Freitag, 23. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Je weniger Zeit ich habe, umso länger werden die Kapitel. Na, egal. Ich bin immer noch hinterher und morgen ist der 24. Dezember ... Da ich noch keinen genauen Plan habe, wie ich es mit den restlichen Kapiteln mache, sage ich mal ganz frech: "Lasst euch überraschen!"  Es wird auf jeden Fall keine Feiertagspause geben.
An dieser Stelle wieder ein großes Dankeschön an die Kommentarschreiber. Vielleicht sollte ich unter den fleißigen Schreibern auch noch ein kleines Blogcandy verlosen! :-)


Ich sehe Jenny schon von weitem auf der Straße stehen. Unwillkürlich fällt mein Blick auf die Uhr. Ich bin pünktlich, ja ich bin sogar überpünktlich. Erleichtert, aber auch ein wenig nervös, halte ich direkt vor ihr an und sie steigt ein.
„Na Fremder!“, begrüßt sich mich und ihr Tonfall klingt nicht besonders nett.
„Es tut mir leid!“, sage ich und sehe sie schuldbewusst an, „Es tut mir wirklich leid. Ich habe es vollkommen vergessen!“
„Das scheint ja nicht das einzige zu sein … in letzter Zeit!“, brummt sie. Eigentlich wollte ich gerade den Blinker setzen und losfahren, aber die Wortwahl und der entsprechende Tonfall verursachen nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern auch das Bedürfnis, mich zu erklären.
„Die Weihnachtszeit ist immer anstrengend. Das weißt du doch.“, versuche ich es allerdings zuerst mit der typischen Weihnachtsstressausrede, denn ich habe keine Ahnung, wie sie auf mein Geständnis reagieren wird.
„Hmm, Weihnachtsstress also!“, sagt sie und zieht dabei jede einzelne Silbe besonders lang.
„Du sieht aber so gar nicht nach Weihnachtsstress aus … eher nach richtig gut durchgevögelt!“
Ich senke den Blick und spüre das Feuer in meinem Gesicht. Jenny fängt an zu lachen.
„Gott, so was wollte ich schon immer mal zu jemanden sagen … und deine Reaktion zeigt, dass ich sogar Recht habe!“ Sie kriegt sich gar nicht mehr ein, vor Lachen und ich bringe zumindest ein Grinsen zustande.
„Freut mich, dass du deine versaute Seite an mir testen kannst“, brumme ich ins Lenkrad.
„Ja, das freut mich auch und es lässt meine Laune gleich wieder steigen. Also, ich will eine Kurzfassung und zwar jetzt … Dann eine etwas längere, sagen wir heute Abend bei einem Glas Wein. Oder bist du da schon ausgebucht?“
Ich schüttle den Kopf. Nein, für heute hatten wir keine Verabredung. Vermutlich, weil Frank ja wusste, dass ich auch bei diesem Weihnachtsmarkt in der Schule eingeplant bin.
„Jenny … es ist …“ Ich sehe sie an, hole tief Luft. „Also, ich wusste es ja nicht und selbst wenn, ich hätte womöglich auch dann nichts dagegen machen können. Es … fühlt sich so gut an und ich … er … er ist toll und ...“
„Du faselst und ich verstehe kein Wort“, mault sie.
„Okay, es ist Frank!“ Ich halte die Luft an und starre aus dem Fenster.
„Frank? Was denn für ein Frank? Kenne ich …?“
Stille
Ich schaue sie vorsichtig an und sie guckt ungläubig zurück. Dann zucken ihre Mundwinkel. Zuerst nur ein wenig, dann heftiger.
„Frank?“, prustet sie los. „Der Lehrer? Brunos Lehrer? Ist nicht dein Ernst!“ Sie wischt sich eine kleine Lachträne aus dem Auge. Ich starre sie mit offenem Mund an. Irgendwie kriege ich hier ständig was nicht mit.
„Wieso findest du das lustig?“, frage ich pikiert. Sie hört schlagartig auf zu lachen.
„Nein, das ist nicht lustig. Das ist toll! Ich meine, er ist ein großartiger Mann, sieht heiß aus … so heiß, dass schon Wetten zwischen den ledigen Müttern laufen, wer ihn wohl zuerst abgreifen kann … aber da bist du den Damen wohl zuvor gekommen.“ Wieder wird sie von einem Lachen geschüttelt.
„Wetten?“, murmle ich verständnislos.
„Na klar. So einen attraktiven Mann will sich doch keine entgehen lassen. Allerdings ist bis jetzt jede abgeblitzt und der Grund ist dank dir nun auch nicht mehr schwer zu erraten. Und Frank ist auch der Mann, in dessen Wohnung du nach dem Verzehr der Stolle aufgewacht bist?“
Ich nicke geistesabwesend. Irgendwie ist das gar nicht der Punkt, über den ich mit ihr reden wollte. Mich interessieren die anderen Mütter überhaupt nicht … außer sie wollen mich vielleicht umbringen, weil ich den attraktiven Lehrer weggeschnappt habe. Habe ich das überhaupt? Oh Mann! Ich reibe mir über die Augen, hoffe, dass ich danach klarer sehen kann.
„Aber Jenny, das ist doch gar nicht der Punkt. Was ist mit Bruno und was soll ich denn machen, wenn wir uns gleich sehen?“
„Bruno? Du machst dir Sorgen wegen Bruno? Ich schätze, er wird es ziemlich cool finden. Er ist schließlich ganz begeistert von seinem Lehrer. Er hat sich auch schon erkundigt, ob ich mich nicht in Frank verlieben könnte … Seiner Meinung nach wäre das absolut perfekt. Ich schätze, er wird es auch perfekt finden, wenn du es bist und nicht ich.“ Jenny legt mir ihre Hand aufs Bein und fordert damit meine Aufmerksamkeit. Ich schaue sie an.
„Du siehst verliebt aus und das steht dir ausgesprochen gut. Seit David …. hast du nicht mehr so ausgesehen. Und wenn es Frank ist, dann ist es eben so. Wieso machst du dir deshalb Gedanken? Oder will er dich geheim halten?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich glaube, das will er nicht … Ich weiß nur überhaupt nicht, wie ich gleich reagieren soll. Ich ...“
„Du solltest erst einmal losfahren, damit wir nicht zu spät kommen. Bruno ist schon die ganze Woche aufgeregt und redet von nichts Anderem, als diesem Weihnachtsmarkt und dass du dort Märchen vorliest … Er hat ein paar Mal versucht, dich anzurufen, aber du warst ja wie vom Erdboden verschluckt.“
Das schlechte Gewissen treibt mir abermals Farbe ins Gesicht. Ich starte den Motor und fahre los.
„Tut mir leid!“, hauche ich, „aber das liegt nicht nur daran, dass ich nicht besonders oft zu Hause war, sondern auch, dass im Haus irgendetwas repariert wurde und die Idioten haben kurzerhand das Antennenkabel gekappt. Ich habe seit drei Tagen kein Telefon, kein Internet und fernsehen kann ich auch nicht.“
„Na, du warst ja gut abgelenkt, vermutlich!“, erwidert sie und grinst dabei.

„Höre auf zu zappeln!“, ermahnt Jenny mich und zieht mich hinter sich her. Ich komme mir wie ein kleines Kind vor. Meine Mutter sagte solche Sprüche auch immer zu mir. Dass ich vor lauter Aufregung kaum denken, geschweige denn einen Fuß vor den anderen setzen kann, dass scheint sie nicht zu interessieren.
Es ist ganz schön viel los. Die Kinder haben auf dem Schulhof kleine Weihnachtsbuden aufgebaut, in der Mitte steht ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum. Davor liegen Strohballen, auf denen bereits ein paar Erwachsene sitzen und vermutlich Glühwein oder Punsch trinken.
„Mama, Papa. Wo ward ihr denn so lange?“, ruft Bruno und kommt angerannt. Er sieht mich streng an. „Hast du auch das Märchenbuch dabei?“
Ich nicke und halte es ihm entgegen. Das ruft gleich noch ein paar mehr Kinder auf den Plan. In Sekundenschnelle bin ich von einer Horde Jungen und Mädchen umringt, während sich Jenny ganz gemein aus dem Staub macht.
„Komm mit!“, ruft so ein kleiner Kerl und schnappt nach meiner Hand.
„Ja, Papa, komm schon. Wir haben für dich ein tolles Zelt aufgebaut, mit einem obercoolen Sessel drin!“
„Obercool, hm?“, frage ich grinsend und sehe mich suchend um. Von Frank ist nichts zu sehen und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll …
„Ja, du wirst schon sehen. Frank hat ihn mit uns gebaut.“ Mein Herz schlägt gleich ein paar Takte schneller.
„Da bin ich aber gespannt!“, murmle ich vor mich hin und versuche nicht über die Kinder zu stürzen, die plötzlich irgendwie alle an mir hängen. Dabei kenne ich ehrlich gesagt keines dieser Kinder. Ich schätze, sie gehen in Brunos Klasse, denn den einen oder anderen habe ich bei der Einschulungsfeier gesehen … glaube ich zumindest.
Die Kinder schieben mich in das Zelt, wo ein richtiger Märchensessel, mit vielen goldenen Verzierungen auf mich wartet. Ich lobe ihre tolle Arbeit und setze mich probeweise hin. Bequem ist etwas anderes, aber das sage ich natürlich nicht.
Frank ist noch immer nirgends zu sehen und im Zelt kriege ich ohnehin nicht mit, was draußen passiert.
„Wir sagen noch den anderen Bescheid!“, rufen zwei Mädchen und verschwinden nach draußen. Die anderen Kinder machen es sich auf Holzstämmen bequem und sehen mich erwartungsvoll an.
„Was für ein Märchen soll ich denn vorlesen?“, frage ich in die Runde.
„Was grusliges“, rufen ein paar Jungen und die Mädchen protestieren natürlich sofort.
„Papa, lies doch „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen!“, sagt Bruno und die Jungs sind sofort begeistert. Bruno grinst stolz.
„Das ist nicht besonders weihnachtlich!“, werfe ich vorsichtig ein.
„Hinterher können sich die Mädchen ja was wünschen!“, sagt ein kleiner Junge.
„Genau! Dann kannst du was mit blöden Prinzessinnen vorlesen!“, lästert ein anderer. Die Mädchen sind empört und ich kriege das Grinsen nicht aus dem Gesicht.
„Also gut. Dann fange ich mal an!“ 
Bruno liebt dieses Märchen. Ich glaube, ich habe es ihm schon hunderte Male vorgelesen und während ich am Anfang noch dachte, er würde danach niemals einschlafen können, musste ich schnell feststellen, dass dem nicht so ist.
Die Kinder kichern, als der Küster die Treppe herunter geschubst wird und lachen, als die Geister mit den Totenschädeln kegeln. Ich versuche dabei, so gruselig wie möglich zu klingen.
Meine Konzentration lässt stark nach, als ich die Zelttür öffnet. Ohne hinsehen zu müssen, spüre ich, dass es Frank ist. Er setzt sich zu den Kindern und ich fange an zu schwitzen.
„Ruhig bleiben!“, ermahne ich mich.
„Weiterlesen“, feuere ich mich an.
Die Gründlinge, die die Prinzessin über ihren Gemahl kippt, bringt noch einmal das Zelt zum Lachen und am Ende rufen alle. „Es gruselt mich. Liebe Frau, es gruselt mich so fürchterlich!“
Ich schlage das Buch zu und mein Herzschlag verdoppelt sich automatisch. Frank hat mich fest im Blick und ich weiß nicht, was ich machen soll.
„Siehst du Frank, ich habe doch gesagt, dass mein Papa kommen wird!“, übernimmt Bruno das Gespräch.
„Ja, da hast du Recht gehabt! Hat euch denn das Märchen gefallen?“, fragt Frank in die Runde und wuschelt gleichzeitig durch Brunos Haare.
Ein vielstimmiges „Ja“ erklingt und gleichzeitig die Aufforderung weiter zu lesen.
„Ich brauche eine kleine Pause und etwas zu trinken!“
„Ich hole dir was.“, sagt Bruno sofort und auch die anderen Kinder verlassen so nach und nach das Zelt. Am Ende sind wir beide allein und ich … weiß nicht, was ich sagen soll.
„Was soll ich sagen?“,frage ich leise, „Ich habe es wirklich vergessen. Wenn Jenny mich nicht vorhin im Geschäft angerufen hätte, dann ...“
„Bist du immer so vergesslich?“, erkundigt er sich grinsend. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Frank kommt näher, bleibt erst ganz dicht vor mir stehen.
„Ich hoffe, du vergisst mich nicht ganz plötzlich wieder. Ich hoffe, du ...“
„Geht es jetzt weiter?“, werden wir von ein paar Mädchen unterbrochen. Frank weicht ein Stück von mir zurück, dreht sich zu den Kindern um.
„Tut mir leid, ihr müsst noch ein wenig warten. Euer Märchenerzähler muss erst mal auf Klo und dann kann er weiter lesen.“
Frank schnappt meine Hand und zieht mich aus dem Zelt. Ich folge ihm ohne Gegenwehr.
„Oh schade...“, rufen uns die Mädchen hinterher.
„Seid doch nicht so ungeduldig!“, ermahnt Frank sie lachend. Er hält immer noch meine Hand und für einen Augenblick wünsche ich mir, dass er sie nie wieder loslässt.


Kommentare:

  1. Hi Karo, vielen Dank! Jetzt geht das schmücken vom Baum viel leichter! Jenny weiss es jetzt und findet es super.
    Ach Anton ist verliebt und man sieht es ihm an, grandios!!!!!!
    Tja Bruno mag ihn auch, jetzt geht es ums outen, die Eltern scheinen ja noch nicht zu ahnen! grins, das wird lustig.
    Ach die Story ist super. Mein Herz geht auf und der Tag wird mir echt versüsst!
    Danke Lg
    Renke

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  2. So schlimm war es doch gar nicht. Ich habe mir auch nicht denken können, dass es für Jenny ein Problem ist, wenn Anton sich endlich wieder verliebt, egal in wen.
    Die Vorstellung, dass es die beiden jetzt aufs Schulklo treibt, lässt mich ehrlich gesagt erschauern - unsere Toiletten in der Schule waren immer gruseliger als jedes Schauermärchen.

    Frohe Weihnachten, liebe Kath!

    Martina

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  3. Da hat sich Anton mal wieder völlig unnötig den Kopf gemacht.
    Jenny freut sich riesig, dass Anton endlich wieder glücklich verliebt ist.
    Und Bruno wird auch keine Probleme damit haben.
    Die ledigen Mütter könnten zum Problem werden^^
    Nein, ich will echt nicht an die Schülertoiletten denken.

    Ich wünsche dir schon mal schöne Weihnachten und für deine Kinder einen fleißigen Weihnachtsmann :)

    LG, Piccolo

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  4. hachja ....... ,das märchen mag ich auch gerne ........ schön hast du das wieder geschrieben ...........
    freue mich auf morgen .......
    lg kerstin

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  5. Haha, ich freu mich auch auf die neidischen Blicke der Mütter, die schon Wetten abgeschlossen haben...! ;-)
    Tolle Geschichte, schade, dass morgen schon der 24ste ist....!
    Bin sehr gespannt wie das Ende wird!!
    Eine Story mit potenzial, hm???

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  6. Jenny reagiert cool - und Franks Frage, ob Anton immer so vergesslich ist - ist irgendwie schon berechtigt ;)

    Bisher ist doch alles gut gegangen - jetzt schnell die Zeit statt zum Knutschen zur kurzen Absprache nutzen, wie man sich den anderen Eltern präsentiert (was ja dann evt doch in Knutschen enden kann ;)))) ) und dann - ein Märchen mit Prinzessin bitte ;)
    Ich hock mich schon mal leise ins Zelt ;)

    Falls du es morgen nicht schaffst (was ich verstehen könnte :D) schon mal schöne, ruhige Feiertage und tolle Geschenke
    bis bald
    Nir77tak

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  7. Liebe kath, ...hach wie schön. Deine Geschichten sind einfach wunderbar. So kann es Weihnachten werden. lg ankka

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  8. Das war eine schöne Erholung nach Baum schmücken und Aufräumen. Jetzt weiß Jenny also Bescheid und sie freut sich mit Anton, der sich mal wieder ganz umsonst so viele Gedanken gemacht hat. Die anderen ledigen Mütter werden wohl nicht so freudig reagieren :-).
    Bleibt nur noch die Ermahnung an die beiden Herren, daran zu denken, dass es die Toilette einer Grundschule ist, die sie da wohl gemeinsam aufsuchen wollen. Also schön anständig bleiben!
    Ich wünsche dir und deiner Familie ein wunderschönes Weihnachtsfesr.
    lg misha

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