Sonntag, 4. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Ich wünsche euch einen schönen zweiten Advent!
Danke für eure Kommentar!


Das Wort „Lederdaddy“ schiebt sich im Laufe des Tages immer wieder in meine Gedanken. Wie ein Blitz zuckt es auf, obwohl sich eine wirkliche Erinnerung bei dem Begriff nicht einstellen will. Es ist auch keine Zeit Micha deswegen noch einmal genau zu befragen. Jedenfalls nicht jetzt! Es ist im Moment echt stressig und es gibt noch eine ganze Menge zu erledigen. Dazu kommt noch, dass am Wochenende der „Advent in den Höfen“ öffnet. Eine ganz besondere Aktion unserer Stadt und absoluter Touristenmagnet. Und mein Buchladen liegt unterhalb des Schlosses, also werden wir alle Hände voll zu tun haben und hoffentlich einen wirklich guten Umsatz machen. So ein wenig könnten wir das in diesem Jahr noch gebrauchen.
Ich sehe mir von außen unser Schaufenster an. Die Bücher, auf die ich schon die ganze Woche gewartet habe, sind endlich angekommen und ich habe sie noch irgendwie zwischen die Weihnachtsdekoration bekommen. Christian Antmann … ein einheimischer Schriftsteller und guter Freund von mir. Er schreibt Krimis mit lokalem Hintergrund und hat auch schon ein paar Lesungen in meinem Laden gemacht. Auch am letzten Adventwochenende haben wir noch eine Lesung geplant. Sein neuestes Werk spielt nämlich nicht nur hier unterhalb des Schlosses, sondern hat auch einen weihnachtlichen Bezug. Das passt also bestens.
„Anton! Jenny ist am Telefon!“, ruft Micha von innen und wedelt mit dem Hörer.
„Ich komme schon!“, murmle ich vor mich hin, werfe einen letzten Blick auf die Auslage und gehe hinein. Erst im Inneren merke ich, wie kalt es draußen war. Meine Füße sind in den dünnen Schuhen fast erfroren, ebenso meine Hände. Ich reibe sie ineinander bevor ich das Telefon ergreifen.
„Hallo Jenny …Was ist los?“, will ich wissen und lehne mich mit dem Hintern gegen die Heizung.
Micha wackelt mit dem Wasserkocher und sieht mich fragend an. In der anderen Hand hält er die Teedose. Da muss ich nicht lange überlegen und nicke freudig. Einen Tee kann ich jetzt wirklich gut gebrauchen.
„Sag mal ...“, fängt sie zögernd an, „Micha arbeitet doch heute … Oder?“
„Jenny! Micha arbeitet eigentlich immer. Also spuck es aus! Was soll ich machen?“
„Na ja, ich habe noch einen Termin reinbekommen und müsste länger arbeiten. So vor Weihnachten würde ich das auch wirklich gern annehmen … aber dann müsstest du Bruno abholen ...“, stottert sie vor sich hin.
„Wann und wo?“, frage ich sofort.
„Er ist heute mit seiner Klasse im Freizeitzentrum. Dort gucken sie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Der Film ist um 17 Uhr zu Ende.“
Einen Moment lang muss ich schlucken, weiß nicht genau was ich sagen soll. Aber mir wird verdammt heiß und in meinem Bauch fängt es merkwürdig zu rumoren an.
„Anton? Bist du noch dran? Ist es doch ungünstig? Ich weiß, du hast gerade jetzt auch immer viel zu tun, aber es ist eine alte Kundin und ich … na du weißt schon. Bruno will doch in den Februarferien so gern wegfahren. Ich könnte das Geld echt gut gebrauchen ...“ Jennys Wortschwall dringt nur sehr langsam zu mir durch und ebenso langsam bemerke ich, dass sie denkt, dass ich Bruno nicht abholen will.
„Mach dir keine Sorgen!“, sage ich deshalb schnell. „Ich hole Bruno ab und dann fahre ich mit ihm nach Hause. Micha kann das Geschäft abschließen. Wann soll ich da sein?“, frage ich vorsichtshalber noch einmal.
„Gegen 17 Uhr ist die Vorstellung zu Ende!“, antwortet sie und klingt erleichtert.
„Okay und wann wirst du ihn bei mir abholen?“
„Ich schätze, ich bin spätestens um 19 Uhr bei dir… Ich würde dann nämlich gleich noch Sabine anrufen. Die wohnt da ganz in der Nähe und wollte auch noch einen Termin vor Weihnachten. Das würde gut passen.“
„Mach das, dann holen Bruno und ich uns noch was zu essen vom Weihnachtsmarkt, ehe wir nach Hause fahren.“
Sie gibt mir noch ein paar Anweisungen und dann legen wir auf. Nicht, dass ich ihre Anordnungen brauchen würde, geschweige, dass ich ich daran halten würde. Ich bin schließlich kein Idiot und Bruno ist nicht nur ihr Kind. Er ist genauso in mein Leben integriert wie in ihrem, auch wenn sie natürlich den Löwenanteil trägt und auch die meisten Entscheidungen treffen muss. Trotzdem ist es eben auch mein Sohn und die Zeit, die ich mit ihm verbringe, möchte ich auch so gestalten, wir wir sie für richtig halten. Das steht natürlich nicht im krassen Gegensatz zu ihren Erziehungsmethoden … ich glaube, es ist eher ihre unbewusste Übervorsorglichkeit, die sie manchmal etwas übers Ziel hinausschießen lässt.

Die Zeit bis zum Nachmittag vergeht schnell. Pünktlich mache ich mich auf den Weg. Das Freizeitzentrum ist nicht weit von mir entfernt. Vielleicht 15 Minuten zu Fuß und einmal quer über den Weihnachtsmarkt. Fünf vor Fünf stehe ich davor und warte. Allerdings ist es jetzt merklich kälter geworden und so ziehe ich es vor, doch lieber im Inneren des Gebäudes zu warten. Es riecht ein wenig muffig als ich den Flur betrete. Da kommen gleich eine Menge Kindheitserinnerungen hoch, denn ich habe als Kind und vor allem als Jugendlicher auch meine Zeit hier verbracht. Es sieht irgendwie immer noch wie damals aus. Ein neuer Anstrich würde den Wänden ganz gut tun. Aber dafür ist wahrscheinlich kein Geld da. Und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ lief auch damals schon in der Weihnachtszeit und natürlich haben wir uns den Film angesehen und zwar jedes Jahr!
Ein älterer Mann kommt die Treppe herunter, die zum Kinosaal führt. „Kann ich ihnen helfen?“, fragt er.
„Nein, eigentlich nicht. Ich warte auf meinen Sohn. Er sieht sich hier einen Film an“, erwidere ich.
„Ja, das kann noch ein wenig dauern. In letzter Zeit macht das alte Mädchen einfach nicht mehr was ich will. Und die neue Technik … die werde ich wohl nicht mehr hier erleben … Aber noch bekomme ich sie immer wieder zum Laufen. Gehen sie doch hoch. Der Film ist erst zur Hälfte durch“
„Alles klar! Was kostet der Eintritt?“, frage ich und hole schon meine Brieftasche hervor.
Aber der Alte winkt nur ab. „Gehen sie nur. Es ist schließlich ein Kinderfilm“
„Aber einer der besten!“, murmle ich und höre ihn hinter mir leise lachen. Ich gehe die Stufen nach oben und öffne die Tür. Drinnen ist es natürlich stockdunkel, so dass ich einen Moment brauche, um mich zu orientieren. Ein schwerer Vorhang versperrt mir die Sicht und ich schiebe ihn zur Seite. Aschenbrödel zählt gerade am Geländer ab, ob sie auf den Ball gehen soll oder nicht. Ich habe den Film auch zu Hause. Aber auf einer großen Leinwand wirkt er immer noch besser. Ich bleibe hinten stehen, denn es sieht ziemlich voll aus und ich habe keine Lust mich durch irgendeine Reihe zu drängeln und den Kindern die Sicht zu versperren. 

Die Bewegung neben mir beachte ich im ersten Moment gar nicht. Erst als ich dicht hinter mir einen Körper spüre, will ich mich erschrocken umdrehen. Aber da sind schon zwei Arme, die mich festhalten. Leise keuche ich auf, höre mein Herz schneller schlagen, fühle Hände, die sich auf meinem Bauch sanft hin und her bewegen … Seine Körpermitte reibt ganz leicht gegen meinen Hintern und ich spüre seine Lippen an meinem Ohr. Wie erstarrt lasse ich das alles mit mir geschehen. Nur mein Herz macht einen wilden Tanz und meine Beine zittern leicht. Neue Bilder zucken durch meinen Kopf. Das Bett … ein nackter Körper über mir … die blauen Augen, die mich voller Lust ansehen und die ganz eindeutig zu … zu Frank gehören.
„Oh mein Gott!“, flüstere ich aufgebracht und versuche mich zu ihm umzudrehen. Auch ohne den Anisgeruch bin ich mir ganz sicher, dass er es ist, denn seinen Duft kommt mir auf einmal so vertraut vor. Trotz der Dunkelheit leuchten seine Augen und er lächelt mich an. 
„Da werden wohl Erinnerungen wach?“, fragt er leise und noch ehe ich irgendetwas erwidern kann, spüre ich seine Lippen auf meinen.


Kommentare:

  1. ach welch schöner film .......... *freu* muß ich mit meinen kindern auch noch gucken .
    hachja haste das wieder schön geschrieben ....
    lg kerstin

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  2. Welcome back! Da sind 'se ja.. die bösen bösen Erinnerungen :) Gut, die ein oder andere Erinnerung wird wohl eher spitzig sein. LOL

    Meine Güte bist du früh wach gewesen...

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  3. Guten Morgeeeeeeeeeeeen ;)

    Ah, der Herr erinnert sich - gut so :D
    und nun können sie auch gleich im Kino knutschen ;D

    LG Nir77tak

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  4. Ah, es hat also endlich Klick gemacht bei Anton^^
    Jetzt kann es ja erst so richtig losgehen.
    Ja ja, der Film ist echt der Weihnachtsklassiker schlecht hin.
    Ein kleiner Fehler ist mir auf gefallen.

    So gerne ich Anja auch haben, aber hier muss es Jenny heißen.

    Ich wünsche dir und deiner Familie einen schönen zweiten Advent.

    LG, Piccolo

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  5. Hahaha... ich mag Anja, wie man sieht auch sehr. Habe ich gleich verbessert! Danke!

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  6. Na sowas..da kommen wohl endlich die Erinnerungen zurück!!! Wie schön!
    lg,Pepsi

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  7. Hey,
    dieser Film hat selbst mich schon durch meine Kindheit gebracht. Überhaupt waren die Märchen aus dem Osten immer gut.
    Anton erinnert sich endlich. Scheint zumindest kein schlimmes Erwachen zu sein. Das Ende ist ganz schön fies, aber man kann ja froh sein, weil es morgen schon weitergeht.

    LG
    Martina

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  8. aber anton, doch nicht vor den kindern! ;-) *lach* endlich macht es klick ^^ gut, dass die erinnerungen wiederkommen...

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  9. Besser späte Erkenntnis, als gar keine, hm? :) Ich finde diesen Adventskalender genial... und "leichter" und "figurschonender" als die Schokovarianten ist er sowieso! Toll, dass du dir für uns Leser diese Arbeit machst. Hoffentlich macht es dir auch ein bisschen Spaß!?! Immer weiter so - ich liebe all deine Geschichten :) LG cada :)

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