Dienstag, 24. Dezember 2013

Heiligabend


Das letzte Türchen in diesem Jahr öffnet sich auf meinem Blog.
Diesmal ist der Beitrag auch wirklich von mir. Und damit sind die 24 Geschichten vernascht, aber wer möchte, kann sie sich gern immer wieder durchlesen, denn morgen gibt es eine Zusammenfassung aller Türchen.
Ich danke meinen Mitstreitern für ihre Mühe und ihren Enthusiasmus. Es hat auch in diesem Jahr viel Spaß gemacht und ich bin mir sicher, dass für jeden Leser etwas dabei war.
Was bleibt mir noch zu sagen?
Fröhliche und besinnliche Weihnachtstage für Euch alle!




 Keine Weihnachtsgeschichte 
Karo Stein

„Wir können auf ein wirklich erfolgreiches Geschäftsjahr zurückblicken!“, beginne ich meine Rede und schaue in die Runde. Ich bin stolz auf mein Team und darauf, wie gut meine kleine Computerfirma läuft. Eigentlich haben wir selbst heute, am 24.12., noch genug zu tun. Ich habe mich jedoch dazu entschlossen, lediglich diese kleine Abschlussfeier am Morgen anzusetzen. Offiziell fangen wir erst wieder im neuen Jahr an, nur ich habe mir noch ein bisschen was vorgenommen, denn mir bedeutet Weihnachten nichts. 

Natürlich gibt es auch einen Grund dafür. Meine Eltern waren Zeugen Jehovas. Man muss nicht fanatisch sein, um tief in dieser Glaubensgemeinschaft verwurzelt zu sein. Als Kind habe ich nicht darüber nachgedacht, den Glauben nicht hinterfragt. Es war meine Normalität, die sich von denen der anderen eigentlich darin deutlich unterschied, dass wir weder Weihnachten, noch Geburtstage oder Ostern gefeiert haben. Bis heute kann ich das Theater, das um diese angeblich so wichtigen Feiertage gemacht wird, nicht verstehen. Ich bin schon vor mehr als zehn Jahren ausgetreten, habe auch schon davor viele Lehren und Regeln hinterfragt und mich im Grunde seit der Pubertät nicht mehr als dazugehörig empfunden. Meine Eltern konnten mich nicht verstehen und so kam es irgendwann zum Bruch. Ich vermisse sie, aber ich weiß, dass es kein Zurück gibt … schon gar nicht, seitdem ich mich geoutet habe. Vielleicht ist es ein Glück, dass wir uns nie besonders nah gestanden haben … vielleicht ist es deshalb weniger schmerzhaft. 

Ich habe zwar meine Eltern verloren, aber ich habe meine eigene Identität gefunden. Als ich zum ersten Mal meinem Spiegelbild laut gesagt habe, dass ich schwul bin, war es ein echter Befreiungsschlag. Ich brauche keinen Glauben, lasse mir von niemandem den Weg vorschreiben, den ich zu gehen habe. Ich kann selbst den Pfad platt trampeln und brauche keine Straße, auf der schon tausende Schafe vor mir gegangen sind. Mit 30 habe ich zum ersten Mal Geburtstag gefeiert. Eine große Party, auch wenn ich gewissermaßen von Freunden und Bekannten gezwungen worden bin. Es war ein merkwürdiges Gefühl, so im Mittelpunkt zu stehen, aber es war nicht unbedingt schlecht. Weihnachten und Ostern erschließen sich für mich allerdings nicht. Vielleicht legt man bei diesen Festen tatsächlich die Wurzeln in der Kindheit. Da ich über Kinder nicht nachdenken muss, gibt es auch keinen Grund, mich mit den Feiertagen auseinander zu setzen. Einen Partner habe ich leider auch nicht. Wobei dieser Umstand mich weniger glücklich stimmt. Manchmal sehne ich mich durchaus nach Zweisamkeit, nach jemandem an meiner Seite, mit dem ich durchs Leben gehen kann. Allerdings arbeite ich so viel, dass so ein Kerl mir vermutlich vor die Füße bzw. vor den PC fallen müsste. 

„Ich denke, wir haben allen Grund zur Freude und deshalb habe ich für euch alle ein kleines Geschenk, das ihr gern als Weihnachtsgeschenk bezeichnen könnt.“ Ein leises Lachen erfüllt den Raum, denn natürlich kennen alle, die sich hier versammelt haben, meine Einstellung. Deshalb grinse ich in die Runde, als ich die Umschläge aus einer Mappe ziehe und damit winke. Ich habe Weihnachtssticker darauf geklebt, was meine Mitarbeiter mit einem Lachen quittieren. Mein Zugeständnis und mein Vergnügen, denn ich bin weder der Grinch noch Ebenezer Scrooge und mit mangelnder Liebe hat mein Desinteresse auch nichts zu tun.
In den Umschlägen befinden sich die Bonusschecks. Sie sind natürlich nur symbolisch, denn das Geld habe ich längst auf die Konten überwiesen. 

Getuschel und Geraune erfüllt den Raum, dabei dürfte den meisten doch nicht entgangen sein, wie gut dieses Jahr gelaufen ist. 

„2013 war unser Jahr!“, stellt Mark begeistert fest und Johannes schnappt sich eine der Champagnerflaschen und lässt den Korken mit einem lauten Knall aus der Flasche springen. Das Zeug sprudelt über den Rand und zügig werden die Gläser darunter gehalten, um eine größere Sauerei zu vermeiden. Ich habe auch ein exquisites Frühstück liefern lassen, sodass wir recht schnell mit Essen und Trinken beschäftigt sind. Privates mischt sich mit Geschäftlichem … wir sind ein gutes Team und haben in vielen Bereichen schon längst die Schwelle von Arbeitskollegen überschritten. Ich fühle mich nur selten als Chef, sondern bin viel lieber ein Teil des Teams, mag es, wenn die Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Der Erfolg gibt uns recht und nur das zählt. 

„Was machst du heute noch?“, fragt mich Johannes. 

„Ich habe noch ein paar Sachen hier zu erledigen und dann fahre ich nach Hause und werde mir einen guten Film ansehen.“

„Langweilig!“, nörgelt Mark grinsend. Ich verdrehe die Augen.

„Was machst du denn?“

„Zuerst staube ich bei meinen Eltern die Geschenke ab und dann gehe ich feiern. Die Weihnachtspartys sind doch immer die schärfsten. Die Bräute sind heiß und willig und ganz bestimmt gehe ich nicht allein ins Bett …“, gerät er ins Schwärmen. Mark ist der jüngste von uns und seine Libido hat ihn noch voll im Griff. 

„Na ja, ich finde ein gemütliches Weihnachten mit der Familie echt besser!“, brummt Holger. Er ist mit seinen 43 Jahren der Älteste. Mark und er reiben sich immer wieder aneinander. Sie sind so gegensätzlich, dass ich am Anfang Bauchschmerzen hatte, ob darunter nicht das Betriebsklima leiden würde. Ehrlich gesagt, sind die beiden sogar das beste Team, wenn es um schwierige Probleme geht. Sie haben bisher immer eine kreative Lösung gefunden, selbst wenn wir anderen daran schon längst verzweifelt sind. 

„Du bist eben durch und durch ein Spießer, Holger!“, gluckst Mark.

„Und du ein promiskes Arschloch!“, erwidert er und trinkt einen Schluck aus seinem Glas.
Mark lacht und stößt sein Glas gegen das von Holger. 

„Okay“, sage ich nach einer Weile. „Dann will ich euren Plänen nicht länger im Weg stehen und wünsche euch viel Spaß bei dem, was ihr in den nächsten Tagen auch immer vorhaben werdet.“

„Willst du wirklich noch arbeiten?“, fragt Johannes, als ich meinen PC hochfahre. 

„Ja, es gibt noch einige Dinge, die ich erledigen muss, und heute ist so gut, wie jeder andere Tag dafür.“

„Du könntest mit zu mir kommen. Hanna und die Kinder würden sich bestimmt freuen.“

Ich lehne dankend ab und Johannes nickt, auch wenn ich weiß, dass er meine Einstellung nicht verstehen kann. Das können die wenigsten, aber ich sehe nicht ein, warum ich mich diesbezüglich rechtfertigen müsste.
Wir verabschieden uns wortreich und ich seufze erleichtert, als ich endlich allein im Büro bin. Trotzdem schleicht sich für einen Moment ein schwermütiges Gefühl in meinen Bauch, aber es ist viel zu flüchtig, um den Grund zu hinterfragen. Voller Tatendrang setze ich mich an die Arbeit. 

Ich komme gut voran, vergesse die Zeit vollkommen. Erst als mein Blick zufällig die kleine Anzeige am Monitor streift, stelle ich fest, dass es bereits nach 18 Uhr ist. Zeit nach Hause zu fahren. Mein Magen sieht das ebenso, denn er beginnt begehrlich zu knurren, als ich an die Pizza denke, die in meiner Tiefkühltruhe auf ihre Bestimmung wartet. Ich strecke mich, höre beunruhigt das leise Knacken meiner Knochen. Bin ich mit 32 nicht noch ein bisschen jung, um schon Verschleißerscheinungen zu haben? Ich sollte wieder mehr Sport machen. Vielleicht nutze ich die freien Tage für ein bisschen Lauftraining. Das Wetter passt perfekt, denn über Deutschland hängt ein Hochdruckgebiet mit milden Temperaturen und Nieselregen. Im Regen laufe ich auf jeden Fall lieber als bei Frost und Schnee.

Ich werfe noch einen letzten Blick durch die Räume, bevor ich abschließe und die Alarmanlage scharf mache. Es regnet nicht, aber der Mond ist nur verschwommen hinter dicken Wolken zu erkennen. Fröstelnd ziehe ich die Schultern hoch und beeile mich, in mein Auto zu kommen. Motor an und  Heizung auf maximal. Ich rolle langsam aus der Einfahrt in Richtung Straße, während ich einen anderen Radiosender suche, denn auf Weihnachtslieder habe ich wirklich keine Lust.

Ein heftiger Aufprall lässt mich zusammenfahren. Ich trete erschrocken auf die Bremse und traue meinen Augen nicht. Auf meiner Motorhaube liegt ein Weihnachtsmann! Ich springe aus dem Wagen und brauche einen Moment, um das Bild, das sich mir bietet, zu begreifen. 

Ein roter Mantel mit weißem Kragen, eine ebenso rote Mütze mit einer dicken flauschigen Bommel, das ist erst einmal alles, was ich erkennen kann. Der Weihnachtsmann liegt mit dem Oberkörper auf meinem Auto, die Arme weit von sich gestreckt. In der rechten Hand hält er eine halbleere Flasche und links einen kleinen Jutesack. Oh Mann! Als ich mich näher über ihn beuge, weht mir eine Schnapsfahne entgegen. Angewidert verziehe ich das Gesicht und rüttle vorsichtig an der Schulter des Mannes. 

„Hallo? Geht es Ihnen gut?“ Er hebt den Kopf und sieht mich mit glasigen Augen an. Es scheint, als versuche er mich mit fixieren, aber es gelingt ihm offensichtlich nicht, sodass er seinen Kopf wieder schnaufend auf die Motorhaube ablegt. 

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, erkundige ich mich unsicher und überlege, ob ich einen Krankenwagen oder die Polizei rufen sollte.

Er nickt und das schabende Geräusch auf meinem Autolack verursacht eine Gänsehaut. Nicht, dass ich meinen Wagen abgöttisch lieben würde, aber er … na ja, er bedeutet mir schon viel und ich bin ziemlich stolz auf diesen zugegebenermaßen protzigen Schlitten. Erneut hebt der Weihnachtsmann den Kopf und versucht sich aufzurichten. 

„Sie habn den Weihnachtsmannangefahrn!“, nuschelt er kaum verständlich. Dann rutscht er von der Motorhaube und schafft es irgendwie sich dabei umzudrehen. Jetzt sitzt er vor meinem Auto, nimmt einen weiteren Schluck aus seiner Flasche und hält sie mir entgegen. 

„Auch n Schlück…chen?“, brummelt er und schwenkt den Alkohol wie einen Siegerpokal. 

„Nein danke“, murmle ich und hocke mich neben den Kerl. Er ist jung und ziemlich hübsch. Jedenfalls, was ich so auf dem ersten Blick erkennen kann. 

„Geht es Ihnen gut?“, frage ich erneut und mustere ihn genau. Er hebt den Blick und abermals wandern seine Augen ziellos über mein Gesicht. Die Hand mit der Flasche schnellt plötzlich nach vorn.

„Du hascht den Weihnachtsmann übefahn“, stellt er entrüstet fest. Dann schließt er die Augen und der Kopf kippt nach vorn. 

„Hey, nicht einschlafen!“, fluche ich, während ich mir die Haare raufe. 

„Der Weihnachtschmann ischt jetzt wirklisch müde“, murmelt er, gähnt und trinkt dann noch einen Schluck aus seiner Flasche.

„Der verdammte Weihnachtsmann ist stinkbesoffen.“ 

Ich stelle mich vor ihn, greife unter seine Arme und versuche ihn aufzustellen. Natürlich ist er mir nicht besonders hilfreich und so habe ich alle Mühe bei meinem Unterfangen. Als er jedoch endlich steht, schlingt er die Arme um meinen Hals und drängt sich gegen mich.

„Alles Mist … doofes Fest … Frauen …. Frauen sind das allerallerallerletzschte“, jammert er leise. Ich fühle mich ziemlich hilflos und das seltsame Gefühl, das seine Nähe auslöst, macht es nicht gerade besser, eine Lösung für mein Weihnachtsmannproblem zu finden. 

Seufzend schiebe ich uns in Richtung der Beifahrertür.
„Wie wäre es, wenn ich den Weihnachtsmann erst einmal nach Hause fahre.“

Ich befreie mich aus seiner Umarmung und lehne ihn gegen die hintere Tür, um die andere öffnen zu können.
„Ich will nicht nach Hause“, jammert er und will erneut die Flasche ansetzen. Diesmal bin ich jedoch schnell und entreiße sie seiner Hand. „Schätze, du hast genug!“

„Hey, das ischt meine Flasche“, meckert er. 

„Setz dich ins Auto, ich fahre dich nach Hause. Aber wehe du kotzt“, fahre ich ihn an. Tatsächlich schafft er es ohne meine Hilfe auf den Sitz und schnallt sich sogar an. Ich werfe die Tür heftiger als nötig zu und gehe auf die andere Seite. Als ich mich ebenfalls im Inneren des Wagens befinde, lege ich beide Hände aufs Lenkrad und meinen Kopf dazu. „Verdammt!“, murmle ich und wende mich dann meinem unbekannten Mitfahrer zu. Er schaut mich ebenfalls an und diesmal scheinen seine Augen mich wirklich wahr zu nehmen, denn sie weiten sich erstaunt. Sie sind unglaublich blau und schön. Ebenso wie der Rest seines Gesichts. Die Lippen schreien geradezu danach, geküsst zu werden, auch wenn mich die Alkohohlfahne eher davon abhält. Ich schließe die Augen und verfluche meine Gedanken. 

„Also, wohin soll ich dich bringen?“

„Mir egal“, murmelt er, legt den Kopf nach hinten und schließt die Augen. 

„Super!“, brumme ich und starte den Wagen. Diesmal schaue ich genau hin, damit nicht noch jemand auf meiner Motorhaube landet. 

Ich setze den Blinker und fahre in Richtung meiner Wohnung. Ein leises Schnarchen bestätigt, dass der Typ eingeschlafen ist. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Nehme ich ihn mit zu mir? Was, wenn er … keine Ahnung … wenn sich seine Familie Sorgen macht? Er könnte auch ein Einbrecher auf der Flucht sein … Und der Sack, vielleicht ist er so ein Mietweihnachtsmann vom Arbeitsamt und irgendwo wartet eine Familie mit Kindern auf den besoffenen Kerl. Was immer sein Problem ist, es lässt sich im Moment nicht lösen und da ich aus einem mir unbegreiflichen Grund das Gefühl habe, eine gewisse Verantwortung übernehmen zu müssen, nehme ich ihn erst einmal mit zu mir nach Hause. In diesem Zustand ist er ohnehin zu nichts fähig. 

Als ich das Auto vor dem Haus parke, in dem sich meine Wohnung befindet, öffnet der Weihnachtsmann seine Augen. Er sieht zuerst mich fragend an, dann gleitet sein Blick aus dem Fenster.
„Wo sind wir?“, fragt er und klingt erstaunlich klar. 

„Bei mir“, antworte ich schlicht. 

Erneut wandert sein Blick zu mir. Er runzelt die Stirn, als würde er darüber nachdenken, was mit ihm passiert ist. 

„Du hast mich angefahren“, nuschelt er und schon fallen die Lider wieder zu. 

„Ja, und das tut mir leid. Also kann ich dich irgendwo absetzen?“

„Nein.“

„Wo wohnst du?“

„Will nicht nach Hause.“

„Was dann?“, frage ich ungeduldig, denn allmählich überfordert mich die  Situation. 

Er schweigt, dann richtet er seinen Blick auf mich.
„Das Schlimmste für einen Mann sind die Frauen!“, stellt er grimmig fest.

„Aha…“

„Denn sie sind überall!“ Seine Stimme klingt wie die eines Verschwörungsfanatikers. „Überall, verstehst du? Als Mann bist du nie vor ihnen sicher … Ü b e r a l l Frauen!“

Der Kopf fällt nach vorn und die Schnarchgeräusche setzen ein. 

„Verdammte Scheiße“, knurre ich, steige aus dem Wagen und gehe zur Beifahrerseite. 

Ich beuge mich über ihn und löse den Gurt. Einmal abgesehen vom Alkohol riecht er ziemlich gut. Für einen Moment schließe ich die Augen und atme tief ein. Sein Gesicht ist so nah und diese Lippen sind wirklich göttlich. Aber er hat ja was von Frauen gefaselt, also sollte ich jeden erregenden Gedanken besser vergessen und mich darauf konzentrieren, den Kerl in meine Wohnung zu bekommen. Alternativ könnte ich ihn auch einfach hier gegen den Lindenbaum lehnen …

„Hilf mir und steig aus“, sage ich mit harschem Ton und tatsächlich bewegt er schwerfällig seinen Körper aus dem Auto. Er lehnt sich gegen den Baum und ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn ich jetzt einfach an ihm vorbei gehen würde. Natürlich mache ich das nicht, sondern schleppe ihn in Richtung Hauseingang. 

Wie wir die vielen Treppen geschafft haben, darüber möchte ich wirklich nicht nachdenken. Ich bin auf jeden Fall vollkommen verschwitzt und sein schwerer Atem hat dafür gesorgt, dass ich das Gefühl habe, nun auch angetrunken zu sein. 

Noch ehe ich es ihm anbiete, lässt er sich auf das Sofa fallen und streift sich die Schuhe von den Füßen. Sie fliegen durch mein Wohnzimmer und ich … bereue bereits jetzt, diesen Kerl mit nach oben genommen zu haben. 

„Wie heischt du eigentlich?“, fragt er mit halbgeschlossenen Lidern. 

„Joseph.“

„Joseph? Echt?“ Er fängt an zu kichern. „Und wo ist Maria?“

„Wer?“

„Na Maria.“ Er richtet sich halbwegs auf. „Maria, deine Frau”, lacht er. “… ist bestimmt schon im Krankenhaus, kriegt ja schließlich heute das Kind”, nuschelt er vor sich hin. 

„Ich habe es nicht so mit Frauen“, murmle ich unwirsch vor mich hin. 

„Das ist eine gute Einssschtellung“, ruft er laut. „Frauen sind … überall. Nimm dich vor ihnen in Acht. Sie lauern … lauern einfach überall … und eh du dich versiehst … weg… einfach weg. Alles weg!“

Heult er etwa? Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll, aber noch ehe ich eine Idee habe, nimmt er mir die Entscheidung ab. „Ich ssschlaf jetz mal, Joseph.“ Kichernd macht er es sich auf dem Sofa bequem, während ich darüber nachdenke, was ich mit dem angebrochenen Abend mache. 

Letztendlich habe ich mich mit einem Buch und einer Pizza ins Bett verzogen. Die Schlafzimmertür ist einen Spalt breit offen, damit ich meinen Gast höre. Aber er scheint fest zu schlafen. Es ist ziemlich lange her, dass ich nicht allein in meiner Wohnung war. Wenn ich mir mal einen Quickie erlaube, dann nicht hier bei mir. Ich mag fremde Männer nicht in meinen vier Wänden und schon gar nicht in meinem Bett. Es gefällt mir besser, wenn ich gehen kann, als darauf zu warten, dass sich der andere an die stillschweigende Etikette hält und noch vor dem Morgengrauen verschwindet. Letztendlich gehe ich nur selten aus, denn vermutlich ist da immer noch ein Teil von mir, der sich daran erinnert, dass mein Leben eine einzige Sünde ist. Auch wenn ich nicht getauft bin, mich niemals wirklich dazugehörig gefühlt habe und vergleichsweise wenige Schwierigkeiten mit dem Austritt hatte, so hat sich eben doch ein Teil davon tief in mein Bewusstsein hineingegraben.
Auf der anderen Seite hoffe ich schon lange nicht mehr, dass eine Frau kommt und mich von meinem sündigen Verhalten befreit, denn eine Frau ist nicht, wonach ich suche. Bin ich überhaupt auf der Suche? Mein erster Instinkt, den Gedanken zu verneinen, lässt mich bitter auflachen. Wer sehnt sich nicht nach Liebe, nach einem Menschen an seiner Seite, dem er vertrauen kann und bei dem er sich geborgen fühlt. Es wäre töricht und heuchlerisch obendrein, das zu verneinen. Es gab nur bisher niemanden, der mich in dieser Richtung berührt hat. 

Ich kann nicht ergründen, was mich dazu bewogen hat, diesen Kerl mit nach Hause zu nehmen. Dem Weihnachtsmann ein Nachtquartier anzubieten, erscheint mir wirklich nicht besonders klug. Allerdings kann ich auch nicht widerstehen, ihn mir noch einmal anzusehen. Leise verlasse ich mein Bett, nehme den leeren Pizzateller als eine Art Vorwand mit nach draußen. Das Wohnzimmer wird nur durch einen Streifen fahlen Mondlichtes erhellt. Zu wenig um ihn wirklich zu erkennen, zu viel, um das erregende Gefühl, das sein Anblick in mir auslöst, zu ignorieren. Er liegt auf dem Bauch, ein Arm hängt vom Sofa herunter. Seine Haare stehen wirr in alle Richtungen und zwischen seinem Pulli und der Weihnachtsmannhose blitzt ein Streifen blanker Haut auf. Schwer schluckend kämpfe ich dagegen an, meine Hand auszustrecken und ihn zu berühren. 

Was immer mir meine Sinne vorgaukeln, er ist nichts von dem, was ich suche, denn er steht auf Frauen und Drama kann ich in meinem Leben wirklich nicht gebrauchen. Seufzend gehe ich in die Küche und von dort ins Bad. Mein Schwanz drückt gierig gegen meine Hose, sodass ich nicht lange darüber nachdenke, mich ausziehe und unter die Dusche stelle. Unter der Flut des warmen Wassers, tauchen seine Augen auf… kommt sein Mund näher … bilde ich mir ein, ihn stöhnen zu hören. Ich packe fest zu, reibe mich mit harten Bewegungen und träume von einem Mann in einem roten Kostüm.

Erleichtert verlasse ich wenig später das Bad und krieche in mein Bett. In der Nacht schlafe ich unruhig, weil sich immer wieder die Bilder in meinen Kopf schieben, wie der Weihnachtsmann plötzlich auf meiner Motorhaube lag. Ich fühle dieses unbändige Kribbeln, lausche auf die Geräusche aus dem Wohnzimmer, drifte weg und schrecke auf, weil Teufelsfratzen sich über mich beugen und mich mit sich zerren wollen. Träume dieser Art hatte ich schon lange nicht mehr. 

Es ist acht Uhr und ich halte es keine Sekunde länger in meinem Bett aus. Ich brauche einen Kaffee und Ablenkung. Leise lausche ich, ob mein ungewollter Gast ebenfalls schon wach ist, aber er schnarcht und so mache ich mich auf den Weg in die Küche. Kaum habe ich die Kaffeemaschine befüllt, höre ich ein fremdes Geräusch hinter mir. Verschlafen und ziemlich zerknautscht lehnt der Weihnachtsmann, oder das, was von ihm übrig ist, im Türrahmen. 

„Guten Morgen“, begrüße ich ihn grinsend. 

Im ersten Moment sieht er nicht so aus, als wüsste er, wer ich bin, aber dann erhellt sich seine Miene. „Joseph“, murmelt er und sieht mich fragend an. 

„Genau. Du bist gestern unabsichtlich auf meiner Motorhaube gelandet.“

„Ich … glaube … ich kann mich dunkel daran erinnern. Oh Mann, ich hoffe, ich habe dein Auto nicht demoliert.“

„Ich hoffe, ich habe dich nicht demoliert?“, erwidere ich und mustere ihn genauer. Das sollte ich wirklich nicht tun, denn sein Anblick raubt mir die Sinne. Am liebsten würde ich ihn packen und in mein Schlafzimmer verschleppen, denn da gehört er ganz eindeutig hin. 

„Mein Kopf explodiert gleich“, flucht er. Ich hole Aspirin aus einer Schublade und reiche ihm ein Glas Wasser dazu. 

„Hier … sag mal, wie heißt du eigentlich?“

„Marian“, murmelt er und trinkt das Glas in einem Zug leer. Ich starre ihn an, bin mir nicht sicher, ob ich mich verhört habe. 

„Das ist nicht dein Ernst“, murmle ich und ein leises Lachen entspringt meiner Kehle. Zuerst sieht er mich verwundert an, aber dann … Er fängt an zu grinsen und schüttelt den Kopf. 

„Joseph und Marian … und das am Weihnachtsmorgen … Na wenigstens hast du mich nicht geschwängert“, prustet er los. 

„Das hat doch Joseph ohnehin nicht, wenn ich mich recht erinnere.“

„Stimmt auch wieder.“

Eine unbehagliche Stille entsteht. In meinem Kopf schwirren die Gedanken wild herum, wollen sich nicht zu vernünftigen Sätzen verbinden lassen. 

„Ich … also ich geh besser. Danke … für das Sofa und ähm überhaupt.“ Marian dreht sich um und ich spüre, wie mein Herz zu rasen beginnt. 

„Du … willst du nicht mit mir frühstücken? Der Kaffee ist gleich fertig und ich habe noch Brötchen im Tiefkühlschrank …“

Scheinbar unentschlossen bleibt er stehen und betrachtet mich einen Moment.
„Warum eigentlich nicht“, meint er nach einer gefühlten Ewigkeit und zuckt mit den Schultern. Ich spüre, die Enttäuschung in meinem Bauch grummeln, aber ignoriere sie. Was habe ich denn erwartet? Schließlich hat ihm seine Freundin vermutlich gestern Abend den Laufpass gegeben. 

„Kann ich duschen?“

„Klar.“

„Hast du zufällig irgendetwas zum Anziehen für mich. Ich muss endlich aus den Scheißklamotten raus.“

„Bestimmt, ich lege nur die Brötchen in den Ofen und dann suche ich dir was zusammen.“

„Okay und danke“, murmelt er, geht ein paar Schritte und dreht sich dann grinsend um. „Wo ist denn das Bad?“

„Gleich nebenan“, erwidere ich lachend. 

Ich bereite alles für ein gemeinsames Frühstück vor. Es fühlt sich merkwürdig an, zwei Tassen und zwei Brettchen auf den Tisch zu stellen. Ich weiß nicht einmal, ob ich das Geschirr gegenüber hinstellen soll, oder lieber über Eck. Sitzt er besser rechts oder links von mir? Meine Hände zittern ein wenig und ich fühle mich wie der letzte Trottel. 

Im Schlafzimmer hole ich eine Jogginghose und ein Shirt aus dem Schrank, dazu noch Strümpfe und Shorts. Wobei ich die Vorstellung, dass er gleich in meiner Unterwäsche herumlaufen wird, ziemlich merkwürdig finde. 

„Hier“, sage ich und reiße gedankenverloren die Badtür auf. Marian steht nackt und mit halbsteifem Schwanz vor mir und ich … weiß gar nicht, wohin ich gucken soll. Reden ist überhaupt nicht möglich, denn sein Anblick hat mein Sprachzentrum sofort lahmgelegt. Stattdessen befürchte ich, dass mir lange Sabberfäden aus dem Mund laufen, wenn ich es nicht augenblicklich schaffe, meinen Körper aus diesem Zimmer zu bewegen. 

„Sorry“, murmle ich schließlich und trete den Rückzug an. Keuchend lehne ich meinen Kopf gegen den Kühlschrank und versuche, das Bild von meiner Festplatte zu löschen. 

Vielleicht hätte ich ihn doch nicht zum Frühstück einladen sollen.
„Der Kerl ist hetero“, murmle ich wie ein Mantra vor mich hin und kümmere mich um die Brötchen.
Soll ich noch etwas zu dem Anblick sagen, der mich Minuten später im wahrsten Sinne des Wortes flasht?
Die Haare sind noch feucht, meine Klamotten sind ihm ein wenig zu groß, aber genau das macht ihn unglaublich sexy. Seine Augen leuchten faszinierend blau, während er scheinbar aus Unsicherheit auf seiner Unterlippe herumknabbert. 

„Setz dich doch, die Brötchen müssten auch gleich fertig sein.“

„Okay … soll ich irgendwie helfen?“

„Schätze nicht, außer es fehlt noch etwas auf dem Frühstückstisch, dann darfst du selbst im Kühlschrank nachsehen, ob du es findest.“

„Nein … ich … glaube, es ist alles da. So viel Hunger habe ich auch gar nicht. Hast du vielleicht Milch für den Kaffee?“

Ich deute lächelnd auf den Kühlschrank und Marian nickt und holt die Milch heraus.
Wir sitzen gegenüber … das schien mir irgendwie am besten zu sein. 

„Glaubst du, du kriegst das mit deiner Freundin wieder hin?“, frage ich, um irgendein Gespräch zu beginnen. Marian stutzt, sieht mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. 

„Was für eine Freundin?“

„Hm, ich dachte, die Frau, wegen der du dich so haltlos betrunken hast …“

„Unsinn, doch nicht wegen einer Frau“, unterbricht er mich. Ein dunkler Schatten legt sich auf sein Gesicht. Sicherlich schmerzt die Erinnerung an gestern, auch wenn ich seine Reaktion im Moment nicht einordnen kann. 

„Na ja, du hast doch gestern so eine große Rede darüber gehalten, dass ich mich vor den Frauen hüten soll und so …“

„Oh Gott, so einen Scheiß habe ich gelabert? Verdammter Alkohol!“, brummt er und sieht mich unglücklich an. „Tut mir leid.“

Ganz offensichtlich will er nicht darüber reden und wir kennen uns schließlich auch nicht. Innerlich seufzend wende ich mich meinem Brötchen zu und verfluche meine unsinnige Einladung zum Frühstück.

„Du magst wohl Weihnachten nicht besonders?“, fragt Marian nach einer Weile. 

„Was?“, erwidere ich irritiert.

„Hier ist nirgendwo Deko zu sehen und im Wohnzimmer war auch kein Baum …“

„Ich feiere Weihnachten nicht“, antworte ich schlicht.

„Echt nicht? Warum? Schlechte Erfahrungen oder ist es dir zu kitschig?“

„Weder noch … Es ist … es gehört nicht in mein Leben.“ Ich habe keine Lust, meine Beweggründe darzulegen. Die meisten Leute reagieren nicht besonders positiv darauf, wenn man erzählt, dass man Jehovas Zeugen angehört hat. Obendrein erwarten sie eine spektakuläre Geschichte, in der mindestens die Wörter Gehirnwäsche und Flucht vorkommen. Leider habe ich diesbezüglich nichts zu bieten, einmal abgesehen von dem absoluten Kontaktverbot meiner Eltern. Außerdem will Marian schließlich auch nicht über diese merkwürdige Frauensache reden. 

„Hm, vermutlich lasse ich Weihnachten im nächsten Jahr auch ausfallen.“

„Manche Dinge lassen sich sicherlich wieder einrenken“, murmle ich leise. 

„Manche Dinge nicht.“

„Vielleicht solltest du zu ihr gehen und mit ihr reden.“ 

Seit wann ich spiele ich den Psychologen, wo ich überhaupt keine Ahnung von Beziehungen habe. Einmal abgesehen davon, dass Frauen auch nicht zu meiner Zielgruppe gehören.

„Und was sollte das bringen?“, fragt er aufgebracht und verschränkt die Arme vor der Brust. „Was soll ich ihr sagen? Etwa: Gib mir meinen Freund wieder und such dir gefälligst einen anderen Kerl, denn der Ring an deinem Finger war eigentlich für mich bestimmt?“

Ich sehe ihn an, höre die Worte und verstehe sie nicht.
„Ähm…“, ist alles, was ich herausbringe, denn mein Gehirn fühlt sich gerade nicht in der Lage, die Worte als das zu deuten, was sie anscheinend sind. 

„Ja, sorry, ich bin schwul. Ich hoffe, du fällst jetzt nicht gleich vor Panik vom Stuhl, denn es besteht wirklich kein Grund zur Sorge. Ich werde nicht über dich herfallen.“

Ein Schade kann ich mir gerade noch verkneifen, stattdessen starre ich ihn unentwegt an.
„Stört mich nicht“, bringe ich nuschelnd hervor. Natürlich stört es mich nicht, ganz im Gegenteil. Ein Fünkchen Hoffnung macht sich in mir breit, obwohl die Worte, dass ich mir keine Sorgen machen muss, nicht gerade schmeichelhaft waren. Davon abgesehen, wenn dieser Kerl ihn gestern verlassen hat … da bleibt maximal die Möglichkeit, ein Trostfick zu sein. Darauf kann ich allerdings gern verzichten. 

„Weißt du, was das Schlimmste ist? Ich bin so ein Versager … ein Loser und ein echter Vollidiot“, brummt er und starrt mich an. 

„So schlimm wird es schon nicht sein“, sage ich leise, was ihn bitter auflachen lässt. 

„Doch oder nein, eigentlich ist es noch viel schlimmer, denn nach einem Jahr sollte man doch echt drüber weg sein.“

„Ein Jahr?“, frage ich verständnislos.

„Genau vor einem Jahr sagt der Kerl mir, dass er sich jetzt doch für eine Frau entschieden hat … faselt was von Familie und Kindern und Stolz. Der ganze Heteromüll eben ... Es war unser erstes gemeinsames Weihnachtfest und ich wollte, dass es etwas ganz Besonderes wird. Ich habe die verdammte Wohnung dekoriert, einen scheißteuren Baum gekauft und er… macht mit mir Schluss.“ Marian trinkt einen Schluck Kaffee und presst die Lippen fest zusammen. Am liebsten würde ich um den Tisch laufen und ihn in den Arm nehmen, aber …

„Ich hatte nicht einmal eine Chance, Gegenargumente anzubringen oder uns zu verteidigen. Ich war so geschockt, dass ich erst als er schon weg war, verstanden habe, was er gesagt hat.“

„Klingt nach einem echten Arschloch!“, brumme ich und weiß, dass ich diesen Kerl schon jetzt nicht leiden kann. „Dann hast du dich gestern nur wegen der Erinnerung so voll laufen lassen?“

„Nein, weil die Welt ein einzige Kloake ist“, flucht er. „Eigentlich habe ich nicht mehr oft an ihn gedacht. Das Leben geht weiter und so groß war die Liebe auch nicht. Vielleicht war es auch eher eine gewisse Sentimentalität, dass ich nicht von ihm losgekommen bin. Er war … na ja mein … also der erste Mann … Du weißt schon …“ 

Sein Gesicht nimmt einen satten Rotton an, was mein Herz dazu veranlasst, aus meiner Brust auszuziehen und es sich bei ihm bequem zu machen. Scheiße! Das kann nur übel für mich enden. Krampfhaft überlege ich, wie ich ihn aus meiner Wohnung und damit auch aus meinem Leben bekomme. 

„Ich bin schon lange nicht mehr in ihn verliebt, aber ihn gestern … Ich hatte diesen Weihnachtsmannjob und ausgerechnet er muss dort sein. Es war wohl die Schwester von dieser Frau  und … Ich hatte wirklich alle Mühe, die Sache einigermaßen vernünftig durchzuziehen und mich auf die Kinder zu konzentrieren. Als der Weihnachtsmann jedoch einen Schnaps auf das Wohl der frisch Verlobten mittrinken sollte … Ich weiß gar nicht, wie ich aus dem Haus gekommen bin, aber ich hatte diese Flasche Brandy in der Hand und …“
„… und dann bist du mir vors Auto getorkelt …“ 

„Das war … Ich hoffe, ich habe dir nicht zu viele Umstände bereitet“, nuschelt er und senkt verlegen seinen Blick.

„Nein, eigentlich nicht. Ich war eher erschrocken und froh, dass dir nichts passiert ist.“

„Dann … will ich dich auch nicht länger belästigen … und sollte wohl besser gehen.“

„Hast du heute noch was vor?“ Noch ehe ich es begreife, haben die Worte bereits meinen Mund verlassen. Marian sieht mich erstaunt an, aber dann schüttelt er den Kopf. 

„Dann bleib doch noch hier.“

Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht und verursacht ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Ich habe keine Ahnung, was mit mir passiert, aber ich will nicht, dass er geht. 

„Okay“, sagt er schlicht und pult das Innere aus seinem Brötchen. „Mein Kopf fühlt sich an, als wäre ein Lastwagen darüber gefahren.“

„Das glaube ich dir. Bestimmt wirken die Tabletten bald.“

„Hattest du heute denn gar nichts vor?“, fragt er und sieht mich neugierig an. 

„Eigentlich nicht. Ich wäre vielleicht noch mal ins Büro gefahren.“

„Am ersten Weihnachtstag?“

„Hab doch gesagt, dass es nicht mein Fest ist.“

„Hm, aber trotzdem. Dann halte ich dich ja doch von was Wichtigem ab.“

„So wichtig ist es dann doch nicht“, wende ich schmunzelnd ein und hoffe irgendwie, dass er dieses wahnsinnig gute Gefühl auch spüren kann. 

„Was machen wir also?“, erkundigt er sich erwartungsvoll. Darüber, wie wir den Tag verbringen können, habe ich natürlich nicht nachgedacht. 

„Ich wollte eigentlich gestern Abend einen Film gucken. Wir könnten ihn uns zusammen ansehen.“

Das klingt selbst in meinen Ohren nicht besonders spannend, aber zumindest scheint Marian nicht abgeneigt zu sein. Wir verziehen uns ins Wohnzimmer und machen es uns auf dem Sofa bequem. Ich lege die DVD ein und schon bald nimmt uns der Film gefangen. Jedenfalls nimmt er mich gefangen, denn als sein Kopf gegen meine Schulter rutscht wird mir klar, dass er eingeschlafen ist. Ich bin wie erstarrt. Es fühlt sich neu und seltsam vertraut an, als wäre sein Platz schon immer neben mir gewesen. Es ist doch gar nicht möglich, dass so ein Gefühl aus dem Nichts heraus entsteht. Bisher habe ich es immer für einen Hollywoodmythos gehalten, dass ein Blick und ein paar Worte ausreichen, um sich mit einem anderen Menschen verbunden zu fühlen. Was ist wenn dieses Gefühl nur von meiner Seite ist? Wenn er doch nicht über diesen Kerl hinweg ist und … Ich versuche die Gedanken zu verdrängen und konzentriere mich wieder auf das Geschehen im Fernseher. Es ist mir ein Rätsel, wie jemand bei diesem Film einschlafen kann. 

Der Duft seiner frisch gewaschenen Haare steigt mir in die Nase und noch ehe ich begreife, was ich mache, habe ich schon mein Gesicht gesenkt und … genau in diesem Moment hebt Marian seinen Kopf. Für eine Sekunde starren wir uns in die Augen, dann spüre ich seine Lippen auf meinen. Ein Seufzen entrinnt meiner Kehle und ich erwidere nur zu gern den Druck, spüre seine weichen Lippen und die Zunge, die neckend die Konturen meines Mundes nachfährt. Meine Hand wandert in seinen Nacken und ich streichle versonnen den Haaransatz. Der Kuss fühlt sich so gut an, dass ich nicht bereit bin, mich von ihm zu lösen. 

Es erscheint mir wie eine süße Ewigkeit, in der wir nichts weiter machen, als zu küssen, voneinander zu kosten, uns zu erkunden, ohne mehr zu wollen. Das Pochen in meiner Hose ignoriere ich, will diesen Moment nicht mit Gier zerstören. 

Als wir uns nach einer Weile doch lösen, sehen wir uns atemlos an. Marian lächelt, in seinem Gesicht haben sich rote Flecke gebildet. Ich sehe seinen Kehlkopf nervös auf und ab hüpfen. Ich fühle mich ebenso nervös und streichle mit einer Hand über seine Wange.

„Kann ich noch hier bleiben?“, fragt er leise. 

„Ja“, erwidere ich sofort und mein Herz macht vor Freude einen kleinen Sprung. Marian rutscht ein Stück näher und legt seinen Kopf gegen meine Brust. Ich lege meinen Arm um seine Schulter. Er kuschelt sich regelrecht an mich und seufzt leise, als er anscheinend eine gemütliche Position gefunden hat. 

„Kann ich ein bisschen länger bleiben?“, flüstert er ohne mich anzusehen. 

„Ja“, murmle ich und fühle mich vollkommen verloren. 

„Das ist gut.“ Er hebt den Kopf haucht mir einen Kuss auf die Lippen und wendet sich dann wieder dem Fernseher zu. 

„Du feierst wirklich niemals Weihnachten?“

„Nein, niemals.“

„Auch nicht als Kind?“ Verwundert hebt er den Kopf und mustert mich neugierig. 

„Da schon gar nicht!“, erwidere ich lachend. „Was macht Weihnachten für dich aus?“

„Oh, als Kind mochte ich die ganz besonders die Gerüche, die Heimlichkeiten und diese … aufregende Zeit. Diese Hektik, die einen ganz kribbelig gemacht hat. Meine Mutter hat das Fest wirklich zelebriert. Es gab so viele Bräuche, so viele Erwartungen und den Baum. Ich mochte, wie er gestrahlt hat, wie die Kugeln im Schein der Kerzen geglitzert haben. Als Kind habe ich davon geträumt, dass ich es einmal ganz genau so machen würde, wie meine Eltern. Na ja, dann stellte ich fest, dass ich schwul bin, und damit hatte sich das mit der Familie irgendwie erledigt. Der Zauber verflog auch mit den Jahren, der Stress, der hinter all diesen Vorbereitungen steckte, zeigte sich deutlich und ich begriff, dass meine Mutter dieser Zeit eigentlich nichts Magisches abgewinnen konnte. Für sie war es in erster Linie Stress.“

„Warum hat sie es dann überhaupt gemacht?“

„Gute Frage“, sagt er lachend, „Wahrscheinlich, weil alle Weihnachten feiern.“

„Nicht alle … eigentlich gibt es sogar ziemlich viele Menschen auf der Welt, die dieses Fest nicht feiern“, widerspreche ich. 

„Habe bisher noch niemanden kennengelernt.“

„Jetzt schon.“

„Ja“, raunt Marian, richtet sich ein Stück auf, sodass wir auf Augenhöhe sind. Wir sehen uns an. Er lächelt und ich imitiere ihn. Seine Augen leuchten und Erstaunen liegt darin. Vermutlich ist es für ihn ebenso ungewöhnlich wie für mich. „Jetzt schon.“

Unsere Lippen finden sich erneut. Er schlingt seine Arme um meinen Hals, während ich ihn auf meinen Schoß ziehe und meine Hände unter das Shirt gleiten lasse. Seine Haut ist warm und weich und verursacht in heftiges Kribbeln in meinem Magen. Seufzend schmiegt sich Marian dichter an mich, sodass ich seine Härte an meinem Bauch spüren kann. Es ist erregend und gleichzeitig spüre ich, dass es keinen Grund zur Eile gibt. Wir können uns Zeit lassen, denn das hier ist noch lange nicht zu Ende. Die Gewissheit zeigt sich mit jeder Berührung deutlicher. Es ist viel zu groß, um es ignorieren zu können, viel zu bedeutend, um es mit Hektik zu zerstören. Obendrein fühlt es sich genau richtig an. Ich möchte gar nichts anderes, als diesen Mann zu küssen und ihn dabei zu halten. 

„Joseph und Marian“, nuschelt er gegen meine Lippen. „Das klingt doch verdammt gut.“ Er brummt zufrieden, küsst mich kurz, rutscht von meinem Schoß herunter und kuschelt sich stattdessen an mich.

„Ja, das klingt ziemlich gut“, stimme ich zu und verschränke unsere Hände miteinander. 


Kommentare:

  1. Guten Morgen Karo,
    einfach wunderschön Deine Weihnachtsgeschichte, besten Dank dafür.
    Wünsche Dir ein schönes Weihnachtsfest und für das neue Jahr viel Erfolg mit all Deinen Geschichten!
    LG Jacqui

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  2. Huhu Karo!

    Viiiiiiiielen lieben Dank für diese bezaubernde Weihnachtsgeschichte.
    ...*hach und seufz*..... es war wunderschööööön.
    Und Joseph und Marian...*kicher*.... das passt wirklich sehr, sehr gut.

    Ich wünsche dir ein frohes und schönes Weihnachtsfest
    und ein gesundes und glückliches Neues Jahr 2014.

    Alles Liebe und Gute.

    Viele liebe Grüße an dich.....
    Lizzie

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  3. Eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte.
    Danke dafür und für den Adventskalender.
    Ich wünsche dir und deiner Familie fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

    LG Piccolo

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  4. Hallo Karo
    es war wiedereinmal toll sich die Weihnachtszeit mit einem besonderen Adventskalnder versüßen zu lassen. Vielen Dank Dir für die wunderbare Idee und deine Geschcihte, und auch deinen Mitstreitern ein liebes Dankeschön für die tollen Geschichten.
    Ein wunderschönes Weihnachtsfest und ein gesundes, glückliches neues Jahr.
    LG Kira1201

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  5. Hallo Karo,
    ich wünsch dir ein frohes Weihnachtsfest und fürs neue Jahr ganz viel Glück.
    Danke für die tolle Weihnachtsgeschichte.
    GLG
    Manuela

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  6. Ein wunderbarer Einstieg in das Weihnachtsfest. Vielen Dank fürdiese schöne Geschichte.
    Auch ich wünsche Dir und Deinen lieben ein Frohes Weihnachten und ein gutes neues Jahr.

    Liebe Grüße
    Denise

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  7. Vielen Dank für die wunderschöne Geschichte.
    Ich wünsche dir und deiner Familie ein wunderschönes Weihnachtsfest.

    LG Ataentsic

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  8. Vielen Dank für die Geschichte und den Adventskalender.
    Frohe Weinachten
    LG Steffen

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  9. Vielen Dank für die tolle Geschichte...und den tollen AdventsKalender.....<3.....
    Die Geschichten waren alle super schön......
    Ich wünsche Dir frohe Weihnachten.
    GLG Sabine

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  10. Boah! Das ist ... soooo süss! Karo! Gänsehaut! Ich bin begeistert. Natürlich erfordert es eine Fortsetzung. *scharf guck* GGLG Sissi

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