Donnerstag, 29. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Ich danke Euch für die vielen Genesungswünsche. Was für ein Weihnachtsfest! Nun ja, wie gut, dass es jedes Jahr ein Neues gibt ...
Auch wenn ich immer noch nicht so ganz fit bin, der Kalender soll doch noch in  diesem Jahr fertig werden. Kehren wir also noch einmal zurück, stellen uns vor, dass heute erst der 23. Dezember ist und öffnen das Türchen.
Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim Lesen und hoffe, dass Morgen das letzte Kapitel kommt.


„Aber dieses Jahr will ich einen Baum, der bis zur Decke reicht!“, ruft Bruno fröhlich und zieht Jenny Richtung Weihnachtsbaumverkauf.
„Vergiss es!“, antwortet sie lachend. „Allerhöchstens so groß wie Papa!“
Bruno bleibt stehen, dreht sich zu mir um und mustert mich nachdenklich.
„Okay, so groß wie Papa, aber ich darf die Spitze oben drauf machen!“
Jenny nickt und ich ziehe ihm grinsend die Mütze ins Gesicht.
„Das hast du doch letztes Jahr auch schon gemacht!“
Bruno zieht seine Mütze wieder hoch und wirft mir einen grimmigen Blick zu, dann schüttelt er den Kopf.
„Letztes Jahr war ich noch im Kindergarten, aber jetzt gehe ich zur Schule. Das ist doch ganz was anderes!“, sagt er mit ernster Miene und schaut uns verständnislos an.
„Da hast du vollkommen Recht. Jetzt bist du schon ein großer Junge.“, entschuldigt sich Jenny und wirft mir eine vielsagenden Blick zu.
„Stimmt, du bist schon groß.“, bestätige ich Jennys Aussage und Bruno scheint zufrieden zu sein. Eine Weile geht er schweigend neben uns.
„Können wir in diesem Jahr nicht auch einen Weihnachtsbaum bei dir aufstellen? Dann könnte ich gleich zwei Mal eine Spitze drauf stecken. Hast du überhaupt eine Weihnachtsbaumspitze?“ Bruno sieht mich fragend an. Fragend? Nein, eher bettelnd, aber ich schüttle nur den Kopf.
„Vergiss es. Ich brauche keinen Weihnachtsbaum. Es reicht doch, wenn bei euch einer steht und im Laden ist auch einer und bei deinen Omas und Opas.“
„Ja und in Klassenzimmer hatten wir auch einen. Frank hat ihn mitgebracht und May hat mit uns diese komischen Sterne gebastelt … voll schwer ...“, brummt Bruno.
„Die Fröbelsterne sind dir aber gut gelungen.“, lobt Jenny ihn. Dass mein Herz schon bei der Erwähnung von Franks Namen anfängt, verrückt zu spielen, ignoriere ich einfach. Ich will nicht darüber nachdenken …
„Hmm, aber dann könnten wir auch bei dir zusammen den Baum schmücken.“, gibt Bruno noch nicht auf und lenkt mich ganz wunderbar damit ab. Ich bin mir zwar sicher, dass wir im letzten Jahr eine ähnliche Diskussion hatten. Ich habe nicht vor, in diesem Jahr nachzugeben. Ich bin an den Weihnachtstagen ohnehin nicht besonders viel zu Hause. Weshalb sollte ich mir also einen Baum in die Wohnung stellen, nur um ihn dann nahezu ungesehen wieder abzubauen?
„Nein, kein Baum.“, sage ich bestimmt und Bruno zieht eine Schippe. Jedoch nicht für lange, denn als wir zwischen all den Weihnachtsbäumen stehen, strahlen seine Augen sofort wieder. Er dreht sich im Kreis, sieht uns anschließend erwartungsvoll an.
„In welche Richtung gehen wir denn zuerst?“, fragt er und trampelt auf der Stelle. Es ist toll, ihn so aufgeregt zu sehen. Es ist toll, ihn so fröhlich zu sehen. Seine Fröhlichkeit färbt ein wenig auf mich ab. Auch, wenn mir nicht wirklich nach Lachen zu Mute ist. Ich habe keine Ahnung, wie ich die letzten Tage überhaupt überstanden habe. Sie sind ohne bleibende Erinnerungen an mir vorbei gezogen und eigentlich war ich einfach nur froh über jeden Tag, der zu Ende geht.
Das Weihnachtsgeschäft hat zum Glück genug Ablenkung geboten. Ich habe mich auf die Kunden gestürzt, habe mich um Bücherbestellungen gekümmert, die ich unter normalen Umständen als vollkommen aussichtslos eingestuft hätte. Ich … habe mir jegliches Denken verboten. Nur die Sprachnachrichten auf dem Telefon und dem Handy konnte ich nicht wirklich ignorieren. Ich habe sie mir angehört ... mehrmals. Ich wollte sie löschen, aber ich konnte es nicht. Ich hatte auch einige Male den Hörer in der Hand ...
Es tat weh … verdammt, es tut immer noch weh, aber ich habe nicht reagiert … Ich habe keine Ahnung, wie ich reagieren soll, was ich sagen soll … Zum Glück ist er nicht persönlich aufgetaucht, nicht bei mir zu Hause, auch nicht im Buchladen. Seine Buchbestellung ist ebenfalls noch nicht eingetroffen. Ich … musste auch nicht mehr in die Schule und Brunos Berichte über Frank habe ich, so wie eben, stumm ertragen … auch wenn jedes Wort wie ein kleiner Messerstich ins Herz war. Wahrscheinlich haben alle Recht. Bruno ist nicht das Problem. Wahrscheinlich würde er es tatsächlich cool finden, so wie er immer von Frank redet …
Ich will nicht darüber nachdenken. Ich will vor allem mit niemanden mehr darüber reden, mich vor niemanden rechtfertigen müssen. Es ist allein meine Entscheidung und sie ist richtig. Auch wenn sie sich falsch anfühlt.
Ich kann das alles nicht. Ich will mich nicht wieder an einen anderen Mann verlieren … Wir passen ohnehin nicht zusammen. Schätzungsweise passt überhaupt niemand zu mir … ich bin ein komplizierter Mensch, ein … Idiot, der hofft, dass der verdammte Schmerz nach Weihnachten nachlässt. Der hofft, dass das alles nur ein blöder Traum ist, aus dem er bald wieder erwacht.
Bruno zieht an meinem Arm und holt mich damit wieder in die Gegenwart. Ich spüre Jennys musternden Blick auf mir. Sie hakt sich bei mir unter.
„Du solltest mit ihm noch einmal reden. Das war alles bestimmt nur ein Missverständnis! Anton, du hat überreagiert und du vermisst ihn doch.“, flüstert sie mir zu, aber ich schüttle nur den Kopf. Ich will nicht darüber reden. Schon gar nicht hier.
„Wir wollen einen Baum für euch aussuchen!“, erwidere ich schroff. „Keine Psychologiestunde!“
Sie seufzt, drückt meinen Arm und schweigt.
„Wie wäre es mit dem hier!“, brüllt Bruno so laut, dass sich einige Leute lachend umdrehen.
„Gott, Bruno!“, jammert Jenny, „Das ist ein Besen. Auf gar keinen Fall will ich einen Besen.“
Bruno beguckt sich den Baum noch einmal kritisch. „Der sieht doch schön aus!“ Er sieht mich fragend an.
„Nein, ich schätze, der wollte kein Weihnachtsbaum werden. Komm, wir gucken mal eine Reihe weiter.“ Ich löse mich erleichtert von Jenny und laufe mit Bruno ein Stück vor.
„Was ist mit dem?“
„Der hat zwei Spitzen.“
„Und der?“
„Ich dachte, du wolltest den schönsten Baum. Der ist es auf jeden Fall nicht!“
„Ich will den allerschönsten Baum. Papa, werden wir den hier überhaupt finden? Ich bin mir nicht sicher, wie er aussehen muss.“, jammert Bruno. Wir sind vielleicht fünf Minuten hier und ihm dauert es schon zu lange.
„Er darf nur eine Spitze haben, muss schön dicht sein und ..“
„Die perfekte Zuckerhutform haben ...“, erklingt eine tiefe Stimme hinter mir. Erschrocken fahre ich herum, aber noch ehe ich begreife, wer da hinter mir steht, ruft Bruno schon:„Frank! Suchst du auch einen Weihnachtsbaum aus?“
Während sich mein Herzschlag in Sekundenschnelle erhöht, leert sich mein Gehirn. Ich starre ihn an, spüre, wie mein Gesicht trotz der Kälte heiß wird.
„Hallo Anton“, sagt er leise und hält mir seine Hand entgegen. Eine Moment starre ich darauf, dann ergreife ich sie und schließe gleichzeitig meine Augen. Es ist wie ein kleiner Stromschlag, der durch meinen Körper fährt. Mir ist heiß und ich fange zu zittern an. Wieso hat er nur so eine unglaubliche Wirkung auf mich? Habe ich die etwa auch auf ihn?
Frank zieht seine Hand ebenso schnell wieder zurück wie ich. Verstohlen sehe ich ihn an. Er erwidert meinen Blick und auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, der Schmerz in seinem Blick ist der gleiche, den ich fühle … Es ist so unfassbar deutlich …
Bruno zappelt zwischen uns und zieht damit die Aufmerksamkeit auf sich.
„Suchst du auch den allerschönsten Baum?“, fragt er Frank.
„Na, ich würde mich auch mit einem schönen Baum zufrieden geben, wenn du den allerschönsten haben willst!“, erwidert er lachend.
„Hallo Frank!“ Jenny kommt jetzt dazu. Sie reichen sich ebenfalls die Hände, dann entsteht ein unangenehmes Schweigen, das nur von Brunos Gezappel unterbrochen wird.
„Komm, Bruno. Ich habe vorhin in der anderen Reihe einen tollen Baum gesehen.“, sagt Jenny plötzlich und zieht den Kleinen mit sich mit.
„Bist du dir sicher?“, fragt er ganz aufgeregt. „Wo denn? Etwa der Allerschönste?“
Sie entfernen sich von uns und ich möchte eigentlich hinterher gehen. Aber irgendetwas hält mich fest, sorgt dafür, dass ich mich nicht bewegen kann. Wieder schweigen wir beide.
„Ich hatte gehofft, dass du dich meldest.“, räuspert sich Frank. Will er mir etwa Vorwürfe machen? Wut steigt in mir hoch, als ich meinem Mund öffne ...
„Nein!“, sagt er leise und legt seinen Finger für einen winzigen Moment auf meine Lippen. „Nein, das sollte kein Vorwurf sein … Ich … es tut mir leid. Du hast mich vollkommen missverstanden. Ich hätte so gern die Chance gehabt, es dir zu erklären … in Ruhe. Ich … ich wollte nicht, dass es so wirkt … wie es auf dem Schulhof gewirkt hat. Ich wollte das nicht. Anton, es tut mir ehrlich leid. Ich habe dich vermisst … Ich will dich nicht verlieren ...“
Ich knabbere nervös auf meiner Lippe herum. Was soll ich darauf sagen? Wie soll ich reagieren, wenn er diese Dinge sagt und ich ganz tief in mir fühle, dass er sie ehrlich meint?
Dutzende Male forme ich die Wörter in meinem Kopf neu, verwerfe sie wieder … weiß nicht, was ich sagen soll … und schweige weiter.
„Du willst mir wirklich nicht verzeihen?“, fragt er nach einer Weile. Ich habe wohl zu lange gezögert. Seine Stimme klingt fassungslos und enttäuscht. Ich schüttle den Kopf.
„Das hat doch keinen Sinn … wir … wir passen nicht zusammen und ich will nicht schon wieder enttäuscht werden. Ich will das einfach nicht.“ Ich höre die Worte, aber ich kann gar nicht glauben, dass sie wirklich aus meinem Mund kommen. Das war doch gar nicht das, worüber ich nachgedacht habe …
Frank kann es anscheinend auch nicht glauben. Für einen Moment treffen sich unsere Blicke, dann weiche ich zurück. Vielleicht ist es besser so ...
„Okay“, flüstert Frank. Er dreht sich um und geht.

Kommentare:

  1. Neeeiiiin. Nicht weggehen. Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht!

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  2. Och nöööö, Anton du Hirnie ... um nicht verletzt zu werden, verletzt er sich lieber selbst ?!?!?!
    Kein Wunder, dass Frank geht, das wäre mir dann langsam auch zu blöd - also ... hinterher Anton - rette Weihnachten ... ähm ... oder so ;)
    LG Nir77tak

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  3. ähm ............. also hachja kann ich ja grade nicht schreiben ....... so ein drama am 23 .12. also echt mal ......... ich hoffe du biegst das morgen wieder hin ..........
    aber schön geschrieben haste es trotzdem .vielen dank und lg kerstin

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  4. Hi Karo!
    Schön das es dir besser geht!
    Ich bin allerdings schon traurig, Frank geht?
    Anton redet nur Müll und einen schönen Baum haben sie auch nicht!
    Schnief.....hoffentlich bekommst du noch die Kurve!
    BITTE
    lg renke

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  5. Oh nein, Anton, bist du doof. Das war ein Schlag in die Magengrube. Seufz. Wird doch hoffentlich alles gut, so heile heile Welt, oder? Bitte.....

    Liebe Grüße
    Petra

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  6. schon wieder so ein ende...
    das ist ja richtig gemein.

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  7. Hey,

    erst einmal gut, dass es dir wieder besser geht. Anton und Frank können warten.

    Langsam entwickele ich allerdings eine gewisse Wut auf Anton. Frank kann einem leid tun. Was soll er denn noch tun? Anton muss schon selbst die Kurve bekommen. Hoffentlich bald!

    LG
    Martina

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  8. Ok, nicht böse sein, aber das ist zu viel. Fehler bestraft das Leben meiner Erfahrung nach sofort, und so blöd, wie Anton ist, hat er Frank gar nicht verdient. Und ein Happy-End, wie angekündigt, kann ich mir glaubwürdig jetzt nicht mehr vorstellen.

    lg und schön, dass es dir besser geht.

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  9. Jetzt bin ich mal sehr gespannt wie du in einem letzten Kapitel das wieder richten willst.
    Anton soll endlich mal anfangen auf sein Herz zu hören. Klar kann immer etwas schiefgehen und er wird verletzt, aber wenn er es nicht versuchen will, wird er niemals glücklich.

    Ich freue mich sehr, dass es dir wieder besser geht.

    LG, Piccolo

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  10. Meine Augen sind irgenwie undicht, glaube ich und mein Herz blutet, glaub ich grade aus!
    Schnell stoppe es, bevor es zu spät ist, BITTE!!!

    Ansonsten ein sehr schönes Kapitel!
    Hoffe sehr, Anton wird noch vernünftig, rechtzeitig! *_*

    LG
    k

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