Donnerstag, 1. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Willkommen zum ersten Adventskalender auf meinem Blog!
Ab heute öffnet sich für euch jeden Tag ein Türchen.  Hinter jedem Türchen steckt ein Kapitel der Geschichte "Quer durchs Alphabet zum Glück". 
Die Wörter, die ich für jedes Kapitel verwendet habe, bilden auch gleichzeitig die Überschriften ;-)
Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen!
 



„Jenny! Ich will da nicht rein!“, brumme ich und versuche sie am Arm festzuhalten.
„Stell dich nicht so an!“, meckert sie und sieht mich vorwurfsvoll an. „Du hast es versprochen! Und außerdem … jetzt sind wir hier und kneifen gilt nicht!“ Ich erwidere ihren Blick trotzig und gehe durch die Tür, die sie mir aufhält, ins Innere des Gebäudes. Sofort empfängt mich dieser merkwürdige, muffige Geruch. Es ist eine Mischung aus alten Büchern, Kreide und Mottenkugeln. Vom ersten Moment an habe ich mich hier unwohl gefühlt. Aber das war Jenny ja egal! Sie fand es toll hier. Perfekt! Alternativ! So … so besonders!
Wir gehen durch den Flur, der von kleinen Laternen weihnachtlich beleuchtet wird. Wir müssen in die erste Etage, also halten wir uns links und gehen die Treppe nach oben. An den Wänden hängen Bilder von den Kindern, die hier zur Schule gehen. Mal abgesehen davon, dass ich in dem schummrigen Licht ohnehin froh bin, wenn ich heil oben ankomme, kann ich auch kam erkennen, was auf den meisten Bildern eigentlich dargestellt sein soll. Alternative Lernmethoden! Pahh! Hier hätte ich bestimmt keine sechs auf das Bild mit der grünen Katze bekommen. Hier wäre es an der Wand gelandet und alle hätten meine unglaubliche Kreativität gelobt. Meine Lehrerin hat damals  mit entsetztem Blick die sechs ins Klassenbuch und außerdem noch einen fetten Eintrag für meine Eltern ins Hausaufgabenheft geschrieben. Ich war neun … und fand meine grüne Katze toll. Eines ist jedenfalls klar, an dieser Schule kann Bruno grüne Katzen malen. Mit Sicherheit auch rosafarbene, violette oder dunkelblaue … zur Not auch alles zusammen, gestreift oder gepunktet! Seufzend folge ich Jenny. Vielleicht ist das ja auch nicht so schlecht.  Wenn nur diese ökomäßige Einrichtung nicht wäre, wenn die Lehrer nur nicht aussehen, als würden sie sich ihre Klamotten von der Altkleidersammlung holen und wenn es hier nur nicht so riechen würde …  Letztendlich war es Jennys Entscheidung und anscheinend fühlt sich Bruno auch ganz wohl hier.
Noch schlimmer als die Lehrer finde ich die Eltern. Allein der Gedanke, dass ich gleich mit denen an einem Tisch sitzen muss, verursacht mir eine Gänsehaut. Ich will nichts darüber hören, wie toll Hubertus schon Klarinette spielt oder dass Charlotte schon jetzt anfängt Harry Potter zu lesen … nach nicht einmal einem halben Jahr in der Schule kann die Kleine schon perfekt lesen … Mir reicht es vollkommen, wenn Jenny mit neiderfüllte Stimme davon erzählt und mich dann fragt, wieso sich Bruno weigert ein Instrument zu spielen und wieso seine Schrift ein einziges Gekrakel ist … Weil er eben nicht so hochintellektuelle Eltern hat, weil er eben Kind sein darf, rumtoben soll und schon jetzt schwimmen kann. Aber das alles vergisst Jenny, wenn sie zu lange in die Fänge dieser Eltern gerät. Vielleicht, weil sie dazu gehören will, weil sie zum ersten Mal das Gefühl hat, dass es wichtig ist, sich anzupassen. Absoluter Quatsch. Wir werden nie wie die anderen sein. Unsere Familienkonstellation ist besonders. So besonders, dass man gern über uns tuschelt, obwohl doch jeder Akzeptanz und Toleranz predigt! Mir ist das ehrlich gesagt egal, aber für Jenny ist das alles so wichtig geworden. Deshalb bin ich nun auch hier … um meine Vaterpflichten wahr zu nehmen und an diesem Bastelabend teilzunehmen. Die Instruktionen vorher hat sie klar und deutlich formuliert: „Wir benehmen uns anständig! Wir provozieren niemanden! Wir denken an unserem Sohn!“
„Ja, Genevieve!“, habe ich geantwortet und sie hat das Gesicht schmerzverzerrt verzogen. Ihr Name ist ihr wunder Punkt. Ich weiß auch nicht, was sich ihre Mutter dabei gedacht hat, denn eigentlich ist sie ansonsten ziemlich gut drauf. Aber Genevieve? Jenny hasst den Namen und ich nutze gern die sich bietenden Gelegenheiten, um sie damit aufzuziehen. Jedenfalls habe ich sie angeknurrt und ihr gesagt, dass ich mich nicht verstellen werde. Ich werde auch nicht behaupten, dass ich es gar nicht erwarten kann, mein Brot in Zukunft nur noch selbst zu backen und nichts mehr zu kaufen, auf dem nicht „Bio“ steht … Und es ist mir auch egal, was die Leute von unserer Art zu leben halten. Es muss ihnen nicht gefallen!

„Mach schon, Anton! Wir kommen noch zu spät!“,  nörgelt sie und ich beschleunige seufzend meine Schritte.
„Wie riecht es denn hier?“, frage ich und ziehe die Luft geräuschvoll ein. Das ist nicht mehr der muffige Schulgeruch … das riecht nach …
„Toll, was? So weihnachtlich!“, antwortet sie schwärmerisch.
„Weihnachtlich?“, erwidere ich nachdenklich. Nein, dieser Geruch erinnert mich nicht an Weihnachten, sondern an … die Vorweihnachtsparty, viel zu viel Alkohol, Totalabsturz und die Flucht aus einer fremden Wohnung … in der ich mich, einmal abgesehen von einer graugetigerten Katze allein befand. Auch nach fast zwei Wochen kann ich mich nicht erinnern, mit wem ich da mitgegangen war und Micha weiß es auch nicht. Der war nämlich genau so besoffen … Da lag nur ein Zettel auf dem Nachtisch, das derjenige zur Arbeit musste, er die Nacht sehr genossen hat und ich die Tür hinter mir zuziehen soll. So sehr ich mich auch bemühe, da ist einfach nichts ...ein großes schwarzes Loch, das all meine Erinnerungen verschluckt hat. Nur eines war klar. Wir hatten Sex. Sex, der wohl nicht gerade zärtlich abgelaufen war, denn mein Hintern tat auch zwei Tage später noch weh und so empfindlich bin ich eigentlich nicht …
 Ach, verdammt, wie komme ich denn an diesem Ort auf Sexgedanken? Richtig! Dieser Geruch! Da kommen keine weihnachtlichen Assoziationen, es riecht nach Ouzo … Mir wird schlecht! Himmel, das Zeug hat mich so besoffen gemacht und jetzt … verursacht es eine unglaubliche Übelkeit in mir.
„Jenny, mir ist schlecht!“, rufe ich und hoffe einen Moment lang, dass ich vielleicht doch noch um das Basteln herumkomme.
„Schlecht? Wieso ist dir denn schlecht? Wenn das ein Trick ist, um dich zu drücken, dann ist das wirklich erbärmlich von dir!“
„Es riecht nach Ouzo … davon hatte ich auf der letzten Party eindeutig zu viel!“, jammere ich und sehe sie mitleidheischend an.
„Die Party, auf der du in einem fremden Bett aufgewacht bist und keinerlei Erinnerungen mehr hast?“, fragt sie und sieht mich grinsend an. Ich kann nur nicken und Jenny fängt an zu lachen.
„Keine Sorge, hier gibt es keinen Ouzo. Das riecht nach Anis!“ Soll mich das etwas aufbauen?
Nun stehen wir vor der Tür und können gedämpfte Stimmen und Weihnachtsmusik hören.
„Bereit?“, fragt sie lachend und ich zucke mit den Schultern. Was soll ich dazu auch sagen? Ich habe eh keine Chance, denn schon öffnet sie die Tür und etliche Augenpaare sind auf uns gerichtet. Das ist mir allerdings egal, denn der Anisgeruch nimmt noch um einiges zu und für einen Moment habe ich wirklich das Gefühl mich übergeben zu müssen. Das fängt ja ganz großartig an! Wie soll ich mit diesem flauen Gefühl im Magen nur den Abend überleben? Aber zum Nachdenken bleibt  mir keine Zeit, denn Jenny hat meine Hand ergriffen und zieht mich in den Raum. Wir grüßen nach rechts und links, lassen uns dann an einem der Tische nieder, an dem noch zwei Plätze frei sind. Auf dem Tisch stehen verschiedene Kisten und in einer sind die Anissterne … direkt vor meiner Nase. Ich schiebe sie angewidert ein Stück von mir weg. In den anderen Kisten sind Zapfen, Bucheckern und noch allerlei anderes Zeug.
„Schön, dass ihr auch kommen konntet!“, werden wir von einem Mann angesprochen. Jenny reicht ihm lächelnd die Hand. „Das machen wir doch gern!“ Ihre Stimme hat einen einschmeichelnden Tonfall angenommen und sie lächelt … irgendwie künstlich. Dann wendet sie sich an mich, immer noch mit diesem komischen Lächeln im Gesicht: „Das ist übrigens Brunos Vater, Anton Schreiber! Anton, das ist Brunos Lehrer für Gestalten und Deutsch, Frank Lehmann!“ Ich reiche ihm automatisch die Hand und zucke dann zurück als sich unsere Blicke treffen. Er mustert mich … irgendwie erstaunt ...  Scheint einen Moment um seine Fassung zu kämpfen und auch ich verspüre so ein merkwürdiges Gefühl in mir … als ...als würden wir uns kennen. Aber als sich unsere Hände lösen, ist das Gefühl wieder verschwunden.
 „Freut mich, dich kennen zu lernen! Bruno hat schon viel von dir erzählt.“, sagt er und erst jetzt fällt mir auf, dass er eine ziemlich angenehme Stimme hat. Ich sehe ihn fragend an, lächle einfach nur, denn im Moment fällt mir nichts Adäquates ein. Aus irgendeinem Grund ist mein Kopf leer oder vielleicht auch nur von dem Anisgeruch ganz vernebelt.
„Also gut, dann wollen wir mal anfangen ...“, sagt er und klatscht in die Hände. Die Gespräche rund um uns hören auf und es herrschte augenblicklich ein gespanntes Schweigen.
Als er an mir vorbei geht, löst sein Parfüm zusammen mit dem Geruch der Anissterne ein eigenartiges Kribbeln aus...

Kommentare:

  1. Toll, dass es dir gelungen ist, den Adventskalender mit weihnachtlichen Geschichten zu füllen.
    Ja, ja, der Geruch nach Anis und Alkohol..... Da würde mir spontan auch ein Ausfall nach einem Ouzo-Gelage einfallen. Meine Anisplätzchen, die Erinnerung an ganz lang zurückliegende Zeiten, alles kommt wieder beim Lesen.
    Anton lässt die Erkenntnis wohl erst langsam in sein Hirn kommen, aber wie es scheint, kann der Bastelabend noch ganz andere Folgen haben.

    Ich freue mich schon sehr auf morgen!

    LG
    Martina

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  2. gelesen ,gelacht ,für gutbefunden ............ und jetzt freue ich mich auf morgen .......... achja mein "unkreatives" hachja fehlt ja noch .
    lg sendet kerstin

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  3. *lacht sich scheckig* ein schelm, wer böses dabei denkt :D bin ma gespannt, wie lang es dauert, bis er auf den trichter kommt *lacht tränen*

    wunderbarer "muntermacher" vor der uni... glaub ich machs mir nachher auch schön weihnachtlich ^^ fast freien tag muss man genießen ^^

    lg, kessy

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  4. Was Gerüche so alles auslösen. Wirklich eine sehr schöne Geschichte.... Danke fürs reinstellen...

    LG Randy

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  5. Hey, hat mir gut gefallen - geht die Geschichte jetzt adventskalendermäßig weiter? Ich hoffe doch - denn naja - bietet sich ja grad seeehr an ;)

    LG nir77tak

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  6. Hach *indieHändeklatsch*, ich habs mir fast gedacht... einfach genial..freu mich auf morgen!!!
    lg, Pepsi

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  7. Jajaja... Süßes Sehnen, Holdes Hoffen. Kann nicht kommen, bin besoffen... Scheinbar konnte er doch kommen und zwar ganz ordentlich. Eine schlechte Note hat er wohl nicht bekommen :)

    Das wunderbare an Adventskalendern ist, das schon morgen ein neues Türchen geöffnet werden darf.

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  8. Anton hat mein vollstes Mitgefühl.
    Bei Ouzu oder alles was genauso riecht kapituliere ich auch. Das Zeug ist einfach nur widerlich.
    Gut, Jenny und Anton sind nicht gerade die typischen Eltern, aber das heißt ja nicht, dass sie schlechte Eltern wären.
    Ich bin schon sehr gespannt, mit was du uns die ganzen Tage überraschen wirst.

    LG, Piccolo

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