Freitag, 16. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Schauen wir mal, was sich hinter dem "O" versteckt hat.
Eure gestrigen Kommentare haben mich echt zum Schmunzeln gebracht. Natürlich könnte so ein Adventskalender ruhig ein paar Tage länger gehen, aber nun ja, irgendwie macht es das ja auch aus. Dass man nach 24 Tagen auf den Punkt gekommen ist ...*gg*   Das ist also auch mein Ziel, mal abgesehen davon, dass ich immer noch einen Tag hinterher hänge und nun auch schon wieder Wochenende ist. Diesmal allerdings ohne Besuch.
Viel Vergnügen mit einem etwas wirren Anton ... Ich konnte seinen Gedanken beim Schreiben selbst kaum folgen!


Das schnelle Tuten in der Leitung zeigt mir, dass es besetzt ist und treibt gleichzeitig die angehaltene Luft wieder aus meinen Lungen. Ich setze mich hin, lausche dem Geräusch noch eine Weile, bevor ich auflege. Besetzt! Meine Nervosität erreicht eine neue Dimension. Ich überlege, ob ich es noch einmal versuchen sollte, oder ob ich es lieber für heute sein lasse.
Den Hörer lege ich auf den Tisch und schnappe mir stattdessen eine Orange. Ablenkung! Ich brauche Ablenkung. Während meine Gedanken einmal mehr wild durch meinen Schädel kreisen, schäle ich die Orange. Der Saft tropft mir an den Händen entlang, sodass ich wohl zuerst noch in die Küche gehen muss, bevor ich einen erneuten Angriff auf das Telefon wagen kann. Aber will ich das überhaupt? 
Ein Stück nach dem anderen verschwindet in meinem Mund. Im Gegensatz zu den Clementinen, sind sie zuckersüß und lecker. Erst jetzt wird mir bewusst, wie wenig ich heute gegessen und getrunken habe. Als ich die Orange aufgegessen habe, überlege ich, ob ich mir gleich noch eine zweite schälen sollte … für quasi noch mehr Ablenkung.
Ich bin ein elender Feigling! Entschlossen gehe ich in die Küche, wasche meine Hände und greife erneut zum Hörer. Diesmal muss ich die Nummer nicht wählen, einmal die Wahlwiederholung gedrückt und schon … setzt das Herzrasen wieder ein. Gedankenverloren knabbere ich auf meiner Unterlippe herum, lausche, warte - immer noch besetzt. Frustriert werfe ich den Hörer auf den Tisch. Na gut, dann muss eben noch eine weitere Orange daran glauben.
Das Spiel beginnt von vorn: Abschälen, essen, dabei überlegen, ob ich den Anruf nicht doch auf morgen verschieben sollte, Hände waschen … den Hörer anstarren, beherzt zugreifen …
Ich warte und es ertönt das gleiche ätzende Geräusch, wie vor ein paar Minuten. Okay, Frank ist anscheinend jemand, der gern und lange telefoniert.
Seufzend lasse ich mich auf den Stuhl fallen, starre die Orangen an. Ich könnte noch eine essen. Alle guten Dinge sind schließlich drei! Ja, einen dritten Versuch starte ich noch und wenn dann immer noch besetzt ist, dann verschiebe ich es wirklich auf einen anderen Tag. Vielleicht eben doch erst, wenn das Buch angekommen ist. Dann weiß ich auch, was ich sagen soll. Überhaupt, was soll ich denn sagen, wenn er jetzt ans Telefon geht?
„Hallo, ich wollte nur mal probieren, ob du mir die richtige Nummer gegeben hast?“ Das klingt total bescheuert! Ich stecke mir ein Stück von der Orange in den Mund und starre den Hörer an. Wenn ich ihn anrufe, sollte ich wohl auch etwas sagen … Die Frage ist nur was und wieso ist mein Kopf gerade jetzt komplett leergefegt?
Ich gehe mir zum dritten Mal die Hände waschen, spüre, wie erneut das Adrenalin durch meinen Körper fließt, als ich den Hörer aufnehme. Der letzte Versuch … für heute! Neben der Aufregung kriecht auch die Enttäuschung langsam hervor. Ich weiß, dass sie sich gleich großflächig in mir breit machen wird, wenn er immer noch telefoniert … nur eben leider nicht mit mir.
Für einen Moment schließe ich die Augen, versuche mich zu beruhigen und drücke diesmal nicht die Wahlwiederholung. Vielleicht hatte ich mich ja vorher verwählt. Also tippe ich die einzelnen Zahlen ein und lausche gespannt.
Es klingelt …
Ich spüre meinen Herzschlag bis in den kleinen Zeh und meine Hände fangen an, zu zittern.
„Lehmann!“, meldet sich eine Stimme.
Jetzt wäre der Zeitpunkt, dass ich etwas sage, aber mein Mund bleibt verschlossen. Scheiße!
„Hallo?“, ruft er und klingt ungeduldig.
„Hey!“, bringe ich mühsam hervor.
Schweigen.
Ich atme tief durch, räuspere mich und setze noch einmal an.
„Hey, hier ist Anton“
„Anton. Mensch … das ist … das glaube ich ja nicht ...“ Frank fängt an zu lachen und ich sehe irritiert den Hörer an. Was ist denn daran so lustig?
„Ich ähm … also … ich dachte, ich probiere mal, ob du mir die richtige Nummer gegeben hast!“, stammle ich und hasse mich dafür, diesen bescheuerten Satz gesagt zu haben. Frank lacht noch mehr.
„Das gibt es ja nicht …“, prustet er, dann hört er schlagartig auf. „Anton, ich habe gerade zwei Mal versucht bei dir anzurufen, aber es war immer besetzt … Ich wollte auch ausprobieren, ob die Nummer richtig ist, die ich unter dem köstlichen Marzipanherz gefunden habe.“ Seine Stimme klingt noch immer amüsiert … und nur langsam sickert die Erkenntnis in mein Gehirn.
„Du hast auch gerade versucht, mich anzurufen?“, frage ich erstaunt nach und fange an, zu grinsen.
„Ja“, antwortet er glucksend, „Und weil ich so schnell nicht aufgeben wollte, habe ich mich mit dem Telefon in die Küche gesetzt und Orangen gegessen. Ich schätze, ich habe jetzt genügend Vitamin C in mir, um den ganzen Winter zu überstehen!“
Jetzt bin ich es, der lauthals anfängt zu lachen. Das kann doch nicht sein ernst sein. „Du hast Orangen gegessen?“, frage ich feixend nach und kriege mich wirklich nicht wieder ein.
„Hmm, die waren so süß und man hat alle Hände voll damit zu tun. Gute Ablenkung, während man auf den Hörer starrt.“, brummt er.
„Ich weiß, das habe ich auch gemacht ...“ Ich könnte mich vor Lachen und Erleichterung auf dem Boden rollen … Allerdings gehe ich doch lieber zum Sofa und mache es mir dort bequem.
„Es ist ja fast ein wenig unheimlich, dass wir genau das gleiche gemacht haben!“, sagt er und seine Stimme klingt … so erotisch, dass es gleich in meinem Bauch anfängt zu kribbeln. Und nicht nur dort …
„Das hat doch bestimmt etwas zu bedeuten, meinst du nicht?“ Frank klingt hoffnungsvoll und irgendwie sehnsüchtig. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber der Gedanke fühlt sich ziemlich gut an. Ich nicke ganz in Gedanken versunken.
„Anton? Bist du noch dran?“, fragt Frank irritiert.
„Ja und ja bin ich noch“, erwidere ich heiser.
Wir schweigen beide. Ich lausche seinem Atem, fühle mich seltsam beruhigt und wünschte, er würde jetzt hier sein …
„Frank … ich … weiß, das klingt vielleicht … na ja, irgendwie bescheuert, aber ich … ich habe dich echt vermisst. Ich meine, wir kennen uns ja überhaupt nicht und so … Ich würde … also ich finde, es war … ich ...“ Ich unterbreche mein Gestammel, denn ich habe das Gefühl, mich um Kopf und Kragen zu reden. Oder nein, eigentlich komme ich mir gerade wie ein riesengroßer Idiot vor, der es nicht schafft, auch nur ein vernünftiges Wort herauszubringen. Das ist so kindisch … So …
„Das geht mir auch so. Anton, ich habe dich auch vermisst und ich … also, dir ist schon klar, dass das Buch nur eine Ausrede war, oder?“
Mein Herz macht einen kleine Freudensprung und ich hauche ein „Ja“ in den Hörer. Frank lacht leise und ich … werde hart. Seine Stimme so dicht an meinem Ohr, dieses verführerische Lachen und Szenen, die ich vor meine inneren Augen sehe … Ich rutsche unruhig auf dem Sofa hin und her.
„Ich weiß, ich war … Ich meine, du hast das so toll, so verführerisch gesagt, also das mit dem Kuchen und ich … nicht das ich mir jetzt sicherer wäre … oder doch … Aber ich … esse gern Kuchen und ich … Gott, was rede ich denn hier für einen Schwachsinn!“
„Musst du morgen arbeiten?“, fragt er und bringt mich damit vollends aus dem Konzept. Konzept? Was denn für ein Konzept?
„Ähm, ja, ab 13 Uhr haben wir geöffnet. Aber morgen wird das Buch noch nicht da sein. Sonntags bekommen wir keine Lieferung!“, antworte ich verunsichert.
Frank lacht erneut. „Wer redet denn von dem Buch? Was machst du davor? Wollen wir zusammen frühstücken? Ich könnte zu dir kommen und Brötchen mitbringen …“
Gerade als ich begeistert zustimmen will, fällt mir der Brunch ein. „Scheiße!“, murmle ich in den Hörer und Frank macht ein irgendwie zischendes Geräusch.
„Ich habe gerade zum Brunch zugesagt … beim Schwulen- und Lesbenstammtisch. Wenn ich da jetzt absage, bringt mich Micha um … Ich musste mir vorhin schon einen langen Vortrag über Community anhören ...“, erkläre ich ihm schnell. Ich verstumme und suche fieberhaft nach einem Ausweg - und dann, noch ehe ich darüber nachgedacht habe, purzeln die Worte schon aus meinem Mund.
„Willst du nicht mitkommen?“ Entsetzt halte ich die Luft an. „Also, du musst natürlich nicht … Ich …“
„Du willst mit mir zusammen da hin?“, fragt Frank eindringlich.
Will ich das? Sie werden wahrscheinlich alle da sein … Micha sowieso und Max als Nikolaus und die anderen … und sie werden Fragen stellen. Schwule sind ja so schrecklich neugierig!
„Ja, ich würde mich sehr freuen.“, sage ich leise und merke, wie bei jedem Wort mein Herz ein wenig schneller schlägt.

Kommentare:

  1. hachja .............., das ist schon so eine sache mit dem telefonieren ...... lol
    jetzt kann ich ja beruhigt auf arbeit gehen ....... freue mich auf morgen .
    schönen tag und liebe grüße kerstin

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  2. Schmunzel... jetzt mag ich für heute auch keine Orangen mehr.
    Das ist doch wieder mal gut... wenn der Mund schneller ist, als das Hirn eigentlich erlauben will. Jetzt muss Anton die Anwesenheit eines `älteren` Begleiters erklären.
    Ich bin gespannt! Hoffentlich hat er den Mumm, dazu zu stehen und verletzt Frank nicht mit unsicheren Ausflüchten.
    liebe Grüsse
    tina

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  3. Die beiden sind am Telefon genau so süß wie die Orangen. Bin sehr gespannt auf Michas Reaktion auf Franks Erscheinen beim Stammtisch. Da wird Anton sich bestimmt noch einiges anhören müssen.

    lg misha

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  4. Hoffentlich muss sich der arme Anton nicht allzuviele Lästereien von seinen Kumpels anhören. Michael ist doch nicht uralt!!!!! Und Anton ist ja auch keine 20 mehr. Das Telefongespräch hat mir gut gefallen. Er war so herrlich konfus. Ach ist es schön so frisch verliebt zu sein.

    Liebe Grüße
    Petra

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  5. Die beiden passen immer besser zusammen.
    Orangen essen isz doch eine super Ablenkung, wenn man jemanden anrufen will und immer besetzt ist.
    Ah, sie wollen sich also zum Brunch treffen am Stammtisch.
    Da werden sie bestimmt Gesprächsthema Nr. 1 sein.

    LG, Piccolo

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  6. Hi Karo! Bin jetzt leider erst in deinen tollen Advendskalender eingestiegen und bin begeistert. Oh und morgen wollen die Beiden zusammen zum Brunch! Ja das wird bestimmt gut, hoffentlich steht Anton zu Frank. Was Micha wohl sagt? Freu mich auf morgen
    lg renke

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  7. Das verpasste Telefonat war zwar ein wenig vorhersehbar. (Wer legt schon den Hörer auf den Tisch bzw. wer hat noch so ein Telefon, das dann nicht trotzdem erbarmungslos klingelt?), aber das leicht verwirrte Telefonat selbst hat dann wieder entschädigt. Ich hoffe wirklich auch sehr, dass Anton sich beim Brunch nicht wieder zu dusselig anstellt. Wenn er Frank ins kalte Wasser schmeißt, muss er auch neben ihm schwimmen!

    LG
    Martina

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  8. Ja, gemeinsam auf dem Stammtisch auftauchen - das ist aussagekräftig genug - dann kann Anton so schnell nicht mehr kneifen ;)
    LG Katrin

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  9. Wie süß, beide wollten sich gleichzeitig anrufen. Es hat also Anton und Frank ziemlich erwischt. Jetzt muss Anton nur noch das "er-ist-der-Lehrer-meines-Sohnes-und-außerdem-ein-paar-Jahre-älter" Problem noch überwinden. Der egmeinsame Brunch wird da bestimmt spannend.

    lg Denise

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  10. Oh Gott! Ich freue mich jedes Mal so dermaßen, wenn du hier ein neues Kapitel hochlädst, dass ich gar nicht weiß, wie ich nach dem Ende weiter machen solll... ne Quatsch, aber ne schöne Abwechslung ist es schon und die Geschichte ist wirklich süß. Passt super zu dieser Zeit:) Einfach ein riesen Lob an dich!
    LG cada :)

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