Ring auf den Finger schiebt. Dann dreht er mich um. Wir wissen beide, wohin wir gehören...

Ende






Kommentare:

  1. Hach, ich schmelze dahin! Schön wie immer! Vielen Dank für diese tolle Geschichte!
    Lg

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  2. Einfach wunderschön, wie immer, lieben Dank Karo für dies wundervolle Geschichte!
    LG Jacqueline

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  3. Diese Geschichte ist einfach ... hach <3
    LG BriMel

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  4. hach schöööön! *tränchen wegwisch*
    Eine wirklich schöne und auch berührende story!

    Was ich mich allerdings frage, wie hat mark das mit dem zurechtlegen der Wort und Ringe hinbekommen, oder hat Tim da seine Finger im Spiel gehabt?

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  5. sehr, sehr süß ♥♥♥
    LG Katrin

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  6. Wirklich eine schöne Geschichte. Das Ende ist Zucker pur.
    LG Piccolo

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  7. Guten Morgen Liebe Karo, nun hab ich gesehen das bald dein neues Buch "Whisky Teufel" erscheint, ich freue mich riesig auf die Geschichte von Kevin! Nun hab ich aber noch schnell eine kleine Frage; wird meine Lieblingsgeschichte "Willst Du ein Eis" auch irgendwann als Ebook oder als Print erscheinen? Das würde mich riesig freuen!
    LG Jacqueline

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  8. Ich habe es schon ein paar Mal in Angriff genommen, aber so richtig konnte ich mich noch nicht dazu entscheiden, aus dieser Geschichte ein Buch zu machen. Allerdings wird es in diesem Jahr einen zweiten Teil dazu geben und wer weiß... im Zuge dessen habe ich vielleicht auch ein bisschen mehr Motivation dazu *gg* Aber es freut mich, dass du die Geschichte so magst. Ein kleines, wenn auch nur ganz kurzes Wiedersehen gibt es im WhiskyTeufel ;-)
    lg
    Karo

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