Montag, 9. Dezember 2013

Das neunte Türchen


gezeichnet von Janine Sander
Nun öffnet sich auch bei mir der Adventskalender.
Heute findet ihr hier allerdings noch keine Geschichte von mir.
Ich bin ganz stolz, Liat auf meinem blog Willkommen zu heißen.

Morgen geht es Rona Cole weiter





Weihnachtsschokolade
von Liat

Ich drücke mich näher an die Haustür, doch der Wind treibt den Regen trotzdem unter das schmale Vordach. Meine Jeans ist inzwischen völlig durchnässt und der Stoff klebt kalt an den Beinen. Die Jacke ist zwar etwas widerstandsfähiger, aber eben doch nicht regentauglich. Und wo in aller Welt bleibt Simon? In zehn Minuten bin ich da, hat er vorhin am Telefon gesagt. Aber das muss doch mindestens schon eine halbe Stunde her sein. Er ist doch sonst so furchtbar zuverlässig. Und ausgerechnet bei diesem Sauwetter vergisst er mich. Das erste Mal in all den Jahren, in denen wir uns kennen. Ich habe ihn schon öfter mal warten lassen, und ich glaube, einmal sogar ganz versetzt. Simon und ich sind wie Tag und Nacht, oder wie Feuer und Wasser. Das ist auch der Grund, warum zwischen uns nie etwas gelaufen ist. Obwohl ich ja schon finde, dass er ziemlich gut aussieht. Aber wir sind einfach viel zu verschieden.
Es dauert gefühlt bestimmt noch eine Stunde, bis Simon endlich auftaucht. Und wenn ich bis dahin dachte, dass ich nass bin, dann belehrt mich Simons Anblick eines Besseren. Er ist völlig durchweicht. Der Mantel hängt tropfnass an ihm herunter, die Haare kleben am Kopf und er hat einen verbissenen Ausdruck im Gesicht.
„Na endlich! Einen wunderschönen guten Abend, mein Bester“, begrüße ich ihn locker, nicht zuletzt, weil ich genau weiß, dass er damit wenig anfangen kann. „Mir ist schon ganz kalt vor lauter Angst, dass du mich hast sitzen lassen.“
„Jetzt tu doch nicht so, als ob ausgerechnet du schon mal auf mich gewartet hättest. Geh besser zur Seite, damit ich aufsperren kann“, knurrt er.
„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, frage ich, während ich hinter ihm ins Haus gehe. Eigentlich hält sich Simon für zu abgeklärt und zu professionell, um sich über irgendetwas so zu ärgern.
Simon antwortet nicht. Er holt die Post aus seinem Briefkasten und drückt sie mir in die Hand. „Halt mal, sonst ist das alles gleich genauso nass wie ich.“
Er dreht sich um und ich folge ihm zu seiner Wohnung in den ersten Stock.
„So ein Scheißtag!“, flucht Simon, während er die Schuhe auszieht und den tropfenden Mantel und die Anzugjacke auf einen Bügel hängt. Und dabei die trockenen Sachen sorgfältig außer Reichweite schiebt, damit davon nur ja nichts nass wird. „Ich wollte auf dem Rückweg schnell noch ein paar Sachen einkaufen. An der Kasse merke ich, dass ich mein Portemonnaie im Büro vergessen habe. Und als ich dann auf dem Parkplatz wieder losfahren will, ist mein Auto plötzlich kaputt. Einfach so! Vermutlich ist es die Kupplung, weil ich überhaupt nicht mehr schalten konnte. Ich hatte noch nicht einmal ein paar Münzen für den Bus und deswegen musste ich bei diesem Mistwetter den ganzen Rückweg laufen. Das waren mindestens fünf Kilometer.“
Das helle Hemd klebt vor Feuchtigkeit an seinem Körper und die Socken hinterlassen nasse Spuren auf dem Fliesenboden im Flur.
„Das ist wirklich Pech“, antworte ich mit einem leicht ironischen Unterton. So eine Geschichte wäre total normal für mich. Eher Regelfall als Ausnahme. Meine Autos sind prinzipiell alt, wenn ich denn überhaupt eines habe. Im Moment ja nicht. Und es passiert öfter, dass ich nur mit ein paar Euros aus dem Haus gehe. Ich werfe meine Jacke lässig über die Kommode und die Tasche aus LKW-Plane auf den Boden. Zumindest stelle ich meine klobigen Stiefel ordentlich neben Simons Schuhen ab. Die stehen sogar jetzt fein säuberlich auf einem Fußabstreifer, damit der Straßendreck keine hässlichen Spuren hinterlässt.
„Willst du auch eines?“ Simon steckt den immer noch klatschnassen Kopf aus der Küchentür und hält mir ein Bier entgegen. „Nein danke, mir ist jetzt eher nach etwas Warmen.“
Simon zuckt mit den Schultern, öffnet seine Flasche und trinkt die erste Hälfte gleich im Stehen aus. 
„Wo soll ich denn mit der Post hin?“, frage ich ihn. 
„Leg sie einfach auf den Tisch. Ich kümmere mich später darum.“ Simon leert sein Bier. „Ahh, das tut echt gut. Ich gehe erst mal duschen, wenn dir das recht ist.“
„Klar. Was hast du denn mit dieser Schokoladenfirma zu tun?“, frage ich neugierig, als ich das Logo auf dem Poststempel eines dicken, gepolsterten Umschlages sehe.
Simon ist schon auf dem Weg ins Schlafzimmer um sich trockene Klamotten zu holen. „Ich bin für die Schokoladentester“, kommt es dumpf zurück. 
„Schokoladentester?“, wiederhole ich sehnsüchtig und starre den Schriftzug an. Es ist eine ziemlich gute und auch reichlich teure Marke aus der Schweiz.
„Hier, für dich.“ Simon wirft mir eine graue Hose zu und ist dann schon im Bad verschwunden. Das ist typisch. Jeder andere Kerl wäre noch einen Moment geblieben und hätte zugesehen, wie ich mich aus der nassen Jeans winde. Optisch komme ich eigentlich ziemlich gut an. Ich hätte auch eine kleine Show daraus gemacht, in so was bin ich gut. Ein anderer Kerl hätte vielleicht schon beim Bier die Knöpfe seines nassen Hemdes aufgemacht.
Aber natürlich nicht Simon. Er ist rational und effizient. War er schon immer, und während des Studiums wohl noch einen Tick mehr. Heute hat er ab und an schon das Gefühl, er könnte sich auch mal etwas gönnen.
Im Bad setzt das Rauschen des Wassers ein. Ich ziehe die Hose aus und hänge sie zum Trocknen über einen Stuhl. Simons Hose ist aus grauem Sweatstoff. Der Laden führt sie vermutlich unter der Bezeichnung 'Jogginghose', aber ich bin mir absolut sicher, dass Simon nur Funktionskleidung zum Joggen trägt. Erstaunlicherweise sitzt die Hose ziemlich knapp, fast wie eine zweite Haut. Ich hätte nicht gedacht, dass Simon so schmale Hüften hat.

In der Küche sehe ich mich nach einem Wasserkocher um, aber ich finde keinen. Mit Ausnahme eines sehr teuer aussehenden Kaffeevollautomaten ist die Arbeitsplatte völlig leer. Bei Simon ist immer alles tadellos aufgeräumt. Daher finde ich auch gleich einen Topf und stelle Wasser auf den Herd. Dann klopfe ich an der Badezimmertür und bleibe davor stehen, obwohl sie nur angelehnt ist. Wahrscheinlich wäre es ihm peinlich, nachdem er bei mir so unnötig rücksichtsvoll vor.
„Hast du irgendwo Tee?“ Das Wasserrauschen verstummt. 
„Schau mal im linken Schrank, ganz hinten im obersten Fach“, kommt es zurück. Ich schlurfe zurück in die Küche und seufze. Simon trinkt Tee offensichtlich nur dann, wenn er krank ist. Das zeigt seine Auswahl. In einer Aludose mit Sichtfenster befinden sich ein paar Beutel Kamille- und Fencheltee. Dazwischen gibt es einen einzelnen mit Pfefferminze. Den ziehe ich heraus und gieße das kochende Wasser darüber. Allein schon der Duft steigert das Wohlbefinden.
Im Bad läuft jetzt der Fön. Wäre ich an Simons Stelle gewesen, hätte ich sicher viel länger geduscht, oder hätte ein heißes Bad genommen, damit ich wieder richtig durch gewärmt bin. Und mich hätte ich gleich mit in die Wanne genommen.
Ich setze mich mit der Teetasse an den Tisch und vor mir liegt wieder der dicke, gefütterte Umschlag mit dem Logo der Schweizer Firma.
„Wie bist du jetzt eigentlich Schokoladentester geworden?“, rufe ich, sobald der Fön aus ist. Simon zieht sich im Gehen den Pullover an. Für einen Augenblick ist von ihm nur die nackte Haut von den Brustwarzen abwärts bis zur Taille zu sehen. Er hat wirklich sehr schmale Hüften. Vor allem im Verhältnis zu den Schultern, die jetzt wieder zum Vorschein gekommen sind.
„Eine Freundin von mir arbeitet in der Produktforschung und für sie teste ich immer wieder mal Dinge. Meistens sind das aber Wasch- und Putzmittel, Raumspray oder so ein Kram. Sie sucht ständig nach Leuten, die bestimmte, vom Kunden gewünschte Kriterien erfüllen.“
„Welche sind das für Schokolade?“, will ich wissen. „Ich glaube, in dem Fall suchte sie speziell Männer zwischen zwanzig und fünfunddreißig.“
„Gib ihr meine Nummer. Ich will auch Schokoladentester werden.“
„Kann ich machen, aber ich weiß nicht, ob sie dafür noch Leute braucht. Die Reihe läuft schon eine ganze Weile.“
Simon öffnet den Kühlschrank und holt sich eine zweite Flasche Bier. Seine Haare sind noch nicht ganz trocken.
„Mit Weihnachtsmarkt ist heute sowieso nichts mehr“, sagt er nach einem Blick auf die Uhr und lässt sich auf das Sofa fallen. „Der schließt in zehn Minuten. Und hättest mich sowieso aushalten müssen. Bis Montag habe ich kein Geld und ohne Karten auch keine Möglichkeit noch welches zu kriegen.“ Simon grinst. Das muss am Bier liegen, er ist echt kein lockerer Typ.
„Aber bei dem Wetter hätte ich sowieso keine Lust noch mal rauszugehen. In diesem Jahr haben wir echt einen ganz besonders stimmungsvollen Dezember: entweder Regen, oder aber Regen, wenn es nicht vielleicht zur Abwechslung einmal regnet.“
Ich nehme den Umschlag vom Tisch und setze mich neben ihm.
„Ich will den Test machen“, kündige ich an und reiße den Umschlag schon einmal auf, bevor mich Simon ernsthaft daran hindern kann. Darin sind vier Tafeln Schokolade, drei davon in Alufolie gewickelt und mit Aufklebern versehen, die vierte ist in eine mit goldenen Schnörkeln verzierte Schachtel gepackt, wie direkt aus dem Supermarkt. Dabei liegt ein dicker Packen Papier.
Simon seufzt und nimmt noch einen Schluck aus seiner Flasche. „Das ist zu 85 Prozent formeller Kram, viele Fragen, so spannend ist das echt nicht.“
Oh Mann, der Kerl kann einem wirklich jede Freude verderben. Ich ignoriere ihn, nehme das oberste Blatt und lese vor: „Bla, bla, bla, wir freuen uns, dass Sie sich auch heute wieder entschlossen haben.... bla... bla... sind gespannt auf Ihre Meinung, bla... bla... eine Tafel Vollmilch Mandel als kleine Aufmerksamkeit...  unser Dank.. bla... bla....“
Ich nehme Simon abrupt das Bier weg. „Hier steht, man soll nur Wasser trinken, zur Neutralisation der Geschmacksnerven. Wo hast du deine Gläser? Und ich brauche noch einen Kugelschreiber.“
Simon seufzt erneut. „Ich mach schon.“ Er wirft einen, wie ich finde, ziemlich missbilligenden Blick auf den Topf, der immer noch auf dem Herd steht. Ich habe ihn natürlich nicht gleich wieder weggeräumt. Wenn ihn das stört, hätte er mich eben nicht einladen sollen. Es ist ja nicht so, dass wir uns ständig sehen. Seit wir das Studium beendet haben, treffen wir uns höchstens zwei oder drei Mal im Jahr, auch wenn zwischen unseren Wohnorten nur eine gute Stunde mit dem Zug liegt.

Simon bringt eine Flasche Wasser und zwei Gläser und setzt sich wieder neben mich.
„Schauen Sie sich zunächst die Kopien der Verpackung an“, sagt er in einem künstlich leiernden Ton. Er hat das Prozedere wohl wirklich schon gemacht, denn genau das steht als erstes auf dem Fragebogen. „Was gefällt Ihnen besonders gut am Design?“
„Das ist toll“, sage ich. „Frische Farben, witziger Schriftfont, das zielt ganz klar auf jüngere Käufer. Und das mit der Corporate Identity bei den verschiedenen Sorten haben sie auch gut hingekriegt.“
„Mir gefällt es gar nicht“, sagt Simon. „Diese Buchstaben sind so krakelig. Die andere Schachtel finde ich viel schöner.“ Er zeigt auf die goldschnörkelige Verpackung der Tafel Vollmilch-Mandel.
„Ja, wenn man über siebzig ist und auf Häkeldeckchen und Rosentapeten steht“, antworte ich und schreibe ungeniert meine eigene Meinung in das Feld.
„Das hat doch damit nichts zu tun. Aber die wollen Weihnachtsschokolade verkaufen, schau dir doch mal die Sorten an. Trüffel aus Glühwein und Rum. Granatapfel trifft Orange und Kardamom. Vanille küsst Aperol. Für mich gehört zu Weihnachten eben auch ein bisschen Tradition und Kitsch. Ich will Rot und Gold und Grün, aber nicht so eine bonbonbunte Mischung.“ Das überrascht mich jetzt etwas. Simon ist so schlicht eingerichtet und so überhaupt kein extravaganter Typ, ganz im Gegenteil, meistens finde ich ihn etwas unterkühlt. Eine romantisch Ader habe ich jedenfalls noch nicht festgestellt.
„Hmm, ich glaube nicht, dass das speziell für Weihnachten gedacht ist. Das ist einfach das Wintersortiment. Im Sommer gibt es Joghurt und Limette, im Winter eben so was.“
„Trinkst du denn nach Weihnachten noch Glühwein?“, fragt Simon mit echtem Erstaunen.
„Klar. Wenn es kalt ist, warum nicht?“
„Ich jedenfalls nicht. Spätestens nach Neujahr schmeckt mir weder Glühwein noch Lebkuchen. Und vor Dezember kaufe ich das auch nicht. Ich finde es furchtbar, wenn schon Ende August das Weihnachtssortiment im Laden steht.“
Eigentlich ist mir das ziemlich egal. Aber irgendetwas an Simon reizt mich einfach zum Widerspruch.  „Es wird anscheinend gekauft. Sonst wäre es ja nicht da.“
„Aber ich tu es nicht. Ich finde es schön, wenn es im Leben eine bestimmte Zeit für bestimmte Dinge gibt. Dann hat man wenigstens einen Grund, sich noch auf was zu freuen. Wenn ich das ganze Jahr Glühwein trinke, dann ist das zu Weihnachten nichts Besonderes mehr, sondern einfach nur Alltag. Und wenn ich sieben Tage in der Woche arbeite, dann bringe ich mich um die Vorfreude aufs Wochenende an dem ich frei habe. Verstehst du was ich meine?“
„Willst du mir jetzt damit sagen, dass es in meinem Leben keinen Grund gibt, mich noch zu freuen, oder was?“ Ich bin freier Mitarbeiter bei verschiedenen Agenturen, die professionelle Internetpräsenzen erstellen. Es gibt Wochen, da arbeite ich 70 oder 80 Stunden, was im Klartext heißt, dass ich nichts anderes tue, als zu arbeiten und zu schlafen. Meine zwischenmenschliche Kommunikation beschränkt sich dann auf magere Wortwechsel mit den Angestellten der diversen Essenslieferdienste. Und dann gibt es Wochen, da arbeite ich effektiv vielleicht einen Tag und hänge den Rest im Schwimmbad ab, treffe mich mit Familie und Freunden, gehe ausgiebig weg und schlafe bis in den Nachmittag hinein. Mir war schon in der Schule klar, dass ein geregelter Bürojob mit festen Arbeitszeiten für mich niemals in Frage kommt. Ganz anders als Simon, der mir schon im zweiten Semester erzählt hat, dass er nur bei einem großen, internationalen Konzern arbeiten will. Und mit seiner üblichen Disziplin ist ihm das auch gelungen. Und manchmal, in wirklich ganz seltenen Fällen, da beneide ich ihn für einen Herzschlag lang um die finanzielle Sicherheit, die ihm dieser Job gibt, aber in all der restlichen Zeit kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich meine wertvolle Freiheit für so etwas Schnödes wie Geld verkaufen würde.

„Nein, so habe ich das doch überhaupt nicht gemeint.“ Simon seufzt schon wieder. „Nur eben, dass ich es schön finde, wenn man einen... ach egal. Lass uns doch endlich mal die Schokolade probieren. Mit welcher Sorte sollen wir denn anfangen?“
Ich hasse es, wenn jemand einen Satz beginnt, und dann mit mit 'egal' oder 'nicht so wichtig' abbricht. Wenn er nichts zu sagen hat, dann soll er es doch gleich bleiben lassen. Oder soll ich mir daraus ableiten, dass ich für ihn nicht wichtig genug bin, den Satz zu vollenden? Ich atme tief durch. Ich will mich jetzt nicht schon wieder mit ihm streiten, ich bin noch nicht einmal eine Stunde hier. Nur irgendwie ist das mit Simon immer so. Ich habe ihn am ersten Tag des ersten Semesters gesehen und mir war sofort klar, dass wir beide vom gleichen Ufer sind. Aber wir haben nur ein paar Sätze gewechselt, bis sich genau dieses Gefühl eingestellt hat: Simon ist viel zu anders als ich. Irgendetwas an ihm bringt mich immer auf die Palme. Es passt so schlecht, dass es noch nicht einmal für einen One-Night-Stand gereicht hat.
Ich ziehe die Anleitung für die Schokoladenverkostung hervor. „Wir beginnen mit Granatapfel“, beantworte ich Simons Frage und wickle die Schokolade aus der Alufolie. Ich breche mir ein Stück ab, schiebe es in den Mund – und finde es traumhaft. Schokoladig, cremig, die Füllung ist fruchtig süß und dazu die leichte Note einer unbekannte Würze, das muss der Kardamom sein. Ich bin total begeistert  und esse sofort noch ein Stück.
„Furchtbar!“, sagt Simon. „Schau dir doch mal diese Farbe an. Das Rot ist viel zu künstlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand so etwas freiwillig kaufen will. Für mich ist das bestenfalls eine drei oder vier auf der Skala bis zehn.“
Ich starre ihn entgeistert an. „Ich liebe diese Sorte jetzt schon. Das ist eine zehn, das steht ganz außer Frage.“
„Ich glaube, wir probieren erst alle drei und beantworten dann die Fragen“, sagt Simon schnell und drückt mir mein Wasserglas in die Hand. Vielleicht liegt es daran, dass bald Weihnachten ist, denn sonst ist Simon nicht so nachgiebig wie heute. Normalerweise hat er diesen rechthaberischen, schulmeisterlichen Ton.
Es stellt sich allerdings heraus, dass der Granatapfel in dieser Versuchsrunde schon das Highlight war. Bei der Tafel mit Rumpunsch sind Simon und ich uns ausnahmsweise einig, dass sie ganz gut ist, solide Qualität, aber eben nicht herausragend. Die Variante mit Vanille und Aperol dagegen würde ich als klares Desaster bezeichnen. Viel zu bitter für Schokolade, viel zu süß für Aperol und die Vanille geht komplett unter. Da kann ich mir ein zweites Stück wirklich sparen.
„Das hier sind zehn Punkte“, schwärmt Simon. „Das ist genau die richtige Mischung. Sahnig aber  nicht klebrig, leicht herb und dieser feine Hauch von Vanille. Und vor allem nicht zu süß. Ich glaube, die trifft genau den richtigen Punkt. Besser kann eine gefüllte Schokolade nicht sein.“
„Wo bitte kann man denn da Vanille schmecken? Wenn das nicht auf der Packung stehen würde, kämst du nie auf den Gedanken, hier Vanille zu bemerken!“, protestiere ich erregt.
„Dann nimm doch noch ein Stück. Mach die Augen zu, lass es ganz langsam auf der Zunge zergehen und dann spürst du auch die Vanille.“
„Das scheußliche Zeug brauche ich mir gar nicht noch mal anzutun. Das schmeckt einfach nur grässlich bitter und sonst nach gar nichts, nicht einmal wirklich nach Aperol.“
Simon wird jetzt auch wütend. Das muss an seiner gereizten Grundeinstellung liegen, nach dem Pech mit seinem Auto, denn normal steht er echt über solchen Dingen. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, ihn je so ärgerlich gesehen zu haben.
„Du willst es noch nicht mal probieren. Dabei tust gerade du immer so aufgeklärt und liberal, aber in Wirklichkeit hängst du an deinen uralten Vorurteilen. Für dich genügt ein Blick oder ein einziges Stück Schokolade und du glaubst, sofort zu erkennen, was gut ist und was nicht. Kein neuer Versuch. Alle weiteren Diskussionen unerwünscht.“ Ich frage mich echt, auf was für einen Trip er heute ist. Hier geht es um eine blöde Schokoladensorte.
„Was gibt es da noch zu probieren?“, wende ich, mindestens genauso aufgebracht, ein. „Es schmeckt mir eben nicht. Ich mag es süß. Ich bin eher der Gummibärchentyp unter den Schokoladenessern, bevor die Tüte nicht leer ist, höre ich nicht auf. Und du bist eher der Snob. Ich wette, du hast deine Schokolade im Sommer im Kühlschrank und du würdest nie eine ganze Tafel einfach so auf einmal aufessen, einfach nur weil es schmeckt.“
„Das wettest du, aber du weißt es nicht. Es ist dir auch zu anstrengend, das wirklich herauszufinden.“ Jetzt klingt Simon spitzfindig und zickig, mit seinem eigenen, überheblichen Unterton.
„Aber du weißt alles, nicht wahr? Du schwebst doch einen halben Meter über den Boden, so abgehoben bist du! Simon kann alles, Simon weiß alles, Simon hat Erfolg und Geld und Anerkennung! Warum gibst du dich überhaupt mit Leuten wie mir ab?“ Ich habe mich in Rage geredet und bin jetzt so wütend, dass ich ihn mit beiden Händen vor die Brust stoße.
„Brauchst du das für dein Ego? Fühlst du dich eleganter, wenn du siehst, dass ich immer noch keine Anzüge trage? Reicher, weil ich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebe? Glaubst du, nur du hast begriffen, wie das System funktioniert, und ich Idiot lebe noch genauso in den Tag hinein, wie damals als Student? Macht dich das alles gleich viel glücklicher in deiner ordentlichen kleinen Welt?“
Simon starrt mich an. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich mich so gehen lasse. Das wäre ihm nie passiert. Nach diesem kleinen Anflug von Wut eben hat er sich ja auch gleich wieder in die typische Arroganz gerettet. Und ich bin verdammt nahe dran, dass ich mich wirklich komplett vergesse und ihm eine in seine blasierte Fresse haue. Für einen Augenblick.
Für einen verdammt langen Augenblick sehne ich mich echt danach, ihm eine einzuschenken.  Mitten in dieses Gesicht mit dem ungläubigen Ausdruck in den Augen.
Aber ich bin kein Schläger. Und wenige Tage vor Weihnachten ist sicher nicht der beste Zeitpunkt um damit anzufangen. Statt dessen greife ich nach der Schokolade auf dem Couchtisch und stopfe mir mehrere Stücke auf einmal in den Mund. Pah, das Zeug ist immer noch ungenießbar. „Übähaub nix Banil'“, nuschle ich noch während des Kauens und drehe mich triumphierend zu Simon um.

Er trifft mich völlig unvorbereitet. Der Griff um meinen Hinterkopf lässt keinen Widerstand zu. Seine Lippen sind fest und trotzdem weich, sanft aber bestimmend und innerhalb des Bruchteils einer Sekunde ist mein Hirn völlig hinüber und in meinem Bauch herrscht ein Aufruhr, als wäre er ein Ameisenhaufen, in den jemand einen Stock gesteckt hat. Hätte er mich jetzt geschlagen, hätte das niemals so einen plötzlichen und unerwarteten Knockout zur Folge gehabt.
Und plötzlich ist Simons Kuss wieder vorbei. Die Hand hinterlässt einen Hauch Wärme in meinem Nacken und sein Mund ein deutliches Kribbeln auf meinen Lippen. Ich spüre dem Gefühl nach, es ist so intensiv, dass ich an nichts anderes denken kann. Es verdrängt sogar den bitteren Nachgeschmack der Schokolade in meinem Mund.
Dann ist es plötzlich da. Es ist nur ein Hauch, aber vertraut und unverkennbar: Ich schmecke die Vanille in der Schokolade.
Simon sieht mich an, vielleicht mit Bedauern, oder Wehmut. „Tja, schade. Aber zumindest habe ich es jetzt endlich einmal versucht...“, er lächelt jetzt sogar ein wenig. „Immer wenn du wieder weg bist, fühle ich mich wie der größte Feigling überhaupt.“
Meine Gedanken rattern wie eine historische Dampfeisenbahn in meinem Kopf und es dauert bis ich begreife. Er hat meine Überraschung für Desinteresse gehalten.
Ein Kuss verändert nichts. Wir verstehen einander nicht. Simon ist immer noch das komplette Gegenteil von mir. Wenn er der Nordpol ist, dann bin ich der Südpol. Ist er der Tag, bin ich die Nacht. Wenn er Ja sagt, sage ich Nein, wenn er Materie ist, dann bin ich die Antimaterie.
Keine Ahnung, was genau er sich nach diesem Kuss vorstellt, aber wenn wir beide ernsthaft aufeinander treffen, dann kann das nicht gut gehen. Das wird in jeder Hinsicht einen gewaltigen Urknall geben. Positiv wie negativ, die Folgen sind völlig unabsehbar. Das Chaos ist vorprogrammiert.
Und ich will verdammt sein, wenn ich mir das entgehen lasse.

 

Kommentare:

  1. Lächel...eine interessante Geschichte!
    Da bewahrheitet sich wiedermal, das es gut ist, dass Geschmäcker verschieden sind. Weil sich zwischen ihnen spannende Dinge entwickeln können...mit und ohne Chaos und Urknall.
    Da hätte ich doch zu gerne gewusst, ob es den beiden gelingen würde, ihre beiden Sichtweisen zu einem positiven Miteinander zu vereinen...
    lg Karolina

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  2. Schokolade mal anders. Wie heißt es doch so schön - Gegensätze ziehen sich an. Und bei dem Urknall wäre ich gerne dabei.

    LG Rita

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  3. Die Zwei sind wirklich ganz schön verschieden. So schnell wird es mit ihnen garantiert nicht langweilig werden.
    Wieder einmal eine tolle kleine Geschichte im Adventskalender.

    LG Piccolo

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  4. *Grins* Bei dem Urknall wäre ich gerne dabei! Schön das sie im Adventskalender war, schade das es nicht weitergeht!

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  5. Bravo Karo. Süss, sinnlich, zuckrig, bitter. Gefällt mir sehr.

    LG Sissi

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  6. Ahhhh - so eine Süße (Muhahah, total offensichtlicher Wortwitz weil Schokolade^^) Geschichte!!! <3
    Die ist ja mal einfach nur zum lächeln und genießen!
    Und ich finde, sie haben zumindest eine Gemeinsamkeit: Sie sind beide einfach .... Putzig! Ich kann es nicht besser ausdrücken ... Putzige eben!

    hihi ... und plötzlich war die Vanille also doch da ... :D
    Herrlich! Wo kann man mehr vom Autor/in lesen??
    Liebe Grüße, Hanna

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  7. Eine schöne Geschichte. Zwei komplette Gegensätze, die sich anziehen, aber auch abstossen. Das es bei den beiden zu erheblichen Reibereien und Meinungsverschiedenheiten kommen wird, ist wirklich vorprogrammiert. Auch ich wäre gerne dabei....

    LG Lilith

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  8. Öj, da kann doch jetzt nicht Ende sein ;) - da geht es doch grad erst los.
    Zuckersüß die zwei
    LG Katrin

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  9. Eine wirklich geniale Geschichte, hab mich sofort in die Beiden verliebt :)))
    LG Anlu

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  10. Hallo Karo,

    Vielen Dank für das Posten der Geschichte.

    Und auch an alle Kommentarschreiber herzlichen Dank. Ich hab mich gefreut und nicht mit so vielen Reaktionen gerechnet.

    Wer will, findet auf meinem Profil bei ff.de mehr von mir:

    http://www.fanfiktion.de/u/Liat

    Liebe Grüße,
    Liat

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  11. Schöne Geschichte, schönes Ende bei dem man seine Phantasie spielen lassen kann!

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