Samstag, 6. Dezember 2014

Fröhlichen Nikolaus


Auch wenn es in diesem Jahr keinen blogübergreifenden Kalender gibt, so bin ich doch nicht ganz untätig geblieben.
Zum einen haben ich eine kleine Geschichte für den Weihnachtsband der HomoSchmuddelNudeln geschrieben. Dort dreht sich alles um süße Niko-Mäuse, die dafür sorgen, dass in der Weihnachtszeit auch alles so funktioniert wie es soll. Zum ersten Mal habe ich ein bisschen Fantasy/Märchen geschrieben und es hat viel Spaß gemacht. Meine Geschichte heißt "Von Mäusen und Prinzen" und zeigt, dass manche Märchen wahr werden können.
Wenn ihr diesem Link folgt, dann könnt ihr euch das Wochenende mit den wunderbaren Geschichten von tollen Autoren versüßen und nebenbei noch etwas Gutes tun, denn wie immer gehen die kompletten Einnahmen an den Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz Berlin.
Aber das ist noch nicht alles, was der Nikolaus in den virtuellen Stiefel gesteckt hat. Ab Mittwoch, den 12.12. geht es endlich bei Verschlossene Türen weiter. Hannes und Farid bekommen sozusagen einen "halben" Kalender.
Und hier auf meinem blog gibt es auch noch eine kleine Geschichte. Winzige Kapitel, die ich in den nächsten Tagen posten werde. Eine bittersüße Geschichte, ein bisschen melancholisch, ein bisschen ernst, aber natürlich voller Hoffnung und eine Maus spielt auch eine Rolle.
Ich hoffe, sie wird Euch gefallen, auch wenn sie nicht so weihnachtlich süß ist
(Achtung nicht korrigiert oder lektoriert):

                              
Eine Plüschmaus im Schnee
Karo Stein

Seit 95 Tagen betreibe ich das gleiche morgendliche Ritual: Ich schleiche nach einer viel zu kurzen Nacht mit viel zu wenig Schlaf ins Bad. Es ist noch dunkel, aber das Licht im Flur bleibt trotzdem aus. Meine Beine sind schwer und lassen sich nicht so einfach zum Laufen animieren.

Der Kopf dröhnt und mein Herz schlägt so langsam, als würde es jeden Moment den Dienst quittieren.
Manchmal wünsche ich mir, dass es so leicht wäre. Einfach nicht mehr aufwachen, nicht mehr nachdenken müssen, nicht mehr mit dieser ständigen Angst leben. Auf der anderen Seite weiß ich, dass diese,
seit 95 Tagen andauernde Unsicherheit meine eigene Schuld ist.

Im Bad mache ich dann doch das Licht an. Es ist, als würde ein greller Blitz meine Netzhaut verbrennen. Ich zwinge mich, die Augen offen zu halten, denn der Schmerz gibt mir für eine kurzen Moment ein Gefühl für meinen Körper zurück. Den Spiegel ignoriere ich, steuere die Toilette an und stelle mich anschließend unter die Dusche.

Ich bleibe unter dem eiskalten Wasserstrahl stehen, ertrage das Gefühl von tausend Nadeln auf meiner Haut und drehe nur langsam die wohltuende Wärme dazu. Die wenigen, noch vorhandenen Lebensgeister proben den Aufstand, ich zittere bis die Temperatur angenehm ist und die Anspannung ein wenig abfällt. Ich schließe seufzend die Augen und halte mein Gesicht in die Wasserstrahlen.

Jetzt sind es 95 Tage seitdem ich mich verloren habe. Im Grunde existiere ich nur noch, fühle mich fremd und unwohl in meiner Haut. Ich könnte den Zustand sicherlich leicht ändern. Einzig der Mut fehlt mir dafür.
Der Duft meines Lieblingsduschgels zaubert ein verhaltendes Lächeln in mein Gesicht. Es riecht ein bisschen herb, nach gebranntem Holz und Lavendel. Ich verteile eine großzügige Menge auf meinem Körper, sorge dafür, dass viel Schaum entsteht. Manchmal träume ich davon, dass ich mit dem Schaum alles abwaschen kann. Ich beobachte meine Finger, die über den Bauch gleiten und spüre sie nicht auf der Haut. Ich weiß, dass „Aussitzen“ keine Option ist und doch werde ich auch diesen Tag verstreichen lassen, werde heute Abend in mein Bett fallen und hoffen, dass es zwischen all den Alpträumen auch eine kurze Zeit der Erholung für mich geben wird. Einen Moment, in dem mein Gehirn es nicht mehr schafft, die Bilder entstehen zu lassen und mich in eine Tiefschlafphase schickt.

Mechanisch greife ich zum Rasierer und entferne die störenden Härchen von meinem Körper. Seit 95 Tagen frage ich mich, warum ich nicht einfach damit aufhöre. Es spielt keine Rolle, ob und wo die Haare am Körper sprießen, niemand bekommt ihn nackt zu Gesicht, niemand würde je wieder … Aber es ist mein Unterbewusstsein, dass mir vorgaukelt, dass ich mich dann für den Rest des Tages erst recht nicht wohlfühlen werde. Ich kann ich regelrecht spüren, wie mein Intimbereich plötzlich zu jucken anfängt.

In der Duschkabine trockne ich mich ab, schlinge das Handtuch um die Hüfte und gehe zum Waschbecken. Noch immer vermeide ich es in den Spiegel zu schauen. Beim Zähneputzen mein Bild zu ignorieren, habe ich lange trainiert. Am Anfang habe ich ein Handtuch darüber gehängt, mittlerweile ist das nicht mehr nötig. Ich kann mich eine ganze Weile selbst perfekt ignorieren.

Ausspucken, ausspülen, ein wenig Creme ins Gesicht und dann.... Ich atme tief durch, gehe zwei Schritte vom Spiegel zurück und starre mich bewusst an. Meine Augen scannen zuerst das Gesicht, dann den Hals, Arme, Achselhöhlen, Brust, Bauch, Leiste... und wieder zurück. Nichts zu sehen!

Als nächstes kommen die Hände zum Einsatz. Ich betaste die Haut, suche nach den Lymphdrüsen, streckte die Zunge heraus, gehe einen Schritt vor und wieder zurück, fühle und mustere mich intensiv. Mein Herz schlägt so heftig, dass ich es beinahe unter meiner hellen Haut und den wenigen Muskeln sehen kann. Das Blut rauscht in den Ohren. Ich beobachte mich und erkenne mich nicht. Es ist ein fremder Mann, der mich im Spiegel ansieht. Seine grün-blauen Augen wirken gehetzt, der Mund ist nur noch ein blasser Strich. Hatte nicht mal jemand behauptet, dass ich so schöne Lippen hätte? Die besondere Farbe meiner Augen gelobt? Es erscheint mir so weit weg, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Ich muss mich nicht auf die Waage stellen, um zu wissen, dass ich dünn geworden bin. Vor drei Wochen waren es fünf Kilo, die ich abgenommen hatte. Jetzt ist vielleicht noch eins dazugekommen. „Haut und Knochen“, würde meine Mutter sagen. Wie gut, dass sie mich nicht sehen kann, auch wenn ich mich in den letzten Wochen wirklich danach gesehnt habe, von ihr in den Arm genommen zu werden. Sie hätte mir einen Kakao gekocht und gesagt, dass alles wieder gut wird. Aber ich will sie nicht noch zusätzlich mit meinem Problemen belasten. Seit einem Jahr kümmert sie sich um meinen Großvater, der viel Hilfe und ihre ganze Energie braucht. Außerdem wohnt sie für einen spontanen Besuch viel zu weit weg.

Noch immer starre ich diesen Körper an, der mir vollkommen fremd geworden ist. Müssten nicht langsam Zeichen zu erkennen sein?

Im Grunde weiß ich gar nicht genau, wonach er jeden Morgen suche. Ich habe keine Ahnung, ob sich tatsächlich früher oder später Anzeichen auf der Haut bilden würden. Wenn ich es genau betrachte, kann ich nicht einmal eines dieser Anzeichen benennen. Geschwollene Lymphdrüsen... aber meine scheinen ganz normal zu sein. Erkältungssymptome habe ich auch keine.

Ich seufze laut und stelle mir vor, dass so etwas wie eine Blitznarbe auf der Stirn entstehen könnte. Tatsächlich schiebe ich meine Haare aus dem Gesicht, beuge mich über den Waschtisch und suche nach etwas, was wie ein Blitz aussieht. Als Kind habe ich sämtliche Harry Potter Bücher verschlungen und nun … Leider war es nicht Lord Voldemort, der mit seinem Zauberstab auf mich gezielt hat, es war Dennis und den Zauberstab hatte er nicht in der Hand, sondern gewissermaßen zwischen seinen Beinen… Verhasste Bilder fluten mein Gehirn. Ich stütze mich auf dem Waschbeckenrand ab, spüre, wie der Druck hinter seinen Augen wächst, wie eine erste Träne sich unaufhaltsam aus dem Kanal schiebt und heiß über meine Wange rinnt. Wütend wische ich sie weg, hebe den Kopf und beschwöre mein Spiegelbild, sich irgendwann der Realität zu stellen.

Mit dem Verlassen des Bades schüttele ich die düsteren Gedanken ab und schlüpfe in die Rolle, die meinem Leben momentan den einzigen Halt gibt.



1 Kommentar:

  1. Schande über mein Haupt. Ich habe erst jetzt bemerkt, dass hier ja noch eine kleine Geschichte zu lesen war.
    Ganz schön traurig und auch melancholisch.
    Wenn ich das richtig sehe, dann geht die Geschichte auch noch weiter, oder?

    LG Piccolo

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