Donnerstag, 19. Juni 2014

Kurzgeschichte "(Un)Glück"

 Für alle, die sich vielleicht gewundert haben, dass die Geschichte plötzlich weg war ... ich habe einige Stellen überarbeitet. Es ist nicht immer leicht, das Richtige zu tun oder die richtigen Entscheidungen zu treffen. Manchmal wird man von Geschehnissen überrascht, die man nicht erwartet hat und die einen den Boden unter den Füßen wegzieht. Ich musste darüber nachdenken, wie es für mich weitergehen soll, ob es überhaupt weitergehen kann. Bedeutet mir das Schreiben genug, um die Angriffe anderer aushalten zu können? Ich dachte zuerst, dass ich es nicht schaffen würde, aber es ist gut, ein paar echte Freunde und Kollegen zu haben, denen man vertrauen kann.
Ich liebe es, zu schreiben, ich denke mir gern Geschichten aus und ich freue mich, wenn ich Euch damit unterhalten kann.
Es gäbe so viel, was ich in diesem Zusammenhang noch sagen bzw. schreiben könnte, aber ich mache es nicht, wünsche Euch stattdessen einfach nur viel Spaß mit dieser kleinen Geschichte, die im übrigen bei Sissis erstem Wettbewerb gewonnen hat.
Das macht mich unglaublich stolz!
Mittlerweile gibt es einen zweiten Wettbewerb, ebenfalls zum Thema HIV/Aids.
Ihr könnt ihn hier finden und ich werde natürlich auch wieder mitmachen.
Allerdings muss ich mich ziemlich beeilen :-)

Ach ja ... auf meinem blog gehen alle Kommentare von Euch sofort online. Bisher hatte ich noch nicht das Pech Spam oder unseriöse Bilder geschickt zu bekommen. Ich habe noch nie einen eurer Kommentare gelöscht oder in irgendeiner Weise verändert. Wer hier etwas schreiben möchte, was den Regeln den guten Anstandes entspricht, weder grob beleidigend noch menschenverachtend, nicht rassistisch oder homophob ist, der darf sich gern und zu jedem Post von mir mitteilen.


(Un)Glück
Karo Stein

„Scheiße“, flucht der Kerl hinter mir, während er seinen Schwanz herauszieht. Zuerst will sich Scham in mir breit machen, weil ich seinen Ausspruch wortwörtlich nehme, dann jedoch bemerke ich etwas, was eigentlich nicht sein kann. Erschrocken lasse ich mich nach vorn fallen und drehe mich auf den Rücken. Tatsächlich, er ist nackt! Der verdammte Schwanz meines Fickpartners ist nackt, das Gummi hat sich wie ein Cockring an der Wurzel zusammengerollt. Ich schließe die Augen und öffne sie fassungslos, als ich bemerke, wie sein Saft aus meinem Arsch rinnt.

„Fuck“, murmle ich.
Bisher hatte ich noch nie Sex ohne Gummi. Eigentlich hatte ich diese wunderbar kitschige Vorstellung, dass sich irgendwann der Richtige finden würde, jemand, den ich lieben würde und mit dem ich fest zusammen wäre. Wir würden gemeinsam einen HIV- Test machen und danach mit Sekt und Sahne und was weiß ich nicht alles, unser erstes Mal bareback zelebrieren. Jetzt hat mir dieser fremde Kerl, dessen Name mir gerade nicht einfällt, meine wunderbare Illusion geklaut.

„Mist“, nuschle ich, setze mich auf und fahre mir durch das verschwitzte Haar.
„Ich muss dir was sagen“, brummt mein Gegenüber verlegen.
„Ich sehe und spüre, dass das Gummi gerissen ist“, erwidere ich und grinse ihn schief an. Er ist ziemlich hübsch und vielleicht könnte das ja der Beginn von irgendetwas sein. Er knabbert nervös auf seiner Unterlippe herum. Die Geste beunruhigt mich. Vermutlich ist er vergeben und will mir jetzt erzählen, dass er eigentlich nur mit seinem festen Freund ohne Gummi rummacht. Tja, da hat er jetzt Pech gehabt.

„Hm … also … ich bin positiv“, stottert er und kratzt sich am Kopf.
„Wie, positiv?“, erkundige ich mich erstaunt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich seine Worte richtig verstanden habe. Positiv ist doch eigentlich kein Synonym für in festen Händen.
„Positiv eben. HIV … Aids … okay, von Aids bin ich noch weit entfernt, aber … “
„Du bist HIV- positiv?“, brülle ich ihn an und springe aus dem Bett. Sein Saft läuft mir am Bein entlang. Erstarrt sehe ich nach unten. Verseucht … das Zeug ist verseucht und es ist in meinem Körper.
„Kein Grund zur Panik, es ist nicht so schlimm, denn ich bin schon seit einiger Zeit stabil unter der Nachweisgrenze. Die Gefahr einer Ansteckung ist extrem gering. Es gibt nur einen nachgewiesenen Fall auf der Welt, wo ...“
„Ich verstehe kein Wort!“, fahre ich ihn unwirsch an. „Und mich interessiert auch nicht, was du da sagst. Du bist eine verdammte AIDS-Schwuchtel und du sagst mir vorher nichts davon. Du fickst mich, ohne mir etwas davon zu sagen?“
Ich stürze mich wütend auf ihn, aber weiche sofort zurück, denn ich will ihn auf gar keinen Fall anfassen.

„Ich muss das nicht jedem auf die Nase binden“, behauptet er und verschränkt die Arme vor der Brust. „Wir wollten beide nur eine schnelle Nummer. Wir haben ein Gummi benutzt und obendrein sage ich dir gern noch mal, dass ich unter der Nachweisgrenze bin.“
„Ich scheiße auf deine Nachweisgrenze. Was soll das überhaupt sein?“ Tränen steigen mir in die Augen. Panik erfasst mich, raubt mir die Luft zum Atmen. Was soll ich denn jetzt machen? Das Zeug ist in mir, wird vermutlich bereits munter von meinen Darmwänden absorbiert. Ich hatte doch noch so viel vor im Leben, ich will dieses verdammte Virus nicht in mir haben. Ich renne kopflos aus dem Zimmer. Duschen, vielleicht hilft es, wenn ich der Analdusche das Zeug aus mir rausspüle.
Der Kerl läuft mir hinterher.

„Ich verstehe deine Panik. Ich bin auch gerade ziemlich geschockt. Damit war doch nicht zu rechnen. Klar können Gummis theoretisch platzen, aber ich habe das noch nie erlebt. Wir haben es auch nicht besonders wild getrieben. Es war doch eher … kuschlig und schön und …“
„Halt dein Maul“, fahre ich ihn an und will nicht, dass er das wahnsinnig schöne Gefühl in mir heraufbeschwört, was sich vor einigen Minuten noch in mir breit gemacht hat. „Halt deinen Scheißmund. Ich habe dein Scheißsperma in meinem Arsch und ich … Scheiße!“
Er kommt auf mich zu, packt mich am Arm und zwingt mich, ihn anzusehen.

„Das waren aber ziemlich viele Fäkalausdrücke in nur einem Satz.“, brummt er.
„Das war nicht nur ein Satz...“, knurre ich. Jetzt weiß ich wieder, warum ich diesen Kerl mit nach Hause genommen habe. Er hat diese unglaublich schönen Augen. Dunkelbraun und samtig. Selbst hier, im grellen Badezimmerlicht, sehen sie wie dunkle Schokolade aus. Dazu die vollen und weichen Lippen, die dunkelrot von unseren Küssen glänzen. Ich war fasziniert von ihm, seitdem ich ihn im Club gesehen habe. Dass er sich auch für mich interessieren würde, erschien mir am Anfang absolut unwahrscheinlich. Nur an den Namen kann ich mich im Moment nicht erinnern. Es kommt mir gerade alles vor, als würde es schon Ewigkeiten zurückliegen. Schlagartig wird mir wieder bewusst, was passiert ist und die Faszination weicht einem grauenvollen Entsetzen.
„Wir duschen jetzt, dann ziehen wir uns an und fahren ins Krankenhaus.“, sagt er bestimmend. Seine Stimme klingt seltsam beruhigend. Krankenhaus klingt doch gut, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ein Arzt machen sollte. Ich nicke, schiebe mich in die Duschkabine und starre ihn entsetzt an, als er sich neben mich stellt.

„Geht schneller“, kommentiert er und dreht das Wasser an.
Mein Kopf ist vollkommen leer. Nur diese drei Buchstaben schwirren darin herum: HIV!
„Ich habe gelesen, dass es nicht keinen Unterschied macht, ob man das Sperma herausspült. Aber wenn du willst...“ Er deutet auf den Aufsatz, der neben der Flasche mit dem Duschgel liegt und meine Wangen fangen an zu brennen. Er glaubt doch nicht wirklich, dass ich mir das Ding in seinem Beisein in den Arsch schieben würde? Ich schüttle den Kopf, presse stattdessen möglichst unauffällig und hoffe, dass das Zeug so aus mir heraus läuft.

Kurze Zeit später verlässt er die Kabine, nimmt sich ein Handtuch vom Regal und trocknet sich ab. Ich bleibe unter dem fließenden Wasser, habe das Gefühl, mich nie wieder bewegen zu können. Vielleicht, wenn ich nur lang genug warte …Vielleicht haben die Viren dann keine Chance, werden vom Wasser einfach weggespült … Der naive Gedanke lässt mich aufseufzen und treibt mir erneut die Tränen in die Augen. Weggespült? Das geht nie wieder weg. Ich will nicht sterben … nicht so. Ich hatte doch noch so viel vor … All meine Pläne - zerstört wegen des verdammten Gummis und dieses Kerls. Wie konnte er mir das nur antun?

„Komm Anton, je eher wir da sind, umso besser. Sauberer wirst du wahrscheinlich auch nicht.“
Macht er etwa Witze? Wagt er es tatsächlich, in diesem Moment Witze zu machen?
„Macht dir das Spaß, anderen Leuten das Leben zu zerstören? Ist das deine Mission? Gehst du auf die Suche nach Kerlen und freust dich, wenn es klappt, wenn du wieder einen reingelegt hast?“, schreie ich ihn an, während ich mit einem Handtuch wütend meinen Körper trocken rubble.
„Wir sollten jetzt los, also zieh dir was an!“, erwidert er tonlos und ohne auf meine Anschuldigungen einzugehen. Ich bewundere seine Geduld, auch wenn sie mich im Moment eher rasend macht. Obendrein kennt er sogar meinen Namen. Ich grüble, ob mir seiner nicht doch noch einfällt. Das ist doch schließlich das Mindestmaß an Informationen, dass man sich mitteilen sollte, bevor man in die Kiste springt. Es ist nur wenigen Männern vorbehalten, namenlos und spontan One Night Stands zu haben. Ich gehöre definitiv nicht dazu. Also bemühe ich die wenigen Gehirnzellen, die nicht unter Schock stehen, aber es will mir kein Name einfallen.

Als ich das Schlafzimmer betrete, ist er bereits angezogen. Ich starre das Bett an, auf dem wir bis vor ein paar Minuten noch so viel Spaß hatten. Reicht diese kurze Zeit wirklich, um das ganze Leben zu ruinieren, um alle Pläne, Hoffnungen und Wünsche zunichte zu machen? Es war doch schön … der Sex, die Zärtlichkeiten, das Küssen. Für einen Moment hatte ich sogar gehofft, dass mehr daraus werden könnte. Es hat sich definitiv nach mehr angefühlt. Was bin ich nur für ein Idiot! Ich schüttle über mich selbst den Kopf und sehe ihn an.

„Was mache ich denn jetzt?“, frage ich deprimiert und presse die Lippen fest zusammen.
„Du springst jetzt endlich in deine Klamotten und dann fahre ich dich in die Klinik. Die haben einen HIV- Stützpunkt und dort ist mit Sicherheit jemand, der sich auskennt und der dir sagt, was zu tun ist.“
„Aber ...“
„Kein aber … zieh dich an, Anton.“ Er kommt auf mich zu, nimmt mein Shirt und zieht es mir über den Kopf. Fand ich seine Nähe nicht noch vor wenigen Momenten berauschend und wunderbar? Jetzt macht sie mir Angst. Ich habe so große Angst, dass sich mein Magen krampfhaft zusammenzieht und mir obendrein schwindelig wird. Seine Hand streift meinen Bauch und eine seltsame beruhigende Wärme geht von dieser kurzen Berührung aus. Wieso fühlt es sich so gut an? Er soll mich nicht anfassen.
„Hau endlich ab“, brumme ich und gehe einen Schritt nach hinten.
„Ich bringe dich in die Klinik. Wenn wir mit dem Arzt geredet haben, verschwinde ich, okay? Bis dahin wirst du mich allerdings nicht los.“

Ich möchte nicken, denn ich will ihn nie wieder in meinem Leben sehen. Leben? Was für ein Leben denn? Er hat es mir gerade geklaut, mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Schweigend starre ich ihn an und wünsche mir, dass es nur ein beschissener Alptraum ist, aus dem ich gleich erwache.
Ich weiß nicht, wie ich in die Klinik gelange. Erst der seltsame Geruch nach Desinfektionsmittel weckt mich aus meiner Starre. Der Typ führt mich am Arm einen langen Gang entlang. Meine Beine bewegen sich von allein, auch wenn ich nicht weiß, wieso und wohin und ….

„Ich habe deinen Namen vergessen“, platzt es zusammenhanglos aus mir heraus. „Ich versuche mich die ganze Zeit daran zu erinnern, aber er fällt mir nicht ein. Du hast ihn mir doch gesagt, oder?“ Ich sehe ihn fragend an. Er grinst und schüttelt den Kopf. Die dunklen Locken wippen fröhlich dabei. Sie haben sich so gut zwischen meinen Fingern angefühlt. Hatte ich wirklich zugelassen, dass ein Kerl, dessen Namen ich nicht mehr weiß, seinen Schwanz in meinen Arsch versenken darf? Trotz aller Anonymität sollte man doch wenigstens den Namen preisgeben. Man sieht sich, findet sich heiß und dann … Trotz aller Geilheit bin ich doch immer vorsichtig gewesen. Egal, ob passiv oder aktiv, ohne Gummi läuft gar nichts. Ich blase, aber ich schlucke nicht. Hatte ich seinen Schwanz im Mund gehabt? Ich weiß es nicht. Es ist wie ein dunkler Nebel, nur dieses eine Bild hat sich in mein Gehirn gebrannt. Sein nackter Schwanz mit dem zusammengerollten Kondom. Und über allem schweben die drei Buchstaben …

„Hörst du mir zu?“, reißt er mich aus meinen panischen Gedanken.
„Was?“
„Die Schwester möchte deine Krankenkarte.“ Ich runzle fragend die Stirn, aber dann wird mir bewusst, dass wir vor einer Art Tresen stehen, hinter der eine kleine blonde Frau mich kritisch mustert.
„Hat er irgendwelche Drogen genommen?“, fragt sie. Ihr Tonfall erscheint mir irgendwie aggressiv und sorgt gleichzeitig dafür, dass ich laut lachen möchte.
„Ich glaube nicht“, antwortet der Typ. Hatte er mir seinen Namen mittlerweile genannt und ich habe ihn schon wieder vergessen?
„Er wirkt so weggetreten“, stellt sie nüchtern fest und ich muss mich zusammenreißen, um nicht doch noch laut zu lachen.
„Ich vermute, er steht unter Schock. Wer konnte schon damit rechnen, dass das Kondom reißt“, plaudert er unsere Sexkatastrophe aus. Sie grinst und ich spüre, wie meine Wangen nun vor Scham zu glühen beginnen.
„Deine Karte“, fordert er mich erneut auf. Ich hole mechanisch mein Portemonnaie heraus. Meine Finger zittern und ich brauche mehrere Versuche, bis ich das Plastikding endlich zu fassen bekomme.
Der Kerl schiebt mich zu einem der Stühle und drückt mich nach unten.

„Wir werden gleich aufgerufen. Übrigens heiße ich Rigo.“ Er setzt sich neben mich und schnappt sich eine Zeitschrift. Wie kann er nur so ruhig bleiben? Natürlich, er ist ja bereits infiziert. Ihm kann nichts mehr passieren. Erneut überfällt mich dieses ohnmächtige Gefühl.
„Wir sind dran. Steh auf, Anton.“ Wieder packt er meinen Arm. Ich komme mir wie eine Marionette vor und verspüre so etwas wie Dankbarkeit, dass Rigo anscheinend genau weiß, was zu tun ist.
Als mir der Arzt die Hand schüttelt, erwache ich aus meiner Starre. Das Zimmer, der Geruch, die Bilder an den Wänden … Ich will das alles nicht wahrnehmen.

„Das Schwein hat mich infiziert“, bricht es aus mir heraus. „Er hat mich angesteckt mit AIDS und jetzt …“
„Nun mal langsam“, beruhigt mich der Arzt und sein merkwürdiger Akzent bringt mich dazu, auf sein Namensschild zu schauen. Allerdings kann ich den Namen nicht lesen, denn die Buchstaben scheinen eine wirre Aneinanderreihung von C und Z zu sein.
„Das Kondom ist geplatzt“, mischt sich Rigo ein. „Ich bin HIV-positiv, aber unter der Nachweisgrenze.“
„Da hören Sie es. Er fickt in der Gegend herum wie eine verdammte AIDS- Schleuder.“
„Beruhigen Sie sich doch“, meint der Doc und sieht mich streng an. „Positiv bedeutet nicht AIDS, das dürfte Ihnen doch klar sein.“
„Im Moment ist mir gar nichts klar. Ich weiß nur, dass sein Sperma in meinem Hintern war … ist … keine Ahnung...“
„Sie sind also in Behandlung? Welche Medikamente nehmen Sie“, wendet sich der Arzt an Rigo.

Er antwortet und ich verstehe kein Wort. Der Arzt nickt, stellt weitere Fragen und auch die beantwortet Rigo ruhig und problemlos. Er nennt eine Zahl, redet erneut von dieser Nachweisgrenze. Der Arzt macht sich einige Notizen, dann wendet er sich an mich.
„Bei diesen Werten brauchen Sie eigentlich keine PEP. Ihr Sexpartner nimmt seine Therapie sehr ernst, steht unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle und die Werte sind im Grunde perfekt. Er ist nicht ansteckend. Trotzdem verstehe ich, dass Ihnen das vermutlich nicht als Sicherheit reicht. Das Problem beim Sex mit unbekannten Partnern ist nun mal das fehlende Vertrauen. Wenn Sie sich mit einer PEP wohler fühlen, dann verschreibe ich Ihnen die Medikamente dafür.“
„Ich verstehe kein Wort“, flüstere ich.
„Die Postexpositionsprophylaxe ist eine kurzfristige antiretrovirale Behandlung, um die Infektion mit HIV zu verhindern. Dazu müssten Sie vier Wochen lang entsprechende Medikamente nehmen.“
„Und dann bekomme ich kein HIV?“, erkundige ich mich und sehe den Arzt sprachlos an.
„Die Chancen stehen sehr gut, aber letztendlich kann nur ein Test darüber Aufschluss geben. Wie sieht es überhaupt mit ihrem Status aus?“
„Ich lasse mich regelmäßig testen, habe niemals Sex ohne Kondom, kann mich auch sonst an keine gefährliche Situation erinnern. Ich bin immer vorsichtig und umsichtig und...“
„Nun ja, ein Kondom kann immer reißen ober verrutschen“, unterbricht er mich und sieht mich streng an.
„Das weiß ich jetzt auch“, brumme ich und spüre erneut die Panik in mir aufsteigen.
„Es sieht folgendermaßen für Sie aus. Nach dem Stand der Medizin und dem, was mir Herr Schneider erzählt hat, besteht für Sie grundsätzlich keine Gefahr. Natürlich sollten Sie sich in drei Monaten testen lassen, damit wir ihren Status klären können. Aber ich verstehe die besondere Situation und manche Menschen fühlen sich wohler, wenn sie aktiv sein können. In diesem Fall sollten sie die Medikamente nehmen. Allerdings sollte Ihnen bewusst sein, dass die nächsten Wochen kein Kinderspiel sein werden. Grundsätzlich übernehmen die Krankenkassen die Kosten. Es kann allerdings sein, da sie nicht akut unter die Vorsorgemaßnahme fallen, dass sich die Kasse das Geld im Nachhinein doch noch zurückholt. In diesem Fall müssten Sie mit ungefähr 1000 Euro rechnen.“

Ich schlucke, starre den Arzt und dann Rigo an. „Das ist deine Schuld“, fluche ich und würde ihm am liebsten eine reinhauen. Gleichzeitig fühle ich mich vollkommen hilflos.
„Die Kosten sind kein Problem“, sagt der Mistkerl zu mir. „Die kann ich im Ernstfall übernehmen. Überleg dir lieber, ob du dir das wirklich antun willst. Das wird wirklich nicht leicht.“
„Ich will diese verdammten Tabletten“, knurre ich.

Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich mich womöglich anders entschieden. Ich liege auf meinem Bett und fühle mich so elend, wie noch nie in meinem Leben. In den letzten Tagen pendle ich ausschließlich zwischen Bad und Bett hin und her. Dabei entscheidet sich mein Körper eher kurzfristig, ob ich den Kopf oder in den Hintern in die Kloschüssel hängen muss. Ich bin müde, vollkommen erledigt und … Rigo ist die ganze Zeit an meiner Seite.

Ich öffne mühsam die Augen und tatsächlich … Er sitzt in meinem Lieblingssessel, ein uraltes und riesiges Ding, das ich von meinem Opa geerbt habe, und liest.
„Wie spät ist es?“, frage ich mit rauer Stimme.
Wir sehen uns an. Er lächelt, legt das Buch beiseite und kommt auf mich zu. Vor dem Bett kniet er sich hin und streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht.
„Es ist Nachmittag. Willst du was trinken?“
Ich nicke, denn meine Kehle fühlt sich ausgetrocknet an, obwohl ich am liebsten auf jede Art von Nahrungsaufnahme verzichten möchte. Es bleibt ja eh nicht lange in mir drin. Der Arzt meint, dass ich erstaunlich heftig reagiere. Ich wäre ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen, aber Rigo hat mich zurückgehalten. In den wenigen Momenten, in denen mein Gehirn zur Arbeit bereit ist, frage ich mich, was das mit uns ist. Bleibt er nur, weil er ein schlechtes Gewissen hat und wird er verschwinden, wenn das alles hier überstanden ist? Will ich überhaupt, dass er geht?

Der Tee rinnt warm durch meine Kehle. Ich trinke gierig, habe das Gefühl kurz vor dem Verdursten zu sein.
„Nicht so schnell“, bremst er mich aus und nimmt die Tasse von meinen Lippen. „Es soll doch drin bleiben.“ Er zwinkert mir zu und ich versinke in seinen Augen.
„Mir geht es schon viel besser“, murmle ich und ziehe die Tasse zurück an meinen Mund.
„Du siehst heute auch schon besser aus.“
Darauf erwidere ich nichts, denn ich weiß, wie ich aussehe. Eigentlich müsste er schreiend weglaufen bei meinem Anblick. Ich würde es tun … ich habe es sogar getan … Na ja, zumindest habe ich ein Handtuch vor den Spiegel gehängt.

Rigo setzt sich zurück in den Sessel und nimmt das Buch wieder zur Hand.
„Was liest du denn?“, erkundige ich mich neugierig. Er zeigt es mir grinsend und ich fange an zu lachen. „Ist nicht dein Ernst? Du stehst auf Liebesromane?“
„Ein bisschen“, gibt er leise zu und ich bilde mir einen leichten Rotschimmer auf seinen Wangen ein.
„Liest du mir was vor?“, bitte ich und halte die Luft an, weil ich mir nicht sicher bin, was er darauf antworten wird.
„Okay, aber ich muss dich warnen. Der Autor wusste anscheinend nicht so richtig, was er noch schreiben sollte und hat den Text mit unendlich vielen Sexszenen aufgefüllt.“
„Du liest einen Porno, während ich hier neben dir leide?“, erkundige ich mich grinsend.
„Na ja, ich hatte keine Ahnung, dass die Geschichte so sein würde. Kommt mir irgendwie wie copy und paste vor, aber ist ganz unterhaltsam.“
„Also liest du mir was vor, damit ich auch ein bisschen Porno habe?“

Rigo sieht mich eine Weile schweigend an, dann beginnt er zu lesen. Ich schließe die Augen und dämmere erneut weg.
Als ich das nächste Mal erwache, ist es dunkel. Nur eine kleine Lampe leuchtet neben dem Sessel. Rigo scheint zu schlafen. Ich betrachte den Mann, der die Schuld an diesen furchtbaren Tagen trägt. Hat er wirklich Schuld? Wir waren doch eigentlich vorsichtig... Kondome können nun mal reißen. Es gibt keine 100%ige Sicherheit. Hätte ich mit ihm geschlafen, wenn ich es vorher gewusst hätte? Vermutlich nicht, dabei ist er wirklich attraktiv und sexy und einfühlsam. Nicht eine Sekunde hätte ich in Erwägung gezogen, dass er positiv sein könnte. Der Sex war perfekt und jetzt ist er ebenso perfekt. Immerhin ist Rigo noch da und passt er auf mich auf. Dabei wollte ich das nicht, habe versucht ihn rauszuschmeißen. Ich wollte diese Sache allein durchstehen und doch bin ich froh, dass er sich nicht hat abwimmeln lassen. Rigos Stärke und Geduld habe ich es wohl zu verdanken, dass ich nicht aufgegeben habe. Vorsichtig steige ich aus dem Bett, gehe auf ihn zu und betrachte den schlafenden Mann. Seine Wimpern liegen über der hellen Haut, sind lang und dicht. Ein leichter Bartschatten ziert sein Gesicht und lässt ihn verwegen aussehen. Die Locken stehen wild ab. Für ihn waren die letzten Tage auch anstrengend, wenngleich er die Möglichkeit gehabt hätte, einfach zu verschwinden.

Sein Mund ist leicht geöffnet. Er schnarcht leise. Ich verspüre den unbändigen Drang, noch einmal von diesen Lippen zu kosten. Könnte man die Zeit nicht zurückdrehen? Alles auf Anfang … vielleicht ein richtiges Date, Kennenlernen, Vertrauen fassen … Hätte ich mit seiner Infektion umgehen können?
„Hey“, sagt er leise und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Oh, ich … wollte dich nicht aufwecken. Tut mir leid“, murmle ich und versuche meinen Blick von ihm abzuwenden.
„Kann ich was für dich tun? Willst du was trinken, oder soll ich dir was zu essen machen?“, erkundigt er sich und legt eine Hand auf meine Wange. Ich schüttle den Kopf, schmiege mich gegen die wunderbare Wärme, die sich tief in mir ausbreitet.
„Willst du dich zu mir legen? Der Sessel ist doch bestimmt nicht besonders bequem und du hast ja auch in letzter Zeit nicht viel geschlafen und ...“
„Wirklich?“
„Ja“
Er folgt mir ins Bett. Zuerst liegen wir starr nebeneinander, dann zieht Rigo mich mit einem Arm näher an sich heran und ich bette meinen Kopf auf seine Schulter. Mein Herz beginnt laut zu pochen und ein seltsam angenehmes Gefühl befällt meinen Bauch.

„Danke“, murmle ich und atme tief seinen Duft ein.
„Nein, ich danke dir … dass ich bleiben durfte und ...“
„Willst du … also würdest du noch länger bleiben wollen?“, erkundige ich mich und halte den Atem an.
„Vielleicht solltest du das erst nach dem Test entscheiden.“
„Nein“, rufe ich vehement und hebe meinen Kopf, um ihn anzusehen.
„Ich will das nicht von einem Testergebnis abhängig machen, sondern … Geh mit mir aus.“, brumme ich und suche nach passenden Worten.
„Du willst ein Date?“, erkundigt er sich erstaunt.
„Warum nicht? Wir könnten Essen gehen … na ja, zumindest falls das Essen irgendwann mal wieder in meinem Magen bleibt … oder Kino oder vielleicht in den Zoo.“
„Ich bin positiv“, erinnert er mich und dämpft meinen Enthusiasmus.
„Ich weiß“, flüstere ich, beuge mich über sein Gesicht und küsse ihn sanft. „Ich weiß das, aber du bist hier und hast mir vorgelesen … Ich würde gern noch mehr von dir kennen lernen. Nicht nur die Abgründe.“
Der Arzt teilt mir wenige Wochen später das negative Testergebnis mit. Er gibt mir noch einige wohlgemeinte Ratschläge, aber ich habe es eilig, denn Rigo wartet im Flur. Ich falle ihm in die Arme und er hält mich so fest, dass ich kaum Luft bekomme. Als ich ihn ansehe, rinnen Tränen über sein Gesicht Ich wische sie weg, lächle und küsse ihn.

ENDE



Kommentare:

  1. Liebe Karo,

    es ist schön, endlich einmal wieder etwas von dir lesen zu können.
    100% Sicherheit hat man nie - dennoch wäre es sicher fairer gewesen, wenn Anton vorher von der Infektion erfahren hätte.
    Das Ende der Geschichte kam für mich etwas abrupt. Schade, ich hätte noch gern ein wenig mehr von der Kennenlernphase gelesen.

    LG
    Martina

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  2. Ich habe mich sehr gefreut wieder etwas von dir lesen zu können. Hatte schon richtig Sehnsucht.
    Sicherlich hätte Rigo Anton vorher von der Infektion erzählen können. Aber seien wir doch mal ehrlich, man bindet nicht gleichen jeden seine großen und kleinen Wehwehchen auf die Nase.
    Ich bewundere Rigo, dass er trotz Anton's heftigen Beleidigungen geblieben ist und ihm beigestanden hat. Anton tat sein Verhalten sicherlich recht schnell Leid.
    Ja, ich stimme meiner Vorgängerin zu, dass ich die Kennenlernphase auch gerne gelesen hätte. Nur hätte das den Umfang einer Kurzgeschichte gesprengt.
    Also danke für die Geschichte und das Happy End für Anton und Rigo.

    LG Piccolo

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