Samstag, 28. Juni 2014

Bauch- Traumtänzer

Mit Plänen ist das ja manchmal so eine Sache ... Zuerst läuft alles super und dann passieren Dinge, die einen aus der Bahn werfen, die Kraft rauben oder einfach sofort erledigt werden müssen. Manchmal funktionieren Pläne auch nicht, weil man nicht richtig lesen kann.
Hätte ich das vor ein paar Wochen getan, also richtig gelesen, anstatt mir den Kopf über eine besonders männliche, wenig romantische oder was weiß ich, was da noch in meinem Kopf herumgeschwirrt ist ... Auf jeden Fall hätte ich dann wohl die Anzahl der Worte nicht mit der geforderten Anzahl der Anschläge verwechselt und aus einer Geschichte, die nicht mal 2000 Wörter haben sollte, eine mit gut 9000 Wörter gemacht.
Pech für die Anthologie, gut für Euch!
Mutig habe ich mir das heutige Datum als Ziel für die Veröffentlichung gesetzt und angefangen, die Geschichte noch ein bisschen zu bearbeiten ... Ich habe die Romantikkiste heimlich geöffnet und mich hier und da bedient. Leider konnte ich nicht ahnen, dass das meinem Protagonisten auch gefallen würde und er nun keine Ruhe gibt. Nichtsdestotrotz bleibt es bei einer Kurzgeschichte, die insgesamt 5 Kapitel haben wird.
Das erste Kapitel gibt es heute. Die gesamte Geschichte erscheint im Laufe der nächsten Woche als ebook.
Ich hoffe, ihr habt Spaß, denn ihr werdet einen "alten" Bekannten treffen, dessen Geschichte auch bald als Buch erscheinen wird (auch hier gab es leider eine kleine Planänderung)



  1. Trau dich

Jetzt stell dich nicht so an und geh da endlich rein!“ Holger sieht mich missmutig an, aber seine Mundwinkel zucken verdächtig und entschärfen damit den finsteren Gesichtsausdruck. Ich seufze und nicke, bewege mich allerdings kein Stück. Frustriert schaue ich auf das alte Backsteinhaus. Hinter den großen Fenstern vermute ich die Trainingsräume. Auf dem Schild über der Tür steht in geschwungenen Buchstaben Kadir.

Mein Herz klopft wie verrückt und meine Kehle ist staubtrocken, als würde ich jeden Moment verdursten. Ich will es so sehr und kann mich dennoch vor Angst keinen Zentimeter bewegen. Wenn ich aussteige und dort hineingehe, ist es fast wie ein öffentliches Eingeständnis. Ich zeige eine Seite von mir, die ich mir bisher nur im Verborgenen zugestanden habe. Obwohl ich mir schon oft vorgestellt habe, wie es ist, endlich der zu sein, der ich sein möchte, fehlte mir bisher immer der Mut für den ersten Schritt, um so zu leben, wie ich es mir in meiner Fantasie ausgemalt habe.

Willst du wirklich, dass ich aussteige und dir die Tür öffne? Soll ich dich aus dem Wagen zerren und dich durch die Eingangstür schubsen, oder bekommst du das endlich selbst gebacken? Ich könnte dich auch über die Schulter werfen und hineintragen“, durchdringt Holgers Stimme meine wirren Gedanken.
Ich schlucke trocken, sehe ihn an und weiß, dass er keine Hemmungen hat, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Wir tragen ein stummes Blickduell aus, bis ich seinen Augen nicht mehr standhalten kann und meine Lider schließe.

Ich kann mich nicht bewegen“, jammere ich verzagt und ärgere mich über meine so plötzlich verschwundene Entschlossenheit.
Medhi“, brummt Holger genervt.
Ich öffne die Augen und sehe, wie er sich theatralisch die blonden Haare rauft. Holger mag es gern dramatisch, obwohl er ansonsten ein typischer Macho ist, der nichts anbrennen lässt. Die Kerle stehen auf seine breiten Schultern, die muskulösen Oberarme und das ausgeprägte Sixpack. Seine blauen Augen sind der Hammer. Er hat ein riesiges Tribal auf dem Rücken, dessen Ende ich noch nicht entdeckt habe, denn die Linien verschwinden in seinen Boxershorts.

Ich bin nicht annähernd so cool und selbstbewusst wie er und manchmal frage ich mich, wieso wir trotzdem befreundet sind. Vielleicht liegt es nur daran, weil wir zusammen in einer WG wohnen und meine Schüchternheit eine Art Beschützerinstinkt in ihm geweckt hat. Ich bin der Kerl, der mit zweiundzwanzig noch immer nichts auf die Reihe bekommen hat, einmal abgesehen von dem Job im Geschäft meines Onkels. Wobei selbst das nicht mein Verdienst war, sondern wohl eher den engen familiären Banden anzurechnen ist.

Natürlich lässt Onkel Mahmut den kleinen Medhi gern in seinem Lebensmittelgeschäft arbeiten. Dass der sich mühevoll durchs Abitur gequält hat und eigentlich einen anderen Traum hatte, das spielt keine Rolle. Nun arbeite ich dort schon seit drei Jahren und wenn ich nicht aufpasse, verrinnt die Zeit und ich werde da auch noch in zehn oder zwanzig Jahren sein, nur weil ich es nicht schaffe, mich von meiner Familie zu lösen und zu dem zu stehen, was ich bin oder zumindest gern sein möchte. Der Umzug in die WG erschien mir wie ein großer Schritt in die Freiheit, aber geändert hat sich doch nichts.

Seufzend starre ich auf meine Hände und bemerke aus dem Augenwinkel, wie Holger seinen Gurt löst. Ein unangenehmes Kribbeln entsteht in meinem Bauch, denn ich weiß, dass er seine Drohung wahr machen wird. Ich bewundere ihn für seinen Tatendrang, dafür, dass er genau das macht, was er für richtig hält, dass er sich jeder Situation stellt und sich nicht vor den Konsequenzen fürchtet.

Ich dagegen bin gefangen zwischen der Tradition meiner Familie, zwischen Richtig und Falsch, zwischen Glauben und Wissen. Nur wenn ich allein in meinem Zimmer bin, kann ich mich selbst fühlen. Wenn ich die Musik anstelle, kann ich meinen Körper spüren, kann der Lust zum Tanzen nachgeben und all das rauslassen, was ich sonst nicht zeige. Ich wollte nicht, dass mich Holger dabei sieht, wollte ihm nicht von meinen Träumen erzählen und wenn er nicht so unnachgiebig gewesen wäre, würde ich jetzt auch nicht hier sitzen und ängstlich darauf warten, dass er seine Drohung in die Tat umsetzt.

In diesem Moment greift er langsam zum Türöffner. Auch diese Geste zeigt seinen Sinn für Dramatik und sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Ich befreie mich eilig von meinem Gurt und knurre: „Schon gut, ich gehe ja. Du musst mir wirklich nicht helfen.“
Tu doch nicht so, als würde dich jemand zwingen. Du willst das. Du redest seit Monaten von nichts anderem, du übst heimlich, schaust dir die Videos an und auch, wenn ich dich bisher nur einmal zufällig beim Tanzen sehen durfte, bin ich mir sicher, dass du echt talentiert bist. Das hier ist vielleicht eine Chance, es endlich richtig und bei einem Profi zu lernen und davon abgesehen ist der Kerl heiß und ...“
Er hat einen Freund“, unterbreche ich Holgers Schwärmerei und verdränge das Bild von diesem Mann, der mich schon so oft tanzend bis in meine Träume verfolgt hat.
Wen interessiert das?“, erwidert er und grinst anzüglich.

Ich sage nichts dazu, denn meine Sexualität gehört ebenfalls nicht zu den Themen, über die ich freiwillig nachdenke, geschweige mit anderen rede. Als ich in die WG eingezogen bin, hat mich Holger gleich über seine sexuellen Präferenzen aufgeklärt und gefragt, ob ich damit ein Problem hätte. Ich war viel zu perplex, um mit mehr als einem Kopfschütteln zu reagieren. Er hat mir ein Stück von dieser Welt gezeigt, zu der ich auch gern gehören würde.

Holger hat meine Vorstellung verändert, hat mir gezeigt, dass schwul sein auch normal ist und manchmal bin ich neidisch auf die fremden Typen, mit denen er in seinem Zimmer verschwindet. Ich habe es bisher nicht gesagt, dass ich auch auf Männer stehe, jedenfalls theoretisch, denn praktisch fühle ich mich meilenweit davon entfernt. Das Wort schwul kullert manchmal in meinem Mund herum, kriecht bis auf die Zungenspitze, aber dann, kurz bevor ich es aussprechen kann, ist es, als würde eine kleine Bombe explodieren und die Buchstaben wild durcheinander wirbeln. Ich kann sie nicht mehr zusammensetzen und weiß, dass eine Chance nach der anderen vergeht.

Geh schon“, fordert Holger mich auf und Ungeduld schwingt in seiner Stimme mit. Ich sehe ihn flehend an und hoffe, dass er den Zündschlüssel umdreht und einfach losfährt. „Du willst es doch und du kannst das auch. Sei doch nicht so ein verdammter Feigling.“, sagt er stattdessen und ich sehe erneut aus dem Fenster, betrachte das Haus, vor dem ich zum inzwischen dritten Mal stehe. Deshalb hat es sich Holger auch nicht nehmen lassen, mich diesmal persönlich herzubringen. Ich musste mich sogar vorher anmelden und eine Anzahlung leisten.

Was mache ich denn, wenn es nicht klappt?“, frage ich leise und höre, wie das Blut in meinen Ohren rauscht. „Wenn ich es doch nicht kann. Es ist doch eigentlich nicht richtig, oder? Ein Mann sollte so was nicht tun. Ein Mann...“
Fängst du schon wieder mit dem Unsinn an? Willst du noch einmal den Geschichtsvortrag über die lange Tradition, oder darf ich den überspringen und gleich dort weitermachen, wo wir vorhin, gestern und vorgestern aufgehört haben? Es geht nicht darum, was andere denken, sondern um das, was du willst. Wer definiert denn, wie ein Mann sein muss und wieso spielt das für dich so eine große Rolle? Oder anders gefragt, wo liegt der Unterschied, wenn du heimlich zu Hause übst, oder es dir von einem Profi beibringen lässt? Was du damit anfängst, ist doch eine ganz andere Frage. Medhi, manchmal lohnt es sich, aus seinem Schneckenhaus rauszukommen. Einmal abgesehen davon, dass die Frauen bei dir bestimmt Schlange stehen.“

Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder. Eine weitere Chance Holger zu sagen, dass ich nicht auf Frauen stehe, zieht ungenutzt vorbei und wird von einem seltsamen Stechen im Herzen begleitet. Mein Kopf ist vollkommen leer. Wir hatten diese Diskussion schon mehr als einmal und die Argumente haben sich nicht verändert. Er kann nicht verstehen, wie schwer das alles für mich ist.

Zwei Frauen gehen lachend durch die Tür und ein Gefühl von Neid macht sich in mir breit. Ich will das auch, ich will es schon so lange, dass ich es kaum fassen kann. Noch nie war ich so nah und wenn ich es diesmal nicht schaffe, dann werde ich es auch nie wieder versuchen, dann lösche ich alle Videos von meinem Laptop, schmeiße die Klamotten weg und werde nie … Der Gedanke legt sich wie ein eisernes Band um meine Brust und nimmt mir die Luft zum Atmen. Entschlossen öffne ich die Beifahrertür und steige aus.

Also gut“, murmle ich, drücke den Rücken durch und halte den Blick fest auf die Eingangstür gerichtet.
Endlich!“, ruft Holger lachend. „Du schaffst das. Ich bin mir ganz sicher.“
Ich reagiere nicht auf seine Worte, konzentriere mich stattdessen darauf, einen Fuß vor den andern zu setzen, bis ich die Tür direkt vor meiner Nase habe. Panik und Vorfreude vermischen sich in meinem Körper zu einer explosiven Mischung und der Gedanke an Flucht setzt sich plötzlich in meinem Kopf fest.
Medhi“, höre ich Holger hinter mir grummeln.

Das Haus erscheint mir in diesem Moment wie eine unüberwindbare Festung. Ich kann das nicht! Mit hängenden Schultern drehe ich mich zur Seite. Ich werde nicht zu Holger ins Auto steigen, sondern die Straße hinunter rennen, weiterlaufen, bis ich nicht mehr kann, bis ich weder seine Worte noch seine mitleidigen Blicke sehe. Am besten ziehe ich auch gleich aus der WG aus, meine Eltern fanden die Idee ohnehin nicht gut.

Noch ehe ich den ersten Schritt machen kann, werde ich abrupt gebremst. Ich pralle gegen einen anderen Körper, taumele zurück, höre ein Keuchen und spüre einen heftigen Schmerz am linken Arm.
Verdammt“, flucht eine weibliche Stimme und reißt mich aus meiner Starre.
Entschuldigung“, murmle ich erschrocken. Eine Frau mit langen, dunkelblonden Haaren steht mir gegenüber. Sie sieht mich wütend an und ich weiche vorsichtshalber ein Stück zurück.
Das war … nicht mit Absicht“, stottere ich und straffe meinen Körper ein wenig. „Habe ich Sie verletzt, kann ich Ihnen helfen?“ Ich bücke mich, hebe ihre Tasche auf und halte sie ihr entgegen.
Nichts passiert“, erwidert sie grinsend. „Ich bin härter im Nehmen, als ich aussehe.“
Tut mir wirklich leid“, bekräftige ich noch einmal und werfe einen kurzen Blick in Holgers Richtung. Er sitzt im Auto und knallt den Kopf wiederholt aufs Lenkrad. Wenn er so weiter macht, wird er noch den Airbag auslösen. Hilflos sehe ich zwischen ihm und der Frau in und her und weiß nicht, was ich machen soll.
Wolltest du hier rein?“, erkundigt sie sich und lächelt mich aufmunternd an. Ich möchte verneinen, aber mein Kopf nickt wie von allein.
Echt? Das ist ja super. Lass mich raten, du bist Medhi!“ Sie lacht fröhlich, während ich sie erstaunt ansehe.
Wie … Woher wissen Sie das?“, stammle ich und habe dabei das Gefühl, dass sich nun auch meine letzte Fluchtmöglichkeit in Luft auflöst.
Seit deiner Anmeldung bist du das Gesprächsthema Nummer eins. Tut mir echt leid, aber alle sind schon ganz neugierig und gespannt. Endlich kommt mal wieder ein Mann, der Bauchtanz lernen möchte.“ Ihre Worte sorgen dafür, dass mir schlecht wird. Ich habe das Gefühl, mich jeden Moment übergeben zu müssen und spüre, wie die Magensäure sich langsam einen Weg nach oben sucht.

Ich heiße übrigens Anja und du kannst mich ruhig duzen. Wir sind ein lockerer Haufen und du wirst dich bestimmt schnell bei uns wohlfühlen.“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen und ich ergreife sie stumm, denn mir fehlen die Worte, obwohl sich ihre freundliche Art wirklich gut anfühlt.
Anja öffnet schwungvoll die Tür, während ich mich noch einmal nach Holger umdrehe. Er streckt beide Daumen nach oben und grinst breit.

Na los, rein mit dir“, feuert mich Anja an. Ich hole tief Luft und folge ihr mit zittrigen Beinen.
Der Vorraum ist groß und hell. An den Wänden hängen Bilder von Tänzerinnen. Ein riesiges Bild von Kadir zieht meinen Blick an. Er befindet sich mitten in einer Drehung und es sieht so perfekt aus, dass ich das Gefühl habe, er springt gleich aus dem Rahmen und tanzt vor mir weiter. Das hellgrüne Kostüm, das er auf dem Bild trägt, gefällt mir besonders gut. Er sieht damit so unglaublich sexy aus. Ob mir so etwas auch steht? Kopfschüttelnd drehe ich mich um. Hinter einem Tresen telefoniert eine junge Frau, die Anja freudig zuwinkt.

Wir können gleich zusammen hoch gehen. Du bist ja schon angemeldet und Kadir geht am Anfang des Kurses die Teilnehmerliste ohnehin noch einmal durch.“
Wir gehen eine Treppe nach oben. Anja biegt nach links ab und ich folge ihr, während mein Herz immer heftiger klopft.
Hier kannst du dich umziehen. Der Trainingsraum ist dort drüben.“, erklärt sie mir, während sie eine Tür öffnet.
Danke“, murmle ich und betrete den Raum.
Viel Spaß!“, sagt sie fröhlich und zwinkert mir zu.

Zuerst marschiere ich rastlos durch das Zimmer, dann sehe ich aus dem Fenster. Holgers Auto parkt noch immer am Straßenrand. Ich weiß, dass er auf mich warten wollte, aber insgeheim habe ich gehofft, dass er fährt, sobald ich im Inneren des Gebäudes verschwunden bin. Unbemerkt zu fliehen, kann ich wohl vergessen. Trotzdem ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass er da ist.

Ich bin hier! Nach all der Zeit, habe ich es bis hierher geschafft. Nun will ich den Rest auch, will endlich wissen, wie es ist, wie es sich anfühlt … Ich will Kadir tanzen sehen, aber vor allem selbst tanzen. Nur einmal vor so einem großen Spiegel stehen und richtig viel Platz haben. Keine Angst verspüren, dass mich meine Eltern entdecken, oder ich mich bei einer Drehung am Bett oder dem Schrank stoße.

Entschlossen ziehe ich mich um. Die enge, schwarze Sporthose, das weiße Shirt. Die goldenen Münzen des Hüftgürtels klimpern leise, als ich ihn aus der Tasche nehme. Ich habe ihn vor drei Jahren heimlich während des Urlaubs in Tunesien gekauft. Meine Großeltern wohnen in der Nähe von Qurba und wir waren alle zusammen auf einem großen Bazar. Zuerst bin ich um etliche Stände herumgeschlichen, dann hatte ich endlich den Mut, aber der Verkäufer hat mich so merkwürdig angesehen, dass ich behauptet habe, es wäre ein Geschenk für eine Freundin. Ich halte ihn in der Hand, betrachte versonnen den glänzenden Stoff und spüre eine unbändige Aufregung in mir.

Meine Beine zittern noch immer, als ich den Tanzsaal betrete.
Hallo“, krächze ich unnatürlich hoch und sofort richten sich alle Blicke neugierig auf mich. Ich zähle sieben Frauen und kann mich nicht entscheiden, ob ich mich zu ihnen stellen soll, oder mich lieber allein auf die Bank setze. Meine Beine wären sicherlich für die Bank, denn ich habe das Gefühl, dass sie mich keine Sekunde länger tragen, doch ich will mich auch nicht gleich am Anfang ins Abseits befördern.
Noch ehe ich eine Entscheidung treffen kann, geht die Tür erneut auf und Kadir kommt mit schnellen Schritten herein.

Guten Tag“, ruft er fröhlich und stellt sich in die Mitte des Raums. Seine Präsenz ist in der Realität noch viel eindrucksvoller, als in den unzähligen Videos, die ich mir angesehen habe. Nicht nur ich bin sofort von seinem Charisma gefangen, auch die Frauen betrachten ihn mit glänzenden Augen.
Dann wollen wir anfangen. Mein Name ist Kadir, was vermutlich niemanden überraschen wird. Ich werde euch in den nächsten Wochen einige Grundlagen des orientalischen Tanzes beibringen, sodass wir am Ende eine kleine Choreographie tanzen können. Für alle, die danach noch nicht genug haben, empfehle ich den Kurs für Fortgeschrittene. Natürlich suche ich auch immer Nachwuchs für meine Tanzgruppe. Wer also Spaß an Auftritten und noch mehr und härterem Training hat, kann sich gern bei mir melden.“ Kadir schaut erwartungsvoll in die Runde, während die Frauen aufgeregt tuscheln. Als sein Blick bei mir hängen bleibt, zwinkert er mir zu und klatscht begeistert in die Hände.
Ich freue mich, endlich wieder einen Mann in der Runde begrüßen zu können“, sagt er und reicht mir die Hand. Ich bin verdammt aufgeregt und bekomme natürlich kein Wort heraus. Meine Hände sind feucht, sodass ich mich kaum traue, den Gruß zu erwidern. Kadir ist deutlich größer, als ich erwartet hatte und er riecht unglaublich gut. In den Videos wirkt er eigentlich gar nicht so groß.

Kein Grund, schüchtern zu sein. Ich beiße nicht“, raunt er mir lächelnd zu. Der vertrauliche Tonfall macht es mir nicht leichter und kurz blitzt der Gedanke auf, dass das alles hier ein riesengroßer Fehler ist und ich besser verschwinden sollte. Allerdings scheinen meine Beine anderer Meinung zu sein, denn sie bewegen sich nicht von der Stelle. Einzig die Hoffnung, dass ich die Stunde irgendwie überleben werde und dann das Tanzen für immer aus meinem Leben verbannen kann, bringt mich dazu, aufrecht stehen zu bleiben.

Dann lasst uns anfangen“, ruft Kadir fröhlich und geht zur Musikanlage, die neben den bodentiefen Fenstern steht. Ich starre ihm hinterher, bin fasziniert davon, dass sich ein Mann so kraftvoll und gleichzeitig so weich und geschmeidig bewegen kann. Er ist ein großartiger Tänzer und erneut überfluten mich Zweifel. Wieso habe ich mich nur von Holger überreden lassen?

Ich würde euch zuerst gern den Tanz zeigen, an dem wir die nächsten Wochen arbeiten werden“, durchdringt er meine wirren Gedanken. „Dann kommt ein kurzes Warm up und anschließend beginnen wir mit den ersten einfachen Bewegungen. Wir hangeln uns dabei an der Choreo entlang. Habt ihr vorab noch irgendwelche Fragen?“
Erwartungsvoll sieht Kadir in die Runde, die ebenso gespannt zurückschaut. Ich habe tausende Fragen, aber mein Kopf ist vollkommen leer und alles, woran ich denken kann, ist die Tatsache, dass Kadir gleich tanzen wird. Hier, vor mir … Es ist viel mehr als ein Traum, ich kann dieses merkwürdige Gefühl in mir gar nicht beschreiben.

Die Musik setzt ein und mit traumwandlerischer Sicherheit beginnt Kadir seinen Unterkörper zu den hämmernden Stakkatoklängen zu bewegen. Bereits bei den ersten Takten erkenne ich das Lied. Ich habe das Video dazu schon so oft im Internet gehört und versucht, die Bewegungen von Kadir nachzuahmen. Im Grunde kenne ich jede Einzelheit und meine Beine beginnen von ganz allein.
Genau, tanzt doch einfach mit“, sagt er lachend, als er mein Gezappel im Spiegel sieht. Ich stocke, und weiche seinem Blick verschämt aus.
Noch nie war ich in einem Raum, mit einer komplett verspiegelten Wand. Es ist merkwürdig, mich selbst zu beobachten und gleichzeitig zu sehen, was die anderen machen. Ich fühle mich unbeholfen und steif, seltsam fremd und kann gleichzeitig eine gewisse Faszination nicht leugnen. Es ist die Musik, die mich von meinem Spiegelbild ablenkt, mich gefangen nimmt und dafür sorgt, dass ich die Augen schließe, meine Hüften kreisen lasse, die Arme bewege und die Welt um mich herum vergesse.

Auf einmal ist es unglaublich still. Das Lied ist zu Ende und ich öffne vorsichtig die Augen. Das Herz schlägt laut in meiner Brust und ich würde mich gern in Luft auflösen, als mir bewusst wird, dass mich alle anstarren.
Das war großartig!“, ruft eine der Frauen und bricht damit den Bann. Beifall brandet auf und das flaue Gefühl im Magen verstärkt sich noch ein bisschen mehr. Selbst Kadir klatscht und bringt mich damit endgültig aus der Fassung.
Ich würde mich gern am Ende der Stunde mit dir unterhalten“, sagt er, während einige der Frauen aufgeregt auf mich einreden. Ich verstehe kein Wort und selbst wenn … ich bin gar nicht in der Lage, irgendetwas darauf zu erwidern.
Okay“, sage ich verspätet und sehe Kadir an. Er lächelt und wendet sich dann wieder den anderen zu.

Den Rest der Stunde bekomme ich kaum mit. Ich tanze, wiederhole die Schritte, die Kadir mit viel Geduld zeigt, lerne, wie sich bestimmte Bewegungen zusammensetzen und erkenne, dass man nicht alles im Internet durch bloßes Angucken lernen kann. Am Ende bin ich vollkommen berauscht und ich frage mich, wieso ich nicht schon viel früher zur Tanzschule gegangen bin. Auch den Frauen scheint es nicht anders zu ergehen. Mit einem begeisterten Applaus beenden wir die Stunde und schlagartig setzt das mulmige Gefühl wieder ein, denn Kadir wollte ja noch mit mir reden.

Also gut“, sagt er und deutet mir an, mich neben ihn auf die Bank zu setzen. Nervosität übermannt mich und Hitze bringt meine Wangen zum Glühen. Ich weiß nicht, wohin ich gucken soll, bin so ungeschickt, dass ich mich beinahe neben die Bank setze. Kadirs leises Lachen deutet darauf hin, dass er mein Missgeschick mitbekommen hat. Das macht die Situation wirklich nicht besser. Nervös knete ich meine Finger und warte darauf, dass er zu reden anfängt.
Medhi, richtig?“, erkundigt er sich und wieder kann ich nur nicken.
Du bist aber nicht stumm, oder so?“ Er sieht mich grinsend an und ich … schüttle den Kopf, denn ich bin mir sicher, dass nicht mehr als ein peinliches Krächzen aus meinem Mund kommen wird.
Das beruhigt mich. Hm, dann willst du nicht mit mir reden?“
Doch“, nuschle ich und spüre das Kratzen in meinem Hals.
Du hast wirklich gut getanzt. Viel zu gut, für einen Anfängerkurs. Wo hast du das gelernt?“
Ich … habe mir deine Videos angesehen und ein paar Filme meiner Mutter“, murmle ich. Ich bin mir nicht sicher, ob Kadir mich überhaupt versteht, denn er sieht mich fragend an.
Es ist … Ich habe bisher noch niemandem davon erzählt, dass ich mich für Bauchtanz interessiere, außer Holger, der hat mich sozusagen gezwungen, hierher zu kommen und mich für den Kurs anzumelden. Bisher habe ich immer heimlich geübt“, erkläre ich und fühle, wie mein ganzes Gesicht zu brennen beginnt.
Dann ist es ja noch erstaunlicher, du bist unglaublich gut. Ein Naturtalent, wie mir scheint“, erwidert Kadir freudig. Ich zucke nervös mit den Schultern, weiß nicht, wie ich auf seine Worte reagieren soll.
Auf jeden Fall bist du für den Anfängerkurs zu gut. Was dir an Technik fehlt, das kann ich dir in diesem Kurs nicht beibringen. Den Tanz kannst du fast besser als ich und davon abgesehen, macht es keinen Sinn für ein Training zu bezahlen, das dir am Ende kaum einen Fortschritt bringt.“
Aber das stimmt doch nicht“, falle ich ihm ins Wort. Will er mich etwa aus dem Kurs werfen? „Ich habe heute total viel gelernt und es hat mir Spaß gemacht und ...“
Das freut mich, aber ich glaube, du brauchst etwas anderes. Ich hätte dich gern in meinem Tanzensemble. Ehrlich gesagt, suche ich schon eine ganze Weile nach einem zweiten Mann, ich habe ein paar neue Ideen im Kopf, die ich gern ausprobieren würde. Nur leider gibt es hier in Deutschland nicht so viele Männer, die Lust am Tanzen haben.“

Es dauert eine ganze Weile, bis ich seine Worte begreife, dann schüttle ich entsetzt den Kopf. „Das kann ich bestimmt nicht … also, ich meine … Wieso ausgerechnet ich?“
Was für eine Frage. Du stolperst hier in meinen Anfängerkurs und tanzt, als hättest du dein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht. Ich bin schon eine ganze Weile dabei, gebe überall auf der Welt Unterricht und mir ist noch niemand begegnet, der sich ein paar Videos angeguckt hat und dann so tanzt.“
Ich beiße mir auf die Unterlippe und möchte am liebsten vor Scham im Boden versinken.
Das war übrigens ein Kompliment“, behauptet Kadir und stupst mir gegen den Arm. „Wie sieht es aus? Willst du es nicht wenigstens mal probieren? Komm doch am Donnerstag zum Training und dann sehen wir, ob es funktioniert.“
Ich sehe Kadir zweifelnd an und frage mich, ob das alles ein merkwürdiger Traum ist und ich in Wirklichkeit in meinem Bett liege oder schlimmstenfalls noch immer bei Holger im Auto sitze.
Sag schon ja“, lässt er nicht locker und ich stimme zögerlich zu.



Kommentare:

  1. Wie schön Karo <3. Etwas von dir, etwas von Kadir und zwei herumeiernde Kerle von denen einer tanzt... *freudigindieHändeklatschen*

    Oh jajajajajaja


    Siggi

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  2. Ich freue mich schon auf das Ebook!
    Liebe Grüße
    Birgit

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  3. Wow schön mal wieder was von Kadir zu lesen. Hatte schon Entzugserscheinungen und Arabische Nächte schon mehrmals verschlungen. Der Anfang macht jedenfalls LUST auf viel viel mehr.

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