Dienstag, 16. April 2013

Ich tauche auch ab ...

Manchmal gibt es schon irgendwie merkwürdige Zufälle. Ich lese gerade „Wie Jakob die Zeit verlor“ von Jan Stressenreuter. Schon lange hat mich kein Buch mehr dermaßen fasziniert und beeindruckt und bedrückt ... aber mich vor allem dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie für mich das Leben in den 80-zigern war. Dann sehe ich den Blogeintrag von Jannis Plastargias und muss einen Moment verwundert innehalten. Also nicht wegen dem, was Jannis geschrieben hat, sondern weil mich das Thema tatsächlich schon vorher beschäftigt hat … und dann dachte ich mir, wenn ich ohnehin schon in die 80-ziger abgetaucht bin, dann kann ich hier auch mitmachen. Also folge ich der Weltentaucherin Hilke-Gesa Bußmann in ihrer Blogparade.


Ich habe in meiner Fotokiste gewühlt, ein paar Erinnerungen hervorgerufen und voilà, hier sind sie:
Ich bin ein Kind des Osten oder na ja irgendwie auch eine Art Wendekind.
Ich gehöre zu den letzten die 1989 noch eine „richtige“ sozialistische Jugendweihe erlebt haben, mit allem drum und dran und einer Karo als Rednerin in diesem riesigen Saal mit all den Leuten.
Ich war beim letzten Pfingsttreffen der FDJ , ebenfalls 1989 in Berlin. Allerdings sind meine Erinnerungen daran eher schwammig. Überfüllte Züge, unendliche Menschenmassen, ein Konzert der „Puhdys“. Eine Gruppe, die mich damals natürlich null interessiert hat, erstaunlicherweise ist das heute anders. Nicht, dass ich ein Fan wäre, es sind wohl eher so etwas wie (n)ostalgische Gefühle … keine Ahnung woher sie kommen, aber ich mag mittlerweile „Ostmusik“ durchaus gern. Ich erinnere mich an Essensgutscheine, die ich allesamt in Moskauer Eis umgesetzt habe, an einen jungen Soldaten, der irgendwo "Unter den Linden" stand. Wir haben uns unterhalten, dann wollte er meine Adresse. Ich habe sie aufgeschrieben und schon am folgenden Montag hatte ich einen Brief im Briefkasten, später dann einen Freund, und jede Menge Briefe aus der Wendezeit.
Ich kann mich an die Abschlussparade und erneutes Gedränge in den Zügen erinnern. Ich glaube, die Fahrt kam mir länger vor, als die Zeit, die ich tatsächlich in Berlin verbracht habe.
An die Jugendweihe habe ich sehr viel mehr Erinnerungen. Zu DDR- Zeiten war die 8. Klasse wohl für die meisten Jugendlichen eine besondere Zeit. Das fing schon damit an, dass man endlich das rote Pionierhalstuch gegen das (zumindest am Anfang) schicke blaue FDJ-Hemd tauschen konnte. Damit zeigt man, dass man nun endlich auch zu den Großen gehört! Die Aufnahme in die FDJ fand während der Klassenfahrt nach (und jetzt bitte festhalten, weil ich die Ungeheuerlichkeit bis heute nicht vergessen kann) Weimar/Buchenwald statt. Genau, die Jugendherberge befand sich vor den Toren des KZ Buchenwald. Auf den Fluren hing die Hausordnung aus, auf der stand, dass lautes Lachen und Toben durch die Gänge bzw. auf dem Gelände verboten sei. Wir waren zwischen 13 und 14, also mitten in der Pubertät … dazu noch auf Klassenfahrt, wir wollten lachen und toben und verbotene Dinge machen! Na ja, haben wir auch, und es war für mich das gruseligste, was ich je erlebt habe … mitten in der Nacht auf dem KZ- Gelände herumzustromern. Erschreckt es euch? Mich auch, aber es war wohl unserer Naivität geschuldet und auch ein wenig, dass man die Dimensionen gar nicht wirklich erfassen konnte. Als Schüler wurden wir schon früh mit dem Naziterror konfrontiert. (Jungpionier wurde ich ebenfalls auf einer KZ- Gedenkstätte und da war ich 7, mit 12 fuhr ich in den Sommerferien ins Ferienlager nach Polen, Auschwitz war ein Pflichtprogramm und das war wirklich traumatisierend).
Deshalb ist es für mich bis heute unbegreiflich, dass jemand, der in der DDR gelebt hat, ein Neonazi werden kann. Der Schrecken der Nazi-Zeit ist für mich so tief verankert.
Ansonsten bedeutete die Jugendweihe für mich dasselbe, wie für die meisten anderen Jugendlichen. Eine riesige Party, eine Menge Kohle, ein freier Montag und das erste Mal richtig betrunken. Wobei ich, soweit ich mich erinnern kann, gar nicht viel getrunken habe. Ich war nur einmal in meinem Leben wirklich voll, und das war deutlich später, mit zu viel Whiskey, aber das ist eine andere Geschichte.
Die schönsten Erinnerungen habe ich an die Urlaube mit meiner Familie.
Es ging jeden Sommer entweder an die Ostsee oder nach Lychen. Ich mochte beides. Die Ostsee ist für mich bis heute das Reiseziel Nr.1. Ich liebe die See und wenn ich darüber nachdenke, könnte ich sofort meine Tasche packen …
Der Betrieb meines Vaters hatte einen Bungalow in Boltenhagen. Auf dem Zeltplatz war immer was los. Für mich als Kind eine großartige Zeit.
In Lychen hatte der Betrieb ein großes Grundstück direkt am Wurlsee. Das war auch toll, aber ich war immer froh, wenn meine Eltern noch ein anderes Kind mitgenommen haben. Für ein Einzelkind wie mich, konnte es dort auch schnell langweilig werden. Es gab eigentlich in jedem Urlaub einen besonderen Urlaubssong. Ich kann mich an den „Goldenen Reiter“ von Joachim Witt erinnern.

Wir haben es lautstark gesungen, während wir mitten in der Nacht zum See gelaufen sind. Ich habe Nachtbaden geliebt, dieses unheimliche Gefühl, wenn man von dem pechschwarzen Wasser verschlungen wurde. Der Mond und tausende Sterne und ein paar Lichter am gegenüberliegende Ufer … *seufz*
An der Ostsee war natürlich nichts mit Nachtsbaden. Da waren die riesigen Flutscheinwerfer, die für mich als Kind durchaus beängstigend waren.
Musikalisch habe ich die neue deutsche Welle geliebt. Allen voran Nena (mag ich auch heute noch). Ich war, was Musik anbelangt nicht wirklich festgelegt. Ich wusste, was ich nicht mag und das waren Modern Talking und A-ha (keine Ahnung, warum ich A-ha nicht mochte, sieht heute ebenfalls anders aus, bei Modern Talking ist meine Abneigung allerdings geblieben)
Ich mochte The Cure, Ärzte, Depeche Mode … kannte ein paar Lieder von den „Einstürzenden Neubauten“ … aber mein Alltimefavorites bleiben wohl Erasure und Yazoo. 
In Limahl war ich verliebt und von Boy George war ich fasziniert. Mein erstes Poster klebte ich mit 11 über meinem Bett. Es war Depeche Mode … Ich konnte weder den Namen richtig aussprechen, noch hatte ich eine Ahnung, wer das war. Aber meine Mutter arbeitete bei der Post und sie kam deshalb immer an besondere Zeitschriften heran. So hatte ich das „neue leben“, eine Zeitschrift, die man vielleicht mit der Bravo vergleichen könnte und die deshalb sehr begehrt in der DDR war. Auf der letzten Seite war ein Poster … etwas kleiner als A4 *lach*, aber das war egal… Die Zeitschrift habe ich bis zur Wende gelesen, sie versuchte modern zu sein, jugendorientiert und es gab ebenfalls Fragen und Antworten zum Thema Sex.
In dieser Zeit haben mich politische Themen nur am Rande interessiert. Vielleicht weil es so viel Politik in der Schule gab, Pioniernachmittage, später FDJ- Veranstaltungen.Dabei gab es so viel anderes zu entdecken … Das erste Mal verliebt, die erste „große“ Liebe überhaupt … der Frust darüber, dass Jungs ja ganz anders leben konnten als Mädchen und mein innere Kampf dagegen. Ich wollte das dürfen, was Jungs auch durften. Vielleicht lag es daran, dass ich ohnehin mehr mit den Jungs abhang, als mit den Mädchen. Natürlich hatte ich auch Freundinnen, sie sind mir sogar bis heute erhalten geblieben. Aber ich mochte die Art der Jungs, mochte ihre Witze, ihre Anzüglichkeiten. Ich zog mit ihnen rum, wir eroberten verfallene Häuser und machten es uns darin bequem. Ich schmiss Partys in meinem Zimmer, bei denen ich das einzige Mädchen war. Ich hatte zwei „Brüder“, die ich über alles geliebt habe, mit denen ich über Dinge reden konnte … die mir vor allem die „männliche“ Sicht auf manche Dinge erklärt haben.
Ich mochte die Zeit, denn ich lebte durchaus priviligiert. Einerseits war ich als Klassenbeste, als Gruppenratsvorsitzende so eine Art Vorbild. Aber ich nahm mir trotzdem die Freiheit, Dinge zu tun, mit Leuten abzuhängen, die möglicherweise nicht immer diesem anderen Bild von mir entsprachen.
Ich hasse Klischees, das hat sich wohl bis heute erhalten.
Ich habe Theater gespielt, bin dort zum ersten Mal bewusst mit dem „System“ in Kontakt geraten. Die Frau unseres Schauspielers war Russischlehrerin. Sie hat einem Schüler gesagt, wenn er keine Lust auf Russisch hätte, könnte er auch ihren Unterricht verlassen. Darauf wurde sie entlassen und bekam in der ganzen DDR keinen Job mehr als Lehrerin. Ich konnte diese Ungerechtigkeit nicht fassen. Sie war jung und engagiert und toll. Sie sind dann beide weggezogen, das war ein echter Verlust.
Kommen wir noch einmal auf das Jahr 1989 zurück. Das Jahr der großen Wende. Eine Zeit voller Aufregung, voller Hoffnungen und großer Erwartungen. Ich war dabei … So wie viele andere auch. Ich bin jeden Donnerstag demonstrieren gewesen, habe meine Kerze gehalten, mich in die überfüllten Kirchen gequetscht, den Rednern gelauscht (auch wenn ich wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte begriffen habe) Am 9.11.1989 bin ich von der Demo gekommen und in den Nachrichten wurde gesagt, dass die Mauer in Berlin geöffnet ist. Mit großen Augen habe ich die Bilder im Fernsehen verfolgt.
Ach, und was das Schreiben anbelangt. Es gibt tatsächlich ein paar Versuche, Geschichten von Mädchen, die cool waren, die sich die gleichen Rechte wie Jungs herausnahmen. Und es gab ein Gedicht … eigentlich viele Gedichte, aber ein Gedicht hat es in die Annalen der Schule geschafft. Ich musste es gefühlte 1000 Mal vortragen, zu allen möglichen Anlässen … bis es wohl jeder Schüler der Schule kannte. Danach war mir die Lust am dichten für alle Zeit vergangen. Mehr als ein paar schlecht gereimte Sachen für Schul, -Verlobungs- und Hochzeitszeitungen gab es nicht mehr von mir.
Gern gelesen haben ich natürlich auch. Es gab gute Jugendliteratur in der DDR. Und natürlich steht auch heute noch „Wasseramsel“ von Wolf Spilllner in meinem Schrank.
Ich lese es immer noch gern und erinnere mich, dass wir alle scharf auf dieses Buch waren. Eine Liebesgeschichte, in der echter Sex beschrieben wurde. Okay, es war weniger als eine halbe Seite, dann war es auch schon vorbei, aber trotzdem … mit roten Wangen und diesem verdammten Kribbeln im Bauch haben wir es gelesen.
Noch ein Wort zu Film und Fernsehen. 1989 war ich auch im Kino und habe mir „Coming out“ angesehen. Mehr als einmal sogar. Ich habe den Film geliebt!
„Denver Clan“, „Cinderella 87“. Pierre Cosso (ein Traum), „La Boum“…
Genug getaucht, zurück ins Hier und Jetzt. Ich mache die Musik von Yazoo wieder aus. Seufzend öffne ich die Augen. Die Sonne scheint, ich sitze an meiner Susi, im Kinderzimmer nebenan läuft Spongebob Schwammkopf … und in meinem Kopf kreisen ein paar neue Ideen, die es hoffentlich irgendwann in die Weiten des Internets schaffen, oder im Idealfall sogar zwischen die Deckel eines Buches. Ich schätze, in den 80-zigern hatte ich Schreiben als eine Art „Berufung“ nicht auf dem Plan.

1 Kommentar:

  1. Da Fält mir doch glatt ein Lied zu ein `Zeit Die Nie Vergeht ´
    Wer vergisst von wo er kommt oder wie seine Jungend war Lebt in Angst vor sich selber .
    Schön gemacht wie immer Liebe Karo such bitte weiter du findes mehr !!!

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