Mittwoch, 8. Juni 2011

Zuckerwatte am Mittwoch


Ein neuer Mittwoch, ein neuer OneShot! Vielen Dank für die Kommentare zur letzten kleinen Geschichte. Ich freu mich, dass sie euch gefallen hat!




Wütend trat er gegen den Papierkorb. Ein kurzer Schmerz durchzog seinen großen Zeh und leise fluchte er vor sich hin. Natürlich war der Papierkorb umgekippt. Zusammengeknüllte Blätter, ein paar aussortierte Zeitschriften, gelbe Haftnotizzettel und eine leere Chipstüte verstreuten sich auf dem Boden seines Zimmers. Aus dem leisen Fluchen wurde ein lautes. Sämtliche Schimpfwörter, die Bengt gerade einfielen, entkamen mit einer unglaublichen Schnelligkeit seinem Mund. Er bückte sich, stellte den Korb wieder auf und sammelte das Papier ein. Die Chipstüte erwischte Bengt am falschen Ende, sodass die Krümel aus der Tüte auf den kleinen Teppich neben seinem Bett fielen. 
„Verdammt, aber auch! Was für ein Scheißtag!“, schrie er vor sich hin und beachtete die Krümel nicht weiter. Er ging zum Fenster. Es war im Grunde kein Scheißtag, er war ideal! Ideal für einen Feiertag, ideal für eine Motorradtour. Nur er, Bengt würde nicht daran teilnehmen. Nein, er hatte sich seit zwei Tagen in seinem Zimmer verkrochen, hatte das Telefon ignoriert, sich Ausreden einfallen lassen, damit ihm niemand auf die Nerven ging. Er litt und er wollte leiden. Ja, er hatte es nicht anders verdient. Den Tag heute allein in diesem Zimmer zu verbringen, war seine Strafre. Bengt sah gedankenlos auf die Uhr. Wahrscheinlich waren die Anderen schon da, besprachen noch einmal die Route und würden zu der schon so lange vorbereiteten Tour aufbrechen. Heute war schließlich Männertag.

Bengt starrte aus dem Fenster. Die Wut und auch ein wenig Verzweiflung standen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er hatte es nicht geschafft. Obwohl er so viel geübt hatte, obwohl er sicher war, dass es keine Probleme geben würde, hatte er es nicht geschafft. Womöglich konnte der Fahrprüfer ihn nicht leiden. Wieso sonst hatte er ihn in diese unmögliche Wohngegend gelotst? Wieso musste ausgerechnet Bengt in den Teil der Stadt fahren, der nur aus 30-iger Zonen, Spielstraßen und Bergen bestand?  Am Anfang lief ja noch alles gut, aber dann rollte ein Ball kurz vor ihm auf die Straße. Er konnte die Maschine noch gerade so abfangen, aber auf einmal lagen seine Nerven blank. Die Konzentration wich einer unglaublichen Nervosität. Auf einmal übersah er gleichrangige Straßen, fuhr zu schnell und zum krönenden Abschluss war da auch noch diese Ampel, die plötzlich auf rot umsprang. Der Fahrprüfer giftet ihn so unglaublich an und auch der Fahrlehrer war wütend.
Wie Bengt nach Hause gekommen war, wusste er nicht mehr. Erst in seinem Bett wurde ihm so richtig bewusst, dass er es vermasselt hatte. Kein Führerschein, kein Ausflug am Männertag. Wie sollte er jemals wieder seinen Kumpels unter die Augen treten? Vor allem Paul, der sich so viel Zeit für ihn genommen hatte. Sie hatten in der letzten Woche so viel geübt. Abends, auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum. Paul hatte Bengt tatsächlich seine Maschine anvertraut. Obwohl Bengt noch lange nicht mit so einem großen Bike fahren durfte. Bengt fühlte sich in Pauls Nähe immer so gut und sicher. Er hatte das Gefühl, dass Paul immer genau wusste, was richtig war. Bengt mochte es. Er mochte es, wenn man ihn führte. Er mochte Pauls Art. Mehr als er womöglich sollte, Ja, er hatte sich im Laufe der Zeit wohl ein wenig in Paul verliebt. Zuerst war er verunsichert gewesen. Noch nie hatte er darüber nachgedacht, dass Männer eine solche Rolle in seinem Leben spielen könnten, aber Paul war eben etwas Besonderes.
Allerdings war sich Bengt nicht sicher, ob es umgekehrt auch so war. Es gab keinerlei Anzeichen, die über eine normale Freundschaft hinausgingen. Bengt hatte auch noch nie gehört, dass Paul jemals eine Beziehung gehabt hätte. Im Gegensatz zu den Anderen, die natürlich bei jeder Party mit ihren diversen Erfolgen bei den Frauen angaben, hielt sich Paul da eher bedeckt.
Noch immer stand Bengt am Fenster und starrte in den blauen, wolkenlosen Himmel. Was sollte er nur den ganzen Tag machen? Und überhaupt. Ewig konnte er die Anderen auch nicht mehr hinhalten. Früher oder später würden sie sich von seinen Nachrichten nicht mehr ablenken lassen und bei ihm auftauchen. Dann würde er es wohl sagen müssen. Er würde es allen sagen müssen. „Ich bin durchgefallen…“, murmelte er gegen die Scheibe. Na super, dass klang schon so richtig nach Loser. Mit Sicherheit würden sie ihn angrinsen. Womöglich auf die Schulter klopfen. „Kopf hoch, Kleiner!“, würde Matze sagen, „Das schaffst du schon noch!“ Bengt konnte Matzes Stimme direkt in seinem Kopf hören. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten.
„Dann fährst du eben noch eine Weile als Sozius mit!“, würde wahrscheinlich Hagen sagen. Und Paul? Würde der auch so etwas zu ihm sagen? Oder wäre er womöglich einfach nur enttäuscht, weil er vollkommen umsonst seine Freizeit mit Bengt verplempert hatte. Verdrießlich schloss Bengt die Augen so fest, dass er bunte Kreise sehen konnte. Dann schreckte er plötzlich auf. Er hörte ein vertrautes Geräusch. Es kam näher und näher. ‚Bitte nicht!’, dachte er noch, als die Maschine direkt vor der Tür anhielt. Kurz sah Bengt sich um. Nein, da kamen keine weiteren Motorräder. Nur das eine und er wusste genau, wer da gerade abstieg. Was sollte er denn nur machen? Panik machte sich in Bengt breit. Sein Herz fing auf einmal an zu rasen. Wieso stand er denn jetzt vor seiner Tür? Sollte er nicht schon längst mit den anderen unterwegs sein? 
Noch immer stand Bengt am Fenster, beobachtete, wie Paul den Helm absetzte und die Maschine abschloss. Seine dunkelblonden Haare standen wild nach allen Richtungen ab. Einen Moment fragte sich Bengt, wieso Paul trotz des Helms immer so toll aussah. Dann öffnete Paul allerdings das kleine Gartentor und ging auf  die Haustür zu. Gleich würde er ihn nicht mehr sehen können, gleich würde er an der Tür stehen.
Das Klingeln riss Bengt aus seiner Starre. Er hatte sich so fest am Fensterbrett festgehalten, dass die Knöchel an seinen Händen weiß hervorstachen. Er schüttelte seine Hände, sah sich im Zimmer panisch um. Er wollte sich so gern verstecken, aber wo sollte er  denn hin?
Seine Mutter öffnete die Tür. Er hörte Stimmen, erkannte deutlich Pauls tiefe Stimme. Sie sorgte dafür, dass sich ein seltsam warmes Gefühl in seinem Bauch breit machte. Seine Mutter unterhielt sich eine Weile mit Paul und Bengt nutzte die Zeit um… in sein Bett zu flüchten und die Decke bis über den Kopf zu ziehen. Sein Herz wummerte so laut, dass er meinte, man müsste es im ganzen Haus hören. Still lag er da und wartete. Das Knarren der Stufen verriet, dass sich jemand auf den Weg  zu ihm nach oben machte. Bengt schloss die Augen, versuchte sich zu beruhigen. Irgendwie fühlte er sich unter seiner Decke in Sicherheit. Schließlich hatte er in der letzten SMS ja geschrieben, dass er krank war. Er war krank und lag demzufolge auch im Bett. 

Leise wurde die Tür geöffnet. Bengt hielt den Atem an. Er hörte Schritte, die sich auf sein Bett zu bewegten. „Bengt? Bist du wach?“, fragte Paul leise. Bengt antwortete nicht. Die Schritte entfernten sich wieder ein Stück. Bengts Hals fühlte sich so trocken an, dass er sich sicher war, keinen Laut hervorbringen zu können. Das Atmen fiel ihm sogar schwer. Was wollte Paul nur hier? Er hörte, wie Paul den Reißverschluss seiner Jacke öffnete. Gleich entstanden passende Bilder in seinem Kopf. Wahrscheinlich hatte Paul ein schwarzes, enges Shirt an, eins von denen, die seine Bauchmuskeln immer so gut zur Geltung brachten. Paul warf seine Jacke anscheinend über den Schreibtischstuhl, der sich darauf hin ein wenig in Bewegung setzte und dieses kratzende Geräusch auf dem Laminat verursachte. Bengt konnte Paul Schritte hören, die sich nun seinem Bett näherten. Wenn sein Herz noch schneller schlagen würde, würde es womöglich explodieren. Seine Hände waren schwitzig. Er hatte das Gefühl unter der Decke ersticken zu müssen. Wie lange würde es sich wohl noch so tun können, als wenn er tief und fest schlafen würde? Eigentlich war es ziemlich lächerlich. Eigentlich sollte er sich umdrehen, sich vielleicht die Augen reiben und sagen ‚Oh Paul, was machst du denn hier?’ Stattdessen lag er immer noch ganz still da, mit dem Gesicht zur Wand… Die Matratze gab hinter ihm nach und ein erschreckter Laut entkam Bengts Mund.
Die Decke hob sich ein Stück… Ein Traum! Das kann doch nur ein Traum sein! Ein schlechter Traum! Bengt spürte Pauls Körper hinter sich… so dicht… dann eine Hand, die sich langsam unter sein Shirt schob und sich auf seinen Bauch legte. Bengt zog ihn automatisch ein, aber die Hand folgte seinem Bauch und irgendwann konnte er sich nicht noch dünner machen. Eine unglaubliche Hitze ging von den Fingern aus, die sich nun auch noch ganz leicht bewegten ‚Paul streichelt meinen Bauch’, war alles, an das Bengt noch denken konnte. Noch niemals hatte sich eine Berührung so gut und gleichzeitig so unreal angefühlt. Bengt hatte schon wieder das Gefühl, platzen zu müssen. Was machten sie hier denn? Wieso lag Paul in seinem Bett und streichelte seinen Bauch?
„Ist wohl ein schwerer Fall von Durchfall?“, flüsterte Paul in sein Ohr. Bengt entkam ein erneutes leises Keuchen. Pauls Mund so nah an seinem Ohr verursachte eine enorme Gänsehaut. Sein Körper schüttelte sich sogar ganz leicht, was Paul mit einem heiseren Lachen quittierte.
Jetzt konnte er auch nicht mehr so tun, als wenn er schlafen würde. Aber was sollte er denn sagen, was machen? Das ganze kam ihm so unwirklich vor.
„Ja, ein ganz schwerer Fall!“, murmelte Paul so dicht neben ihm, „aber noch gibt es keinen Grund die Hoffnung aufzugeben, dass es beim nächsten Versuch klappt!“
Entsetzt warf sich Bengt herum und sah in zwei dunkelbraune Augen, die ihn amüsiert anblickten. 
„Da ist ja doch Leben in dir!“, stellte Paul grinsend fest.
„Was machst du hier?“, brachte Bengt im dritten Anlauf endlich hervor. Seine Stimme klang matt und unsicher.
„Ich wollte nur mal sehen, warum du dich in deinem Zimmer verkriechst und ob ich mit meiner Theorie, dass das Ganze etwas mit deiner Prüfung am Dienstag zu tun haben könnte, richtig liege.“
„Ist ja nun bestätigt…“, murmelte Bengt und verbarg sein Gesicht unter der Decke.
Aber Paul zog die Decke nun endgültig weg und warf sie einfach neben sich auf den Boden.
„Das ist tatsächlich der Grund, weshalb du uns heute versetzt hast?“
Bengt nickte leicht. Er wollte Paul nicht ansehen. Seine Wangen fühlten sich heiß an, deshalb nutzte er nun das Kopfkissen als Versteck. Das würde Paul wohl nicht auch noch wegwerfen.
„Was hast du denn gedacht, was wir mit dir machen?“, fragte er und seine Stimme klang sogar ein wenig wütend.
Bengt zuckte mit den Schultern.
„Matze ist drei Mal durchgefallen, Tom hat es nur auf Anhieb geschafft, weil er den Fahrprüfer gut kannte…“
Bengt hob den Kopf und starrte Paul mit offenem Mund an. „Das… das wusste ich nicht…“, murmelte er leise.
Paul schüttelte den Kopf. „Ist ja auch nichts, mit dem wir vor dir angeben werden. Dass du uns allerdings so wenig vertraust, dass du mir so wenig vertraust…“
„Ich…ich… habe mich nur so geärgert und…“ Pauls Hand schnellte nach vorn und ein Finger legte sich sanft auf Bengts Lippen. „Psst…“, flüsterte er und kam mit dem Gesicht ganz nah. Bengt hielt den Atem an. Er wusste gar nicht worauf er sich zuerst konzentrieren sollte. Der Finger, der ganz leicht über seine Lippen stricht und ein merkwürdiges Kribbeln verursachte, oder die dunklen Augen, die ihn so aufmerksam musterten.
„Ich hatte mich auf diesen Tag mit dir gefreut!“, raunte Paul. Bengt konnte seinen Atem auf der Haut spüren. Pauls Lippen waren so verführerisch nah. Nur noch wenige Zentimeter, dann… dann könnte er sie berühren. Er wollte sie so gern berühren. Einmal wissen, wie sie sich anfühlten. Bengt hob den Kopf ein Stück, verringerte den Abstand noch ein wenig mehr. Unsicher sah er wieder in Pauls Augen. Sie schienen ihn ermuntern zu wollen und dann dachte er einfach nicht mehr nach. Bengt drückte seine Lippen auf Pauls.  Er kam sich so ungeschickt dabei vor und wusste auf einmal nicht mehr, was er weiter machen sollte. Dabei war es nicht sein erster Kuss. Er hatte schon das eine oder andere Mädchen geküsst, nur…nur eben noch keinen Mann. Sie verharrten beide eine Weile und Bengt war sich nicht mehr sicher, ob er den Ausdruck in Pauls Augen auch wirklich richtig gedeutet hatte.  Dann legte Paul seinen Arm um Bengt und zog ihn ganz dicht an sich. Aus den sanften Berührungen wurde schon bald ein atemberaubendes Kuss. Lippen bewegten sich aufgeregt gegeneinander, Zungen umspielten sich freudig. Bengt stöhnte hemmungslos und Paul antwortete, indem er ihn noch dichter an sich heranzog, sein Becken leicht gegen Bengts rieb. Pauls Hände in seinem Haar jagten Bengt ein Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Atemlos lösten sie sich nach einer schier unendlichen Weile wieder voneinander. Bengts Lippen fühlten sich ganz heiß an, seine Körpermitte pochte hart. Paul schien es ebenso zu gehen. Er lächelte Bengt an.
„ Wie wäre es, wenn du dich jetzt anziehen würdest und wir uns endlich losmachen könnten!“
„Losmachen? Wohin denn?“, fragte Bengt und sah ihn verwirrt an. Er konnte noch gar nicht richtig denken, da war nur dieser Kuss und wie gut er sich angefühlt hatte. Bengt wollte mehr davon, viel mehr.
„Was glaubst du denn?“, riss ihn Paul aus den Gedanken. „Heute ist Männertag, wir machen eine Tour!“
Bengt hörte die Worte, aber sein Gehirn wollte sie nicht verstehen. Tour? Paul wollte weg? Jetzt, nach all dem, von dem Bengt keine Ahnung hatte, was es zu bedeuten hatte?
Paul zog ihn wieder ein Stück zu ihm heran, küsste leicht seine Nasenspitzen. „Wir werden jetzt losfahren. Nur wir beide, ich habe eine Decke und auch etwas zu essen dabei… Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen, legen uns auf die Decke und ich werde erst dann wieder aufhören dich zu küssen, wenn unsere Lippen so wund sind, dass wir nicht mehr weiterküssen können…Ich habe mich schon so lange danach gesehnt!“
Bengt schloss bei diesen Worten für einen Moment die Augen.  Das Glück durchflutete seinen Körper wie heiße Lava. Er fühlte sich elektrisiert und konnte es gar nicht mehr erwarten, dass sie endlich losfahren würden.

(c) crazykath






Kommentare:

  1. hallo kath,
    sehr niedlich ,.................aber ich freue mich auf freitag .
    schönen tag noch ,lg ketin

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  2. das war wirklich total süß...
    und bengts reaktion auch irgendwie nachvollziehbar..

    ich bin bei meiner ersten prüfung auch durchgefallen
    und hätte mich am liebsten ein paar tage in meinem zimmer versteckt...
    zum glück wussten nur meine eltern von der prüfung,
    sonst hätte ich das ganze wahrscheinlich genauso wie bengt gemacht...

    ich freu mich schon jetzt auf den freitag,
    aber auch auf nächsten mittwoch- in der hoffnung, dass es einen weiteren os gibt.

    lg maia

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  3. Ich bin ja wieder beim Lesen total dahin geschmolzen, so süß war das.

    Beim nächsten Mal klappts bestimmt mit der Fahrprüfung, er hat ja einen motivierten Privatfahrlehrer ;-)

    LG anavlis

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  4. Hallo Kath, ich hab mit dem armen Bengt mitgelitten, umso schöner, dass die missglückte Prüfung am Ende doch noch für ein Happy-End gesorgt hat ... sehr schöner OS ... ich mag deinen Stil, Lg Roxy68

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  5. Wenn ich so an das Ende denke, ist es gar nicht mal so schlimm gewesen, dass Bengt seine Fahrprüfung verhauen hat.
    Ich freue mich schon riesig auf Freitag^^
    LG, Piccolo

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  6. Vielen Dank für eure lieben Kommentare! Ich freue mich riesig!

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