Dienstag, 18. Februar 2014

Bildung, mach dir ein eigenes Bild

Ich bin selbst eine Mutter und natürlich beschäftige ich mich auch mit dem was an den Schulen in unserem Land so los ist …
Werfen wir einen Blick auf die, die für die Pläne zuständig sind, dann wird das Problem schnell klar. Sie sind zu alt, zu festgefahren … Für die Eltern, die protestieren gilt im Grund dasselbe.
Natürlich möchte man als Elternteil nicht wahrhaben, dass die eigenen Kinder eine Sexualität entwickeln … Ja, man möchte sie am liebsten sogar davor bewahren, sie nicht loslassen und sicherlich hat jede Mutter und jeder Vater sich irgendwann mal gewünscht, dass die Kinder wieder klein wären, dass alles nicht so kompliziert wäre … Man wünscht sich seine Babys zurück und nicht den riesigen Kerl, mit dem man über die Benutzung von Kondomen diskutieren soll.
Es ist also eine Urangst, die den Eltern in den Genen steckt (und als Warnung an die Kinder: Es wird euch ebenso ergehen!). Womöglich waren die Proteste nicht weniger deutlich, als es den ersten Aufklärungsunterricht an den Schulen geben sollte.  Als Kind bzw. Jugendlicher sieht man die Dinge allerdings ein wenig anders. Ich bin ja ein DDR- Kind und wir konnten es damals kaum erwarten, in die achte Klasse zu kommen. Nicht nur wegen der Jugendweihe, sondern weil es dann endlich den ersehnten Aufklärungsunterricht in Biologie gab. Keine Ahnung, was wir erwartet hatten, es war jedoch total langweilig, brachte nur wenig neue Erkenntnisse und derjenige, der zufällig ein „Westpornoheft“ hatte, war natürlich begehrter, als die Lehrerin bzw. der Lehrer. Ich kann mich nicht erinnern, dass Homosexualität ein Thema gewesen wäre, aber ich weiß, dass die ganze Klasse gemeinsam in den Film „Coming Out“ gegangen ist. Ein Film, der mich mit meinen 14 oder 15 Jahren extrem beeindruckt hat.
Meine Kinder hatten beide in der Grundschule „Aufklärungsunterricht“. Natürlich ist es in diesem Alter recht schwierig, denn da ist so was furchtbar ekelhaft und eher abschreckend. Sicherlich ist es auch für eine Lehrerin oder einen Lehrer nicht einfach, über dieses Thema zu reden (und je älter, desto schwieriger womöglich) Ich habe auch den Film nicht gesehen, den die Kinder gucken mussten und was da sonst noch so beredet wurde. Ich erinnere mich aber gut daran, dass mein Sohn voller „Wut“ nach Hause kam und meinte, dass wir Frauen es ja so viel besser hätten. Wir müssten schließlich diese Kappe nicht aufsetzen. Ich habe einen Moment gebraucht, um zu verstehen, wovon er geredet hat. Einen weiteren, um den drohenden Lachflash zu unterdrücken (Kappe ist mittlerweile ein geflügeltes Wort in unserer Familie). Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir begriffen, warum er so erbost war. Er dachte tatsächlich, einmal ein Kondom übergestreift und man könnte es nie wieder abmachen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was er für Horrorvisionen hatte …
Über Homosexualität wurde nicht geredet und das hat mich schon traurig gemacht. Nicht, weil ich diese Bücher schreibe, in denen es meist um die Liebe zweier Männer geht, sondern weil ich finde, es gehört einfach dazu. Wir brauchen nicht versuchen, Jugendlichen in der Pubertät davon zu überzeugen, dass sie bitte, bitte nicht homophob sein sollen. Da ist es doch schon fast zu spät. Bereits auf dem Schulhof der Grundschulen wird „schwul“ als Schimpfwort benutzt … und zwar ständig …
Möglicherweise ist vielen der Zusammenhang nicht klar und auch ich mussten lernen, dass „schwul“ und „schwul“ im Verständnis der Kinder nicht unbedingt dasselbe ist. Hier wäre doch ein super Ansatz, um darüber zu reden, spielerisch den Kindern zu zeigen, dass nichts Schlimmes oder Verwerfliches daran ist, wenn jemand schwul oder lesbisch ist.
Aber ich komme vom eigentlichen Thema ab. Machen wir uns nichts vor. Die Zeiten, in denen eine Familie aus Mutter, Vater, Kind(er) bestand und Mutter und Vater verheiratet waren, sind längst vorbei. Jemand, der die Ehe für über alle Maßen schützenwert hält, gehört eindeutig nicht in dieses Jahrtausend. Ich bin verheiratet, aber nicht, weil meine Umwelt es gefordert hat, oder weil ich Angst vor einem Leben in Sünde hatte. Mein Mann und ich wollten es … es war für uns richtig, so wie es für viele andere nicht richtig oder erstrebenswert ist. Nicht zu vergessen, wie viele Ehen wieder geschieden werden. Dafür muss man keine Statistiken bemühen, man muss sich nur im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis umsehen.
 „Das Leben ist Veränderung und Stillstand bedeutet den Tod“ … Im Mathematikunterricht wird auch nicht mehr mit Reichsmark und Groschen gerechnet, manche Wörter werden anders als vor 20 Jahren geschrieben, manche kommen im heutigen Wortschatz gar nicht mehr vor, Landkarten verändern sich … die Sowjetunion und die DDR findet man in einem Schulatlas höchstens noch auf Geschichtskarten … Die Bücher passen sich an die Lebensbedingungen an. Freundschaft bedeutet nicht nur, dass Max und Anton zusammen Fußball spielen, sondern dass Kemal und Said auch mitkicken. Sie lernen, wie schwierig das Leben für Kemals Eltern in Afrika war und warum Said kein Schweinefleisch isst. Sie erfahren, was Armut und Hunger bedeuten und Kinderarbeit und Kindersoldaten … aber wenn es darum geht, dass ein Kind hier in Deutschland zwei Mamas oder zwei Papas hat, da hört die Welt auf, sich zu drehen? Dabei ist es doch so einfach! Der Kampf, den Schwule und Lesben in den letzten Jahrzehnten gefochten haben, zahlt sich dahingehend aus, dass sie sichtbarer geworden sind. Sie verstecken sich nicht mehr, leben nicht ausschließlich in einer Subkultur, sondern nehmen am öffentlichen Leben ebenso teil, wie jeder andere auch. Das ist großartig und macht es doch für einen Lehrer bzw. für einen Bildungsplan viel leichter. Es muss nicht abstrakt davon geredet werden, dass irgendwo auf dieser Welt irgendein Junge oder Mädchen feststellt, dass es sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Es ist auch nicht so, dass nur irgendwo, in einem weitverborgenen Winkel Deutschlands, kurz vor dem Eingang zur Hölle, zwei Männer bzw. zwei Frauen zusammenleben und dort auch noch ein Kind gefangen halten.
Ein Euro und noch ein Euro sind zwei Euro … Euro ist unsere Währung, der Regenbogen überspannt unsere Gesellschaft. Wer noch in D-Mark umrechnet, ist immer noch nicht angekommen.

Die Grundschule, in die meine Kinder gingen, war sehr klein, einige würde vielleicht sagen, sie waren sogar privilegiert, denn die Mehrheit der Kinder kam aus gutbürgerlichen Familien. Der Immigrationshintergrund einiger weniger Kinder war russisch, die Eltern meist Russlanddeutsche und obendrein noch Ärzte. Ich schätze, es gingen so ungefähr 120 Kinder dort zur Schule. Natürlich kannte ich nicht alle … wenn man es genau nimmt, kannte ich nur die Klassen meiner Kinder. Der Freund meines jüngeren Sohnes hat zwei Mütter. Sie haben auch ziemlich groß geheiratet (also sich verpartnert) Damit hätte man das beste Beispiel doch gleich vor Ort. Bei meinem anderen Sohn in der Klasse war ein Junge, der sich schon im Kindergarten deutlich von den anderen Jungs unterschied. Er spielte nur mit Mädchen, hatte auch gern mal lackierte Fingernägel und bunte Strähnchen im Haar. Auch in der Schule änderte sich das nicht. Mein Sohn war mal bei ihm zum Geburtstag eingeladen. Was für ein Glück, dass mein Kind so ein Bärchen ist, trotzdem kam er ganz empört nach Hause, weil er zum einen der einzige Junge war (vom Geburtstagskind einmal abgesehen) und sie alle „Highschoolmusical“ gucken musste. Bei den Mädchen damals der absolute Hit, während es für die Jungs ein absoluter Horror war. Auch heute hat dieser Junge nur Freundinnen … ich weiß nicht, wohin er sich entwickelt und werde ihm da auch nichts unterstellen. Ebenso wie das Mädchen (und dieser Fall war wirklich deutlich und vor allem bedauerlich) das gern ein Junge sein wollte. Womöglich wird es dieses Mädchen in einigen Jahren so nicht mehr geben (ich wünsche ihr/ihm das sehr) Selbst als Unbeteiligte habe ich mitgelitten, allerdings schienen sowohl die Eltern als auch die Lehrerin vollkommen überfordert zu sein. Die Jungs wollten nicht mit ihr spielen, denn sie war ja ein Mädchen … die Mädchen wollten sie nicht, denn sie hat sich ja wie ein Junge aufgeführt und war auch so angezogen. Es gab niemanden … in der ganzen Schule …
Es geht nicht darum, jemanden vorzuführen oder sprichwörtlich die Hosen runter zu lassen, sondern die Augen nicht zu verschließen und die Kinder sensibel zu machen, ihnen die Welt, in der sie leben zu erklären. Niemand erwartet intime Details, aber die Tatsache, dass Familie vielfältig ist und dass es nicht falsch ist, sich den Weg zu suchen, der für einen persönlich richtig ist … Das sollte in einem Land wie Deutschland doch möglich sein.
Wir müssen keine Angst davor haben, dass die Kinder damit überfordert sind, denn sie nehmen viele Dinge viel leichter und selbstverständlicher auf. Die Informationen sind da, vieles wird in unmittelbarer Nachbarschaft gelebt. Wir müssen nur unsere eigenen Berührungsängste überwinden, anstatt sie auf die Kinder zu übertragen.

1 Kommentar:

  1. Von: Patricia J.
    Vielen Dank für deine Überlegungen, Gedanken und Worte, die du hier mit uns teilst.
    Ich bin selbst Mutter zweier Söhne, von denen der eine gerade im Begriff ist, Sexualkunde in der Schule zu haben.
    Beide Kinder wissen bei uns längst, daß es Menschen gibt, die anders sind, als die Norm: Die ihr eigenes Geschlecht lieben, oder eben auch im falschen Körper stecken. Und daß das normal ist.
    Aber wir als Eltern sind uns absolut darüber im Klaren, daß ein Elternhaus wie das unsere immer noch eine Ausnahme ist.
    Und trotz all der Aufklärung ist auch bei unserem Großen das Wort "schwul" ein Schimpfwort - weil es eben alle benutzen.
    Unsere Gesellschaft ist im Wandel, und das ist gut so. Leider sind es nur einige wenige, die diesen Wandel forcieren, während sehr viele - aller Altersgruppen! - sich mit Händen und Füßen dagegen wehren.
    Schade.
    Umso wichtiger ist das, was du hier tust.
    Hut ab!

    P.S.: Besitze keine der angebotenen Anmeldemöglichkeiten, deshalb anonym.

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