Freitag, 2. Dezember 2011

Quer durchs Alphabet ins Glück

Ich hoffe, es fällt euch auf, dass jetzt zwei Kerzen brennen *gg*.
Ich danke euch für die vielen tollen Kommentare!
Es sind im Übrigen auch noch zwei andere Wörter mit "B" in diesem Kapitel verarbeitet ...


Es herrscht wider Erwarten eine angenehme Stimmung im Raum. Im Hintergrund läuft irgendeine klassische Weihnachtsmusik und die meisten scheinen sich angeregt zu unterhalten. Auch Jenny ist in ein Gespräch verwickelt. Ab und zu stupst sie mich an und ich nicke oder schüttele den Kopf. Bis jetzt habe ich anscheinend immer die richtige Bewegung getroffen, denn alle scheinen zufrieden zu sein. Nur das Gefühl, dass mich Herr Lehmann … ach nein, Frank … hier wird ja jeder gleich geduzt! Jedenfalls habe ich irgendwie das Gefühl, dass mich Frank hin und wieder mustert, mich beobachtet … keine Ahnung. Ich bin womöglich paranoid … allerdings kann ich auch nicht anders, als in vermeintlich unbeobachteten Momenten ihn mir genau anzuschauen. Auf eine seltsame Art gefällt mir was ich sehe. Auf eine noch seltsamere Art habe ich das Gefühl, das schon mal gesehen zu haben … Er ist ziemlich groß, mit breiten Schultern. Kurze schwarze Haare und ein leichter Bartschatten, dazu leuchtend blaue Augen. Sie wirken irgendwie kalt oder … oder forschend … Wer weiß, was er schon über uns gehört hat und was er darüber denkt. Im Grunde ist es mir egal, solange Bruno nicht darunter leiden muss.
Frank ist deutlich älter als ich und das macht ihn nicht gerade zu einem bevorzugten Zielobjekt. Ich stehe nicht auf ältere Kerle. Ein oder zwei Jahre sind okay, aber Frank ist schätzungsweise Mitte 40 und das sind dann locker mehr als 10 Jahre. Schon die Vorstellung ist gruselig, obwohl ich zugeben muss, dass er eine ziemlich heiße Figur hat und sein Hintern in dieser Jeans wirklich …
„Shit! Sag mal geht’s noch?“, meckere ich und sehe Jenny wütend an. Sie hat mir gerade mit voller Wucht auf den Fuß getreten. Der Schmerz treibt sich durch meinen Körper und mein Zeh fängt an zu pochen.
„Du hast mir den Fuß gebrochen!“, motze ich und ignoriere die anderen, die mich jetzt alle anstarren.
„Tut mir leid, das war nicht mit Absicht!“, sagt sie doch frech und grinst mich dabei an. Ich erwidere nichts darauf, sehe sie nur fragend an. Dann lächle ich in die Runde, murmle „Frauen und ihre Absatzschuhe!“, ernte dafür ein paar Lacher und habe die Aufmerksamkeit wieder von mir weg, hin zu den Bastelmaterialien gelenkt.
„Du hast gestarrt!“, flüstert Jenny und verdreht die Augen.
„Ich starre? Du spinnst, ich bastle!“, erwidere ich ebenso leise und wende mich meinen stinkenden Anissternen zu.
„Im Gegensatz zu dir habe ich bereits drei von diesen Dingern fertig! Was machst du also die ganze Zeit?“, witzelt sie und sieht mich mit einer hochgezogenen Augenbraue herausfordernd an.
„Ich brauche eben ein wenig länger. Bin nicht so ein Naturtalent wie du!“, murmle ich und hoffe, dass sie den Sarkasmus heraushört. „Außerdem wird niemand deinen Baumschmuck kaufen, wenn er erst gesehen hat, wie liebevoll dekoriert meiner ist!“ Ich klebe provokativ einen Anisstern neben einen Kiefernzapfen und halte ihr mein Werk hin.
„Ich würde es kaufen!“, sage ich stolz und mache noch ein paar Kleberfäden weg.
„Du wirst es kaufen müssen, denn es wird nämlich niemand sonst kaufen. Ich würde das auch nicht als Baumschmuck bezeichnen … mir fällt überhaupt keine Bezeichnung dafür ein ...“
„Biest!“, brumme ich. Zugegeben, es sieht nicht so richtig schön aus …
„Du könntest es deiner Mutter schenken … bei all den bunten Lichtern an ihrem Baum, sieht man das Ding bestimmt nicht!“, sagt sie lachend und jetzt bin ich derjenige, der auf ihren Fuß tritt. Lachend schüttelt sie ihren Kopf und redet dann einfach mit den anderen Müttern an unserem Tisch.
Eine Weile starre ich schweigend mein Kunstwerk an.
„Was sagst du denn dazu, dass der Waldemar so eine Strafe aufgebrummt bekommen hat?“, fragt mich der Mann von gegenüber, den ich beim Reinkommen schon fast für den Weihnachtsmann gehalten hatte. Seine Stimme ist ebenso tief, wie sein Bart lang ist. Hoffentlich klebt er ihn nicht versehentlich mit der Heißklebepistole an seinen Werken fest. Obwohl so ein paar Anissterne und Zimtstangen bestimmt nicht schlecht in dem wilden Gestrüpp aussehen würden.
„Ähm, ich … habe keine Ahnung, was der Waldemar angestellt hat.“, erwidere ich vorsichtig. Der Mann schnauft empört. „Ich dachte, es hätte schon viel größere Kreise gezogen. Aber na ja, man kann den Lehrern auch nicht alles durchgehen lassen. Sie sind schließlich dazu da unseren Kindern etwas beizubringen. Und wenn der Waldemar aus ein paar Büchern Seiten herausreißt, um daraus Flieger zu falten, dann muss man doch eher seine Kreativität loben, als ihm den Wochenbonus abzusprechen!“ Ich starre den Mann mit offenem Mund an. Anscheinend weiß er nicht, dass ich einen kleine Buchladen in der Innenstadt habe und er mit solchen Aussagen wirklich an den falschen geraten ist ...
„Also, was sagst du? Das geht doch einfach nicht!“, reißt er mich aus meinen Gedanken.
„Nein, da hast du vollkommen Recht. Gleich den ganzen Wochenbonus … was bedeuten schon Bücher! Und wenn gerade kein Papier zur Verfügung steht … Und wenn das Kind einen Flieger bauen möchte … dann sollte man es auch nicht aufhalten ...Kreativität ist so wichtig.Schließlich bezahlen wir eine ordentliche Summe jeden Monat, da werden sie wohl ein paar Bücher verschmerzen können!“ Ich spüre Jennys Fuß auf meinem und verstumme lieber. Aber meinem Gegenüber scheint es zu genügen, denn er nickt und wirft mir einen anerkennenden Blick zu.
„Genau das habe ich auch gesagt, aber anscheinend war ich mit dieser Meinung ganz allein. Nun nicht mehr. Wir Männer sehen so was eben ganz anders als Frauen!“, sagt er freudig und ich versuche mich an einem Nicken, während ich eifrig eine ganze Reihe Sterne und Zapfen aus den Kisten nehme und sie vor mir auf den Tisch lege. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was der Wochenbonus ist, aber wenn dieses Kind meine Bücher zerrissen hätte, dann wäre mir sicherlich etwas anderes eingefallen. Bruno wusste schon mit drei, dass man Bücher nicht zerreißt, nicht mit Stiften anmalt und auch sonst nicht beschädigt. Na gut, dass ist vielleicht übertrieben. Aber jemand, der absichtlich Bücher zerstört und in diesem Alter kann man wohl erwarten, dass sie sich ein Blatt Papier holen, um einen Flieger oder sonst etwas zu bauen …

„Und kommt ihr hier zurecht?“, fragt Frank, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich an unseren Tisch. Direkt neben mich! Wieder vermischt sich der Anisgeruch mit seinem Parfüm und wieder fängt es in meinem Körper auf undefinierte Art und Weise an, zu kribbeln. Ich werfe ihm einen verstohlenen Blick zu, den er prompt erwidert. Er … er sieht mich an und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich werde rot. Aber im gleichen Moment ist mir bitterkalt, denn seine Augen strahlen eine Kälte aus, die faszinierend und … beängstigend ist, seltsam vertraut und doch vollkommen fremd. Ich senke den Blick, nehme die Klebepistole und merke, wie meine Hand ganz leicht zittert.

Kommentare:

  1. Die armen Bücher sind doch nicht dazu da um aus ihnen Seiten heraus zu reißen.
    Es gibt wohl nur noch eine Berufsgruppe, die noch allergischer darauf reagiert und das sind die Bibliothekare, wie ich.
    Mir tut es ja schon immer in der Seele weh, wenn ich ein Buch wegwerden muss, weil es kaputt oder zu alt ist.
    Ich werde das Gefühl nicht los, dass dieser Frank Anton's One-Night-Stand von der Weihnachtsfeier ist.

    LG, Piccolo

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  2. Hey!
    Toll, mir war gar nicht bewusst, dass du eine ganze Geschichte daraus machst. Das ist schön, denn dann lernt man die Charaktere besser kennen. Wobei ich wohl alle Eltern dieser Schule verteufeln würde, weder Bruno noch Waldemar wäre ein Name, den ich meinen Kindern zumuten würde. Passt zur alternativen Lebensweise. Wer Flieger aus Bücherseiten bastelt, tanzt sicher auch seinen Namen *ggg* Dabei geht Seiten aus Büchern zum Basteln zu verwenden so mal gar nicht! Man kann Bücher doch nicht einmal im ganzen wegwerfen und schon gar nicht in Teile reißen. Da blutet mir das Herz!

    Nun bin ich mal gespannt, wann sich der Nebel lichtet und auch Anton merkt, wen er da an seinem Tisch hat!

    LG
    Martina

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  3. zitternde hände und klebepistole sind im allgemeinen eine böse mischung xD bei diesen furchtbaren eltern: sprichst du aus erfahrung? :D ich fürchte solche menschen gibt es wirklich xD

    lg, kessy

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  4. Und morgen, liebe Eltern, tanzen wir die Namen unserer Kinder ... Würg. Diese Elternbastelstunden habe ich auch gehasst. Das erinnert mich an eine Situation während einer Einführungsveranstaltung für Eltern als unsere Tochter aufs Gymnasium kam. Unsere Kinder hatten noch nicht mal 1 Std. Unterricht und trotzdem erkundigte sich eine Mutter (die in o.g. Schule auch super gepasst hätte) ob es einen Leistungskurs Kunst fürs Abi gäbe. Heute studiert das angespr. Kind Chemie!

    Na ja, tut hier ja eig nix zur Sache. Bis gestern fand ich unseren Protagonisten ja noch nett, aber heute! Was hat der denn gegen Mitt-Vierziger??? Tsss. Wir stehen ja wohl voll im Saft :)

    Ach wir schön, jeden Tag ein Kapi. Und dann noch so tolle Kapitel.

    Biss morgen Siggi

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  5. Du (über)-zeichnest eine witzige Schule - grrrusel ;)

    Tja, wenn das mal nicht der ONS war ;)))
    Aber wieso ist er dann Papa ... gut, dass es noch viele Törchen gibt
    LG Nir77tak

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  6. Seiten aus Büchern reißen? *schüttel* Das kann auch nur ein Ökoschulenvater verteidigen!
    Ich bin mal gespannt, wann Anton dämmert, warum Frank ihn so böse ansieht und warum ihm sowohl die Person als auch der Geruch so vertraut sind. Und dann bin ich auf die Gesichter der anderen Eltern gespannt, denn so eine Kombination ist ja schon sehr alternativ.

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