Donnerstag, 8. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Stellen wir uns mal vor, es wäre heute erst Mittwoch ... dann würden wir auch erst das siebente Türchen öffnen und ich wäre nicht zu spät dran ... Na ja, was soll ich sagen? Der Zug ist leider kein geeigneter Ort für mich, um zu schreiben! Aber dafür könnt ihr heute gleich zwei Kapitel lesen ... das ist doch auch nicht schlecht.
Vielen Dank für eure vielen Kommentare! Das ist einfach nur großartig!


Ich bin nervös. Im fünf Minuten Takt schaue ich auf die Uhr und bin mir nicht sicher, ob die Zeit schneller oder langsamer vergehen sollte. Ich weiß nicht was mich erwartet und ich habe keine Ahnung wie ich mich verhalten soll. Diese innere Unruhe lähmt meinen Körper, während es in meinem Gehirn wie verrückt arbeitet. Ich bin so in meinen durcheinanderwirbelnden Gedanken gefangen, dass mir sogar Bruno auf die Nerven geht. Sein Mund steht seit einer Ewigkeit nicht mehr still. Aber vielleicht auch nur, weil er ständig alles wiederholen muss und weil meine Antworten anscheinend einfach nur unbefriedigend für ihn sind.
Im Auto hatte ich mich noch gut im Griff, aber jetzt, hier in meiner Wohnung, da würde ich am liebsten von einem Zimmer ins nächste tigern und meinen Gedanken nachhängen. Da möchte ich mich nicht mit einem kleinen Jungen beschäftigen, der mich jetzt auch noch dazu gebracht hat, den PC hochzufahren, damit wir gemeinsam nach Familienbildern suchen können. Auf der anderen Seite hege ich allerdings die Hoffnung, dass mich das ein wenig ablenken wird. Genau, schauen wir uns Bilder an.
Auch wenn ich seit sechs oder sieben Jahren meine Fotos ausschließlich digital archiviere, so habe ich zumindest meine Ordner gut und übersichtlich beschriftet.
„Womit fangen wir an?“, frage ich Bruno und schon fängt mein Herz wieder an zu pochen. Ja, womit werde ich wohl mit Frank anfangen? Reden? Küssen? Mehr? Zu wie viel „mehr“ bin ich bereit? Ist er bereit? Oder werden wir einfach … diese Sache klären, gemeinsam essen und … dann geht er wieder?
„Papa!“ Brunos stimmt klingt eindeutig genervt und er zupft an meinem Pullover. „Was ist denn mit dir los? Wieso antwortest du mir nicht?“
Ich versuche mich von meinen Gedanken loszureißen und da ich nicht weiß, was er gesagt hat, klicke ich einfach den erstbesten Ordner an. Nebenbei schaue ich ihn entschuldigend an und murmle etwas von einem harten Tag und viel Stress auf Arbeit. Er kommentiert meine Aussage nicht und wendet sich stattdessen den Bilder zu. Es sind die Urlaubsbilder vom letzten Jahr. Wir waren an der Ostsee, hatten ein kleines Ferienhaus auf Usedom gemietet. Schätzungsweise die Hälfte aller Bilder zeigen Bruno am Strand … wir hatten echt Glück mit dem Wetter!
„Hier, das ist schön! Da habe ich von euch gemacht!“, ruft er freudig und tippt mit einem Finger gegen den Bildschirm. Jenny und ich liegen im Strandkorb. Ich war richtig braun … im Gegensatz zu meiner jetzigen Hautfarbe … und irgendwie sah ich auch dünner aus …
„Das Bild?“, frage ich, „da sind wir ja halbnackt! Hast du uns nicht auch angezogen fotografiert?“ Bruno schaut sich das Foto noch einmal nachdenklich an. „Okay, suchen wir ein anderes!“
Eine ganze Weile klicken wir uns durch die verschiedenen Ordner, gehen immer weiter in der Zeit zurück. Weihnachten vor drei Jahren … Bruno war vier und ich … war mit David zusammen.
„Wer ist der Mann auf deinem Schoß?“, fragt Bruno und sieht mich neugierig an.
„David. Kannst du dich nicht mehr an ihn erinnern?“ Er scheint nachzudenken und ich starre das Bild an und kann mich gegen den Schmerz kaum wehren, den es in mir auslöst. David! Ich habe mich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er schien so gut zu mir zu passen, kam so gut mit Bruno und Jenny zurecht. Ich dachte damals wirklich …
„Ja … David.“, ruft Bruno nun, „er hat mir diesen tollen Traktor geschenkt, der bei Oma Silvi im Garten steht.“
„Genau … der!“, antworte ich leise. Manche Gefühle verschwinden anscheinend nie. Ich kann die Stimmung auf dem Bild noch richtig nachvollziehen. Ich war glücklich, voller Hoffnung für die Zukunft. Für eine gemeinsame Zukunft … mit David. Ich weiß nicht, ob ich davor schon jemals so verliebt war, aber danach auf jeden Fall nicht mehr. Weihnachten war ich noch glücklich … da schien für mich noch alles in Ordnung. Silvester bemerkte ich die ersten Veränderungen und im Januar hat er seine Sachen gepackt und ist verschwunden. Nur ein Zettel lag auf dem Tisch. Es wäre ihm alles zu anstrengend und er hätte bei „Gayromeo“ einen anderen Mann kennengelernt … Ein schlichtes „Sorry“ beendete unser Zusammensein und mich zerfraß der Liebeskummer wortwörtlich. Ohne Jenny und Bruno hätte ich den Halt wohl wirklich verloren.
Seitdem denke ich eigentlich gar nicht mehr über eine Beziehung nach. Ein paar One Night Stands … auf gar keine Fall etwas Festes. Es fällt mir schwer, jemanden an mich heran zu lassen und diese merkwürdigen Gefühle, die sich in mir breit machen, wenn ich an Frank denke … die lassen mich eher noch vorsichtiger werden. Ich werde mich ganz bestimmt nicht wieder verlieren … mein Herz an jemanden binden, der es nicht haben will. Mein Herz? Himmel, was mache ich denn hier? Was sind das für bescheuerte Gedanken? Mein Herz! Es bleibt, wo es ist … Frank ist mit Sicherheit niemand, der es haben will und ich will es ihm auch nicht geben. Zu alt und Brunos Lehrer! Schlagkräftigere Argumente gibt es gar nicht!
„Wo ist denn David jetzt?“ , fragt Bruno und ich zucke mit den Schultern. Er hat sich nie wieder gemeldet und ich wollte ihm auch nicht hinterher rennen. „Ich habe keine Ahnung!“, presse ich leise hervor und drücke auf das nächste Bild. Und dann fällt mir etwas anderes ein. „Schau mal hier!“, sage ich grinsend und suche die Weihnachtsbilder vom letzten Jahr.
„Siehst du? Das ist eine Familie!“ Bruno fängt an zu lachen und ich stimme mit ein. Wir sitzen alle unter dem Weihnachtsbaum und haben diese albernen roten Zipfelmützen auf. Bruno, Jenny, Micha, die Großeltern, Jennys Schwester mit ihrem Mann und ich.
„Ein echtes Familienbild!“, sage ich.
„Kannst du es ausdrucken?“, fragt er begeistert. „Die werden staunen …“ Eine Weile betrachtet er das Bild, dann dreht er sich zu mir um. „In Onkel Micha bist du aber nicht verliebt, oder?“
„Nein, bin ich nicht … aber er gehört irgendwie trotzdem zur Familie.“, erwidere ich grinsend.
„Hmm, dann müssen wir eben jemand anderes für dich finden … oder du nimmst doch Mama!“
„Das wird wohl leider nichts werden. Ich schätze, ich kann mich nur in Männer verlieben!“, antworte ich leise.
„Und Mama ist eine Frau!“, flüstert er plötzlich und sieht mich verschwörerisch an. „Sie hat ganz weiche Brüste … so kuschelig!“ Ich kann nur schwer dagegen ankämpfen nicht loszulachen und womöglich ist es die Klingel, die mich letztendlich davon abhält.
Bevor ich zur Tür gehe, sorge ich noch dafür, dass das Bild ausgedruckt wird.
„Hallo Jenny!“, begrüße ich sie und gebe ihr einen Kuss. „Na, alles geschafft?“
„Puhh, ich bin vollkommen erledigt. Das war vielleicht ein Stress heute! Mit Bruno alles klar?“, plappert sie los und geht ins Wohnzimmer. Dann bleibt sie stehen, dreht sich zu mir herum und sieht mich aufmerksam an.
„Geht es dir gut, Anton?“, fragt sie.
„Klar! Wieso fragst du?“, winde ich mich unter ihrem kritischen Blick.
„Hmm, hat Bruno etwas angestellt? Du siehst nervös aus!“
„Nein, mit Bruno ist alles in Ordnung. Ich … ich kriege gleich Besuch. Vielleicht macht mich das ein wenig nervös.“
„Besuch? Wen denn?“
Einen Moment lang würde ich am liebsten mit „Micha“ antworten, aber so eine Lüge würde Jenny sofort durchschauen. Sie kennt mich viel zu gut und sie hat leider auch sehr feine Antennen, wenn etwas mit mir nicht stimmt.
Ich gehe in die Küche und sie folgt mir unaufgefordert. Ich bin mir nicht sicher, was genau ich ihr erzählen soll …
„Ich kann mich jetzt wieder an diese Nacht erinnern!“, murmle ich und Jenny macht ein zischendes Geräusch. „So? Und was ist passiert?“
„Na ja, um das zu klären … Also dafür wird er gleich zu mir kommen. Ich … in der Christstolle war Hasch drin und das Zeug hat mich so ausgeknockt! Kannst du dir das vorstellen? Max ist doch ein echtes Arschloch. Anscheinend wussten das alle, außer mir!“
„Anton, jeder weiß, wenn Max einen Kuchen backt, sollte man den nur mit Vorsicht genießen ...“ Jenny verdreht die Augen.
„Aber lenke jetzt nicht ab. Lass uns doch mal über reden was sich seit gestern verändert hat … denn ich habe das Gefühl, dass du seit diesem Bastelabend … irgendwie verändert bist ...“
„Nicht heute Abend Jenny! Ich habe überhaupt keine Ahnung was gleich passieren wird und ich … es fühlt sich merkwürdig an … Ich bin schrecklich nervös und ...“
„Okay, dann schnappe ich mir jetzt Bruno und wir lassen dich allein.“ Sie umarmt mich zum Abschied und für einen Moment möchte ich sie gar nicht mehr loslassen, fühle mich ein klein wenig geborgen. "Du schaffst das schon und ich will alles wissen!", flüstert sie mir ins Ohr.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, wandert mein Blick automatisch zur Uhr. Noch 35 Minuten ...


Kommentare:

  1. Bruno scheint ja doch besser über seine Eltern Bescheid zu wissen, als ich gedacht habe.
    Oh ja, nicht nur Jenny will alles wissen^^
    Ich bin schon sehr gespannt was der Besuch von Frank ergeben wird.

    LG, Piccolo

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  2. ok muß gleich auf arbeit ,aber ein schnelles "Hachja " haste das wieder schön geschrieben ,freue mich wenn ich heute abend heim komme kriege ich wohl noch ein kapitel ........... *freu* muß sein ................
    lg Kerstin

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  3. Zumindest hast du anscheinend den Glühwein gut verkraftet und bist gut nach Hause gekommen.

    Das Stöbern in alten Fotos weckt immer viele Erinnerungen, lustige und traurige. Anscheinend hat dieser David ja recht kurzfristig festgestellt, dass ihm die Beziehung nicht gefällt. So etwas finde ich immer sehr suspekt. Anton täte gut daran, ihn hinter sich zu lassen.

    Ich finde es ein wenig schade, dass Anton Jenny gegenüber nicht offener ist. Er lügt zwar nicht, aber verschweigt doch wichtige Details seiner Erinnerung. Erstaunlich, dass Jenny sich so leicht abwimmeln lässt.

    Für uns ist es ja hoffentlich einfach, denn es geht bald weiter....

    LG
    Martina

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  4. Hurra es geht weiter.
    Ich habe gestern wirklich bis zu letzt gehofft das das 7 Teilchen noch kommt.
    Allerdings bist du Entschuldigt ;) Zug und Schreiben ... toll das es heute dann 2 Teilchen gibt. Ich finde die Geschichte Schön. :D Bruno ist nicht so Ahnungslos warum auch er wächst doch in einer queer- Famile auf. Ich drücke Anton die Daumen das er in Frank das findet was er sucht und umgekehrt.
    lg Zwackl

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  5. Hey, schön das es heute weier geht.

    Nicht nur Anton wartet gespannt auf Frank.
    Hoffentlich findet auch Anton das was er sucht bei Frank.

    LG Corina

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  6. Hi
    Ich habe jetzt auch zu deinem Adventskalender gefunden. Da hast du dir aber was vorgenommen. Puh... Respekt,jede Verspätung ist hiermit entschuldigt.
    Sehr schöne Geschichte bis hierhin. Mit viel Weihnachtsduft und -feeling. Und gar nicht verstärkt zuckerhaltig, so wie die Story vom letzten Jahr. Zumindest noch nicht...gg. Soll keine Kritik sein, der Zuckerschock vom letzten Jahr hat mir auch supergut gefallen. Aber sind ja noch genug Tage übrig, um die Dosis zu steigern...
    Jetzt bin ich ganz gespannt, auf Franks Besuch.
    liebe Grüsse
    tina

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  7. Frauen haben kuschelige weiche Brüste... ja das fällt Kindern gerne auf :) Echt!

    Zettel aufm Tisch ... kann ich schon leiden... blöder Ar*** von Ex.

    Jedenfalls kann ich es kaum erwarten. Noch 35 Minuten!!! LOL

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