Donnerstag, 17. Juli 2014

Ein besonderer Pflegefall

Kurz vor dem Abgabetermin habe ich es nun auch geschafft, am zweiten Wettbewerb zum Thema HIV/Aids eine kleine Geschichte fertig zu bekommen. Okay, sie ist nicht ganz so klein geworden ... Manchmal wird aus einer winzigen Idee irgendwie mehr!

Den Wettbewerb des Strenger Verlages
 und die anderen großartigen Geschichten
 findet ihr 

Aus gegebenen Anlass: Diese Geschichte gehört mir. Solltet Ihr Ähnlichkeiten mit anderen Geschichten, Personen, Augenfarben, Berufen, Waschmaschinen, Kindern, Tieren ... finden, dann sind die rein zufällig und der Tatsache geschuldet, dass diese Welt nur begrenzt ist.
Wer einen Kommentar auf meinem blog hinterlassen möchte, kann dies gern tun. Ich freue mich über jede Wortmeldung und habe bisher noch nie einen Kommentar gelöscht oder bearbeitet. Dies käme für mich nur Infrage, wenn jemand gegen die grundsätzlichen Regeln des Miteinanders verstößt, insbesondere rassistische oder homophobe Äußerungen werde ich mit Sicherheit nicht dulden. Ansonsten fühlt euch frei und teilt euch mir mit.
Und nun wünsche ich euch viel Spaß mit dieser Geschichte!


Ein besonderer Pflegefall
Karo Stein

Seit sechs Wochen komme ich jeden Tag nach Dienstschluss hierher, gehe den langen Flur mit den lustigen Bildern entlang. Der Storch mit seinem Bündel im Schnabel schaukelt an der Decke. Die Glasscheiben der Tür sind mit Schmetterlingen, Teddybären und Blumen beklebt. Ich drücke den Knopf und die Tür öffnet sich mit leisem Summen.

Mein Puls beschleunigt sich, Aufregung macht sich in mir breit. Ich gehe schneller, kann es kaum erwarten ... und weiß doch, dass all die Nervosität, die Anspannung und Freude sinnlos sind. Am Ende gehe ich nach Hause, lasse meine Hoffnung zurück und lebe mein Leben so weiter wie bisher. Manchmal wünsche ich mir, dass ich umsonst hierher käme. Sie könnte weg sein, endlich weg … Das wäre das Beste für sie und gleichzeitig schmerzt der Gedanke so sehr, dass ich kaum Luft zum Atmen bekomme. Ich hätte nicht gedacht, dass es jemals so sein könnte. Mein Leben ist doch perfekt … Nein, es erschien mir perfekt bis zu jenem Tag, als sie in mein Leben trat. Es gibt schon seltsame Zufälle … oder ist es wirklich Schicksal? Sind uns manche Dinge vorherbestimmt? Werden gewisse Begegnungen von einer Art höherer Macht gelenkt? Bisher hätte ich alle diese Fragen lachend verneint. Schicksal … Bestimmung... das ist doch nur eine Ausrede für Menschen, die sich nicht trauen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Bisher hatte ich damit keine Schwierigkeiten, umso mehr verunsichert mich diese Situation.

„Hallo Amon, hast du heute schon früher Feierabend?“, begrüßt mich Andrea und wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr.
„Nein, da sind wohl eher ein paar Überstunden dazu gekommen“, erwidere ich grinsend. „Ich hatte eigentlich Frühschicht“
„Oh Mann, was ist denn bei euch auf der Station los?“, erkundigt sie sich und sieht mich mitfühlend an.
„Doreen, Sabine und Anja sind krank und Dr. Müller ist im Urlaub und da ja allgemein gerade Urlaubszeit ist, sieht es auf den meisten anderen Stationen auch nicht besser aus ...“
„Und dann kommst du trotzdem noch hierher?“ Sie sieht mich vielsagend an. Ich kneife die Lippen fest zusammen und nicke. Ich kann nicht anders. Die Müdigkeit ist nichts im Vergleich zu dem Gefühl der Unruhe, das mich befallen hätte, wäre ich sofort nach Hause gefahren.

„Schon gut“, sagt sie und legt ihre Hand auf meine Schulter. „Komm mit.“
Erleichtert folge ich ihr. Der Raum befindet sich weiter hinten. Alle Zimmer haben zum Korridor hin Fensterscheiben, durch die man auf die kleinen Bettchen sehen kann. Überall hängen bunte Mobiles. Die meisten Bettchen sind leer, was im Grunde sehr gut ist. Nur hier und da blinken die Monitore und zeigen, dass nicht jeder Start ins Leben leicht und problemlos gelingt.

Andrea öffnet die Tür und der seltsame Duft von Desinfektionsmittel und Babypuder steigt mir sofort zu Kopf. Hätte mir vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass ich dermaßen auf diesen Geruch anspringen würde, ich hätte ihn schallend ausgelacht. Ich gehöre zu den Männern, für die Babys keinerlei Rolle spielen. Mein Leben gefällt mir. Ich bin Single, schwul, frei und unabhängig, habe Sex mit wem und wann ich will. Trotz der anstrengenden Arbeit im Krankenhaus habe ich genügend Freiraum, um mich selbst zu verwirklichen. Ich habe ein paar wirklich gute Freunde und alles könnte perfekt sein … Nein, alles war perfekt bis zu diesem Tag, an dem mir das Schicksal in den Arsch gebissen hat. Anders lässt es sich einfach nicht erklären, dass ich jetzt hier mit wild pochendem Herzen stehe, mein Puls sich in schwindelerregender Höhe befindet und ich Andrea am liebsten zur Seite schubsen möchte, weil sie viel zu lange braucht, um einen letzten Kontrollblick auf den Monitor zu werfen.

„Und?“, frage ich ungeduldig.
„Alles in Ordnung. Willst du sie füttern?“
„Auf jeden Fall. Und … ansonsten? Gibt es schon Neuigkeiten?“
Eigentlich sollte die Frage eher lauten, ob ich die Neuigkeiten überhaupt hören möchte. Nervös sehe ich Andrea an, aber sie schüttelt den Kopf und fast möchte ich vor Erleichterung auflachen.
„Leider nein. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Das Jugendamt sucht nach einer Lösung, aber bisher steht die Zukunft dieser kleinen Prinzessin wohl in den Sternen.“ Sie seufzt schwer. Ich bemühe mich um einen ebenfalls betretenen Gesichtsausdruck. Leider gelingt es mir nicht besonders gut, denn das seltsame Gefühl von Freude überwiegt einfach.
„Ich lass Euch dann mal allein und bereite das Fläschchen zu. Du kommst ja hier zurecht.“
Ich nicke, beachte sie schon längst nicht mehr, denn all meine Sinne sind auf dieses kleine Wesen vor mir gerichtet.

„Hallo Prinzessin“, murmle ich, ziehe mir das Shirt aus und desinfiziere meine Hände. Sie zittern, als ich das winzige zerbrechliche Wesen aus seinem Bettchen hebe. Sie macht ein merkwürdig quietschendes Geräusch und öffnet die Augen einen Spalt breit. Ich weiß, dass die meisten Babys blaue Augen haben, aber diese Augen sind ganz besonders, denn sie scheinen direkt in meine Seele zu blicken. Es ist unheimlich und berührend zugleich.

Ich setze mich in den Schaukelstuhl, lege sie auf meine Brust. Eine kleine Hand greift nach meinem Finger, hält ihn mit erstaunlicher Kraft fest. Mir fehlen die Worte, um auch nur annähernd beschreiben zu können, was in mir vorgeht. Es ist nicht das erste Mal, dass mir Tränen über die Wangen laufen und hier in diesem Zimmer schäme ich mich dafür nicht.

„Geht es dir gut?“, frage ich leise und streichle ihren Rücken. „Hast du auf mich gewartet?“ Sie gluckst und macht ein schmatzendes Geräusch. „Scheint, als wenn du eher auf dein Fläschchen warten würdest.“
Romy liegt allein in diesem Zimmer. Vielleicht, weil sie scheinbar ganz allein auf dieser Welt ist, vielleicht auch, weil sie auf eine Art und Weise krank ist, die für die meisten Menschen immer noch erschreckend und beängstigend ist. Sie trägt das HIV- Virus in sich. Trotz der aggressiven Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten gibt es kaum Hoffnung auf Heilung.
Im Grunde gibt es fast nichts, was mir mehr Furcht einflößt, als HIV. Aus diesem Grund bin ich auch niemals leichtsinnig. Ich schütze mich, lasse mich regelmäßig testen, lasse keine der Vorsichtsmaßnahmen sowohl privat als auch beruflich außer Acht. Sie hatte keine dieser Möglichkeiten und nun ist sie auch noch ganz allein.

„Ihr seid so süß.“ Andreas Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass sie wieder ins Zimmer gekommen ist. Blinzelnd sehe ich sie an und weiß nicht, was ich darauf antworten soll.
„Es ist schon eine merkwürdige Sache, dass du ausgerechnet am Tag ihrer Geburt hier auf der Station gearbeitet hast. Ich glaube, wir hatten noch nie einen Pfleger auf der Neo “, sinniert sie und stellt die Flasche mit der Säuglingsnahrung in so ein Warmhaltegerät.

„Hm, ist seltsam“, murmle ich, erhebe mich und gehe zum Wickeltisch. In den letzten Wochen habe ich viel über Babypflege gelernt. Auch so eine Sache, die ich kaum begreifen kann. Ich hatte doch bisher keine Ahnung von Babys und es hat mich auch nicht interessiert. Ich bin ein Einzelkind, die Familie meiner Eltern ist nicht besonders groß, dafür aber weit verstreut. Ich hatte eigentlich nie direkten Kontakt zu Babys oder Kleinkindern. Wenn sie auf der Neonatalogie nicht so dringend Hilfe gebraucht hätten, dann hätte ich mein sorgenfreies Leben wunderbar weiter leben können.

„Und ihre Mutter hat sich wirklich noch nicht wieder gemeldet?“
„Nein und es gibt auch keinen Hinweis, wo sie sich aufhalten könnte. Das Jugendamt hat sich schon mit ein paar Streetworkern in Verbindung gesetzt, aber bis jetzt fehlt einfach jede Spur von ihr.“
Ich öffne die Windel, rümpfe die Nase über den Geruch, der mir entgegenschlägt und mache die Kleine sauber. Manchmal wundere ich mich darüber, wie einfach es ist und wie schnell man eine gewisse Routine dafür bekommt. Versonnen betrachte ich die kleinen Füße mit den winzigen Zehen. Ich kitzle die weiche Haut, verziehe vor Schmerz das Gesicht, wenn ich die Einstichstellen betrachte. Dabei habe ich selbst schon unzählige Spritzen gesetzt und Blut abgenommen. Das hier ist jedoch anders. Mir stockt das Herz, wenn sie untersucht wird, mir wird schlecht, wenn ich ihre ganzen Medikamente sehe, wenn ihr mit einer Nadel, die viel zu groß für den kleinen Körper erscheint, Blut abgenommen wird.

„Was soll nur aus dir werden?“, frage ich und hauche kleine Küsse auf die nackten Füße. Sie gibt erneut glucksende Geräusche von sich.
„Die Frage ist doch eher, was aus dir wird … so ohne dieses kleine Mädchen.“
Ich versuche, möglichst cool mit den Schultern zu zucken. Innerlich zieht sich mir bei dem Gedanken alles zusammen.
„Ich frage dich jetzt einfach mal frei heraus. Kannst du dir nicht vorstellen, die Kleine zu dir zu nehmen?“
„Was? Unsinn!“, brumme ich, hebe sie hoch, nehme das Fläschchen und gehe zurück zum Schaukelstuhl.
„Hast du vergessen, dass ich schwul bin? Wer sollte mir ein Baby anvertrauen? Einmal abgesehen davon, dass sie überhaupt nicht in mein Leben passen würde.“

Vorsichtig berühre ich mit dem Silikonnuckel ihre Lippen. Romy öffnet sie sofort und fängt gierig zu trinken an.
„Die Zeiten haben sich geändert. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass du sie bekommen könntest. Zumindest als Pflegekind. Offensichtlich will sie niemand haben. Ich bin schon eine ganze Weile hier und es ist nicht das erste Mal, dass eine Mutter über Nacht verschwindet, aber es ist das erste Mal, dass hier nicht sofort eine Pflegefamilie auftaucht. Ein Kind, das ...“ Andrea bricht ab und sieht mich traurig an.
Ich senke den Blick, konzentriere mich auf die kleine Romy in meinem Arm.
„Und was dein Leben betrifft ... Wir kennen uns zwar nicht privat, aber du bist seit zwei Monaten jeden Tag hier … Wie wird dein Leben denn sein, wenn ich oder eine der anderen Schwestern dir eines Tages sagt, dass du umsonst hergekommen bist. Sie wird nicht ewig hier bleiben. Im Grunde fehlt ihr nichts. Sie ist ein Baby, das sich bisher erstaunlich normal entwickelt, in Anbetracht der Umstände.“

Erneut presse ich meine Lippen fest zusammen. Ich denke im Grunde seit Tagen an nichts anderes. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich sie mit zu mir nach Hause nehmen könnte. Der Gedanke ist erschreckend und gleichzeitig zaubert er mir ein glückseliges Lächeln ins Gesicht.
Andrea nimmt sich einen Stuhl und setzt sich dicht vor mich.
„Nennen wir die Sache doch mal beim Namen. Dieses kleine Mädchen hat HIV. Aus diesem Grund findet sich wohl auch niemand, der sie haben möchte. Du bist allerdings hier … und wenn du es nicht versuchst, wirst du dich vielleicht dein Leben lang fragen, was passiert wäre, wenn du genügend Arsch in der Hose gehabt hättest.“
„Du hast doch keine Ahnung. Ich kann dir genau sagen, wie das Jugendamt reagieren wird.“
„Das kannst du nicht ... jedenfalls nicht, bevor du es versucht hast.“
Andrea steht auf und verlässt ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

„Was soll ich denn machen?“, wende ich mich an Romy, die mich erstaunlich munter beobachtet. Es ist unglaublich, wie schnell sie sich entwickelt hat und wie schnell ich sie liebgewonnen habe.
„Du bist eine kleine Diebin“, schimpfe ich leise mit ihr. „Du kannst mir doch nicht einfach so das Herz stehlen. Glaubst du, wir sollten es wirklich versuchen? Ich meine, könntest du dir vorstellen, bei mir zu leben? Ich als dein … dein Papa … Also du und ich … und Du müsstest schon ein bisschen Geduld mit mir haben. Ich habe echt keine Ahnung davon, was Mädchen so brauchen. Eine Mutter würdest du auch nicht bekommen. Vielleicht, mit ganz viel Glück irgendwann einen zweiten Papa. Gott, das klingt ja selbst in meinen Ohren furchtbar. Was für eine Zukunft könnte ich dir denn bieten? Ein HIV- positives Kind und zwei Papas. Das klingt eher nach einem Horrorfilm als nach einem einigermaßen normalen Leben.

Ich richte mich auf, hauche einen Kuss auf ihre Stirn und lege sie vorsichtig zurück.
Als ich die Station verlasse, nehme ich mir fest vor, nie wieder zurückzukommen. Die Kleine hat ein besseres Leben verdient, als das, was ich ihr bieten kann.

Um schneller zu vergessen, beschließe ich, heute noch auszugehen. Scheiß drauf, dass ich morgen um sechs Uhr wieder auf der Arbeit sein muss. Ich muss mich ablenken, auspowern, den Kopf frei bekommen. Deshalb gehe ich zuerst duschen, rasiere mich gründlich und betrachte mich eine ganze Weile kritisch im Spiegel, bevor ich in die tiefsitzende Jeans schlüpfe und ein enges Shirt anziehe, das meine Muskeln gut zur Geltung bringt. Das Grün passt zur Farbe meiner Augen. Ich style meine Haare und suche meine Lieblingskette. Mit Sicherheit bin ich viel zu chaotisch, um für ein Kind zu sorgen. Einmal abgesehen davon, dass ich nicht bereit bin, meine Freiheit aufzugeben. Es grummelt in meinem Bauch und die Gedanken fahren Achterbahn. Ich will nicht an Romy denken und kann doch nicht verhindern, dass immer wieder ihr kleines Gesicht vor meinen Augen erscheint. Die winzigen Finger, die mich so fest gehalten, die dunkelblauen Augen, die mich so eindringlich angesehen haben. Ich will nicht dieses seltsame Gefühl spüren, dass sie auslöst, wenn ich sie in den Armen halte.

Deshalb führt mich mein Weg in eine Cruisingbar. Ich werde solange ficken, bis mein Kopf leer ist.
Als ich dort ankomme, ist noch nicht viel los, denn es ist noch recht früh am Abend und obendrein mitten in der Woche. Ich bestelle mir an der Bar ein Bier, setze mich auf einen Hocker und folge dem Treiben auf dem riesigen Bildschirm über der Theke.

„Lust auf eine Runde Billard?“ Als ich mich umdrehe, wedelt ein Kerl mit dem Queue vor meiner Nase herum.
Ich starre ihn einen Moment an, dann zucke ich mit den Schultern. „Warum nicht.“ Er dreht sich grinsend um und geht vor mir her zum Billardtisch. Mein Blick wandert automatisch zu seinem Hintern, der in der Jeans wirklich gut zur Geltung kommt. Auch der Rest des Mannes gefällt mir. Wir sind ungefähr gleich groß. Seine Schultern wirken ein bisschen breiter und seine Haare sind schwarz, mit einigen grauen Strähnen durchzogen. Irgendwie sieht er damit erstaunlich sexy aus.
Er dreht sich zu mir um, reicht mir einen Queue und baut die Kugeln auf.

„Ich bin Jo.“
„Amon“, erwidere ich grinsend.
„Na dann, freut mich Amon, willst du den ersten Anstoß.“ Er wackelt aufreizend mit den Augenbrauen.
„Es wird mir ein Vergnügen sein, zuzustoßen.“ Er versteht und lacht. Die tiefe Stimme hallt in meinem Bauch wider und sorgt für ein angenehmes Kribbeln. Seine Augen blitzen kurz auf und geben ein Versprechen, bei dem ich heftig schlucken muss. Von Jo geht eine erstaunliche Anziehungskraft aus.
Verwirrt versuche ich, mich auf das Spiel zu konzentrieren. Ich treibe die Kugeln über den Tisch, versenke zuerst eine Halbe und schaffe noch zwei weitere, bis ich das Spiel an Jo übergeben muss. Es braucht nicht viel Verständnis von Billard, um zu begreifen, dass er eindeutig der bessere Spieler ist, denn er lässt mir keine weitere Chance.
„Noch ein Spiel?“, fragt er grinsend, als er auch die letzte Kugel versenkt hat.
„Der Verlierer beginnt“, lege ich fest und hoffe, dass ich diesmal mehr Glück habe.
„Wenn man es richtig anstellt, gibt es keine Verlierer“, sinniert Jo und schiebt seine Zunge mit eindeutigen Bewegungen von innen gegen die Wange. Die Lust breitet sich wie ein Lauffeuer in mir aus. Mein Schwanz zuckt erregt und ich habe Mühe, mich auf das Spiel zu konzentrieren. Als ich mich über den Tisch beuge, spüre ich Jos Beule an meinem Hintern. Ich presse mich kurz gegen ihn und entlocke ihm ein lüsternes Stöhnen.
„Ich dachte, ich habe den ersten Anstoß“, sage ich und Erregung schwingt in meiner Stimme mit.
„Egal... solange du damit besser umgehen kannst, als mit dem Queue.“ Er reibt mir kurz auffordernd über den Schritt.
„Davon kannst du dich gleich selbst überzeugen“, knurre ich, schnappe seinen Arm und ziehe ihn hinter mir her in den Darkroom.

Auch hier ist es verhältnismäßig ruhig, sodass wir uns eine einigermaßen gemütliche Ecke suchen können. Gierig presse ich Jo gegen die Wand und meinen Mund auf seine Lippen. Er erwidert den Kuss, drängelt seine Zunge zwischen meine Zähne. Heiße Schauer rinnen über meinen Rücken, als seine Hände unter mein Shirt fahren und meine nackte Haut berühren.

Noch nie hat mich ein Kuss so schnell entflammt. Meine Hände gehen ebenfalls auf Wanderschaft, legen sich auf seinen Hintern und massieren das feste Fleisch. Jo unterbricht den Kuss und stöhnt leise. Sinnlich legt er den Kopf in den Nacken. Ich verstehe die Aufforderung und sauge an seinem Kehlkopf, lecke über die empfindliche Haut und atme seinen verführerischen Duft tief ein. Wir sehen uns atemlos an. Er scheint ebenso erstaunt wie ich zu sein, dass sich unsere Berührungen nach mehr anfühlen. Sein Lächeln raubt mir den Verstand. Alles, woran ich denken kann, ist, mehr von diesem Man zu kosten, mehr zu spüren … ihm unter die Haut zu kriechen. Erschrocken von diesen Gedanken weiche ich zurück, aber Jo hält meinen Kopf fest, beginnt mich erneut zu küssen. Hemmungslos presse ich mich an ihn. Weiß nicht, wohin mit diesem unglaublichen Gefühl und frage mich, ob wir hier am richtigen Ort sind … Gibt es überhaupt einen richtigen Ort für so einen Moment?

„Fühlt es sich für dich auch irgendwie … anders an?“, raunt er mir nach einer süßen Ewigkeit ins Ohr.
„Hm“, murmle ich unsicher. Anscheinend deute ich die Anzeichen richtig und es geht ihm wie mir. Leider weiß ich nicht, wie ich mit dieser Erkenntnis umgehen soll. Ich betrachte seine feucht glänzenden Lippen und vermeide jeden weiteren Augenkontakt, bis Jo eine Hand auf meine Wange legt und mich dazu bringt, ihn anzusehen.
„Ich weiß nicht, wie du das siehst. Eigentlich passiert mir so etwas nicht… also, wenn du willst … Amon, wollen wir nicht woanders hin?“
„Woanders hin?“ Meine Stimme klingt kratzig und in meinem Magen beginnt es heftig vor Aufregung zu kribbeln.
„Normalerweise nehme ich niemanden mit nach Hause“, meint Jo nachdenklich und fährt mit dem Daumen über meine Lippen. Offensichtlich ist er sich auch nicht sicher, wie er mit dieser Spannung zwischen uns umgehen soll.
„Das mache ich auch nicht.“
„Ich finde, wir sollten heute über eine Ausnahme nachdenken.“ Er sieht mich fragend an. Ich kann die Unsicherheit deutlich in seinen Augen erkennen. Sie macht mir Mut und so nicke ich und hauche einen Kuss auf seinen Daumen.

„Wohnst du weit weg?“, erkundige ich mich und beginne an dem Finger zu nuckeln. Für eine Sekunde taucht das Bild von Romy vor meinen Augen auf, aber ich verdränge es sofort wieder. Er nennt leise seufzend den Straßennamen, Ich schüttle knurrend den Kopf. „Viel zu weit weg. Ich wohne gleich um die Ecke.“
„Also?“, fragt er und sieht mich ungeduldig an.
„Also ...“, erwidere ich grinsend und spüre, wie mein Herz hart gegen die Rippen pocht. Entschlossen ergreife ich seine Hand und wir verlassen den Darkroom und die Bar. Hand in Hand gehen wir durch die Nacht. Es fühlt sich auf eine seltsame Art vertraut an und gleichzeitig bringt mich die Nervosität um den Verstand.
„Sieht ein bisschen chaotisch aus“, sage ich leise, als ich die Tür zu meiner Wohnung öffne.
„Heute will ich keine Wohnungsbesichtigung“, flüstert Jo und beginnt, an meinem Hals zu knabbern.
„Heute?“, frage ich und halte den Atem an.
„Ich habe das Gefühl, dass das hier erst ein Anfang ist.“ Ich schaffe es nicht, darauf eine Antwort zu geben, aber das scheint im Moment nicht nötig zu sein, denn Jo macht deutlich klar, wonach ihm der Sinn steht. Verlangend reibt er seinen Körper an meinem. Nur mit Mühe schaffen wir es bis ins Schlafzimmer. Mit einer ausladenden Bewegung fege ich die Klamotten vom Bett und zerre stattdessen Jo auf die Matratze.

Wie im Rausch reißen wir uns die Klamotten runter, berühren und kosten gierig jedes freigelegte Stück Haut. Er schmeckt so gut, sein Geruch verwirrt meine Sinne. Wir stöhnen verlangend, küssen uns und können nicht genug vom anderen bekommen. Immer wieder wechseln wir die Positionen. Mittlerweile ist es mir vollkommen egal, wer wen …

„Amon, du bist so heiß“, nuschelt Jo und zieht eine feuchte Spur über meinen Körper. Seine Zunge stupst in meinen Bauchnabel. Erregt spanne ich die Muskeln an. Er leckt über meinen Schwanz, nimmt die Spitze zwischen seine Lippen und saugt ihn tiefer und tiefer in sich hinein. Ich verbrenne, stöhne laut und dränge ihm mein Becken entgegen. Meine Hände krallen sich ins Laken, als er schluckt und mich noch tiefer in sich aufnimmt.

„Will auch“, knurre ich, stütze mich schwerfällig auf den Unterarmen ab und betrachte Jo, der mich in diesem Moment ebenfalls ansieht und dabei langsam meinen Schwanz freigibt. Sein Blick ist so intensiv, dass ich vor Aufregung zu zittern beginne.
„Lass mich auch“, fordere ich und deute ihm an, dass er sich über mich knien soll. Jo krabbelt grinsend zu mir hoch, küsst mich verlangend und dreht sich dann um. Der Anblick, den er mir bietet, ist exklusiv und unheimlich erregend. Versonnen streiche ich mit einer Hand über seinen Hintern, lasse einen Finger zwischen die Backen gleiten und drücke ihn spielerisch gegen den verlockenden Muskel. Jo stöhnt auf und beißt mir in den Oberschenkel. Wir blasen uns gegenseitig, finden unseren gemeinsamen Rhythmus. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte und bin mir nicht sicher, ob Jo es auf diese Art beenden möchte.

„Jo, ich kann nicht mehr“, stöhne ich, während ich verlangend meinen Finger in sein Loch schiebe.
„Hm … will dich endlich richtig fühlen“, brummt er und dreht sich um. Erneut finden sich unsere Blicke. Wir lächeln uns an. Ich fahre mit einer Hand über seine Brust, spüre die festen Muskeln unter der weichen Haut.
„Kondom?“, fragt er mit erregter Stimme. Ich deute nach rechts und Jo beugt sich hinüber, wühlt im Nachtschrank und hält mir triumphierend ein Gummi vor die Nase. Das Gleitgel findet er ebenfalls und wirft es neben mir aufs Bett. Er beugt sich zu mir runter und wir küssen uns, genießen den Geschmack des anderen.

Die Erregung ist so übermächtig, dass ich das Gefühl habe, jeden Moment zu explodieren. Jo scheint es nicht anders zu gehen, denn ehe ich mich versehe, hat er das Gummi über meinen Schwanz gestülpt, Gleitgel darauf verteilt und sich in Position gerückt. Langsam lässt er sich auf mich nieder. Sein enger Muskel umschließt meine Spitze. Ich beobachte Jo, wie er gegen den Widerstand ankämpft. Er sieht so wunderschön aus, dass mein Herz ganz weit davon wird. Ich streichle seinen flachen Bauch, während ich immer tiefer in ihn gleite.

„Das fühlt sich so verdammt gut an“, raune ich ihm zu und ziehe ihn zu mir herunter, um einen weiteren Kuss einzufordern. Jo stöhnt in meinen Mund, dann beginnt er sich zu bewegen. Es fühlt sich so gut an, dass ich mir wünsche, es würde nie vorbei gehen. Leider sieht mein Körper das ganz anders. Jo steigert das Tempo. Ich stoße von unten zu. Meine Muskeln beginnen zu zittern, alles verschwimmt vor meinen Augen. Instinktiv greife ich Jos harte Erektion und reibe sie schnell und unnachgiebig. Laut stöhnend entlädt er sich, spritzt seinen Saft auf meine Brust. Seine Muskeln saugen mich regelrecht in seinen Körper und ich lasse es geschehen … spüre, wie meine Welt in einem Strudel versinkt und möchte nie wieder daraus auftauchen.

Keuchend bricht Jo auf mir zusammen. Ich schlinge meine Arme um seinen Körper und halte ihn fest, bis uns die Luft ausgeht und er sich von mir herunter rollt. Ich beseitige das Kondom, drehe mich auf die Seite und sehe ihn an.
„Das war unglaublich“, flüstere ich ergriffen und streichle sein Gesicht.
„Ja, absolut unglaublich“, erwidert er und dreht den Kopf zu mir. Mühsam beuge ich mich vor, um noch einmal von seinen Lippen zu kosten.
Eine Weile liegen wir schweigend nebeneinander. Unruhe macht sich in mir breit, als mir bewusst wird, dass ich alle Vorsichtsmaßnahmen in den Wind geschlagen und einen fremden Mann mit in die Wohnung genommen habe. Ich habe zugelassen, dass er in meine Privatsphäre eindringt und nun frage ich mich, wie es weiter gehen soll. Soll es überhaupt weitergehen? Reicht ein bisschen Anziehung und guter Sex um mehr zu wollen?

„Ich … muss jetzt los“, sagt Jo leise und richtet sich gähnend auf. „Ich bin ziemlich müde und schlafe vermutlich gleich ein.“
Er sieht mich abwartend an, aber ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Möchte er, dass ich ihn zurückhalte?
„Muss morgen auch früh zur Arbeit“, murmelt er, während er in seine Hose schlüpft.
„Ich auch“, erwidere ich halbherzig und stehe ebenfalls auf. Ich ziehe meine Pants an und beobachte Jo, wie er sich das Shirt über den Kopf zieht.
„Oh, was machst du denn hiermit?“, fragt er plötzlich, beugt sich nach vorn und hält mir eine kleine Spieluhr entgegen. Augenblicklich zieht sich mein Brustkorb zusammen und Panik macht sich in mir breit. Ich starre sprachlos auf seine Hand.
„Hast du ein Kind oder etwa eine Freundin, die von dir schwanger ist?“, brummt Jo und mustert mich kritisch.
„Was? Nein … Wie kommst du denn da drauf. Das ist ... ähm ... für meine Nichte.“, stottere ich stumpfsinnig vor mich hin. Jedes Wort fühlt sich falsch an. Ich hasse es, zu lügen, aber ich kann ihm wohl schlecht sagen, dass dieser kleine Marienkäfer für ein ganz besonderes kleines Mädchen ist, das ich heute versucht habe, mir aus dem Kopf zu vögeln. Der Schmerz brandet unerwartet heiß auf und ich reiße Jo die Spieluhr aus der Hand, um sie möglichst achtlos auf das Bett zu werfen.
„Wolltest du nicht gehen?“, frage ich genervt und deute zur Tür.
„Klar ... ich …“ Jo bricht ab, schüttelt den Kopf und geht nach draußen. Ich folge ihm in den Flur. Er verharrt einen kurzen Moment, die Hand bereits an der Türklinke.
„Amon … das war wirklich schön und vielleicht könnten wir ...“
„Nein“, unterbreche ich ihn vehement.
„Okay“, murmelt er und verschwindet so schnell, dass ich keine Chance habe, zu reagieren. 

Wütend lehne ich mich gegen die Tür. Habe ich heute wirklich zwei Chancen in den Wind geschlagen? Langsam gehe ich zurück, lege mich ins Bett und rolle mich in die Decke. Das Kopfkissen riecht nach Sex und ein bisschen nach Jo. Warum habe ich ihn nicht aufgehalten? Es hat sich doch für uns beide gut angefühlt. Vielleicht hätte sich zwischen uns etwas entwickeln können. Vielleicht … Wieso habe ich das Gefühl, dass dieses kleine Wort in letzter Zeit mein Leben bestimmt? Vielleicht könnte ich Romy aufnehmen ... Vielleicht würde ich es schaffen, mich um sie zu kümmern … vielleicht hätten Jo und ich eine Chance gehabt.

Wütend schlage ich meine Faust in die Matratze. Das muss aufhören. Ich will mein altes Leben zurück. Kein Vielleicht mehr! Der Gedanke schneidet wie ein scharfes Messer in mein Herz, aber ich halte den Schmerz aus und bin mir sicher, dass er irgendwann vergehen wird.
Die nächsten Tage verbringe ich hinter einem Schleier aus dichtem Nebel. Ich funktioniere auf der Station, schleppe mich nach Hause und verkrieche mich vor den Fernseher oder gleich ins Bett. Ich weiß, ich brauche nur ein wenig Geduld, bis es mir wieder besser geht. Mehr als einmal erwische ich mich dabei, wie ich den langen Flur mit den bunten Bildern entlang gehe. Vor der Eingangstür zur Neonatalogie bleibe ich stehen, fühle die unbändige Sehnsucht, aber auch die Sorge, wie es der kleinen Romy geht und drehe wieder um. Sie gehört nicht in mein Leben. Was könnte ich einem kleinen Mädchen, das obendrein noch HIV- infiziert ist, schon bieten?

Am Freitag entdecke ich Jo vor meiner Haustür. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich mich zurück, verstecke mich hinter der nächsten Hausecke und warte mit schwer klopfendem Herzen darauf, dass er geht. Auch im hellen Tageslicht sieht er sexy und unglaublich attraktiv aus. Das Verlangen nach seiner Nähe frisst sich durch meinen Körper. Ich verbringe das ganze Wochenende in meiner Wohnung, hinter geschlossenen Gardinen, mit Bier und Chips und Pornos und der Gewissheit, dass ich mich nach einem Mann verzehre, mit dem ich nur eine einzige Nacht verbracht habe.
Die nächste Woche beginnt, wie die vorige geendet hat. Ich hatte gehofft, dass das Wochenende der Tiefpunkt gewesen wäre und es nun wieder bergauf ginge. Leider eine trügerische Hoffnung. Es zerreißt mich förmlich vor Sehnsucht, nach Romy und nach Jo.

In der Mittagspause gehe ich in die Krankenhauscafeteria. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas Richtiges gegessen habe, jedoch verspüre ich so etwas wie Appetit und werte das als ein gutes Zeichen auf dem Weg zur Genesung.
Gedankenverloren betrachte ich die Auslage mit den Sandwiches.
„Feigling!“, flucht eine Stimme neben mir. Ich sehe zur Seite und direkt in Andreas wütendes Gesicht. „Du bist so ein verdammter Feigling!“
„War´s das?“, frage ich und drehe mich weg.
„Nein, das war´s noch nicht. Ich möchte dir so viel an den Kopf werfen. Noch nie war ich dermaßen wütend auf jemanden, wie auf dich. Aber alles, was ich sagen könnte, würde doch eh nur an dir abprallen, wie an einem Eisklotz. Trotzdem ... Amon, sie vermisst dich.“
„Sie ist ein neugeborenes Baby, sie kann mich nicht vermissen“, brumme ich. Meine Kehle fühlt sich so eng an, als würde ich jeden Moment keine Luft mehr bekommen. Der Druck hinter den Augen steigt und ich kann nur mit Mühe verhindern, dass ich hier vor allen Leuten losheule.
„Doch, das tut sie. Seit du sie nicht mehr besuchst, ist sie unruhig und weint ständig. Es ist nicht gerecht, dass so ein kleines Wesen so viel Leid ertragen muss. Zuerst haut die Mutter ab und dann auch noch du. Dazu die vielen Medikamente … Wieso lässt du sie im Stich?“
„Sie braucht eine richtige Familie“, antworte ich ausweichend.
„Natürlich braucht sie die, nur leider gibt es niemanden, der sie will“, schreit mich Andrea so laut an, dass sich sämtliche Augen auf uns richten. „Tu endlich was!“

Sie wirft mir einen letzten giftigen Blick zu, ehe sie davon rauscht. Ich starre ihr hinterher und lasse mich auf den nächstbesten Stuhl fallen. Meine Beine wollen mich nicht mehr tragen. Alles an mir fühlt sich schwer wie Blei an und nur ein einziger Gedanke beherrscht meinen Kopf: Sie vermisst mich und ich … ich vermisse sie auch so unendlich.

Ich weiß nicht, wer mir den Zettel mit der Telefonnummer vom Jugendamt auf den Tisch gelegt hat, kann mich auch nicht erinnern, wie ich es geschafft habe, die richtigen Tasten auf dem Telefon zu drücken. Erst als ich das das Freizeichen höre, erwache ich aus meiner Trance und mein Herz beginnt so heftig zu klopfen, dass ich befürchte, es springt mir aus der Brust.

„Jugendamt, Bender, Guten Tag“, meldet sich eine männliche Stimme.
„Ähm … mein Name ist … ist Schreiber, ähm, Amon Schreiber“, stottere ich in den Hörer. Mein Gehirn scheint vollkommen leer zu sein. Ich atme tief durch, suche nach Worten, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Zögernd will ich schon das Gespräch beenden, als sich der Mann am anderen Ende der Leitung räuspert. „Was kann ich denn für Sie tun, Herr Schreiber?“
„Es geht um Romy … also das Baby … hier im Krankenhaus. Ich weiß gar nicht … also … ähm, was muss ich machen, um ein Pflegevater zu werden? Gibt es so etwas überhaupt? Also nehmen Sie auch Männer dafür?“ Die Worte purzeln aus meinem Mund, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.
„Immer der Reihe nach“, sagt er Mann vom Jugendamt lachend.
„Also erstes vielleicht die grundsätzliche Frage: Natürlich können auch Männer eine Pflegschaft übernehmen.“
„Auch schwule Männer?“, setze ich nach und halte die Luft an. Am anderen Ende wird es still und mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen.
„Ja, unter Umständen auch schwule Männer.“
„Unter Umständen?“, krächze ich in den Hörer.
„Ähm … So war das nicht gemeint. Also gut, dann nehme ich also an, dass Sie und ihr Partner Pflegeeltern werden wollen ...“
„Nein!“, unterbreche ich ihn und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit überfällt mich.
„Nein?“
„Ich … ich bin allein und möchte … also nur ich … Ich habe keinen Partner.“
„Und Sie, wieso wollen Sie dann ein Kind?“
„Weil sie ganz allein auf dieser verdammten Welt ist, weil sie niemanden hat und weil ich … weil ich sie furchtbar gern habe und mich um sie kümmern möchte.“, brülle ich den ganzen Schmerz, der sich in den letzten Wochen angesammelt hat, in sein Ohr.
„Hm, okay … ich glaube, es wäre besser, wir würden einen Termin vereinbaren. Am Telefon lässt sich so etwas wirklich schlecht bereden.“
„Wann soll ich da sein?“
„Sie haben es wirklich eilig“, erwidert er glucksend. „Ich bin heute bis 18 Uhr im Büro, ansonsten ...“
„Ich komme gleich nach Dienstschluss.“
„Okay, dann sehen wir uns später, Herr Schreiber. Mein Büro befindet sich in der zweiten Etage, Zimmer 23.“
„Okay und ähm … Danke!“
„Bis später!“

Meine Hände zittern, als ich den Hörer auf den Tisch lege. Der Mund ist ganz trocken und mein Herz scheint sich überhaupt nicht beruhigen zu können. Habe ich dieses Telefonat wirklich eben geführt?
Den Rest des Tages erlebe ich wie in Trance. Manchmal bin ich froh, dass es so viel Routine auf meiner Station gibt. Romy besuche ich auch heute nicht. Ich habe mir vorgenommen, zuerst diese Sache mit dem Jugendamt zu klären, bevor ich mir und ihr wieder Hoffnung mache. Wenn dieses Gespräch nicht so verläuft, wie ich es mir wünsche, ist es sicherlich besser, wenn ich mich auch in Zukunft von ihr fernhalte.

Meine Hände sind feucht, als ich die Treppen zum zweiten Stock erklimme. Mein Herz rast, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Mir ist heiß und kalt und vermutlich stinke ich aus allen Poren nach Schweiß. Mit so einem Auftritt kann ich mein Anliegen wohl gleich vergessen. Meine Beine gehorchen mir nicht. Mühsam setze ich einen Fuß vor den anderen, starre die Nummern neben den Türen an. Dann stehe ich vor der 23. Sie wirkt in diesem Moment bedrohlich, ein bisschen, als würde mein ganzes Leben von dieser einen Zahl abhängen.

„J. Bender“, lese ich leise, atme tief durch und klopfe entschlossen an die Tür.
Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis ich ein dumpfes „Herein“ höre, eine weitere Ewigkeit, bis ich mich dazu durchringe, die Türklinge hinunter zu drücken.
Nervös betrete ich den Raum und erstarre augenblicklich. Der Mann hinter dem Schreibtisch ist …
„Jo“, murmle ich und möchte am liebsten die Flucht ergreifen.
„Amon“, erwidert er lächelnd. Er scheint weniger überrascht zu sein, als ich es bin. „Ich dachte mir, dass du es bist. Gibt sicherlich nicht so viele Männer, die Amon Schreiber heißen. Setz dich!“ Er deutet auf einen Stuhl. Wie ferngesteuert nehme ich Platz, unfähig die Situation zu begreifen. Es ist wirklich Jo. Der Jo, den ich die ganze Zeit vergessen wollte, der mir in einem unbedarften Moment unter die Haut gekrochen ist und mir für einen Augenblick das Gefühl von Nähe vermittelt hat.
„Ich hatte keine Ahnung“, murmle ich und erhebe mich schweren Herzens. „Schätze, damit hat sich mein Anliegen wohl erledigt.“
„Ob du es glaubst oder nicht, ich kann berufliche und private Dinge voneinander trennen. Dass du dich privat wie das letzte Arschloch verhalten hast, ändert nichts daran, dass ich mir anhören werde, was du möchtest.“
„Das letzte Arschloch … klingt irgendwie nicht, als wenn du vorurteilsfrei sein könntest.“
„Möchtest du einen Termin bei einer Kollegin? Allerdings kann ich dir garantieren, dass sie eine etwas andere Einstellung zu schwulen Männern hat, als ich. Wie wäre es also, wenn du es auf einen Versuch mit mir ankommen ließest?“
Jo schlägt eine Akte auf. Ein Bild von Romy befindet sich auf der ersten Seite. Mein Herz blutet bei ihrem Anblick, aber ich spüre, wie er auch ungeahnte Kräfte in mir freisetzt. Wild entschlossen sehe ich Jo an.

„Ich möchte die Pflegschaft für Romy. Was muss ich dafür tun?“
„Wieso willst du diese Verantwortung übernehmen?“
„Ich war bei ihrer Geburt dabei. Ich war derjenige, den sie zum ersten Mal angesehen hat. Die Mutter scheint ja kein Interesse an ihrer Tochter zu haben, sonst hätte sie sie wohl nicht im Stich gelassen. Anscheinend will niemand sie haben. Aber ich will sie und ich mache alles, was von mir verlangt wird.“
„Du bist allein, das ist nicht unbedingt ein Vorteil.“
„Es gibt auch andere alleinerziehende Mütter und Väter“, brumme ich.
„Und dein Job?_Du bist Pfleger in einem Krankenhaus, vermutlich arbeitest du in drei Schichten. Wie hast du dir das mit der Betreuung vorgestellt?“
Scheiße, ich habe keinen Plan …und mir fällt auch spontan nichts ein, was ich ihm sagen kann. Seufzend lehne ich mich zurück und schließe die Augen. Ich habe es verkackt … einfach so …
„Die Kleine hat HIV. Das bedeutet eine Menge Verantwortung und Liebe. Bist du überhaupt fähig zu lieben?“
Ich presse die Lippen fest aufeinander und erwidere Jos durchdringenden Blick.
„Sie bedeutet mir sehr viel“, flüstere ich mit erstickter Stimme.
„Tatsächlich...“, sagt er, reibt sich über die Augen und starrt die Akte an. „Tatsächlich gibt es bisher niemanden, der für die Kleine in Frage kommt. Selbst die örtlichen Kinderheime sind im Moment nicht bereit, das Kind aufzunehmen.“
„Sie heißt Romy“, knurre ich und erneut sieht mich Jo an.
„Genau, Romy“, erwidert er leise und eindringlich. „Du willst sie wirklich?“
„Ja“
„Dann sollten wir darüber nachdenken, was zu tun ist.“
„Danke“, murmle ich erleichtert.

Jo denkt nicht nur darüber nach, er sorgt dafür, dass wir alles nötige so schnell wie möglich durchziehen. Ich muss ein paar Anträge ausfüllen und Jo hilft mir dabei. Er zeigt mir Möglichkeiten auf, wie ich die Sache mit der Betreuung regeln kann. Ich entschließe mich, für ein Jahr zu Hause zu bleiben und bin erstaunt, wie schnell die Personalabteilung zustimmt und mir gleichzeitig anbietet, dass ich danach noch zwei Jahre verkürzt arbeiten kann.

Wir fahren zusammen in ein Möbelhaus und kaufen ein Kinderbett und eine Wickelkommode. Am Wochenende bauen wir zusammen die Möbel auf. Ich habe kein extra Zimmer, also räumen wir mein Schlafzimmer so um, dass Romy eine gemütliche Ecke bekommt.
Erschöpft begutachten wir unser Werk am Abend.

„Machst du das immer so?“, frage ich leise.
„Was meinst du?“
„Na, setzt du dich immer so für … für Pflegeeltern ein?“ Ich knabbere nervös an meiner Unterlippe.
„Nein ... das ist … das erste Mal“, murmelt er, kommt auf mich zu und bleibt dicht vor mir stehen. Sein Duft steigt mir in die Nase. Ich kann seine Präsenz so stark fühlen, dass ich seufzend die Augen schließe.
„Amon“, flüstert er, legt seine Hände auf meine Hüfte und zieht mich noch dichter an sich heran. Ohne Nachzudenken, beuge ich mich vor, drücke meine Lippen auf seine und halte gespannt die Luft an. Ein tiefes Grummeln entfährt Jo und dann erwidert er den Kuss. Die ganze Sehnsucht bricht gleichzeitig aus uns heraus. Wir küssen uns, verschlingen uns regelrecht.
„Ich habe dich so sehr vermisst“, nuschelt er gegen meine Lippen. „Gott, was hast du nur mit mir angestellt, dass ich mich so nach dir verzehrt habe?“
„Weiß nicht, aber es ist wohl das gleiche, was du mit mir gemacht hast“, erwidere ich seufzend.
„Wirklich?“ Jo bringt ein wenig Abstand zwischen uns und mustert mich eindringlich. „Wirklich, Amon?“
„Ja, ich … war nur irgendwie nicht bereit für so viele Veränderungen. Ich dachte, wenn ich dich und auch Romy von mir fernhalte, dann wird alles so, wie es mal war. Ich …“
„Und? Hat es funktioniert?“
„Ich habe heute mit dir ein Kinderbett aufgebaut und ich … würde dich im Moment viel lieber küssen, als zu reden“, gebe ich zu und spüre die Hitze, die sich in meinem Körper ausbreitet.
„Ist das so?“, lässt er mich zappeln. Jo lächelt und ich bekomme allein von dem Anblick einen Ständer.
„Ich bin ein Idiot“, murmle ich verzagt.
„Scheint mir auch so“
„Dann … dann willst du mich nicht mehr?“
„Die Frage ist doch eher, ob du dir vorstellen kannst, eben kein alleinerziehender Vater zu sein.“ Seine Unsicherheit bringt mein Herz zum Rasen. Stürmisch schlinge ich meine Arme um seinen Hals und mache das, wonach ich mich schon so lange sehne, ich küsse ihn und hoffe, er erkennt darin meine Antwort.

Es dauert noch eine weitere Woche, bis ich Romy aus dem Krankenhaus holen kann. Das ist vermutlich der überwältigendste Augenblick in meinem Leben. Meine Hände zittern wir verrückt, als ich sie anziehe. Für einen Moment bin ich skeptisch, ob ich das wirklich schaffen werde, aber dann lächelt die Kleine und wischt damit alle Zweifel weg. Der Kinderarzt erklärt mir noch einmal in allen Einzelheiten der Therapie und Andrea drückt mich ganz fest.
„Ich wusste, dass du eines Tages mit ihr nach Hause gehen wirst. Ihr seid füreinander bestimmt“, sagt sie leise und drückt mir einen Kuss auf die Wange.
Vor dem Krankenhaus wartet Jo auf uns.

***
„Puste die Kerzen aus und wünsch dir was“, rufen wir gleichzeitig. Romy strahlt uns an. Im Schein der Kerzen funkeln ihre Augen wie kleine Diamanten. Sie holt tief Luft, hält ihre langen dunkelblonden Haare zurück und pustet die zehn flackernden Lichter auf ein Mal aus. Jo und ich klatschen, singen „Weil du heut Geburtstag hast …“ und Romy verdreht die Augen. Langsam kommt sie wohl in das Alter, ab dem die Eltern einfach nur peinlich sind. Leider können wir darauf keine Rücksicht nehmen, denn wir lieben dieses Mädchen abgöttisch.

„Schneid den Kuchen an, ich habe Hunger“, bettelt Jo und streckt ihr den Teller entgegen.
„Wie kann man nur so verfressen sein“, kichert sie, nimmt das viel zu große Messer und zerteilt den Kuchen.
„Hast du dir schon überlegt, was für eine Geburtstagsfeier du haben willst? Mit wie vielen Mädchen müssen wir denn rechnen?“, erkundige ich mich.
„Hanna und Merle, Josi, Fabi, Jasmina … und Max natürlich auch“, zählt Romy auf. Ich sehe Jo an und wir seufzen gleichzeitig. Das wird wieder ein anstrengender Tag für uns werden.
„Wie wäre es in diesem Jahr mit dem Reitplatz“, schlägt er vor und ich versuche, ihn mit einem Blick zu erdolchen. Er weiß doch ganz genau, dass Pferde und ich … also das wird wohl niemals funktionieren. Leider quietscht Romy in diesem Moment begeistert und fällt Jo um den Hals. „Das ist echt super, Papa. Das habe ich mir schon immer gewünscht!“

Er streckt mir lachend die Zunge raus, denn noch gestern Abend im Bett habe ich versucht, ihn davon zu überzeugen, dass wir auf gar keinen Fall auf den Reitplatz gehen.
Wir sind schon vor einigen Jahren in eine große Wohnung gezogen, damit Romy ein eigenes Zimmer hat und natürlich auch, damit Jo und ich … Vor drei Jahren haben wir geheiratet. Ich möchte ihn und Romy keinen Tag mehr in meinem Leben vermissen.
„Du musst noch deine Tabletten nehmen“, sage ich zu unserer Tochter und gebe ihr die drei Pillen. Wir haben ihr erklärt, dass sie die Medikamente als Freunde ansehen soll, die dafür sorgen, dass sie noch ganz lange glücklich leben kann.

ENDE
(c) Karo Stein 2014



Kommentare:

  1. *heulschniefschluchz* ......... Hachja ............ wunderbar ...... süß ........ quietsch ...... Danke Karo
    lg Kerstin

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  2. Hi Karo,
    dies war eine wunderschöne, berührende Geschichte, die mir direkt unter die Haut ging! Ich kam aus dem Heulen gar nicht mehr raus!
    Alles Liebe
    Christina

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  3. Tränchen weg wisch,...eine wunderbare und rührende Geschichte die mich tief bewegt hat.
    Lieben Gruß
    Vera

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  4. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Eine tolle Geschichte!
    LG
    Martina

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  5. Wow, eine wunderschöne Geschichte, die mir richtig gut gefallen hat und mich unwahrscheinlich berührt hat...
    GLG Neela

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  6. Eine wirklich wunderbare Geschichte
    L.G. Heike

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  7. *heul* wow was für eine tolle Geschichte, so voller Gefühl.
    Ich bin hin und weg und du machst einen guster auf Babys xD
    Das he *schmacht * sehr schöne Geschichte, wirklich eine gelungene story:-)

    LG kaz (booxrix)

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  8. wow eine super tolle Geschichte... super süß... auch wenn ich Amon gern mal geschüttelt und gerüttelt hätte... :)

    da es bei bx nicht geht, lasse ich die hier ein Herzchen da... <3
    LG Gela

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  9. Eine wunderschöne, zu Herzen gehende Geschichte ... LG Micaela <3

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