Donnerstag, 8. Januar 2015

Schöne bunte Welt

Manchmal passiert es, dass ich auf Facebook gewissermaßen fremde Profile stalke.
Meist ist es ein Kommentar, den ich zufällig gelesen habe und interessant finde. Dann bin ich neugierig und wenn ich Glück habe, hat derjenige sich nicht vollkommen unsichtbar gemacht und ich kann neugierig die Bilder und Posts angucken.
Ich gebe zu, dass es schon ein bisschen seltsam ist, in fremden Leben rumzuwühlen, aber es liegt wohl in der Natur des Menschen, seine Umwelt mit einer gewissen Neugier zu durchsuchen und Facebook macht es einem ja in dieser Hinsicht auch nicht ganz so schwer.
Eigentlich habe ich gerade gar keine Zeit für so etwas, aber natürlich finde ich genau dann diesen besonderen Kommentar, der mich neugierig macht und dazu einen Menschen, der interessant ist und in dessem Profil ich mich festlese.
Meine Disziplin ist mir schon vor einer Weile abhanden gekommen, deshalb nehme ich es längst nicht mehr so schwer, wenn ich mich ablenken lasse. Das ist es aber nicht, was mich zu diesem Post bringt. Es war viel eher diese Person, an dessen Leben ich für ein paar Augenblicke teilnehmen durfte. Ehrlich gesagt habe ich darüber nachgedacht, eine Freundschaftsanfrage zu stellen, aber das wäre unsinnig und albern gewesen, denn wir kennen uns nicht und es gibt vermutlich auch keinen Grund, das zu ändern. Aber eines hat dieses Profil geschafft: Es hat mir mal wieder vor Augen geführt, wie wunderbar bunt diese Welt sein kann.
Ich weiß, in Zeiten von Pegida und diesem furchtbaren Anschlag in Frankreich, sollte man umso mehr mit der bunten Fahne der Vernunft wedeln und die Menschen daran erinnern, dass weder Glaube noch Intoleranz der Schlüssel zu einem echten Miteinander sind.
Aber das meine ich gar nicht. Eigentlich musste ich die ganze Zeit an eine andere heftige Diskussion denken. Die Frage nach den Klischees, nach dem Realen, dem echten Homosexuellen... Ich weiß, dass das nicht mein Kampf ist und eigentlich ist es beinahe komisch anzusehen, wie sich eine Gruppe von Menschen selbst zerfleischt. Nein, nicht komisch im Sinne von Lachen und Fröhlichsein. Man möchte einfach nur den Kopf schütteln und leise Seufzen, denn es ist leider auch verdammt menschlich.
Schwule Männer, die nicht nicht schwul genug sind oder eben viel zu schwul. Ebenso wie lesbische Frauen. Immerhin gibt es das gleiche Phänomen auch bei den Heteros. Blond gegen Dunkel, Muttertier gegen Karrierefrau, Feministin gegen Sexy Hexy … oh, ich werde polemisch und falle selbst auf die Klischees herein.
Vermutlich sind diejenigen, die am meisten und am lautesten dagegen angehen, auch die, die sie am perfektesten ausleben. Womit wir wieder beim komischen Element sind....
Was mich immer wieder glücklich lächeln lässt ist die Tatsache, dass es so viel dazwischen gibt. Da ist nicht nur DER Schwule, DIE Lesbe, DER Hetero … sondern da gibt es wunderbar viele bunte Abwandlungen, spannende Lebenswege, erstaunliche Abzweigungen, interessante Möglichkeiten. Jeder baut seine eigene Straße, auf der entlang geht. Walking in my Shoes oder These boots are make vor walkin´...



Man muss nicht alles verstehen. Ich glaube es ist auch nicht nötig, dass man sich mit jedem Menschen identifizieren kann, aber man sollte akzeptieren, dass es mehr als einen Weg gibt, um Spuren zu hinterlassen. Immerhin ist unser Dasein zeitlich sehr begrenzt. Weshalb sollten wir uns also damit aufhalten, das Leben der Anderen zu sabotieren, anstatt an unserem eigenen zu feilen?
Ich rede nicht davon, dass man nicht neugierig sein soll. Tatsächlich finde ich es immer unglaublich spannend, wie andere leben. Manchmal hoffe ich, dass ein Stück auf mich abfärbt oder ich freue mich, wenn jemand einen Rat von mir annimmt oder sich etwas von mir abguckt. Niemand ist wohl so autark, dass er keine Lebewesen um sich herum braucht. Das ist es, was wir brauchen. Ein Miteinander, alle mitnehmen und niemanden ausgrenzen. Homo oder Hetero oder Trans... ( und all die anderen Bezeichnungen, die ich noch immer lernen muss)
Es gibt so viel zu entdecken und zu erkunden, so viel, was außerhalb der eigenen Vorstellungskraft liegt. Nur das, was für den einen richtig ist, muss es noch lange nicht für den anderen auch sein. Manche leben Klischees und andere basteln sich eigene. Bunt, schrill, laut, leise, hart und kämpferisch, spitzfindig und messerscharf, langhaarig oder kurz geschoren... Eigentlich ist es doch toll, dass wir in einer Welt leben, in der im Grunde alles erlaubt ist, in der es so viele Möglichkeiten gibt, individuell zu sein.
Bitte haltet mich nicht für durchweg naiv. Ich weiß, dass noch längst nicht alle Kämpfe gewonnen sind, dass es mehr Schlachtfelder gibt, als wir vermutlich je bewältigen können, aber es gibt eben auch sehr viele schöne und spannende Momente. Egal, ob es ein besonderes Facebookprofil ist oder eine berührende Szene, die man zufällig beobachtet oder eine besondere Geschichte...
Ich mag es bunt und wenn jemand behauptet, eine Sache, ein Detail oder eine Geschichte sei nicht realistisch, dann bedeutet es nur, dass es in dessen Augen nicht real ist … und vielleicht sollte derjenige dann zuerst seine eigene Fähigkeit zur Akzeptanz und Toleranz in Frage stellen, anstatt über andere zu richten.
Wenn ich beim Schreiben aus dem Fenster schaue, sehe ich heute einen grauen und wolkenverhangenen Himmel, aber davor steht meine kleine Regenbogenfahne, neben kitschigen Jahrmarktschießbudenrosen mit Glitzerrand in einer Vase. Dann sind da noch die gehäkelten Fliegenpilze, ein Stern, ein Bild, eine Kerze und ein paar andere Sachen, die vermutlich alle nicht zusammenpassen und doch zaubern sie mir jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht...

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