Dienstag, 30. April 2013

Hexentanz

Jedes Jahr am 30. April fliegen die Hexen auf ihren Besen herbei, um sich mit ihrem Herrn und Meister zu treffen und ein rauschendes Fest zu feiern.
Die Walpurgisnacht ist die Nacht der Hexen und Teufel. Sie tanzen um ein flackerndes Feuer, bereiten Zaubertränke, küssen den Teufel und erhalten neue Kräfte.
Hier im Harz wird nahezu in jedem Ort gefeiert und in den Mai getanzt.
Aber natürlich gibt es auch die bekannten Hochburgen, wie der Hexentanzplatz in Thale, wo die Hexen sich für den gemeinsamen Abflug zum Blocksberg treffen.
Ich möchte Euch heute (und in den nächsten Tagen) auf eine ganz besondere Walpurgisfeier entführen. Also haltet Euch gut auf meinem Besen fest, wenn wir über die Wipfel der Bäume zum großen Feuer fliegen. Mischt Euch unter die Hexen, lauscht ihren Geschichten, denn in dieser Nacht gibt es Unerhörtes zu berichten...




1. Morgana vom Faulen Pfützenteich



„Du weißt, dass er nicht schwul ist!“
„Woher willst du das so genau wissen?“ Ich starre Hanna durch den Spiegel an. „Du kannst das nicht wissen“, füge ich gedankenverloren hinzu.
„Doch“, brummt sie und verpasst mir eine Kopfnuss. „Natürlich kann ich das. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.“
„Geschieden“, murmle ich und spüre diese unendliche Traurigkeit in mir aufsteigen. Nicht weil er geschieden ist, sondern weil Hanna vermutlich Recht hat. Ich mache mir hier nur etwas vor. Ich sollte wirklich  damit aufhören, mich wie ein liebeskranker Idiot zu benehmen.
„Okay, er ist geschieden. Aber es wusste doch schon längst jeder hier, dass Miranda fremdgeht. Und das ist auch das beste Argument dafür, dass er nicht schwul ist!“
Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Hanna seufzt, dann zuckt sie mit den Schultern. „Wir leben hier in einem Dorf. Hier bleibt nichts verborgen. Sieh dich doch an. Jeder kennt deine Vorliebe und sie wurde lang und breit diskutiert. Wenn er auf Männer stehen würde, dann hätte sich das doch schon längst wie ein Lauffeuer verbreitet. Ich meine … Gott, das wäre die Sensation überhaupt. Jede Frau ist scharf auf ihn und ausgerechnet Miranda hat ihn sich damals geschnappt.“ Sie spuckt jeden Buchstaben des Namens mit Verachtung aus. Miranda gehört nicht gerade zu den hochgeschätzten Personen des Ortes. Vermutlich wurde mehr über die Heirat der beiden getratscht als über meine Homosexualität.
„Aber das ist doch ein Argument für mich“, erwidere ich grinsend. „Er hatte schließlich viele Angebote und hat sie alle in den Wind geschlagen. Wahrscheinlich haben sich die anderen sogar wie die Geier auf ihn gestürzt, wollten ihn trösten, aber er …“
„Du bist doch viel zu jung für ihn. Er … er könnte dein Vater sein“, sagt sie und wischt meine Argumente mit einer Handbewegung weg. 
„Witzig! Es sind nur knapp zehn Jahre …“
Ihr Gesichtsausdruck verändert sich plötzlich. Sie lässt für einen Moment von mir ab, starrt träumerisch vor sich hin.
„Stehst du etwa auch auf ihn“, frage ich mit einem flauen Gefühl im Magen.
„Wer tut das nicht?“, haucht sie, aber dann fängt sie an zu lachen. „Er sieht toll aus, aber mach dir keine Sorgen, ich bin nicht interessiert. Aber ein bisschen Schwärmen ist ja wohl noch erlaubt.“  Sie wirft mir einen verschwörerischen Blick zu. Diesmal bin ich es, der ihr sanft auf den Hinterkopf schlägt. Sie soll bloß ihre Finger von ihm lassen. Hanna, mit ihren blonden Locken und den großen blauen Augen, gehört zu denen, die einfach jeden Kerl rumkriegen. Da sie allerdings hohe Ansprüche stellt und ein genaues Bild von dem Mann ihrer Träume hat, ist sie immer noch Single. Ich habe auch ein genaues Bild von meinem Traummann, aber es wird wohl ein Traum bleiben. 
„Darf man Frauen schlagen?“, fragt sie gespielt entrüstet.
„Hier ist ja keine Frau, nur eine Hexe!“, erwidere ich schulterzuckend. Sie streckt mir die Zunge raus, dann widmet sie sich wieder ganz ihrer Aufgabe. 
„Halt still und schließ die Augen“, ermahnt mich Hanna, dann fängt sie an zu kichern.
„Gleich sind zwei Hexen im Raum. Allerdings wirst du die schönste weit und breit sein. Da kann ich echt nicht mithalten.“ Sie schmiert mir Farbe ins Gesicht, umrandet meine Augen, klebt mir die Warzen ans Kinn. Die Dinger sahen schon in der Verpackung ekelhaft aus, aber sie auf der Haut zu spüren, verursacht eine Gänsehaut.
Ergeben halte ich still, frage mich, wie ich in so eine Situation geraten konnte. Dabei meine ich nicht nur das, was wir hier machen. Nein, schlimmer ist, dass er mir andauernd im Kopf herumschwirrt. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so dermaßen erwischen würde. Seitdem ich wieder zurückgekommen bin, habe ich nicht besonders oft Sex. Die Arbeit in der Fleischerei meines Vaters ist anstrengender, als ich es anfangs erwartet hatte, Wir sind ein echt alteingesessenes Familienunternehmen. Eigentlich wollte ich nach dem Abi die Welt erobern, mich von diesem kleinen Dorf mit den knapp 1200 Einwohnern befreien. Ich habe angefangen, Jura zu studieren. Aber schon nach zwei Semestern … ich weiß auch nicht, irgendwie war die Großstadt nichts für mich. Oder es war der falsche Studiengang … oder vielleicht auch die Tatsache, dass ich Mark, meinen ersten richtigen Freund, mit einem anderen Kerl im Bett erwischt habe. Es war nicht so, dass meine Welt zusammengebrochen wäre, dass ich monatelang vor Liebeskummer dahin vegetierte. Aber es zeigte mir, dass das nicht meine Welt war. Ich mag die Oberflächlichkeit und Anonymität nicht. Zuerst hielt ich mich für einen Versager, weil ich sozusagen mit eingezogenem Schwanz wieder nach Hause kam. Mittlerweile weiß ich, dass es die beste Entscheidung war. Ich bin echt gut in dem was ich mache. Manche Leute im Ort behaupten sogar, dass ich besser als mein Vater wäre. Nächstes Jahr will er sich zur Ruhe setzen, dann gehört das Geschäft mir und ich habe Pläne, auf deren Umsetzung ich mich schon jetzt freue. Davon abgesehen, liegt die nächst größere Stadt zwei Stunden entfernt von hier. Meist fehlt mir der Antrieb am Wochenende loszufahren. Und wenn ich doch mal Lust habe, dann bleibt es bei einem unbedeutenden One Night Stand.
Wie das mit Dennis passiert ist, kann ich mir allerdings nicht genau erklären. Wir kennen uns schon Ewigkeiten. Zuerst war er einfach nur der große Bruder meines besten Freundes, später Referendar an unserer Schule. Habe ich mich da schon für ihn interessiert?  Bei seiner Hochzeit lieferten wir das Essen. Damals hatte ich gerade in der Fleischerei angefangen. Es war eine riesige Feier. Natürlich, Miranda wollte es groß und prunkvoll. Das halbe Dorf war eingeladen, die Kirche platzte aus allen Nähten. Tatsächlich erinnere ich mich daran, dass ich ein wenig eifersüchtig auf sie war. Nicht, dass ich an ihrer Stelle hätte sein wollen … schon gar nicht in diesem Kleid, in dem sie aussah wie ein übergroßes Baiser. So viel Zucker, dass man schon vom Hinsehen Karies bekam. Ich war wohl schon immer fasziniert von ihm, aber es war mehr so ein Bewundern aus der Ferne, denn im Grunde kannte ich ihn gar nicht. Das hat sich erst vor zwei Jahren geändert, als meine Eltern mich genötigt haben, mit in den Harzclub einzutreten. Ich war nicht wirklich versessen darauf, schon gar nicht, weil ich natürlich immer live mitbekam, wenn es im Verein schlecht lief, wenn sich die Mitglieder mal wieder nicht einigen konnten oder meine Eltern nahezu allein dastanden, obwohl alle mithelfen wollten. Ich weiß nicht, wie meine Mutter es geschafft hat, aber ich bin mit und Dennis war auch da und …. Zum ersten Mal haben wir mehr als drei Worte miteinander geredet und es hat mich total erwischt. Ich musste mich richtig zusammenreißen, ihn nicht anzustarren. Seine Augen machten mich schwach. Manchmal bildete ich mir ein, dass er mit mir flirtete, anders redete, mich beobachtete. Aber leider hat er noch nie irgendwas versucht … Trotzdem schlägt mir mein Herz bis zum Hals, wenn ich ihn sehe, während mein Verstand komplett aussetzt.
Eine andere Erklärung gibt es wohl nicht dafür, dass ich diesen Unsinn hier über mich ergehen lasse. Ich werde mich vor allen Leuten zum Affen machen und es wird mich ihm trotzdem keinen Schritt näher bringen.
 „Jetzt steigen deine Chancen beim ihm um mindestens 1000 Prozent“, kichert Hanna und reißt mich aus meinen trüben Gedanken. Sie ist die einzige, die von meiner Schwärmerei weiß. Manche Leute halten uns für ein „schönes“ Paar und auch meine Mutter seufzt hin und wieder und fragt mich, ob ich mir wegen meiner Sexualität sicher bin. Wir würden so gut zusammen passen!
Zum Glück sind Hanna und ich uns da einig. Wir sind Freunde, wir lieben uns wie Geschwister, aber wir können uns auch ebenso sehr hassen.
Vorsichtig öffne ich die Augen einen Spaltbreit und mache sie sofort wieder zu. Nein, ich will mich nicht sehen. Die Bilder in meinem Kopf reichen vollkommen aus, müssen nicht noch von der Realität überboten werden.
„Ich gehe da nicht hin“, nuschle ich frustriert, während Hanna mir die Perücke auf den Kopf setzt. Lange, schwarze Haare … ich hatte in meinem Leben noch niemals lange schwarze Haare. Eine richtige wilde Mähne, in die Hanna nun noch grünes Farbspray verteilt. Passend zu der grünen Farbe in meinem Gesicht. Sogar meine Lippen sind giftgrün. Nicht zu vergessen, die Warze und die scheußliche Hakennase, die mir Hanna vorhin aufgesetzt hat. Ich habe das Gefühl, ersticken zu müssen. Durch diese Nase bekomme ich überhaupt keine Luft. Und die Perücke ist erstaunlich schwer.
„Du hast zugesagt, also wirst du auch dabei sein. Wir üben schließlich schon seit zwei Monaten und es hat dir doch auch Spaß gemacht.“
Zugegebenermaßen waren die Proben ganz lustig. Und bei den Aufnahmen im Tonstudio letzte Woche haben wir alle einen Lachflash bekommen. Ich hatte hinterher richtig Muskelkater im Bauch.
„Sieh mich doch an!“, fluche ich, öffne nun doch die Augen und starre mein unfassbar hässliches Spiegelbild an. „So habe ich doch überhaupt keine Chance. Ich meine, wie soll ich ihn denn mit diesem Aussehen beeindrucken?“ Das war eine beschissene Idee! Und ich bin ein verdammter Idiot. Blöder Verein, blöde Walpurgisnacht! Was mache ich jetzt nur?
„Seid ihr fertig? Janosch? Hanna?“, ruft meine Mutter im Flur. „Wir müssen langsam los. Es ist schon spät.“
Hanna fängt an zu lachen, reicht mir ihre Hand und zieht mich von meinem Sitz hoch. Dank des großen Spiegels wird mir das ganze Ausmaß meiner Hässlichkeit bewusst. Ich trage einen grün-schwarz karierten Rock mit riesigen leuchtendroten Flicken drauf. Zum Glück ist er so lang, dass ich meine Chucks drunter anlassen kann und auch nicht diese furchtbare Leggings anziehen musste, die mir Hanna lachend hingelegt hat. Ich habe eine enge Jeans drunter. Hanna hat mir ein hässliches, wildgemustertes Tuch mit langen Fransen um die Hüfte gebunden.  Auf dem Hemd, ach nein, es ist ja eine Bluse, sind riesige Blumen drauf. Der ausgestopfte BH von Hanna kneift, aber sie hat darauf bestanden, dass eine Hexe auch Busen haben muss. Das Ding ist furchtbar unbequem. Sie hat solche komischen Verlängerungesteile mitgebracht, sonst hätte ich ihn gar nicht zubekommen. Über die Bluse habe ich ebenfalls ein Tuch. Es steckt im Rock drin. Und dann mein Kopf. Ist es überhaupt mein Kopf? Ich erkenne mich überhaupt nicht wieder. Ich sehe … grün aus, meine Augen sind furchtbar schwarz  umrandet und ebenfalls grün. Hanna hat farbige Kontaktlinsen mitgebracht. Die Dinger habe ich erstaunlich leicht einsetzen können. Ich merke sie auch kaum, nur der Anblick ist echt … gewöhnungsbedürftig. Viel ist nicht von mir zu erkennen, aber das ist ja auch der Sinn gewesen. Dafür sitze ich hier auch schon zwei Stunden.
Ich sehe Hanna durch den Spiegel grimmig an, aber das beeindruckt sie keineswegs. Lachend stellt sie sich neben mich.
„Na, wir sehen ja geil aus!“ Sie scheint sich schon jetzt prächtig zu amüsieren. Aber eigentlich hat sie Recht. Wenn ich mal den Gedanken an Dennis beiseite schiebe, dann bilden wir beide schon ein gruseliges Hexengespann. Hanna reicht mir meinen Besen, schiebt ihren eigenen zwischen die Beine und reitet zur Tür.
„Janosch! Hanna!“, erklingt die Stimme meiner Mutter erneut. Diesmal allerdings schon ein wenig genervt. Bei solchen Veranstaltungen sind meine Eltern immer im Dauerstress. Zum Glück gibt es nicht so viele davon im Jahr.
„Jemanden mit dem Namen Janosch gibt es hier nicht“, ruft Hanna, während sie theatralisch die Tür aufreißt. „Darf ich vorstellen: Morgana, die Hexe vom Faulen Pfützenteich! Wie gefällt sie Euch, hochgeschätzte Hexenmutter?“
Ich trete nach draußen und drehe mich einmal im Kreis. Dann sehe ich meine Mutter grinsend an. Zuerst sieht sie mich erstaunt an, dann fängt sie an zu lachen. 
„Du bist wirklich nicht wiederzuerkennen“, gluckst sie. „Das hast du super hinbekommen, Hanna“
„Eine Hanna gibt es heute Nacht ebenfalls nicht. Mein Name ist Sexana.“ Sie beendet den Satz mit einem echten Hexenlachen.
„Sexana?“, raune ich ihr zu.
Sie nickt nur und zieht mich die Treppe hinunter. Hannas gute Laune ist wirklich ansteckend.
Ich verdränge das merkwürdige Gefühl und beschließe, dass ich den Auftritt genießen werde.  Es ist schließlich Walpurgisnacht, die Nacht der Hexen. Ich versuche mich ebenfalls an einem hexigen Lachen.
„Lasst uns zum Versammlungsplatz fliegen und dem Teufel richtig einheizen!“
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Ich poste die Geschichte ebenfalls auf fanfiktion. de. Dazu könnt ihr hier klicken: Hexentanz

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