Donnerstag, 22. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Ich könnte mich jetzt beschweren, dass hier niemand richtig aufpasst. An meinem so mühsam gebastelten Kalender brennt seit zwei Tagen bereits eine Kerze mehr! Ich habe heute Morgen wirklich an mir gezweifelt und ungefähr einhundert Mal an den Fingern bis zum "T" gezählt ... aber es änderte nichts. Das hier ist erst das zwanzigste Türchen und es fehlen noch vier weitere bis zum Happy End. So, jetzt brennen jedenfalls 20 Kerzen :-)
Ich wünsche euch viel Vergnügen mit dem heutigen Kapitel ... es ist ziemlich lang geworden.


Die letzte Woche verging wie im Flug. Ich schwebe wahrscheinlich mindestens zehn Zentimeter über dem Boden. Der Weihnachtstress kann mir nichts anhaben und auch meine eigene Zweifel lösen sich allmählich in Luft auf.
Ich bin glücklich. Frank macht mich glücklich. Jede Stunde, die ich mit ihm verbringe, macht es deutlicher. Ich habe mich Hals über Kopf verliebt und ich kann nichts dagegen machen. Ich will auch nichts dagegen machen, denn es fühlt sich unglaublich gut an.
Im Moment ist Micha der Einzige, dem ich mehr darüber erzähle. Eigentlich ist Jenny immer meine Vertraute. Eigentlich ist sie diejenige, die immer über mein Privatleben Bescheid weiß. Zugegeben, vor Frank gab es da nicht wirklich viel zu berichten und dass ich ihr gerade jetzt diese so bedeutenden Neuigkeit verschweige, bereitet mir mehr als nur ein schlechtes Gewissen.
Trotz aller Euphorie fühle ich mich elend. Natürlich ist das Frank auch schon aufgefallen und er hat nicht locker gelassen, bis ich ihm davon erzählt habe. „Du solltest es ihr sagen.“, hat er gemeint und mich eindringlich angesehen. Ich wusste, was dieser Blick bedeuten sollte. Es war viel mehr als eine Art Erlaubnis, es war … auch Unsicherheit. Ich schätze, er weiß mittlerweile, welche Stellung Jenny und Bruno in meinem Leben haben und dass ich zumindest Jenny noch nichts von Frank erzählt habe … Aber ich will ja … ich weiß nur nicht so richtig wie und vielleicht will ich auch noch ein wenig mehr Sicherheit ...

„Was machst du denn noch hier?“, fragt Micha und sieht mich erstaunt an.
„Ha ha ha, sehr witzig!“, brumme ich. „Ich arbeite, was sonst!“
„Aber … wolltest du heute Nachmittag nicht irgendwo hin?“
Wollte ich? Ich schaue auf den Terminplaner, der vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Da steht nichts drin. Ich kann mich auch an nichts erinnern, also schüttle ich den Kopf.
„In der Weihnachtszeit nehme ich mir doch nichts vor!“, antworte ich und wende mich wieder meinen Abrechnungen zu.
„Hmmm, na gut. Kommt Anna dann trotzdem?“
„Anna?“ Ich verstehe kein Wort. Anna hilft manchmal bei uns im Laden aus. Meistens wenn einer von uns frei braucht oder es so eng wie am Wochenende ist. Aber ich kann mich nicht erinnern, weshalb sie heute kommen sollte.
„Ich habe sie wegen dem nächsten Wochenende gefragt!“, erwidere ich und sehe Micha nachdenklich an. Wenn er es jetzt so erwähnt … Habe ich vielleicht doch irgendetwas vergessen?
„Merkwürdig. Ich habe Anna gestern getroffen und sie meinte, dass du sie schon vor drei Wochen gefragt hast, ob sie heute arbeiten könnte. Sie war zwar ein wenig unsicher, weil du dich nicht noch einmal gemeldet hast, aber ich denke, sie wird gleich hier sein.“ Micha fängt an, Tee zu kochen. Im Laden ist es gerade ziemlich ruhig und man sollte jede noch so kleine Pause nutzen. Micha wirft mir einen merkwürdigen Blick zu.
„Die Liebe macht dich wohl vergesslich?“ Er grinst mich an. Ich zucke mit den Schultern, versuche noch einmal darüber nachzudenken, was ich heute vorgehabt haben könnte, als mein Handy auch schon klingelt.
„Hallo Jenny!“
„Alles klar wegen nachher? Ich dachte, du würdest dich noch einmal melden. Du könntest mich nämlich abholen ...“, sie klingt … ein wenig angepisst.
„Abholen?“, erwidere ich erstaunt.
„Sage nicht, dass du es vergessen hast. Anton! Heute ist der Weihnachtsmarkt in Brunos Schule!“ Sie klingt genervt.
„Weihnachtsmarkt? Das habe ich wohl tatsächlich vergessen“, murmle ich ergeben und warte darauf, dass sie mich gleich zur Schnecke macht.
„Das ist nicht dein ernst, Anton! Bruno redet seit Tagen von nichts anderem mehr … Du hast ihm versprochen mitzukommen, nein sogar mitzumachen. Das kannst du doch nicht vergessen haben!“
„Der Weihnachtsmarkt in der Schule ...“ Mir wird ganz schlecht. Frank hatte so etwas erwähnt und gefragt, ob ich auch hinkommen würde. Aber ich habe verneint … Ich habe einfach nicht mehr daran gedacht und ehrlich gesagt … Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, wie es sein würde … ihn zu sehen und nicht berühren zu können, so tun zu müssen, als ob er … eben nur der Lehrer von Bruno ist …
Ich schäme mich, weil ich wirklich die ganze Zeit nur an mich gedacht habe. Ich habe die beiden in meiner ganzen Euphorie, aber auch in meiner Angst, dass es irgendwie herauskommen würde, ganz vergessen. Ich bin so ein Arschloch!
„Jenny, es tut mir leid. Ich habe es vollkommen vergessen. Ich mache mich gleich auf den Weg.Wann geht es los?“
„Vergiss das Buch nicht!“, brummt sie.
„Buch?“
„Du hast versprochen in der Märchenhütte etwas vorzulesen!“, stöhnt sie genervt in den Hörer. Mir läuft der Schweiß von der Stirn.
„Wann habe ich so etwas denn zugesagt?“
Jenny fängt an zu lachen. Es klingt allerdings nicht besonders lustig.
„Bruno hat dich vor Wochen gefragt und du hast zugestimmt. Ich habe versucht, dich davon abzuhalten, aber du warst nicht zu bremsen. Ich war schon ein wenig erstaunt, dass du dich nicht noch einmal gemeldet hast, aber im Moment ist es für uns alle stressig. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass du es einfach vergessen haben könntest? War Max wieder da und hat Stolle vorbei gebracht?“
„Witzig“, brumme ich und so allmählich kann ich mich tatsächlich an dieses Gespräch erinnern. Es kommt mir allerdings vor, als wenn es Ewigkeiten her ist. Und wir haben seitdem bestimmt nicht noch einmal darüber gesprochen.
„Also gut, ich schnappe mir ein Buch.Wann soll ich da sein?“, murmle ich hilflos. Meine Hände zittern, mir ist ganz flau im Magen.
„Schaffst du es in einer Stunde bei mir zu sein?“, fragt sie und klingt immer noch sauer. Ich schaue auf die Uhr und nicke gedankenverloren.
„Anton?“
„Ja … in einer Stunde. Ich bin pünktlich!“ Kaum habe ich die letzten Worte ausgesprochen hat sie auch schon aufgelegt.
Ich … werde gleich Frank sehen und wir … es gibt überhaupt keinen Plan für so ein unerwartetes Zusammentreffen, kein Täuschungsmanöver … Ich kann doch nicht so tun, als wenn wir uns nur flüchtig kennen würden … Ich kann doch aber auch nicht auf ihn zugehen und ihn küssen … oder … Was soll ich denn jetzt machen?

„Micha!“, schreie ich durch den Laden und er erscheint nur wenige Augenblicke später grinsend in der Tür.
„Ich habe den Weihnachtsmarkt in der Schule vergessen. Was mache ich denn jetzt?“, frage ich verzweifelt.
„Also habe ich mich doch nicht getäuscht. Du hast heute noch etwas vor.“, meint er lachend. Ich schlage den Kopf auf die Schreibtischplatte und versuche mich zu beruhigen. Micha steht noch immer in der Tür und grinst mich an. Auch ohne hinzusehen weiß ich, dass er grinst.
„Warte doch ab, wie Frank reagiert … Ich schätze, er weiß, dass du heute dabei sein wirst. Hat er denn gestern nichts gesagt?“ Ich schüttle den Kopf. Gestern haben wir nicht wirklich viel gesprochen. Er war gestresst und ich habe versucht, ihn abzulenken … ziemlich erfolgreich … die einzigen Laute, die wir von uns gegeben haben, waren unsere Namen und lautes Stöhnen …
„Macht ihr eigentlich noch etwas anderes als poppen?“, fragt Micha und verdreht lachend die Augen.
„WAS?“
„Ich kann deine Gedanken bis hier her hören … und deine Gesichtsfarbe zeigt ebenso deutlich, dass du nicht gerade an das letzten geistreiche Gespräch mit Frank gedacht hast … Du siehst eher nach: Ja … gibt’s mir Frank … ja, härter … mehr … tiefer ...“ Ich werfe mit einer Orange nach ihm und unterbreche sein blödes Gestöhne. Micha lacht noch eine Spur lauter und fängt das Mistding tatsächlich auf. Mein Gesicht brennt wie Feuer.
„Du bist keine große Hilfe! Und so etwas schimpft sich bester Freund!“ Ich bin wirklich verzweifelt. Meine Gedanken fliegen nur so davon.
„Was erwartest du denn von mir? Was soll ich sagen?“ Micha kommt zu mir hinter den Schreibtisch und massiert meine Schultern. Seufzend lasse ich es geschehen.
„Sag mir, was ich machen soll! Ich meine, soll ich Frank anrufen und ihn vorwarnen? Und wenn wir uns dann sehen? Gott, Micha … Wieso ist es eigentlich immer bei mir so kompliziert?“
„Weil du es immer kompliziert machst. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass Frank diese Situation ein wenig … na sagen wir mal provoziert hat? Vielleicht will er sehen, was du machst.“
Ich stöhne leise auf und spüre Panik in mir aufsteigen. Mit Absicht? Nein! Oder doch?
„So etwas würde er nicht machen!“, bringe ich mit wenig Überzeugungskraft hervor. Micha dreht mich mit dem Stuhl um und stützt seine Hände auf meine Oberschenkel.
„Bist du dir sicher? Ich meine nicht, dass er dich ins offene Messer laufen lassen will. Aber du versuchst dein Leben in zwei Hälften zu teilen, die anscheinend nichts miteinander zu tun haben sollen. Leider geht das nicht … und vielleicht will er sehen, wo er in deinem Leben steht … er … nicht nur sein Schwanz.“
Ich schüttle den Kopf. „Aber … wir sind doch noch gar nicht lange zusammen. Wir … kennen uns doch gar nicht richtig ...“
„Er scheint dich ziemlich gut zu kennen. Sonst hätte er dich mit Sicherheit vorgewarnt. Aber es ist nicht schwierig zu erraten, was du gemacht hättest, wenn du es gewusst hättest. Du hättest dir irgendeine Ausrede einfallen lassen.“ Micha hat Recht. Wenn ich es gewusst hätte, nein, wenn ich es nicht vergessen hätte, dann hätte ich Jenny bestimmt abgesagt. Ich hätte nicht einmal eine besondere Ausrede gebraucht, denn diese Wochen sind eben immer stressig.
„Du denkst, er will, dass ich uns vor der gesamten Schule als Paar oute?“, frage ich niedergeschlagen.
„Nein, das glaube ich nicht. Aber vielleicht würde er auch gern zu den Leuten gehören, die dir wichtig sind … wirklich wichtig.“
Das ist er doch! Das ist er. Ich schließe die Augen, atme tief durch. Er ist mir wichtig, mehr als das … ich fühle mich so wohl, wie schon lange nicht mehr …
„Also kein Täuschungsmanöver?“, frage ich leise.
„Warte ab, wie er reagiert und dann sei ehrlich … zu dir und zu ihm.“
„Wieso bist du eigentlich immer so schlau?“, knurre ich ihn an.
„Bin ich nicht! Aber ich kenne dich und manchmal muss man dich zu deinem Glück ganz schön zwingen. Du bist kein leichter Partner!“
Ich sehe Micha erstaunt an, sehe den Schmerz in seinen Augen … immer noch. Ehe ich weiter darüber nachdenken kann, stehe ich auf und umarme ihn.
„Es tut mir leid!“, flüstere ich und halte ihn ganz fest. Er lacht kurz auf. „Dafür besteht kein Grund!“
„Kein Täuschungsmanöver“, sage ich leise, mehr zu mir als zu ihm.
„Nein, abwarten und richtig reagieren. Er tut dir gut, versaue es nicht! Und jetzt solltest du wirklich los, sonst kriegst du noch richtig Ärger mit Jenny.“


Kommentare:

  1. hachja ............. , gute freunde die einem den kopf wieder richten sind einfach gold wert ........... ,so nach dieser motivationsdosis geht s jetz ans plätzchen backen .
    lg kerstin

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  2. Hey,

    ein wenig verwirrt bin ich, weil ich das Wort "Täuschungsmanöver" nicht wirklich mit Weihnachten in Verbindung bringe. Aber das nur am Rande, denn es hat ja nur so mit deiner Geschichte zu tun.

    Gut, dass Anton einen Freund hat, der Tacheles mit ihm redet. Das scheint er zu brauchen. Denn sein Rumgeeier ist manchmal schon etwas anstrengend. Ich kann Frank verstehen, dass er da auf ein wenig mehr Offenheit hofft. Genauso wie Jenny die Wahrheit mehr als verdient hat, denn Bruno ist eigentlich der, der am meisten von einer Beziehung seines Vaters zu seinem Lehrer betroffen ist.

    LG
    Martina

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  3. Wie gut, dass Anton den Weihnachtsmarkt und seine Zusage vergessen hat.
    Da Frank ihm wirklich viel bedeutet, muss er endlich anfangen und überall zu ihm zu stehen.
    Mann, was würde Anton nur ohne Micha?

    LG, Piccolo

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  4. Nööö, ich guck nicht auf die Deko - ich will doch lesen :D

    Oh Mann, das ist echt eine besch... Situationund nicht ganz fair von Frank - ich bin gespannt, wie das da endet.
    Aber Jenni gehört so langsam mal eingeweiht, sonst ist die zu Recht sauer ... und dann ... naja, vor den anderen Eltern ... das ist gleich echt die volle Packung - armer Anton :D
    LG Nir77tak

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  5. neee... also diese Kerzen, da hab` ich nie so richtig drauf geachtet. Ist aber auch schwer zu erkennen...gg

    Merci für die neuen Kapitel, Anton steht sich ja immer ziemlich selbst im Wege, aber wenn die Hirn-Herz-Autobahn wegen Überfüllung dicht ist, dann steht man halt im Stau. Gut, wenn einen dann gute Freunde begleiten.
    Ich werde mir die letzten Kerzen erst im neuen Jahr anschauen können. Bis dahin eine schöne Weihnachtszeit und guten Rutsch...
    liebe Grüsse
    tina

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